11 Mai 2016

11. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Memphis Grizzlies.

von TOBI MANNHART @TobeyTen

Saison 15/16
Wir wagen für die Zusammenfassung der Saison der Grizzlies mal einen Ausflug in ein dem Basketball recht fremdes Musikgenre und zitieren James Hetfield, seines Zeichens Leadsänger der Gitarrenlegenden von Metallica:

"Breaking your life, broken, beat and scarred
But we die hard!
The dawn, the death, the fight to the final breath
What don't kill you'll make you more strong"
[Metallica. „Broken, Beat and Scarred." Death Magnetic. Warner Bros., 2008.]

Was als einer der letzten Anläufe mit dem Grit and Grind Squad angefangen hatte, nahm zuletzt groteske Züge an und die Rosterveränderungen wurden selbst von Hardcore-Fans mit nicht mehr als einem Schulterzucken wahrgenommen. Ausfälle über Ausfälle, von denen wohl die Langzeitverletzungen von Marc Gasol und Mike Conley am schwerwiegendsten waren, kennzeichneten die Spielzeit 15/16 für Dave Joergers Truppe und am Ende setzte der Coach sogar noch einen traurigen Schlusspunkt, als er den 28. Spieler innerhalb einer Saison einsetzte und den Rekord dafür brach.

Nichtsdestotrotz schafften es die Jungs aus Tennessee, einen respektablen siebten Rang in der Regular Season einzufahren und mit 51,2% Siegquote eine durchaus zufriedenstellende Abschlussbilanz zu erreichen. Darüber hinaus konnten aber Matt Barnes, Vince Carter und der Rest der Rumpftruppe nichts gegen die Spurs in Runde 1 ausrichten und gingen sang- und klanglos mit 0-4 zum Fischen.

“Those guys are pros, and for what we’ve been through ... I would do anything for those guys.”
“[Vince Carter and Matt Barnes] embraced every guy who came in, no matter what their history was, and they cared about them. These guys fought, and I can’t tell you enough about how proud I am of every guy that is in that locker room, and has come through that locker room this season.”

Dave Joerger resümierte mit Tränen in den Augen, dass das Team, das in dieser Saison so gebeutelt wurde, nie den Kampfgeist verlor und er einfach nur stolz auf die Leistung jedes Einzelnen sei. Vielleicht ist es nicht nur die raue Gangart auf dem Feld, sondern auch dieser unbedingte Wille, warum Grit and Grind mehr ist, als nur ein Konzept. Es ist die Lebenseinstellung, die Philosophie, die Essenz des Basketballs in Memphis.

Und wenn sie uns hundertmal zu Boden werfen, wir stehen wieder auf. Diese Feststellung allein sollte als Zusammenfassung unter 2015/16 stehen, denn egal welche Stats und Ergebnisse man anführt - den Willen, den die Jungs in einem derartig von Verletzungen gebeutelten Jahr an den Tag legten, kann man nicht in Zahlen messen. Man kann daraus jedoch Hoffnung für die nächste Saison schöpfen.

A photo posted by Memphis Grizzlies (@memgrizz) on

Allerdings sind wir hier kein Philosophie-Blog und deshalb schauen wir noch einmal rückblickend auf ein paar dieser Zahlen - der Vollständigkeit halber. Zuerst zum Positiven: Die Grizzlies schafften es abermals die Gegner zum Verzweifeln zu bringen und zwangen sie im Schnitt zu den meisten Turnovers der NBA. In our Grindfather we trust! Tony Allen alleine schaffte es über die Saison hinweg 110 Steals (1,7/Spiel) zu sammeln, nicht inbegriffen sind die vielen Turnover, die er forcierte, aber nicht mit einem Steal von ihm endeten.

Auch an der Freiwurflinie machten die Bären eine gute Figur. Sie schafften es bei den erarbeiteten Freiwürfen pro Ballbesitz unter die Top5 und bei Quote der verwandelten ‚Freebies‘ ligaweit auf Platz 9. Dafür sorgte die mit 78,3% beste Quote der Franchisegeschichte (Vancouver mit eingeschlossen).

Danach wird es aber rar mit den funkelnden Sternchen am Himmel. Die Dreierquote war mit 33,1% ähnlich schlecht wie wir es gewohnt sind. Naja, immerhin gab es noch ein schlechteres Team in dieser Wertung! Grüße nach Lala- Land und willkommen im Kreis der Weitwurflegastheniker! Außerdem muss man auch die Turnoverwertung auf das eigene Team beziehen. So gut man die Gegner zu Ballverlusten zwang, so leichtfertig vergab man eigene Ballbesitze und leistete sich über 13 Turnover pro Spiel.

Darüber hinaus muss man den unterm Ring sonst so dominanten Grizzlies ihr Verhalten beim Rebounding ankreiden. Und während man bei der im Ligaschnitt geringeren Anzahl von Feldwurfversuchen in Grizzliesspielen die totalen Zahlen nicht als Referenz verwenden kann, so sollte eine Mannschaft, die sich damit brüstet, unter dem Korb so tough wie niemand sonst zu
 spielen, pro Spiel nicht 2,6 Rebounds weniger als der Gegner fischen.

Aber, wie gesagt, man sollte das alles nicht überbewerten. Diese Masse an Verletzungssorgen war fast einmalig in der Ligageschichte und trotz des hohen Durchschnittsalters im Kader und der vielen Ausfälle konnten die Grizzlies das Ticket für die Playoffs buchen. Und auch wenn man schon frühzeitig die Angelrute rausholte, kann man bei Coach Joerger bleiben und stolz auf den Kampfgeist der Jungs aus Tennessee sein.


Offseason Agenda
Und jährlich grüßt das Murmeltier: Wäre ich fauler, so könnte ich wohl jedes Mal per copy and paste diesen Paragraphen aus den Vorjahren übernehmen. Aber ich schreibe es nochmal aus: die Grizzlies brauchen Schützen! Vielleicht sollten sie dort den Dogmatismus des 'Grit & Grind' Basketballs zumindest in Teilen überdenken.

Es mag schon sein, dass man in dieser Spielphilosophie keinen Three-and-D Spieler ohne das ‚D‘ verpflichten kann. Allerdings gibt es aber auch keinen 'Tony Curry' auf dem Markt, der sowohl seinen Gegenspieler frisst als auch vorne aus allen Lagen trifft.

Es ist mittlerweile so sicher wie das Amen in der Kirche, dass die Grizzlies mit ihrer Dreierquote von 30% keinen Blumentopf gewinnen werden. Die Defense an sich könnte aber einen vielleicht nur mittelmäßigen Verteidiger in ihren Reihen kompensieren, gesetzt den Fall, dieser hat ein exzellentes Händchen von draußen.


Die größte Personalie in diesem Sommer heißt in Memphis ganz klar: Mike Conley. Der Point Guard hat letztes Jahr seinem Buddy Marc noch versprochen, dass er genauso wie Gasol bei den Bären verlängern wird. Die Anziehungskraft beruht auf Gegenseitigkeit, Spieler und Team mögen sich sehr.

Jedoch werden die anderen Franchises Conley alles an Kohle bieten, was sie in den Händen halten können, um ihn aus Tennessee wegzulocken. Ein Großteil aller übrigen Klubs verfügt in diesem Sommer über überschüssiges Geld satt. Memphis sollte und wird aber hoffentlich mit jedem Angebot mitziehen und damit eine der wichtigsten Identifikationsfiguren und seinen zweitbesten Spieler halten - koste es was es wolle.

Eine immens wichtige Frage wird auch diejenige nach dem neuen Head Coach sein. Das Verhältnis von Dave Joerger, der bereits zum dritten Mal um Erlaubnis gebeten hatte, bei anderen Teams vorzusprechen, und dem Front Office der Grizzlies war schon seit längerem stark belastet.

Die gegenseitige Abneigung und Schuldzuweisung fand vergangene Woche ein Ende, als Chris Wallace, Memphis' General Manager, Joerger feuerte. Der fand prompt eine neue Anstellung und coacht ab sofort die Sacramento Kings. Enorm spannend ist natürlich, wie im Zuge dieser sportlichen Neuorientierung mit den eigenen Free Agents und der Richtung dieser Franchise verfahren wird.


Draft
Ein paar Erstrunden-Draftpicks der Grizzlies nach Mike Conley:

- Kevin Love (nach Minnesota getradet, heute 3-facher All-Star)
- Hasheem Thabeet (an Nummer 2!)
- DeMare Carroll (10 Min./Spiel, danach getradet, heute Leistungsträger beim zweitbesten Team im Osten)
- Greivis Vasquez (12 Min./Spiel, danach getradet, später 2. Rang im MIP-Voting)
- Tony Wroten (7 Min./Spiel, danach getradet)
- Jordan Adams (15 Minuten gesamt in 2015/16)
- Darell Martin (14 MPG in 15/16)

Diese Liste erklärt sich von selbst, oder? Egal, wie wenig man von einem Grizzlies Draft erwartet: das Front Office schafft es immer wieder, einen negativ zu überraschen. Gute Spieler werden getradet, schlechte behalten.

Rookies haben seit Jahren keinen guten Stand in Memphis und man braucht nicht erwarten, dass sich das dieses Jahr ändert, zumal die Franchise keinen guten Pick hat. Doch selbst diesen, schlage ich mal vor, sollte man traden. Wir wählen ja sonst doch wieder den falschen Jungen...


Kohle
Die Moves der vergangenen Saison machten manch einen stutzig, doch der Plan ist klar: Die Grizzlies wollen in der Offseason Free Agents mit Namen verpflichten. Die Prognose für das Salary Cap 2016/17 steht bei mindestens 90 Millionen Dollar. Memphis hat sich erst mit 53 Mio. $ plus dem 14,5 Mio. $ Cap Hold für Conley verpflichtet.


Personal
Mehr als 20 Millionen US-Dollar sind also, Stand heute, noch verfügbar. Auf die Gefahr, das ich mich wiederhole, hier nochmal meine Vorschläge vom März-Artikel, was das Front Office mit diesen Millionen anstellen könnte:

DeMar DeRozan (unrestricted)
Nicolas Batum (unrestricted)
Harrison Barnes (restricted)
Arron Afflalo (Player Option) 
Jamal Crawford (unrestricted)
Jared Dudley (unrestricted)

Von den Vertragslosen des diesjährigen Kaders kann man wohl davon ausgehen, dass nur Conley, Barnes und wahrscheinlich Hairston eine beachtenswerte Verlängerung erhalten. Von daher steht, Stand heute, nur noch ein Rumpfkader, der folgende Spieler umfasst:

PG: Conley
SG: Allen, Adams, Hairston
SF: Carter, Barnes
PF: Randolph, Martin, Green
C: Gasol, Wright

Es sind also mindestens zwei Baustellen zu besetzen: Ein zweiter Ballhandler und mindestens einer, bevorzugt mehrere verlässliche Shooter werden gesucht. Die obigen Vorschläge dürfen gerne beachtet werden, Herr Hollinger! Davon ab würden auch ein paar junge, athletische Beine diesem gealterten Team nicht schaden. Und: langsam aber sicher sollte sich ein Nachfolger für Z-Bo finden. Kann Jarell Martin in diese Rolle hinein wachsen?



Zukunft
Zukunft... Tja, die Zukunft heißt bei den Grizzlies bis jetzt nur nahe Zukunft. Dem ältesten Team der Liga wird bald nichts mehr anderes übrig bleiben, als auf den Semi- Reset- Knopf zu drücken. Man muss zuerst aber einmal lernen, wie man draftet.

Memphis braucht junge Spieler, die den Kader ergänzen und kann sich nicht ewig auf Ü-30er á la Barnes, Randolph und Carter verlassen. Um in den nächsten Jahren kompetitiv bleiben zu können, dürfen sich Hollinger und Co. bald einen Plan überlegen, was in der Gleichung 'Gasol + Conley + X = Erfolg' das 'X' darstellen soll.

Jedenfalls bringt es in der jetzigen Situation herzlich wenig, wenn man über Zukunftspläne spekuliert, denn mit diesem Altersdurchschnitt ist, wie gesagt, nur extrem kurzfristige Planung möglich.

Nichtsdestotrotz weiß man in Tennessee noch immer, was dieses Team ausmacht und wie man sich in guten wie in schlechten Zeiten treu bleibt. Selbst wenn 'Grit and Grind' bald nur noch genau 82 Spiele pro Saison bestreitet, so bleibt diese Franchise hoffentlich ihrem Motto treu und begeistert die Massen durch ehrlichen Basketball.

Nach diesem hoffnungsvollen Aufruf beendet Memphis auch für die NBAChef-Küche die Saison 2015/16 erhobenen Hauptes, und ich diesen Artikel so wie ich ihn begonnen habe - mit Metallica.

"So close no matter how far ,couldn't be much more from the
heart, forever trusting who we are and nothing else matters."
[Metallica. „And Nothing Else Matters." Metallica. Electra Records, 1991.]