01 Mai 2016

1. Mai, 2016


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF. Nach der ersten Runde geht's mit den Conference Semifinals schnurstracks in Richtung Klimax.

von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel & DUSTIN MICHELS @DustinMichels

Entrée
Auf dem Papier sind die Cleveland Cavaliers ihrer Rolle absolut gerecht geworden: Mit 4-0 hat der Favorit der Eastern Conference die Detroit Pistons aus den Playoffs gekehrt, aber dabei trügt das Ergebnis. Die Begegnungen mit Kante Andre Drummond und dem temperamentvollen Reggie Jackson waren knapper als das Resultat wiederspiegelt.

Tatsächlich eng war dagegen das Matchup zwischen den Atlanta Hawks und den Boston Celtics – wie von uns prophezeit. Nach zwei Auftaktpleiten kamen die Kelten im eigenen TD Garden zurück und sorgten für Nervenzittern in Georgia. Bevor allerdings der Zwergenkampf zwischen Dennis Schröder und Isaiah Thomas offiziell per Gong eröffnet werden konnte, fanden die Hawks zurück und besiegelten durch starke Defensive das Weiterkommen.


Das 4-2 war dementsprechend eine verdiente Angelegenheit, doch wird diese Leistung von Atlanta nicht für die Cavs reichen. Headcoach Tyronn Lue wartet nur auf die Gelegenheit, die ersten beiden Anzüge seiner Kavaliere vor der Vermottung zu bewahren und endlich auf das Parkett zu bringen – und für die Reinigung der Garderobe bestand genügend Zeit. Ein Vorteil oder nicht? 


Warum Cleveland gewinnt
106-101, 107-90, 101-91, 100-98. Auf den ersten Blick wirken die Resultate wirklich nicht überzeugend, wenn der Blowout aus Game 2 nicht berücksichtigt wird. Cleveland dominierte die Pistons nicht, weil sie es nicht mussten. Detroit hielt mit einer beachtlichen Leidenschaft dagegen, hatte aber in den entscheidenden Situationen dieser Serie keine Schnitte.

„To beat Stan Van Gundy and beat him 4-0, that means a lot to me. Because I know he’s a bad motherf*cker!“ Die Wirkung dieser Aussage von Trainer Lue kommt vor allem in der Originalfassung durch. Als Top Seed des Ostens benötigten die Cavaliers einen widerspenstigen Kontrahenten, der sich nicht kampflos ergab. Dementsprechend valide sind die Erkenntnisse.

Erstens: Die Big Three funktioniert. Kyrie Irving (27.5 Punkte, 47,1% Dreier), LeBron James (22.2 Punkte, 9.0 Rebounds, 6.8 Assists) und Kevin Love (18.8 Punkte, 12.0 Rebounds) haben nebeneinander, miteinander und füreinander funktioniert, gearbeitet und kreiert. Ohios Meisterschaftshoffnung lief Spielzüge für jeden All-Star und narrte den Erstrundenkontrahenten in der Verteidigung zahlreich.

Die Ballbewegung und das Spacing sorgen für entsprechende Räume, die vom Dreigestirn nahezu ideal genutzt wurden. Vor allem die Variabilität ermöglicht der Königsgarde Flexibilität im Angriff. Gefahr am Perimeter, Gefahr am Elbow, Gefahr im Low Post, Gefahr von überall. Atlanta wird trotz teamdienlicher Gegenwehr (defensive Effizienz von 91.3) vor große Schwierigkeiten gestellt werden, denn die Angriffsmaschinerie ist kaum auszuschalten.


Zweitens: Adjustments. An den Fähigkeiten des erst 38-jährigen Übungsleiters wird seit Amtsantritt immer wieder gezweifelt. Im ersten Aufeinandertreffen der Serie konzentrierte sich Lue auf das Abrollen von Drummond und machte folgerichtig die Zone dicht. Das öffnete jedoch die Schleusen für Motor City: 51,7% von Downtown. Die Taktik wurde anschießend so angepasst, dass die Pistons in ihren Bemühungen eingeschränkt wurden und nicht mehr Feuer fangen konnten

Ein weiterer Coup gelang an den Brettern. Eigentlich hätte Van Gundys Truppe das Rebound-Duell (41.0 zu 37.8) problemlos für sich entscheiden müssen, weil Drummond als Biest sich normalerweise die Kirschen problemlos pflückt. Durch Hustle und Teamwork zogen die Kavaliere Detroit ganz empfindlich den Kolben und machten den gegnerischen Center fast überflüssig.

Und drittens: die eigene Lineup of Death. Angelehnt an die tödliche Warriors-Aufstellung mit Draymond Green als Center, testeten die Cavs ihre eigene Version – und das mit Erfolg. Mit Matthew Dellavedova, Irving, J.R. Smith, James und Love stand eigentlich eine naive Formation auf dem Court, denn Love ist Drummond körperlich unterlegener als ein Neugeborenes einem Gorilla. Denkste!

Ein von @kevinlove gepostetes Foto am

Mit einem Offensive Rating von 172.4 ist ein Monster entstanden, das auch kratzbürstige Falken nicht stoppen können. Zwar lässt sich statistisch keine Stärke am eigenen Korb ermitteln (160.9 Defensive Rating), doch der Augentest zeigte ein anderes Bild. Insbesondere der mehrfach angesprochene Love überraschte mit Aggressivität und Verbissenheit – und das bei einer Mammutaufgabe. 

Alles Gründe, die eigentlich nur eins untermauern: Kein Team im Osten wird die Cleveland Cavaliers am Einzug in die NBA Finals hindern. Auch nicht die Hawks, die zwar ihrerseits Mittel und Wege besitzen, um vielleicht ein Match zu entscheiden, aber keinen Closer im Roster haben, der in den entscheidenden Situationen punktet.


„Wir sind sehr fokussiert, denn Atlanta hat eine sehr gute und herausfordernde Serie gegen die Celtics gespielt“, räumte James unter der Woche ein. Dass er genügend Zeit hatte, sich über die Runde des Ost-Vierten zu äußern, spricht ebenfalls Bände. Satte acht Tage stehen dem Coaching-Staff am Lake Eyre zur Verfügung, um weiter am Feintuning zu arbeiten – und wir wissen alle: Die beste Leistung hat die Brotherhood in dieser Saison noch nicht abgerufen. 


Warum Atlanta gewinnt
Die Gründe hierfür sind zwar nicht so vielfältig wie die Frisuren von Dennis Schröders noch jungen Karriere, dennoch sind sie vorhanden. So gut wie alle Experten und die ganze NBA-Welt sind sich einig: Cleveland wird – wieder – durch den Osten marschieren und erneut in den Finals stehen. Charles Barkley, bekannt als Freund gewagter Thesen, prophezeite sogar einen Sweep der kompletten Conference. 

Warum sollten dann gerade die Hawks zum Stolperstein für den King und sein Gefolge werden, da sie doch schon im letzten Jahr gegen ein dezimiertes Cleveland chancenlos waren?
Jeder macht sich darauf gefasst, dass LeBron James schon in sehr naher Zukunft erneut den Besen aus der Kammer holen wird, um damit das Team unserer deutschen Hoffnung mit der Nummer 17 in die Ferien zu schidken. Und genau da liegt der Unterschied zum Vorjahr – und somit die Chance der Franchise aus Georgia.

Es war Mai 2015, Atlanta forderte im Finale der Eastern Conference die Cavs und viele hofften auf eine möglichst ausgeglichene Serie. Kevin Love war raus, Kyrie Irving angeschlagen und James gab den Alleinunterhalter. Die Hawks hingegen begeisterten die Fans mit Spurs’schem Teambasketball und gingen mit großen Erwartungen in die Postseason, schließlich dominierten sie den Osten. Cleveland machte jedoch kurzen Prozess, der Rest ist Geschichte.

Nun stehen die Vorzeichen anders, niemand rechnet mit einem Upset, und einzig die Höhe der Niederlage des Teams von Coach Budenholzer ist mit einem Fragezeichen versehen. Nach holprigem Start in die Saison hat sich die Truppe zunehmend stabilisiert und kann sich auf bekannte Waffen verlassen: Ballmovement und Spacing. Gerade Kyle Korver scheint pünktlich zum Halbfinale in die Gänge zu kommen und haut fast die Hälfte seiner Dreierversuche durch das Nylon. 

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Und überhaupt, die Dreier-Variabilität macht die Hawks zu einer Bedrohung für fast jedes Team, denn es ist mitnichten nur „K2“, so Korvers Spitzname, der von Downtown heiß laufen kann. Bei näherer Betrachtung der Starting 5 fällt auf, dass eigentlich jeder Spieler vom Perimeter aus agieren kann, selbst Al Horford verfügt als Center über einen respektablen Distanzwurf.

Ein besonderes Augenmerk sollte zudem Kent Bazemore gelten. Der Wing mauserte sich zu einem enorm wichtigen Baustein und ist nach Carrolls Abgang zu einem Schlüsselspieler gereift. Auffällig ist vor allem, dass er den Fastbreak immer besser läuft, so geschehen in der Serie gegen die Celtics. 

Schafft es Atlanta, die Cavaliers zu einfachen Turnovern zu zwingen, wird dieser Aspekt in Bazemores Spiel enorm wichtig sein. Es ist jedoch nicht seine Offense, die ihn zum entscheidenden Puzzleteil für einen Sieg machen, sondern seine Performance in der Defense und dem damit verbundenen Matchup. Schafft es Bazemore die Kreise von LBJ einzugrenzen, so stehen die Chancen für eine Überraschung mehr als gut. 

Mit Thabo Sefolosha, Paul Millsap und Horford stehen in jedem Fall Baller im Roster, die den anderen Stars beziehungsweise Rollenspielern der Cavs das Leben schwer machen werden. Zudem wird es spannend sein, inwieweit Jeff Teague im Duell mit Irving auftrumpfen kann. Der Spielmacher aus Ohio ist immerhin nicht für seine Verteidigung bekannt.

Da die Möglichkeiten der Offensive Atlantas über jeden Zweifel erhaben sind, wird es die Defensive sein, die zum Gamechanger werden muss. Atlanta muss höchst diszipliniert auftreten und zum kollektiven Kettenhund werden. Schafft es der Vierte der Ostküste, die eigene Identität vollkommen zu entfalten, wird es jeder schwer haben – selbst Cleveland.


Stat-Salat
Die Teams von LeBron James haben kein Match in den letzten vier Erstrundenserien abgegeben (16-0). Ähnlich gut liest sich seine Playoff-Bilanz gegen die Hawks: 8-0.

Cleveland hatte Andre Drummond derart gut in Griff, dass die Dienste von Timofey Mozgov nicht benötigen werden. Der 2,15 Meter große Russe kam lediglich in zwei Spielen und 14 Minuten zum Einsatz.

Threeeezus is back: Traf Kyle Korver im Dezember noch eiskalte 29% von Downtown, waren es im April 45%. J.R. Smith schickte in der Postseason 51% seiner Versuche durch den Ring. #sniperalert


Die Rechnung, bitte!