27 Mai 2016

27. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Miami Heat.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Saison 15/16
Die Teilnahme an den Eastern Conference Finals und das damit verbundene Wiedersehen mit dem alten Weggefährten LeBron James wäre ein versöhnlicher Abschluss einer durchwachsenen Saison gewesen. Um ein Haar hätte das auch geklappt - ohne die Toronto Raptors, die etwas gegen diese Zusammenkunft hatten und die Heat im entscheidenden 7. Spiel ihrer Halbfinalserie besiegten.

Vor der Saison zählte Miami zu einem der Favoriten im Osten. Am Ende der regulären Saison standen die Heat auf einem befriedigenden dritten Platz, nicht zuletzt wegen der guten Verteidigung um Defensiv-Anker Hassan Whiteside (der im Laufe der Saison immer wichtiger wurde), Rookie-Sensation Justise Winslow und soliden Veteranen wie Luol Deng.

Letztlich wurde die Spielzeit jedoch überschattet vom Ausfall des besten und wichtigsten Spielers, Chris Bosh. Der Forward hat weiterhin Probleme mit Blutgerinseln, die glücklicherweise zeitig entdeckt wurden, ihn aber schon zum zweiten Mal ausser Gefecht setzten und aufs Übelste mitspielten. Es ist noch immer nicht klar, ob diese gesundheitlichen Probleme für Bosh das vorzeitige Karriereende bedeuten.


Obwohl er unbedingt spielen wollte, weigerte sich Miami vehement, ihn während der Playoffs einzusetzen. Der Ausfall von Bosh konnte nie vollständig kompensiert werden - weder durch die Verpflichtung von Joe Johnson, der im Frühjahr kam, noch durch die zeitweise furios aufspielenden Dwyane Wade, Deng und Goran Dragic.

Die beiden Rookies Winslow und Josh Richardson entpuppten sich als vielversprechende Talente, ebenso wie Sophomore Tyler Johnson und der bereits erwähnte Whiteside. So weit, so gut. Dennoch bleibt zum Schluss die eine Frage im Raum stehen: “Was wäre mit einem gesunden Chris Bosh möglich gewesen?” Die Antwort darauf bekommen wir vielleicht nie.


Offseason Agenda
Der anstehende Sommer könnte in Miami viel verändern. Für Pat Riley stehen wichtige Entscheidungen vor der Tür. Die Verträge zahlreicher Spieler laufen aus. Die Heat haben es nicht zwangsläufig selbst in der Hand, wen sie halten und/oder verlängern können.

Es stellt sich zunächst die Frage der Philosophie für die kommenden Jahre. Setzen die Heat bereits jetzt auf den Aufbau der jungen Wilden um Richardson, Winslow und Johnson, oder werden die Veteranen gehalten und ein weiterer Run auf die Conference Finals gestartet? 


All diese Entscheidungen sind eng verbunden mit dem Gesundheitszustand von Chris Bosh. Sollte Bosh seine Karriere beenden müssen, dann rückt ein sofortiger Titel-Run in weite Ferne... zumal jegliche Chance auf eine Verpflichtung von Unrestricted Free Agent Kevin Durant damit ebenfalls vom Tisch wäre. Natürlich sind die Chancen auf 'KD' genauso gering wie die aller anderen Teams in der NBA. Es ist einfach nicht realistisch, dass einer der besten Spieler der Welt seinem Klub den Rücken kehrt, wenn die Aussicht auf mehr Geld und Meisterschaften dort größer ist als sonst wo.

Pat Riley wird aber alles versuchen, um Durant nach South Beach zu lotsen, wird dank seines Standings in der Liga zumindest ein Interview erbitten können, um dem 'Easy Money Sniper' seine Championship-Klunker vor die Nase zu legen. Das ist, wie bereits erwähnt, vermutlich trotzdem zwecklos, denn ohne Bosh bröckelt das gesamte Konstrukt dieses Kaders, mitsamt der präferierten Pace-and-Space Spielphilosophie von Erik Spoelstra.

Da mit Wade, Johnson, Deng, Whiteside, Gerald Green, Amar'e Stoudemire und Udonis Haslem mehr als die Hälfte der aktuellen Heat-Rotation in die Free Agency geht, hat Riley in den kommenden Wochen und Monaten ganze Arbeit vor sich.  


Personal
Die wichtigste Entscheidung des Sommers betrifft Hassan Whiteside. Der Center wird Free Agent und von mehr als nur einem interessierten Team einen Maximal-Vertrag angeboten bekommen. Seine physischen Ausmaße, seine Präsenz in der Zone und der weit über seinem Ruf operierende Impact am defensiven Ende machen Whiteside zu einem der begehrtesten jungen Spieler der NBA. Ob die Heat ein Angebot von außen matchen wollen oder überhaupt können, ist hier eine der wichtigsten Fragen.

Fest steht jedenfalls, dass Miami bei der Vergabe neuer Verträge viel tricksen muss, denn Whitesides eigenartige und seltene Vertragssituation macht ihn zum heiklen Verhandlungsgegenstand. Die Heat besitzen nicht seine vollen Rechte, können also nicht, wie normalerweise üblich, den Salary Cap übersteigen, um mit ihrem eigenen Starting Center zu verlängern. Das Angebot an Whiteside muss unter die Gehaltsobergrenze passen - ein gigantischer und delikater Rechnungsakt.


Dwyane Wade wird ebenfalls Free Agent. Der in Miami längst Legendenstatus besitzende Shooting Guard will seinen Kontrakt zu fairen Bezügen verlängern. Aber: Wade möchte auch um Titel mitspielen. Am liebsten natürlich bei den Heat, wo er sogar weniger Geld verlangen würde, als ihm angesichts seiner immer noch guten Leistungen zustünde. Ein Rebuild hingegen käme für ihn nicht in Frage.

Joe Johnson und Luol Deng zeigten gute Leistungen im Heat-Trikot und konnten sich für mehr empfehlen. Miami muss sich aber zwischen ihnen und den weiter oben angesprochenen Wade und Whiteside entscheiden. Die Frage, wen Riley und Spoelstra bevorzugen, stellt sich nicht. Alle zu halten, ist aus finanziellen und CBA-verwandten Gründen nicht möglich. 

Verlängerungen mit den Veteranen im Kader, wie etwa dem zum Inventar gehörenden Udonis Haslem oder auch Amar'e Stoudemire, sind der letzte Punkt auf Rileys Free Agency Agenda. Achso: ein gewisser LeBron James kann aus seinem Vertrag in Cleveland aussteigen, hat immer noch beste Verbindungen zu den Miami Heat und... naja... just sayin... 


Draft
Der Draft spielt für die Heat in diesem Sommer absolut keine Rolle. Die Lottery war nach dem guten Abschneiden in der Tabelle von vornherein auszuschließen - im Gegensatz zum Vorjahr, als ihnen mit Winslow bekanntlich einer der absoluten Top-Rookies an Position zehn in den Schoß fiel.

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Da Miami seinen Erstrundenpick aber nach Philadelphia schickte und der Second Rounder nach Boston abwandert, werden die Heat - einen Draft-Day Trade ausgeschlossen - in dieser Offseason nicht aus dem Pool an College-Spielern selektieren dürfen.


Kohle
Die Heat könnten bis zu 40 Millionen Dollar zur Verfügung haben. Allerdings ist das ein rein theoretischer Wert. Die Realität sieht ganz anders aus. Sollten alle angedachten Verlängerungen eingetütet werden, bleibt von all dem Geld nämlich nichts mehr übrig. 

Die Cap Holds der zahlreichen Free Agents drücken Miamis Finanzen bereits an die Salary Cap Grenze. Da Whiteside nicht über die eigenen Bird Rechte verlängert werden darf, sondern mit diesem Geld gesignt werden muss, hat Riley die Qual der Wahl: er muss auf die Rechte an anderen, wichtigen Spielern verzichten und sie damit in die Unrestricted Free Agency entlassen.

Ein weiterer, heikler Faktor ist die Situation um Bosh. Sollte der Abo-All-Star tatsächlich in die Sportinvalidität gehen müssen, bliebe sein monströses Jahressalär (23.7 Mio. $) weiterhin in den Büchern. Zwar kann Miami diesen Betrag irgendwann tilgen - allerdings erst lange nach Ablauf der diesjährigen Free Agency Periode. Keine leichte Aufgabe also für Riley, der seinen Kader mit begrenzten finanziellen Mitteln zusammenstellen muss.


Zukunft
Um die mittel- bis langfristige Zukunft muss sich in Miami niemand Sorgen machen. Pat Riley ist einer der Besten im Business, hat schon immer einen Plan in der Hinterhand gehabt und war seiner Konkurrenz regelmäßig mehrere Schritte voraus. Das ging manchmal schief - zum Beispiel 1996, als die Heat Juwan Howard verpflichteten, ihn aber nach angeblichen CBA-Verstößen zurück zu den Washington Bullets schicken mussten - trifft aber voll ins Schwarze, wenn alles läuft, wie geplant.


Fakt ist allerdings auch, dass die Situation in Südflorida lange nicht mehr so unsicher war wie heute. Was ist mit Bosh, einem All-Star Big Man, der Miami seit der ersten Meisterschaft 2012 immer einen spielstrategischen Vorteil gab und spätestens nach dem Abgang von James zum besten Spieler dieses Teams avancierte?

Was ist mit Wade? Begnügt er sich mit weniger Geld und eventuell sinkenden Titelaussichten? Wie viel Abstriche ist Whiteside bereit zu machen für das Team, das ihm eine Chance in der NBA gegeben hat? All diese Probleme könnten, falls nicht auf befriedigende Art und Weise lösbar, die Aussichten in Miami trüben.

Wäre jemand schockiert, wenn Riley ein Szenario findet, bei dem Durant an der Seite von Wade und einem gesundeten Bosh aufläuft? Oder LeBron zu einer Rückkehr überredet werden kann? Realistischer ist natürlich, 2016/17 ein ähnliches Team wie in der abgelaufenen Saison auf dem Parkett zu sehen - also mit einem Dragic/Wade Backcourt, Winslow auf dem Flügel, Whiteside in der Mitte... und dann hoffentlich wieder mit Bosh, der seine Karriere nicht beenden werden muss.

Selbst wenn all diese Stricke reißen sollten, verfügt dieses Team aber über junge, talentierte Spieler im Kader, um die neu aufgebaut werden könnte. Das war zwar noch nie die Strategie von Pat Riley. Allerdings ist in den nächsten Jahren ja auch wieder Free Agency. Bleiben die Heat in diesem Sommer also cooler als Eisbärtatzen, wissen wir, dass der gewiefteste Präsident der NBA seinen Blick längst auf den nächsten Goldrausch gerichtet hat: die Klasse von 2017... und den 105 Millionen Dollar Cap.