15 Mai 2016

15. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Chicago Bulls.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Saison 15/16
Es gibt ein denglisches Wort, das gar keines ist: Gesichtspalmierung. Das ist das vorherrschende Gefühl bei dem Gedanken an das Front Office einer Franchise, das Tom Thibodeau in die Wüste schickt, ohne dafür Draft Picks zu bekommen. Ja, der ging gegen die Suns.

Es ist aber auch das vorherrschende Gefühl, wenn man an die Experten denkt, die im letzten Herbst Previews zu den Chicago Bulls schrieben. Die Fazialpalmierungs-Top-3 wohnen im verregneten Oregon ("25 Siege höchstens"), Houston ("nächste Haltestelle Spiel 7 in den Conference Finals gegen Golden State") und eben in Chicago.

Für die Vorschau 2015 konnte man die Textbausteine aus 2014 recyclen. Das Fazit lautete: Die einzige Franchise, die Cleveland im Osten gefährden kann. Was dann folgte, war nicht mehr und nicht weniger als ein sportliches Desaster.

Der neue Coach Hoiberg, immerhin mit College-Meriten und einer (wenn auch mediokren) Bullen-Spielervergangenheit ausgestattet, war geholt worden, um die angeblich uninspirierte Offense zu beleben, kam aber gefühlt nie in Windy City an. Der vermeintliche Immer-noch-oder-wieder-Franchise Player fabulierte schon im Training Camp von seiner Free Agency im Jahre des Herrn 2017 und der emotionale Fels des Teams musste sich seinem Körper ergeben und rund 50 Spiele im Anzug zusehen.

Die Zielsetzung, die Offensive weniger statisch und berechenbar zu machen, funktionierte wie der Fahrplan der Deutschen Bahn. Statt Fortschritt gab es in allen denkbaren Kategorien Rückschritt (bis auf die marginal verschnellerte Pace), ohne dass das elitäre Defensivniveau gehalten wurde. Im stärker gewordenen Osten führte das zum schlechtesten Record seit sechs Jahren und trotz gerade eben noch positiver Bilanz zum erstmaligen Verpassen der Spiele im Mai seit der Ankunft von Derrick Rose.


Offseason Agenda
Zwei Worte: "Tabula" und "Rasa". Besitzer Reinsdorf nimmt nach der Goldnadel der Geizkragen-Hall of Fame noch die Berufung zu James Naismith an, als einer von nur vier Eigentümern der modernen NBA. Danach ist der große Umbruch angesagt.

Noahs Deal endet am 30.06.2016. Dass Pau Gasol nach der besten NBA-Saison seiner Karriere, in der er nicht in den Finals stand, sich diese Bulls per Spieleroption ein weiteres Jahr antut, darf man getrost ausschließen. Alles, was in der NBA Rang oder Namen hat, wird ihn anbetteln, einen "David West" zu machen.

Dem neuen Salary Cap sei Dank, wird er aber wohl auch die Möglichkeit haben, für ordentliches Geld bei einer ordentlichen Franchise unterzukommen. Moore und Brooks haben ebenfalls auslaufende Arbeitspapiere, die mehr (Brooks) oder weniger (Moore) wahrscheinlich nicht verlängert werden. Dann werden die Bulls drei Fragen beantworten müssen, die die Zukunft der Franchise bestimmen: Philosophie (1), Coach (2) und Rose (3).


Ad 1: wollen die Bulls weiter Baby-Thibodeaus sein oder sich aus dem Schatten des Spielerschinders herauswagen und ein dem neuen Franchise-Spieler und dem Basketballweltbild des gar nicht mehr so neuen Coaches entsprechendes Uptemposystem etablieren? Die Gelegenheit dafür ist günstig (s. Kohle und Personal).

Ad 2: will man Hoiberg nach verkorkster erster Saison eine Bewährungschance geben oder sich auf dem mittlerweile allerdings weitgehend abgegrasten Trainermarkt mit einem etablierten Namen bedienen?

Ad 3: was wird aus dem Ex-Franchise Player? Der Verletzungsseuchenvogel hat den Platz in seinem Käfig auf des Point Guards Kaminsims neben der verblassenden MVP-Trophäe zwar geräumt, doch 2016 markiert die schlechteste volle Saison seit dem Rookiejahr. Gemessen daran wird Rose katastrophal überbezahlt. Die Zeiten, in denen er sich diesbezüglich auf Joe Johnson und Kobe Bean berufen konnte, sind bekanntlich ab Sommer vorbei.

Chicago’s Own wird ligaweit ab Sommer von nur noch sechs Spielern in Sachen Gehalt übertrumpft werden. Dass er sich offenbar mit Worten, die exponentiell größer als die Leistungen waren, mit Jimmy Butler um die Rolle als erste Offensivoption bekriegen soll, und mit Blick auf den 2017 auslaufenden Deal von der finanziellen Sicherheit seiner Familie fabulierte, sind auch nicht gerade Pro-Argumente für eine längerfristige Zukunft in Windy City.


Draft
Dem Verpassen der Playoffs sei Dank besteht eine theoretische Chance auf einen Top-3-Pick. Eine Chance im Promillebereich, nennen wir sie einfach "Cleveland 2014". Ob man das den Bulls in einem ohnehin eher mediokren Jahrgang wirklich wünschen soll, steht auf einem anderen Blatt.

Nobrainer Rose an eins 2008 mal außen vor, haben die Bulls mit Treppchen-Picks oder knapp später in den Dekaden seit Jordans Abtritt Holzkopf-Hall-of-Fame-Alarm ausgelöst. Legenden wie Marcus Fizer, Eddy Curry, Ben Gordon, Jay Williams oder Tyrus Thomas zieren das Kabinett des Lotteriegrauens. Immerhin könnten theoretisch der Erstrunden-Pick 2016 (top-10-geschützt) und der Zweitrunder aus Portland des laufenden Jahres ihren Weg nach Chicago finden.


Kohle
Nur 65 Mio. $ garantierte Saläre für das nächste Jahr sehen bei 90 Mio. Cap anständig aus. Will man wirklich soviel Raum generieren, muss man allerdings sechs Spieler gehen (lassen). Zählt man den Hold für Noah und die Garantiegehälter der Erstrundenpicks dazu, bleibt zwar ein wenig Spielraum übrig, im Sommer 2016 ist man damit aber eher im unteren Drittel der Flexibilitätsrangliste unterwegs.


Personal
Wir sind zurück bei Derrick Rose. Wenn Chicago dieses Team endgültig in die Hände des langfristig gebundenen Jimmy Butler legen will, ist die warme Jahreszeit die letzte Chance, für Rose vernünftigen Gegenwert zu erzielen. Genug Teams mit ausreichend Gehaltsspielraum, die im Gegenzug nur Talent und Picks liefern müssten, gibt es.

Nur: "auf Athletik gebauter Guard ohne Wurf mit sich verabschiedender Explosivität, leitzordnerdicker Krankenakte, 21 Mio. Dollar zu kriegen und auslaufendem Deal" klingt nach Blei im Regal. (Hört noch jemand "Sacramento" aus der Geisterbahn schallen? Aber was sollen die Kings liefern, das die Bulls zumindest nicht schlechter macht?)


Gasol und Noah werden sich wohl verabschieden, Gibsons Deal ist wie der von Rose 2017 zu Ende. Sein Markt könnte dank Arbeitseinstellung aus dem Tim-Duncan-Big-Man-Museum und moderatem Gehalt (knapp 9 Mio. p. a.) sogar größer sein als der des Spielmachers. Kurz: Möglichkeiten zur Sanierung sind mit Einschränkungen gegeben.

Dass man bei den Premium Free Agents wie Conley, Horford, geschweige denn Durant oder James irgendwelche Chancen hat, glauben selbst rot-schwarz blutende Die hards nicht im Ernst. Erträgliches Retooling ist angesagt.


Zukunft
Das uneingelöste Versprechen, das man voreilig die "Era of Roses" nannte, dürfte im Sommer zu Ende gehen und es gibt nur wenige, bei denen das noch seelische Schmerzen auslöst. Es braucht eine neue Identität und den Umbruch. Reinsdorf wird man davon kaum überzeugen müssen, schließlich wäre ein Team ohne Gasol, Rose und Noah in jedem Fall preisgünstiger.

Ein von Chicago Bulls (@chicagobulls) gepostetes Foto am


Im Übrigen ist die Stimmung schlechter als die Lage. Mit Butler, schon jetzt einem der besseren Two-Way-Flügel der Liga, und dem Draft Steal Portis steht womöglich nicht der Kern der nächsten Ära bereit, wohl aber ein aufregender junger Kern, mit dem sich Tickets verkaufen lassen.

Zuzüglich dem im schlechtesten Fall 14. Pick in der Draft und etwas Verhandlungsgeschick beim Rose-Abgang (ja, das ist eine persönliche Manie) ist man nicht überragend, aber ordentlich positioniert.

An Cleveland wird in des Königs Prime im Osten ohnehin kein Weg vorbeiführen. Mögen sich die nachrückenden bzw. schon vorbei gezogenen Hornets, Pacers, Raptors und Hawks von Love und Irving den Besen geben lassen.

Es gibt schlechtere Zeitpunkte für Identitätskrisen. Chicagos Lage ist ernst und ungewiss, aber sicher nicht hoffnungslos. Am Neuaufbau führt also kaum ein Weg vorbei. Gesichtspalmierungsfranchises werden aber weiter anderswo zu Hause sein.