20 Mai 2016

20. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die New York Knicks.

von JAN WIESINGER @WiesiG

Saison 15/16
Irgendwie verlief die Saison der New York Knicks erwartungsgemäß: erwartungsgemäß wurde zum dritten Mal in Folge die Playoffs verpasst. 32 Siege standen 50 Niederlagen gegenüber – ergo schnitt das Team aus dem Big Apple genau so ab, wie es die Buchmacher aus Las Vegas mit einem Over/Under von 31,5 vorhergesehen hatten. Eine langweilige Verlierer-Saison ohne Ecken und Kanten also? Bei den Knicks? Mitnichten!

Sportliche Licht- und Schattenseiten, das altbekannte Grundrauschen des New Yorker Medienrummels und unerwartete Geschehnisse prägten die Saison der Franchise. Im ersten Drittel der Saison zeigte der vor der Saison intelligent verstärkte Kader einige gute bis sehr gute Leistungen und konnte nach 44 Spielen sogar eine ausgeglichene Bilanz ausweisen. Einige träumten da schon längst von Playoffs, bevor der sportliche Niedergang in der zweiten Saisonhälfte in der Entlassung von Derek Fisher gipfelte.

Offizielle Gründe wurden natürlich nicht genannt, dafür gab es einige der im Knicks-Universum bekannten Spekulationen hinsichtlich der Entlassungsgründe: Kritik am Spielsystem (die gute alte Triangle Offense), eine möglicherweise unkittbare Disharmonie zwischen Fisher und Phil Jackson, der fehlende Motivationsboost für einen verzweifelten Playoff-Push, und darüber hinaus alles, was sonst noch irgendwie denkbar gewesen wäre. Faktisch übernahm Assistant Coach Kurt Rambis und verwaltete den Rest der Saison eher schlecht als recht . Sein Team verpasste die Playoffs im erstarkten Osten meilenweit.

Positive Erkenntnisse aus der Saison gibt es jedoch allemal. Sophomore Cleanthony Early konnte nach einer Schussverletzung am Knie zum Ende der Saison sein Comeback feiern. Carmelo Anthony agierte auffallend seltener als isolierter Ballstopper und teilte den Ball 4,2 mal pro Spiel, so oft wie nie zuvor in seiner Karriere.

Sehr stark präsentierte sich außerdem der lettische Rookie Kristaps Porzingis. Hatten die eigenen Fans auf die Auswahl des 20-jährigen Giganten beim letztjährigen Draft an vierter Stelle noch mit Pfiffen und tonnenweise Unverständnis reagiert, entwickelte sich Porzingis während der Saison zum absoluten Publikumsliebling der kritischen Crowd im MSG - und zum zweitbesten Rookie dieser Klasse hinter dem alles dominierenden Karl-Anthony Towns.


Offseason Agenda
Auch in dieser Offseason haben Phil Jackson & Co. wieder eine ganze Reihe von Baustellen zu bearbeiten. Die Franchise befindet sich weiterhin in einem beispiellosen Umbruch, ist dabei jedoch in einem klar besseren Zustand als zum Zeitpunkt des Dienstantrittes des Zen-Masters.

Zunächst muss dabei natürlich die Frage nach der grundsätzlichen Hackordnung zwischen Front Office und Coaching Staff gestellt werden. Die Lehren aus der gescheiterten Zeit mit Derek Fisher führte Jackson auf eine Suche, die weitaus tiefer ging als nur die Frage nach dem passenden Spielsystem.


Obwohl alle Beobachter einen eingeengte, auf Triangle-Coaches beschränkten Prozess erwarteten, landete Jackson mit der Verpflichtung von Jeff Hornacek einen weiteren versteckten Haken gegen alle Kritiker und Nein-Sager, die im Gegensatz zum Knicks-Präsidenten viel zu linear und vorhersehbar denken. Hornacek führte die Phoenix Suns vor zwei Jahren zu 48 Siegen, landete bei der Coach of the Year Wahl ganz weit oben, ehe ihn schlechte Personalentscheidungen und der Übermut der Führungsetage in Arizona in die Sackgasse manövrierten. Sein Basketballverstand ist dennoch über Zweifel erhaben, seine emotionale Intelligenz und Persönlichkeit weitere Faktoren, die ihn zu Jacksons Favorit machten.

Champions. Teammates. Friends. #Clyde70

A photo posted by New York Knicks 🏀 (@nyknicks) on


Die Coaching-Suche war nur ein Punkt auf der Agenda; strukturelle Weichenstellungen für die Zukunft sind unabdingbar, kein Spieler, kein Mitarbeiter und kein Stein sollte hier unkritisch auf dem anderen bleiben. Kommunikation hinter den Kulissen optimieren, ein tieferes Verständnis für die Zwischenziele kreieren und auf dem Free Agent Markt gewinnbringend aktiv werden sind drei essentielle Schritte auf dem Weg zurück zum Erfolg.

Außer Porzingis ist dabei kein Spieler der Knicks unantastbar. Auch nicht Carmelo Anthony, der sich in unregelmäßigen Abständen zu Treueschwüren bekennt, die er dann im nächsten Interview betreffend seiner sportliche Zukunft instant wieder ins Gegenteil zu verkehren scheint. Das ist dem Superstar nicht vorzuwerfen - er will gewinnen. 


Personal
Optionen musste haben. Idealerweise in Verträgen. Arron Afflalo hat so eine, in Höhe von 8 Mio. $ für die Saison 2016-17. Der Shooting Guard hat bereits angekündigt, sie nicht ziehen und lieber den Markt testen zu wollen.

Bei Derrick Williams sind es immerhin noch 4,5 Mio. $, die er vermutlich auch liegen lassen wird, in der Hoffnung, am Geldregen dieses Sommers mitverdienen zu können. Ergreifen die beiden die Flucht, eröffnet das Jackson einerseits finanzielle Möglichkeiten, andererseits einen klareren Push in Richtung Rebuild mit jüngerem Talent.

Ein erheblicher Teil der Backup-Garde hat auslaufende Verträge: Louis Amundson, Kevin Seraphin, Sasha Vujacic und Lance Thomas sind alle Unrestricted Free Agents. Cleanthony Early ist nach Ablauf seines Rookie-Vertrages Restricted Free Agent, Langston Galloway ebenfalls.


Die großen Fragen sind die nach Carmelo Anthony - der seine letzten Jahre auf Top-Niveau nicht im Tabellenkeller verbringen möchte - und der generellen Konstruktion des Kaders. Bessert Jackson schnell nach, verpflichtet er solide Veteranen und schiebt er damit seine Playoff-Chips aggressiv in die Mitte des Tisches?

Oder trennt er sich zu gegebenem Zeitpunkt von 'Melo', um das schwache Talentlevel dieser Mannschaft mit jungen, aufstrebenden Akteuren aufzustocken, die in den nächsten Jahren unter dem neuen Head Coach und um Porzingis zusammen wachsen und New York wieder nachhaltig relevant machen können?


Draft
In diesem Sommer? Mal wieder Fehlanzeige. Der Knicks-Pick des 2016er Drafts wandert nach Denver, ein Überbleibsel des Carmelo Anthony Deals. Der Pick, der im Gegenzug aus den Rocky Mountains nach NYC gewandert wäre, den haben die ehemaligen Entscheidungsträger in New York ebenfalls weitergeschickt, nach Toronto, die in diesem Jahr an Position #9 ziehen dürfen, obwohl sie gerade in den Conference Finals mitspielen.

New Yorks Zweitrundenpick geht nach Houston. Traurig aber wahr. Ein Hauch von Brooklyn weht durch den MSG. Vielleicht machen sich ja dennoch einige treue Knickerbocker zum Draft auf, um wenigstens den Commissioner auszubuhen.

Oder Phil Jackson kauft sich in die zweite Runde ein, um zumindest einen Youngster ziehen zu können. Eines gilt als sicher: die Knicks werden vor und während der Draft-Nacht eifrige Handelspartner sein und sich vielerlei Angebote anhören.


Kohle
69 Mio. $ stehen für die Knicks im nächsten Jahr auf der Payroll, inklusive Spieleroptionen und nicht vollständig garantiertem Salär von Tony Wroten, der immer noch keine Partie für die Knicks absolviert hat. Die endgültigen Verpflichtungen belaufen sich momentan auf gerade einmal 55 Mio. $, was im Klartext und bei Verzicht/Entlassung aller Fragezeichen bis zu 37 Millionen Dollar an Cap Space bedeutet.


Die Verträge von Anthony, Lopez und den starken Rookies Porzingis und Grant laufen noch bis mindestens 2018/19. New York hat demnach Luft für einige Additionen im mittleren Gehaltsbereich oder sogar einen Top Free Agent, der einen Max-Deal verlangt. Wie sinnvoll das angesichts der Position dieser Franchise in der NBA-Landschaft ist, darüber muss an anderer Stelle gestritten werden.


Zukunft
Die Lage ist ernst, aber sicher nicht hoffnungslos. Der Trend in New York geht eindeutig wieder nach oben. Wie genau aber Playoffteilnahmen und sogar mögliche Titelambitionen realisiert werden können, ist noch offen.

Setzt der neue Coach überhaupt noch auf Hometown-Hero Anthony, oder verschifft Jackson den Forward endlich, um den kompletten Neuaufbau zu wagen? Solange Melo in NYC seine Würfe abfeuert, ist ein ehrlicher Rebuild nicht möglich.

Aktuelle mittelfristige Prognosen sind angesichts der Kaderzusammenstellung und der vielen offenen Fragen äußerst schwierig, machen die Knicks in der Offseason aber zu einem der interessantesten Teams.

Der unbarmherzige Boulevard der Stadt und der öffentliche Druck werden die Arbeit des Zen-Meisters auch in Zukunft nicht leichter machen. Wenn Jackson in seiner bisherigen Amtszeit jedoch eines bewiesen hat, dann folgendes: Er hat seine eigenen Vorstellungen, einen klaren Plan und ein dickes Fell, um all dies auch gegen die lautesten Kritiker durchzusetzen.

Die Knicks sind weitaus besser dran, als vor seiner Übernahme. Auch wenn unterm Strich nur Meisterschaften zählen, und das erneute Verpassen der Playoffs ein weiterer sportlicher Misserfolg war: solange diese Franchise auf dem eingeschlagenen Weg bleibt, wartet an seinem Ende zumindest wieder etwas Sonnenschein.