17 Mai 2016

17. Mai, 2016


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF. Nach zwei Aufwärmrunden geht's mit den Conference Finals schnurstracks in Richtung Klimax.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch & ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Entrée
In der Endrunde der Eastern Conference stehen sich ab Dienstagnacht die Cleveland Cavaliers und Toronto Raptors gegenüber. Während die Kanadier erstmals im Ost-Finale stehen und amtlich die beste Saison ihrer Franchise-Geschichte abliefern, geht es für die Cavs weiterhin nur um den Titel.

Diese Ambition wurde mit einem Ausrufezeichen gegen die Atlanta Hawks unterstrichen, die nach Detroit in Runde eins ebenfalls mit 4-0 gesweept wurden. Neben weiteren Rekorden bescherte das frühe Weiterkommen LeBron James und seinem Gefolge satte neun Tage Vorbereitung beziehungsweise Pause.


Im Jurassic Park dagegen ist eine stattliche Regeneration unwahrscheinlicher als eine erneute Eiszeit. Nach 14 Begegnungen – das Maximum zu diesem Zeitpunkt in der Postseason – stehen Dwane Casey Pi mal Daumen 24 Stunden zur Verfügung, um seine Dinosaurier bestmöglich vor dem abermaligen Aussterben zu bewahren.


Warum Cleveland gewinnt
Beginnend mit den Argumenten, die gegen Cleveland sprechen, fällt die Auswahl mauer aus als der Blick auf die McDonalds Speisekarte. Rechtzeitig zum Showdown der beiden nominell besten Teams der Eastcoast ist der Cheeseburger wieder für eine Eurone zu erstehen, denn die Hoffnungen der Raptoren belaufen sich in etwa auf die selbe Wertigkeit.

Stand jetzt lässt Ohio lediglich die Bilanz der regulären Saison (1-2) einmal kurz aufhorchen. Es spricht eigentlich zu viel für Cleveland, sodass etwaige Besorgnis lediglich im Unterbewusstsein Ronalds Bälleparadies verlassen könnte. Wenn überhaupt.

In den bisherigen beiden Serien gegen Detroit und Atalanta reichte in der Mehrheit der Spiele der Schongang. Cleveland dominierte ohne zu dominieren, und durch diese drückende Überlegenheit hatte Coach Tyronn Lue genügend Möglichkeiten, um verschiedene Lineups auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

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Gegen die Hawks, die nach ihrer teils kläglichen Vorstellung gerupft zur Chicken-Nugget-Herstellung auf einem Laufband schmoren, stach vor allem eine Skill-Small-Ball-Formation mit Channing Frye und Kevin Love auf den großen Positionen hervor. Zusammen mit J.R. Smith, Kyrie Irving und James erreichte das Spacing der Cavaliers ein neues Level. 

Die sonst so überragende Defensivmannschaft aus Georgia verzweifelte an den zahlreichen Pick & Rolls beziehungswiese Pops. Dass Cleveland in Game 2 einen neuen NBA-Dreier-Rekord mit 25 Treffern in einem Match aufstellte, war dann schon eine fast logische Konsequenz aus der fatalistischen Gegenwehr.

Dabei ist es vor allem die Startformation, die Monströses darbietet. Mit einem Net-Rating von 7,9 führt die Aufstellung mit Tristan Thompson auf Center (Frye auf der Bank) die NBA in Sachen Effektivität wie Produktivität an. Was also will Toronto machen?

Die Kanadier werden den Ausfall von Jonas Valanciunas offensiv nicht kompensieren können, aber die Kehrseite der Medaille bedeutet gegen den Ball mit Bismack Biyombo eine deutliche Verbesserung. Der Center ähnelt interessanterweise Thompson in vielen Bereichen, dürfte aber nicht so versiert sein. Wow, dass ich mich selbst dabei erwischen muss, diese Aussagen getroffen zu haben.

Casey fehlen die Alternativen auf Groß, dementsprechend wird Cleveland wieder auf Skill Ball setzen, um die Zone freizumachen, damit Irving und James schneller liefern können als die Bedienung des McDrive – und zwar weltweit. Im Backcourt ist das All-Star Duo Kyle Lowry und DeMar DeRozan klangvoller als Irving gepaart mit Smith; dafür fehlt bisher die Konstanz, um hier einen Vorteil auszusprechen. 


Bleibt noch DeMarre Carroll gegen den König. Bereits bei Paul George waren dem Verteidigungsass die fehlende Fitness und Widersacher-Qualitäten nach seiner Knieverletzung anzumerken, weshalb James, der in den Playoffs bisher auf goldenen Kopfschmuck (23,5 ppg – Career-Low) verzichtet hat, die Kupplung nur halbwegs durchtreten muss.

Dafür sprechen auch zwei andere Zahlen: In Ohio fällt der Dreier pro Match zehnmal häufiger und um unfassbare 16% besser. Wenn Trainer Lue nur ansatzweise einen Weg findet, die große Stärke seines Rosters – beste Distanzschützen seit Beginn der Playoffs – gewinnbringend einzusetzen, werden die Dinos von einem Meteoritenhagel erschlagen.

Natürlich schwingt im Subtext dieser teils blumigen Formulierungen ein Hauch von Arroganz mit, doch lassen sich selbst beim steinzeitlichen Fingerabzählen keine fünf Punkte für die zweitbeste Franchise des Ostens finden. Cleveland hat vor unfassbaren neun Tagen das letzte Mal auf dem Parkett gestanden, die Jungs dürften topfit und sensationell gut vorbereitet sein. Des Weiteren wurde sichtlich mit Lil Kev an der Teamchemie gearbeitet:


Jeglicher Hauch von Missmut ist verschwunden; die #brotherhood lebt und wird ungeschlagen in die NBA-Finals einziehen. 


Warum Toronto gewinnt
Toronto brauchte als einziges der vier Teams in den Conference Finals 2016 jeweils sieben Partien, um zwei Serien zu überstehen. Das macht insgesamt 14, meist hart umkämpfte Duelle gegen Mannschaften, die immer mindestens auf Augenhöhe agierten.

Cleveland hatte bisher nur das Minimum zu gehen, insgesamt acht Partien gegen überwältigte Playoff-Rookie-Pistons und Anti-Contender-Hawks, die für LeBrons Cavaliers schon immer mehrere Nummern zu klein waren. Das sieht auf den ersten Blick nach absoluter Dominanz aus - klar, bei immer noch weisser Weste in dieser Postseason. Das sieht aber auf den zweiten Blick auch so aus, als hätten es die Ohio Players mit nichts als (Unter-) Durchschnittsware zu tun gehabt. 

#WeTheNorth ist mittlerweile alles andere als Durchschnitt in der aktuellen NBA-Hierarchie. Das Team aus dem hohen Norden präsentierte sich als eines der stabilsten Teams der regulären Saison, platzierte in Angriff und Verteidigung unter den besten Mannschaften der Liga und forderte die Cavaliers bis zum vorletzten Spieltag an der Spitze der Conference-Tabelle heraus.


Die große Frage war, wie die chronischen Choker heuer mit dem Playoff-Druck zurecht kommen und ob sie endlich die verdammte erste Runde überstehen würden. T-Dots kollektive Anspannung wich der Erleichterung nach dem Heimsieg in Spiel sieben gegen Indiana - eine mental stabile Leistung, die das Team von Dwane Casey zwei Wochen später gegen die Miami Heat wiederholte. Diese Erfahrungen in Crunchtime-Momenten kommt den Raptors nicht nur fürs eigene Selbstvertrauen zugute, sondern auch in den Conference Finals gegen die als unschlagbar geltenden Cavs.

Cleveland ist gut drauf. Untertreibung. Cleveland ist on fire! Das Team von Tyronn Lue, von dem sich viele während der Saison fragten, wann es endlich sein Potential abrufen würde, spielt momentan seinen besten Basketball in der zweiten LeBron-Ära.

Dieses Team ist allerdings auch besinnungslos von jenseits der Dreierlinie und auf direktem Weg, den All-Time-Playoff-Rekord für Makes der Golden State Warriors zu pulverisieren. Schlechte Nachricht für Cavs-Fans: kein Team kann diese Frequenz von Downtown halten.

Die Raptors sind sich nicht nur der Stärke ihrer Opponenten bewusst, sondern auch der Tatsache, dass sie zu den schwächsten Defensiven gegen den Dreier zählten. Das alleine, kombiniert mit der zusätzlichen Planungs- und Vorbereitungszeit in einer Serie, wird die Sinne schärfen und die Verteidigungsleistung gegen den langen Ball optimieren. Es dürfte klar sein, dass Clevelands Superkräfte weitaus weniger super aussehen, wenn nicht drei von vier Bomben durch die Maschen segeln.

Defensiv war die Leistung von Bismack Biyombo in der Serie gegen Miami ein Augenöffner. Der Kongolese spielte Türsteher in der Zone, pflückte fast jeden verfügbaren Rebound und frustrierte die Heat-Angreifer mit seiner Deebo-mäßigen Garstigkeit.


Die Cavs-Ballhandler, die gegen Detroit und Atlanta einen roten Teppich samt Concierge-Service zum Korb gelegt hatten, werden es gegen Toronto nicht ansatzweise so leicht haben, nach innen zu gelangen und die Defensive auszuhebeln. Das bedeutet, ihr habt's sicherlich schon erraten: weniger offene Versuche von der 7,24 Meter Linie.

Die Armada an fähigen Halbfeld-Verteidigern, die Kyrie Irvings Kreise eindämmen können, fällt zusätzlich ins Gewicht. Irving tendiert in solchen Situationen, zu stark auf sein Dribbling zu vertrauen. Das ruft oft LeBron im LeBron-Modus auf den Plan. Weniger effiziente Drives, ein stotterndes Passing-Game der Cavaliers und weniger Balance sind aber bereits ein riesiger Gewinn für die Raptors.

Auch auf der Gegenseite wird sich Cleveland weitaus länger machen müssen, als gegen Detroit und Atlanta. Keines dieser Teams platzierten in der oberen Ligahälfte bei der offensiven Effizienz. Dennoch schafften es die Cavs irgendwie, die schlechteste pro-posession-Defensive aller Teams in der zweiten Playoff-Runde aufs Parkett zu legen.

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Toronto kommt mit der fünfbesten Attacke aller NBA-Teams in dieses Duell... und einem der heißesten Playoff-Performer, der den Cavaliers obendrein in allen regulären Duellen Feuer unterm Arsch machte: Kyle Lowry. 31 Punkte im Schnitt erzielte der All-Star gegen Cleveland, traf 66% aus dem Feld, netzte ganz nebenbei ein neues career high (43) ein. Seine Penetration ist der Motor, der T-Dots Attacke antreibt.

Sollte Lowry das Duell gegen Irving klar für sich entscheiden, Torontos Rollenspieler nicht vor dem Moment einfrosten und Jonas Valanciunas an seine Form vor der Verletzung anknüpfen können, bringen die Kanadier mehr als nur eins, zwei Argumente mit, um diese Serie viel kompetitiver und spannender zu gestalten, als die meisten Fans vermuten. Erst recht, wenn DeMar DeRozan endlich aufwacht.


Stat-Salat
Cleveland ist als einziges Team in den Playoffs noch ungeschlagen – 8-0. Die Raptors mussten dagegen als einzige Franchise in den Conference Finals über die volle Distanz gehen – 14 Games.

Mit 57,5% treffen die Gegner gegen die Cavs. Das ist hinter den Hornets (58,8%) der schlechteste Wert der Playoffs. Die Defensive zählt zu den miesesten in diesen Playoffs.

Die statistisch schlechte Wurf-Defense fällt aber nicht weiter ins Gewicht, wenn Toronto selbst mies trifft: nur 30,2% von Downtown und 45,5% ihrer Zweier versenken die Rekord-Raptors bisher.

Kyle Lowry dominierte gegen Cleveland während der regulären Saison, traf 66% seiner Wurfversuche für 31 Punkte und 8.3 Assists pro Partie.

Jonas Valanciunas und Bismack Biyombo sind die zwei dominantesten Defensivrebounder weit und breit, greifen sich jeweils mehr als jeden dritten verfügbaren Abpraller. Der Fight gegen den statistisch besten Offensivrebounder im Wettbewerb, Tristan Thompson, wird besonders spannend.


Die Rechnung, bitte!