25 Mai 2016

25. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Detroit Pistons.

von STEFAN DUPICK @Hoopsgamede

Saison 15/16
Der Einzug in die Playoffs war das Ziel bei den Detroit Pistons, die dieses Kunststück seit 2009 nicht geschafft hatten. Die Bilanz von 44 zu 38 Siegen war eine durchaus solide Leistung, die von den meisten Experten so nicht erwartet war. 

Der Sweep durch die Cleveland Cavaliers war schmerzhaft, dürfte aber keinen nachhaltigen Schaden angerichtet haben - im Gegenteil. Die jungen Pistons haben sich gegen Cleveland zeitweise ordentlich verkauft. Das Ausscheiden in der ersten Runde der Playoffs war zudem einkalkuliert.

Stan van Gundys Handschrift bei der Kaderplanung der Pistons ist deutlich zu erkennen. Marcus Morris war eine sehr gute Verpflichtung vor der Saison, Rookie Stanley Johnson deutete sein Potential mehrfach an, Kentavious Caldwell-Pope und Reggie Jackson entwickelten sich weiter, Andre Drummond machte in seinem ersten Durchgang als Franchise-Spieler eine solide Figut. 

Das Highlight der Saison war sicherlich der Trade mit Orlando für Tobias Harris. Harris gegen Brandon Jennings und Ersan Ilyasova war ein dermaßen einseitiger Trade, dass Stan van Gundy dafür der größte Respekt gezollt werden muss. Harris ist zwar noch nicht so richtig in Mo-Town angekommen, aber spätestens in der kommenden Saison dürfte es soweit sein.


Offseason Agenda
Der Sommer in Detroit dürfte relativ ruhig bleiben, denn der Fokus liegt auf der weiteren Entwicklung des sehr jungen Teams. Die aktuelle Start- und Ersatzformation spielt erst seit wenigen Monaten so zusammen.

Tobias Harris muss ins System integriert werden. Das ist inmitten einer Saison bekanntlich nie wirklich möglich, zumindest nicht mit befriedigenden Ergebnissen. Harris als Stretch Vierer ist jedoch genau die Vision, die van Gundy schon immer im Kopf hatte.


Die Rolle von Drummond dürfte überarbeitet werden. Der Center ist bereits sehr dominant, hat sich aber nicht so entwickelt, wie das von vielen Experten erwartet wurde. In der Offensive fehlt es an Repertoire, defensiv bewegt sich der Pivot noch zu stümperhaft. Aber Drummond ist auch erst 22 Jahre alt, ein automatisches Double-Double und erst am Anfang einer langen Big Man Karriere. 

Van Gundy hat den Kern seines Teams zusammen. Auf der Agenda steht also die Suche nach Reservespielern. Es müssen dringend Upgrades für die schwache Ersatzbank her. Die kostet Detroit nämlich immer noch zu viele Spiele.

Ob diese Verbesserung erfolgt, indem auf erfahrene, angenehme Veteranen im mittleren Preisbereich gesetzt wird, die keine Probleme mit einer Ersatzrolle haben, oder über junge Spieler mit viel Entwicklungsraum, ist eine der spannendsten Fragen aus Pistons-Sicht in diesem Sommer.


Personal
Die wichtigste Personalie ist ohne Zweifel Andre Drummond. Der Vertrag des Centers wird in diesem Sommer verlängert werden. Als Restricted Free Agent, der das Qualifying Offer seines Teams mit Sicherheit ausschlagen wird, dürfte Drummond zwar sicherlich Interesse auf dem Markt generieren. Da Detroit aber mit jedem Angebot mitziehen kann, sollten sich diese in Grenzen halten.

Ein Szenario, wie es in San Antonio vor der aktuellen Saison in Hinblick auf Leonard und Aldridge vollzogen wurde – erst einen begehrten Free Agent unter Vertrag nehmen und dann erst den eigenen Spieler verlängern – ist genau das, was die Pistons vorhaben. Es macht keinen Sinn, erst mit Drummond zu verlängern, wenn sein Cap Hold so niedrig ist.


Was die Pistons auf jeden Fall benötigen, ist ein vernünftiger Back Up Point Guard und ein Schütze auf dem Flügel. Jackson macht seine Sache auf der Eins immer besser, könnte jedoch von einem erfahrenen Mentor profitieren.

Als Backup Point Guard springen Free Agents wie Raymond Felton, Jeremy Lin, Ty Lawson oder Mario Chalmers ins Auge. Keiner dieser Veteranen ist besser als Reggie Jackson, das wissen sie alle selbst; ihre Rolle in der NBA ist längst die eines Reservisten. Warum also nicht in Detroit, wo sie eine klare Aufgabe sicher hätten... und dazu knapp 25 Minuten pro Abend.

Letzte Frage: Welche Zukunft haben Steve Blake, Anthony Tolliver und Joel Anthony in dieser Mannschaft, jetzt, da van Gundy seine angestammte Rotation gefunden hat? 


Draft

Der Draft ist für die Pistons durchaus von Bedeutung. Detroit zieht an #18 - zwar nicht in der Lotterie, aber nur vier Spots außerhalb. An dieser Stelle kann durchaus ein Steal drin sein. Diverse Projektionen führen in diesem Bereich Spieler wie Wade Baldwin, Dejounte Murray, Demetrius Jackson, Domantas Sabonis oder Tyler Ulis.

Könnte einer dieser Spieler den Pistons direkt in der kommenden Saison weiterhelfen? Kommt ganz darauf an, in welche Richtung van Gundy und General Manager Jeff Bower denken und handeln. Die Rotation der Pistons ist in der Spitze bereits etabliert, die Ersatzgarnitur muss aber dringend verbessert werden. Junge, günstige Spieler mit Upside sind dafür wie geschaffen.


Kohle
Die Pistons verfügen, wie fast alle Teams in der Liga, über ausreichend Kohle, um im Sommer etwas zu unternehmen und gemütlich einkaufen zu gehen. Sie können, wohlgemerkt. Sie müssen nicht, angesichts ihrer Situation.


Zieht man alle garantierten Verträge in Betracht, stehen die Pistons aktuell bei ungefähr 66 Millionen Dollar Gehaltsausgaben in der kommenden Saison. Es könnten bis zu 24 Mio. $ für neue Spielerakquisitionen vorhanden sein. 

Das schließt jedoch weder Drummonds Cap Hold mit ein, noch die ungarantierten und verlängerbaren Deals anderer Pistons. Realistischer ist also weniger als die Hälfte. Ein Trade von Jodie Meeks und/oder Joel Anthony (Vertrag mit Team Option) würde zusätzlichen Cap Space generieren.


Zukunft
Das Team aus Michigan ist jung und talentiert. Coach van Gundy wird aus den Youngstern noch viel herausholen, das Ende ihrer Entwicklung ist nicht absehbar. In Summe scheint das Talentlevel, Stand heute, jedoch zu begrenzt. 

Die Pistons werden in naher Zukunft kein Contender sein. Weder Drummond, noch Jackson, noch Harris, noch Johnson, noch Caldwell-Pope, werden zu absoluten Elite-Spielern reifen, die es heutzutage einfach benötigt, um einen Ring zu gewinnen.

Ist das zu pessimistisch? Vielleicht. Immerhin sind alle wichtigen Akteure höchsten 25 Jahre alt und noch weit von ihrem Leistungshöhepunkt als Basketballspieler entfernt. Nimmt nur einer dieser Spieler eine ideale Entwicklung, zerfällt die obige Prognose in ihre Einzelteile.

So oder so aber gilt zumindest als sicher, dass die Pistons noch viel Spaß machen und speziell in der Offensive ordentlich Gas geben werden, je länger sie so zusammen spielen. Die Playoffs sollten in den kommenden Jahren immer ein Thema sein.

Je nach Entwicklungssprung ist schon bald vielleicht sogar ein Platz unter den Top vier im Osten und somit der Heimvorteil in der ersten Playoff-Runde drin. Ein Lauf wie der zwischen 2002 und 2008, als die Pistons sechs Mal in Folge die Conference Finals erreichten, bleibt das große Ziel... und der Traum aller Anhänger von 'Deeetroit Baaaasketball'.