20 Mai 2016

20. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Dallas Mavericks.

von TORBEN SIEMER @LifeofTorben

Saison 15/16
Es lief besser als in den meisten Saison-Previews erwartet: Von vielen in die Lottery geschrieben, erreichten die Dallas Mavericks auch in dieser Spielzeit die Postseason. Sicher, mit einer Bilanz von 42 Siegen und 40 Niederlagen gab es sieben Erfolge weniger als in der Vorsaison, dennoch reichten diese im Westen für das Rennen um die Plätze fünf bis acht. 

Auf Platz sechs ging es letztlich in die Playoffs, wie schon im Vorjahr war dort allerdings in Runde eins und nach fünf Spielen Schluss. Gegen vor allem athletisch überlegene Oklahoma City Thunder reichte ein einmal mehr stark aufspielender Dirk Nowitzki nicht, um echte Spannung aufkommen zu lassen.

Zu Saisonbeginn Ende Oktober 2015 gab es direkt zwei positive Überraschungen: Neuzugang Wesley Matthews (Achillessehnenriss) und Chandler Parsons (Knie-Operation) standen bereits zu diesem Zeitpunkt wieder auf dem Spielberichtsbogen und nicht wie befürchtet erst rund um den Jahreswechsel. Matthews spielte in seinen 78 Einsätzen in der regulären Saison knapp 300 Minuten als Nowitzki und 450 mehr als jeder andere Maverick, während für Parsons nach 61 Einsätzen Mitte März erneut das Knie sein Jahr beendete.

Die Mavericks starteten gut, nach neun Siegen aus den ersten 13 Spielen gab es auswärts drei Pleiten in vier Tagen in Oklahoma City, Memphis und San Antonio. Dallas pendelte sich von dort an bei meist drei bis vier Spielen über .500 ein und konnte zum Jahresabschluss einen überraschend deutlichen 114-91-Sieg gegen die Golden State Warriors feiern. 

Anfang März stand das Team von Head Coach Rick Carlisle bei einer Bilanz von 33-28, dann wurde es jedoch hässlich: Zwei Niederlagen gegen die Sacramento Kings umschlossen eine Serie von zehn Niederlagen in zwölf Spielen, bevor Dallas sich wieder fangen konnte. Mit sechs Siegen in Folge, der längsten Erfolgsserie ihrer Saison, gelang es den Mavericks, wieder über .500 zu klettern und mit einem Sieg in Spiel 81 bei den Utah Jazz doch noch die Playoff-Teilnahme zu sichern. 

Dort traten die Mavericks mehr oder weniger als Resterampe an. Alles, was noch laufen konnte, musste spielen. Für Parsons und David Lee reichte es nicht, Williams brach seinen dritten Einsatz nach nicht einmal zwei Minuten ab. Dies führte zum für Coach Carlisle seltenen Moment, dass mit Justin Anderson und mit Abstrichen Salah Mejri zwei Rookies in den Playoffs wichtige Minuten spielten.


Offseason Agenda
Wie schon im Vorjahr: Vieles wird sich in Dallas verändern. Wie gewohnt ist der Kader für die kommende Spielzeit nur schemenhaft zu erkennen, das Ziel ist und bleibt das Gleiche: Dirk Nowitzkis letzte Jahre sollen so erfolgreich wie möglich sein, deshalb wird wohl auch diesmal wieder weitgehend auf kurze Verträge gesetzt werden. Ob und wie sich dabei allerdings der große Sprung des Salary Cap auswirkt, lässt sich schwer erahnen. 


Ebenfalls wie immer brauchen die Mavericks einen Center, am besten einen mit defensiven Qualitäten. Was eigentlich jedes Jahr ansteht – die Vorbereitung auf die Zeit nach Nowitzki, am besten durch junge Spieler mit Entwicklungspotenzial und Mehrjahresverträgen. Mit Justin Anderson gab es im letzten Sommer endlich mal eine Verstärkung aus dem Draft, üblich ist in Dallas aber der Weg über die Free Agency. 

Im Front Office sowie auf dem Trainerstuhl herrscht immerhin Kontinuität. Mit Blick auf all die neu besetzten oder noch freien Stellen der letzten Wochen scheint dies nun auch in der NBA nicht mehr selbstverständlich.


Personal
Coach und Management bleiben. Danach hört es auch bald schon wieder auf. Die Guards Wesley Matthews, JJ Barea und Devin Harris haben noch einen gültigen Vertrag, dazu die Rookies Justin Anderson und Salah Mejri sowie die fürs Minimum (kaum) spielenden JaVale McGee und Jeremy Evans. 

Dirk Nowitzki wird aus seinem Vertrag aussteigen und mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit für voraussichtlich zwei Jahre neu unterschreiben. Chandler Parsons und Deron Williams lassen ihre Spieleroption ebenfalls verfallen. Williams möchte wohl bleiben, seine Familie fühlt sich in der Heimat des Spielmachers wohl. 


Parsons dürften diverse Angebote unterbreitet werden – ob er bleibt, hängt sicher auch von weiteren Verpflichtungen ab. Dwight Howard ist erneut ein Kandidat, der Center hat in Houston keine Zukunft und ist noch immer fähig, eine Defensive zu verankern. Inwiefern der nächste verletzungsanfällige Ü30er eine gute Wahl für Dallas ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt. 

Raymond Felton („Es wäre großartig, hier erneut unterschreiben zu können”) möchte in Dallas bleiben und hat darauf nach einer für ihn guten Saison wohl eben solche Chancen. Auch Zaza Pachulia hat sich mit seinem phyischen Spiel für eine Weiterbeschäftigung empfohlen. Dwight Powell wird Restricted Free Agent, die Mavericks können (und werden) also jedes vernünftige Angebot für ihn mitgehen und ihn somit halten. 

Wie schon in den Vorjahren werden auch diesmal wieder vorrangig Spieler mit kurzen Verträgen den Weg ins American Airlines Center finden – auch mit Blick auf die im Vergleich wesentlich attraktivere Free Agent-Klasse von 2017.


Draft
Der Erstrundenpick (#16) der Mavericks geht als Folge des Rondo-Trades im Dezember 2014 an die Boston Celtics, sodass Dallas nur in Runde zwei über den 46. Pick verfügt. Kandidaten sind daher kaum vorherzusagen und ebenso wenig, ob der dort ausgewählte Profi überhaupt den sofortigen Schritt in die NBA wagt/wagen soll.


Kohle
So. Viel. Geld! Fast die ganze Liga wird in diesem Sommer die Taschen voller Dollar haben. Von 70 Millionen Dollar in dieser Saison springt die Gehaltsobergrenze dankt des neuen TV-Vertrages auf voraussichtlich 92 Millionen Dollar – die genaue Zahl gibt es erst nach dem Post-Finals-Kassensturz zwischen Ende Juni und Anfang Juli. 

In den Büchern der Mavericks stehen aktuell knapp 62 Millionen an Gehältern für die nächste Saison – schon diese freien rund 30 Millionen Dollar lassen die Verpflichtung eines Spielers zu Maximalkonditionen zu. Lassen Chandler Parsons, Dirk Nowitzki und Deron Williams wie geplant ihre Spieleroptionen verfallen, sind zeitweise bis zu 60 Millionen Dollar an Capspace verfügbar. Nowitzki wird voraussichtlich eine Gehaltserhöhung bekommen – acht Millionen und damit weniger als zehn Prozent des Salary Cap würden seiner Leistung auch in Jahr 19 nicht gerecht.


Was Dallas daraus macht? Im Idealfall jemanden aus der Reihe Hassan Whiteside - Al Horford - Dwight Howard - Festus Ezeli verpflichten, der Dirks Defensivprobleme abmildern kann und sich langfristig an die Franchise bindet. Dazu den Kader wie so oft mit Veteranen auspolstern und hoffen, dass alle gesund bleiben. Inwiefern das Frontoffice um Donnie Nelson dabei schon auf die monströs gute FA-Klasse 2017 schielt, ist schwer zu sagen.


Zukunft
Wie schon in den letzten Jahren: Die Dallas Mavericks befinden sich im „win now“-Modus, wobei sich „gewinnen“ in dem Fall eher auf eine sichere Playoff-Teilnahme mit Chance auf den Sieg einer Serie bezieht als auf die zweite Meisterschaft nach 2011. 

Ich kann auch hier eigentlich meine Worte des Vorjahres wiederholen, dass in Dallas weiter von Jahr zu Jahr geplant wird – wenn auch jetzt mit Wes Matthews zumindest ein Spieler über Dirks letzte Jahre hinaus bleibt. Chandler Parsons hat signalisiert, dass er sich wohlfühle und vorstellen könne, für die nächsten Jahre zu verlängern. 

Dass Dwight Howard erneut in den Gerüchten auftaucht, erscheint da nur logisch: Er und Parsons sind gute Freunde und könnten bei den Mavericks endlich wieder gemeinsam auflaufen. Was aus diesen Gedankenspielen wird, hängt wie so oft in der NBA an der Vereinbarkeit der Gehaltsvorstellungen von Spieler und Team-Management. 

Die Mavericks sind allerdings kein Team, das nur einen All-Star vom Titel entfernt ist. Einen Nachfolger für den Franchise Player aus Würzburg wird es in diesem Sommer wohl nicht geben, der Free Agent-Pool 2017 ist da auf den ersten Blick attraktiver.

Einen vernünftigen Backup aber sollte Dallas dieses Jahr verpflichten, um Dirk die nötigen Ruhepausen verschaffen zu können. Es wäre unvernünftig, den Gedanken an die noch so fern scheinende Zeit nach Dirk hinten an zu stellen.