05 Mai 2016

5. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Houston Rockets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 15/16
From Hero To Zero. 56 Siege, zweiter Platz im Westen, erster Division-Title seit 1994, Conference Finals... die Houston Rockets kamen frisch aus ihrer besten Saison des Jahrtausends, verstärkten sich namhaft mit Ty Lawson als neuem Spielmacher. Entsprechend hoch die Erwartungen. Anstatt an diese Erfolge anzuknöpfen, entwickelte sich die Spielzeit 2015/16 zu einem Desaster.

Das Unheil begann mit einer unerwarteten Klatsche gegen die mäßig talentierten Denver Nuggets zum Auftakt und einem 4-7 Fehlstart, der die Demission von Headcoach Kevin McHale
nach sich zog.

Den Erfolgen der Vorsaison zum Trotz hatte der Träger dreier Championship Ringe aus unerfindlichen Gründen derart früh in der Spielzeit die Mannschaft gegen sich, was sich in völlig lethargischen Auftritten ohne jegliche Einsatzbereitschaft niederschlug. Die Führungsriege um Teambesitzer Les Alexander und General Manager Daryl Morey sah sich zum Handeln gezwungen, McHale wurde durch seinen Assistenten J.B. Bickerstaff ersetzt – ohne erkennbare Verbesserungen.

Nachlässigkeit in der Defense, Faulheit in der Transition, kein Zusammenspiel im Ballbesitz, keine erkennbare Linie, nicht einmal nach Timeouts funktionierende Spielzüge, immer wieder kehrende einfache Fehler, schlechte Ausbeute von Downtown trotz zahlreicher Versuche... die Mängelliste erscheint endlos.


Folglich versuchten die Verantwortlichen zur Trade Deadline eine Wende herbeizuführen. Der ehemalige All-Star Dwight Howard wurde erfolglos überall in der Liga feilgeboten, zustande kam einzig ein Deal mit den Detroit Pistons um Donatas Motiejunas, der den Rockets einen Erstrundenpick bescherte.

Zumindest drei Tage lang, denn dann annullierten die Pistons den Trade, Motiejunas und der später entlassene Marcus Thornton mussten zurück nach Houston, was den ohnehin schon schiefen Haussegen kaum korrigierte. Hoffnungsträger Ty Lawson, dessen Auftritte auf dem Parkett an Leistungsverweigerung grenzten, bekam folgerichtig seine Entlassungspapiere.

Sportlich schafften es die Raketen nicht über eine ausgeglichene Bilanz hinaus, die in diesem Jahr gerade noch für eine Teilnahme an den Playoffs genügte. Dort endete die Spielzeit wie sie begann, mit einer herben Niederlage und dem chancenlosen Ausscheiden im Re-Match der Conference Finals 2015 gegen die Golden State Warriors.


Offseason Agenda
Einige Renovierungsarbeiten sind unausweichlich. Houstons Front Office wird nicht die grundsätzliche, stark auf Analytics und Dreier, Layups, Freiwürfe ausgerichtete Philosophie ändern, zumindest aber seine Lehren aus dem Komplettversagen ziehen.

Allem voran steht die Suche nach einem neuen Trainer. Der erst 36-Jährige Bickerstaff war der undankbaren Aufgabe, aus der Ansammlung von Individualisten eine Einheit zu formen, nicht gewachsen und ohnehin von Beginn an nur als Lückenbüßer vorgesehen. In weiser Voraussicht nahm sich der Sohn des langjährigen NBA-Coaches Bernie Bickerstaff für die Suche nach dem neuen Headcoach selbst aus dem Rennen.


Wahrscheinlich kommt es also zu einem Komplettwechsel auf der Trainerbank. Wie unter Morey üblich ist das Kandidantenfeld sehr breit gefächert: Als neuer Coach standen Tom Thibodeau – von 2004 bis 2007 Assistenztrainer in Houston – und Scott Brooks – 1994 mit den Rockets Champion an der Seite Hakeem Olajuwons – zur Debatte. Weil beide aber noch bevor die Saison der Raketen beendet war sich in Minnesota respektive Washington verpflichteten, bestehen diese Möglichkeiten nicht mehr.

Interesse zeigten die Rockets auch an Golden States zweitem Mann Luke Walton, der in Steve Kerrs Abwesenheit die Warriors zum besten Saisonstart der Ligahistorie führte (24-0), als Ex-Laker dem Angebot aus Hollywood jedoch nicht widerstand und dem Markt ebenfalls nicht mehr zur Verfügung steht.

Somit ist der derzeitige TV-Experte Jeff Van Gundy, der bereits von 2003 bis 2007 die Geschicke der Rockets leitete, Favorit auf den Posten. Van Gundy lebt immer noch in Houston und bringt den passenden Mix aus Fachwissen und natürlicher Autorität mit, den diese Mannschaft dringend benötigt. Les Alexander und Daryl Morey gelten als große Fans Van Gundys, der allerdings seit seiner Entlassung durch eben jenes Duo vor neun Jahren nicht mehr gecoacht hat.


Als weiterer Kandidat wird Jeff Hornacek genannt, der im Februar aufgrund ausbleibendem Erfolg von den Phoenix Suns entlassen wurde. In seiner zweieinhalbjährigen Tätigkeit im Wüstenstaat schaffte es der einstige Scharfschütze, die strauchelnden Orangenen zurück in die Spur zu bringen. In seinem ersten Jahr als Headcoach verpassten die überraschend starken Suns nur knapp die Playoffs, Hornacek erreichte den zweiten Platz in der offiziellen Wahl zum Trainer des Jahres. Der frühere All-Star versteht es, junge Spieler zu formen.

Bereits Gespräche geführt wuden außerdem mit dem bisherigen Assistenztrainer Chris Finch und der Rockets-Legende Sam Cassell, der derzeit zu Doc Rivers' Team bei den Clippers gehört. Selbst Namen wie Lionel Hollins, Mike D'Antoni und Vinnie Del Negro spuken über dem Toyota Center. 

Sollten sich die frisch ausgeschiedenen Indiana Pacers von ihrem langjährigen Coach Frank Vogel trennen, werden die Rockets nicht lange zögern, ihre Fühler nach ihm auswerfen. Der 42-Jährige war bereits 2011 als Nachfolger Rick Adelmans in Houston im Gespräch, bekanntlich entschieden sich die Verantwortlichen aber für Kevin McHale. Jedoch sollen sowohl Alexander, als auch Morey damals schon sehr von Vogel beeindruckt gewesen sein.

Neben der Suche nach einem neuen Trainer steht vor allem die Jagd nach neuer Qualität oben auf der To-Do Liste. Die Rockets werden sich um die namhaftesten Free Agents, allen voran Kevin Durant, Mike Conley, Al Horford und Ryan Anderson, bemühen. Angesichts der internen Schwierigkeiten wird hier jedoch einiges an Überzeugungsarbeit notwendig sein. Zumindest ist Morey nicht auf eine Position festgelegt und kann Verstärkungen fast überall gebrauchen, zudem entsprechende Spielzeit und Führungspositionen innerhalb der Mannschaft anbieten.


Personal
Wichtigste interne Personalie ist Dwight Howard, der nach drei Jahren in Houston aus seinem Vertrag aussteigen und nicht zurückkehren wird.


Darüber hinaus haben die Rockets zwei Restricted Free Agents, für die es Grundsatzentscheidungen zu treffen gilt. Terrence Jones, einst als ordentliches Talent mit dem Potential, sich zu einem soliden Rollenspieler zu entwickeln, passte seine Leistungen der dürftigen Saison des ganzen Teams an, fiel im März komplett aus der Rotation und wurde in den Playoffs keine Sekunde eingesetzt. Ein Tapetenwechsel erscheint für beide Seiten zwingend notwendig, Houston wird vermutlich nicht einmal ein Qualifying Offer abgeben.

Anders sieht es bei Donatas Motiejunas aus. Der Litauer hat infolge seiner Rücken-OP eine schwierige Spielzeit hinter sich und seine starken Leistungen aus dem Vorjahr nicht zu bestätigen vermocht. Trotz oder gerade wegen des verhinderten Trades im Februar ist ein Verbleib durchaus möglich und wünschenswert. Andere Teams werden aufgrund des Vetos der Pistons ihre Vorbehalte haben, die Rockets hingegen wissen, was sie an ihrem variablen 2,13 Meter Mann haben.

Free Agent wird außerdem Veteran Jason Terry, der zuletzt immer wieder öffentlich als Streitschlichter agierte und die problematische Teamchemie thematisierte. Der inzwischen 38-Jährige brachte selbst allerdings auch kaum Verwertbares aufs Parkett, traf als amtlicher Scharfschütze mit Mühe und Not noch knapp über 30% seiner Dreier. Auch hier stehen die Zeichen auf Abschied. Ein Karriereende kommt nach eigenen Aussagen nicht infrage, der Champion von 2011 wird vermutlich bei einem reellen Titelanwärter anheuern oder aber in die offenen Arme seiner alten Liebe Mark Cuban zurückkehren.


Josh Smith kehrte im Dezember nach einem missglückten Gastspiel bei den Clippers nach Houston zurück, spielte aber im Vergleich zur letzten Saison nur eine Nebenrolle im Toyota Center. Sein Minimalvertrag läuft ab. Besonders große Nachfrage wird nicht bestehen, je nach Bedarf des neuen Coaches erhält der 30-Jährige unter Umständen wieder einen Einjahreskontrakt.

Nicht garantiert sind die Verträge von Michael Beasley und Andrew Goudelock. Während ersterer als potenter Scorer von der Bank trotz defensiver Mängel einen guten Eindruck hinterließ und aller Voraussicht nach in die neue Spielzeit gehen darf, hängt Goudelocks Zukunft von zahlreichen äußeren Faktoren ab – unter anderem, ob es einen größeren Trade gibt, wen die Rockets draften und/oder aus Europa holen.


Draft
Im Zuge des Deals um Ty Lawson gaben die Roten ihren Erstrundenpick an die Denver Nuggets ab. Diese dürfen sich über den 15. und somit bestmöglichen Pick freuen. Die Rockets halten im anstehenden Draft daher nur Zweitrundenpicks, den der New York Knicks (#37) sowie den eigenen (#43). Weil es an bereits vorhandener roher Masse nicht mangelt, sind kleinere und größere Deals rund um den Draft-Abend nicht unwahrscheinlich.

Houston hält weiterhin die Draft-Rechte an interessanten europäischen Spielern, allen voran Real Madrids Sergio Llull. Dieser hat bisher allerdings allem Werben aus Texas widerstanden und kürzlich erst einen neuen Langzeitvertrag bei den Königlichen unterschrieben. Der 28-jährige Aufbauspieler verfügt zwar über eine Ausstiegsklausel, galt aber nie als großer Fan der NBA und wird aller Voraussicht nach in Spanien bleiben.

Besser sieht es bei Alessandro Gentile von EA7 Emporio Armani Milano aus. Der italienische Flügelspieler ist mit 23 Jahren jünger und formbarer als Llull und hat seine Bereitschaft, das Abenteuer einzugehen, bereits durchklingen lassen. Gentile würde vermutlich vorerst in der D-League bei den Rio Grande Valley Vipers auf seine NBA-Tauglichkeit getestet. In der Euroleague legte der 53. Pick des 2014 Drafts mit 20,0 PPG, 3,5 RPG und 4,2 APG jeweils Karrierebestwerte auf.


Kohle
Nach Dwight Howards absehbarem Abgang verbleiben circa 46 Mio. $ an garantierten Gehältern, was bei einem kolpotierten Salary Cap von über 90 Mio. $ beinahe genug Platz für zwei Maximalverträge übrig lässt.

Falls diese tatsächlich benötigt werden, müsste Morey noch einen der mittleren Verträge – wahrscheinlich Corey Brewers – loswerden, ebenso wie 2014 im Falle Jeremy Lins, der zusammen mit einem Erstrundenpick zu den Lakers verschifft wurde, um Platz für Chris Bosh zu schaffen.

Sollte der große Coup ausbleiben, werden die Texaner die Gehaltsliste niedrig respektive flexibel halten, um im Sommer 2017 zuzuschlagen, wenn eine Vielzahl an Spieler von hohem Kaliber frei werden.

Zukunft
Auch wenn die abgelaufene Spielzeit als Schritt in die falsche Richtung zu werten ist: Die Rockets haben in James Harden noch immer einen der besten Basketballer der Welt in ihren Reihen. Harden wird im August 27 Jahre alt, hat seine beste Zeit mutmaßlich noch vor sich. Angesichts der internen Querelen wird er Besserung geloben müssen, insbesondere hinsichtlich seiner Funktion als schlagkräftigstes Argument im Akquirieren umworbener Free Agents.

Die bevorstehenden Olympischen Spiele in Rio de Janeiro werden dem Bärtigen ebenso wie die Weltmeisterschaft 2014 insofern zugute kommen, als dass seine Sommerpause dieses Jahr nicht zu lange währt und er nicht Gefahr läuft, fragwürdiger Gesellschaft zu verfallen.


Der steigende Salary Cap spielt den Rockets aufgrund der nicht vorhandenen Einkommenssteuer in Texas in die Karten, sie können mehr Geld bieten als die meisten anderen Teams der Liga. Darüber hinaus werden die Verträge der Rollenspieler Trevor Ariza (7 Mio. $ p. a.) und Patrick Beverley (5 Mio. $ p. a.) angesichts der ansteigenden Gehaltsobergrenze überaus praktikabel.

In Montrezl Harrell, K.J. McDaniels und vor allem Clint Capela haben die Raketen vielversprechende Talente in ihren Reihen. Auch Sam Dekker, der seine Rookie-Saison aufgrund anhaltender Rückenprobleme weitestgehend verpasste, wird sich in der neuen Spielzeit beweisen wollen.

Mit den richtigen Schlüssen aus dem Schlamassel, der Verpflichtung eines besseren Trainers und etwas Wohlwollen in der Free Agency haben die Texaner 2017 zumindest weiterhin das Potential für den Kampf um Heimvorteil in der ersten Playoff-Runde. Wiedergutzumachen gibt es einiges.