23 Mai 2016

23. Mai, 2016


Die Playoffs sind on! Bei so viel irrsinniger Action pro Woche macht es nicht immer Sinn, traditionell zu berichten. Nicht weiter schlimm: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Bismack Biyombo in Crunchtime und versorgt euch wöchentlich mit artgerechten Häppchen zur Postseason-Action 2016.

von NBACHEFSQUAD

Todes-Lineup v2.0
Seb Dumitru @nbachefkoch ... Wer gedacht hatte, dass OKC in dieser Serie nur dann eine Chance hat, wenn es seine Big Ball Taktik radikal durchzieht, hat a) nicht mitgekriegt, wie in den Playoffs Serien gewonnen werden und b) nicht realisiert, dass die Thunder für genau diese Art von Duellen über viele Jahre so zusammen gestellt wurden.

Sie können verschiedene Stile spielen; flexibel auf unterschiedlichste Situationen reagieren; und ihren unorthodoxen Ball jedem Kritiker und Nein-Sager an den Kopf werfen, der immer noch nicht registriert hat, dass dieses Team zum vierten Mal in sechs Jahren im Conference Finale steht - häufiger als jedes andere West-Team im selben Zeitraum. Die einzigen beiden Nicht-Teilnahmen: Kevin Durants kaputter Fuß 2015. Russell Westbrooks kaputtes Knie 2013.

Die drei Siege in Folge gegen San Antonio in Runde zwei ließen aufhorchen; der Auftakt-Comeback-Erfolg gegen Golden State in Spiel eins dieser Serie spitzte alle Ohren; das Auseinandernehmen des noch amtierenden NBA-Champions in Spiel drei aber veränderte die gesamte Erzählung. Plötzlich sind es die Thunder, die 'in control' sind, die wie eine nicht zu bremsende Basketball-Lawine über Curry & co. hinwegrollen.


Kevin Durant spielt wie ein MVP, Russell Westbrook wirkt wie der beste Point Guard der Liga, Billy Donovan coacht Steve Kerr an die Wand. Und Oklahoma City ballert Golden State mit seiner eigenen Smallball-Variante in alle Einzelteile. Die kleine Lineup mit Durant auf Power Forward war in Spiel drei 31 Punkte besser als die Warriors im selben Zeitraum - ein absurder Plus/Minus Wert, der die Stärken dieser Thunder an beiden Enden illustriert.

Die stretchenden Durant und Serge Ibaka auf den großen Positionen, Westbrook, Andre Roberson und Dion Waiters auf Eins bis Drei... Obwohl von seiner offensiven Spielweise "klein", ist dieses Quintett lang, mobil und schnell genug, um am defensiven Ende die gefährlichste Attacke der Welt zu neutralisieren. Anstatt immer wieder mit Steven Adams oder Enes Kanter auf die explosiven Warriors-Guards switchen zu müssen, können diese Thunder-Protagonisten beliebig hin- und her wechseln, ohne Lecks aufspringen zu wissen.

Das ist eigentlich Golden States Modus Operandi. Die Warriors sehen sich urplötzlich nicht nur einem 1-2 Defizit gegenüber stehend, sondern auch einem Gegner, der aggressiver, kompletter, vielseitiger und hungriger auftritt als sie selbst. Und sie mit ihren eigenen Waffen schlägt. Oklahoma City ist das mit Abstand schwerste Rätsel, das die Dubs bisher jemals lösen mussten. Soviel zum Thema: "überschätztes Zwei-Mann-Team."


King James
Torben Siemer @LifeofTorben ... „LeBron James‘ Prime ist vorbei, seine besten Jahre liegen hinter ihm“, sagte letztens ein Freund zu mir, als wir uns über diverse Sprachnachrichten – wie das heute eben so üblich ist – über den MVPNNSC unterhielten. MVPNNSC, das ist übrigens der MVP Not Named Steph Curry.

Also habe ich nach längerer Zeit mal wieder einen genaueren Blick auf James geworfen. Der ist gerade dabei, sein Team zum sechsten Mal in Serie in die NBA Finals zu führen. Kurzer Blick in die Historie: Das gab es noch nie. Was es in der NBA bisher nicht gab, ist für sich schon etwas Besonderes.

Sicher, der in diesen Jahren oftmals im Vergleich der Conferences eher schwache Osten hat da ein bisschen mitgeholfen. Aber wer ein Spiel der Cleveland Cavaliers mal dazu nutzt, ein Viertel lang nur auf Nummer 23 zu achten, dürfte auch in dessen inzwischen 13. Saison die Tür oftmals einfach nicht zu kriegen.


Wenn LeBron James „locked in“ ist, gibt es das komplette Paket – einen passfreudigen Spielmacher, der aus dem Handgelenk und quer über den Court Pässe genau dahin feuert, wo der Empfänger sie erwartet. Einen Scorer, der beinahe spielerisch zum Korb kommt und dort hochprozentig abschließt. Einen Verteidiger, der dem besten Spieler des Gegners das Leben schwer macht.

Einen Profi, der seine Mitspieler seit Beginn seiner Karriere besser macht. Und vor allem einen Ausnahmeathleten, der trotz 118 Playoff-Spielen allein seit 2011 in der wichtigsten Zeit des Jahres nie verletzt ist.

All das war auch Inhalt unserer Diskussion, am Ende waren wir uns einig – LeBron ist seit Jahren so konstant auf einem so hohen Level, dass wir uns schlicht daran gewöhnt haben. Wer dennoch daran zweifelt, dem empfehle ich „LeBron James bball ref“ in die Suchmaschine seiner Wahl einzugeben.


Eine Ode an Biyombo
Harald Mainka @Harrystocats ... Würde sich Chuck Norris als Basketballer verkleiden, würde er sich das Kostüm des Bismack Biyombo überstreifen. Der Typ ohne Spitznamen dominierte in bester Ben Wallace-Manier ohne zu punkten und ließ in der Verteidigung gehörig die Muskeln spielen.

Biyombo lieferte in Spiel Drei mit 26 Rebounds und vier ausgesprochenen Dikembe Mutombo "Nicht in meinem Haus!" Warnungen und lässt nach dem ersten Doppel-U einer kanadischen Franchise in einem Ost-Finale in der NBA ein ganzes Land wieder hoffen. Darauf, dass gegen Cleveland vielleicht doch etwas geht, nachdem die Raptors bereits gänzlich totgesagt waren.

Der offensive Output von Kyle Lowry und DeMar DeRozan kann für eine halbwegs enge Serie mit ausgeruhten Cavaliers nicht mehr als die Basis sein. Toronto muss seinen Kontrahenten zermürben. 


Dafür braucht es eben genau solche Leistungen seines Aushilfscenters Biyombo, der mit seiner elektrisierenden Art und seinem leichten Hang zum Asozialem in der Defense die Wirkungskreise von Clevelands Penetrationsmaschine eindämmt und mittels seiner Übersicht und Mobilität beharrlich die Zonenschranke runterfahren lässt. 

All die defensiven Unzulänglichkeiten, die Toronto in den ersten beiden Spielen offenbarte, wurden Samstagnacht wett gemacht. Cleveland rieb sich zum ersten Mal an einer funktionierenden Defense auf, erzielte lediglich 20 Punkte in der Zone, gerade 35,4 Prozent der Würfe fanden Nylon und Netz. 

Kleine Provokation brachten Clevelands Fasson ins Wanken, selbst der sonst so abgeklärte James schien es mit Biyombo nach einem zugegeben hartem Foul zu reichen. Spiel Drei war genau der Appetizer für Basketballfans, die mit dieser scheinbar so einseitigen Serie noch nicht warm geworden sind.

Mit einer euphorisierten Stadt im Rücken bekommen die Raptors nun die Möglichkeit, das Momentum ein kleines Stükchen gen Norden zu verschieben - noch steht es 2:1 für Cleveland, aber wir scheinen doch noch eine Serie zu bekommen. Bismack sei Dank!


Totgesagte... sind manchmal wirklich tot
Marc Lange @Godzfave ... Obwohl die Raptors in den Conference Finals stehen, hat sich das Team aus dem hohen Norden bislang nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert. Der Sieg in Spiel drei war gut fürs Selbstvertrauen, insbesondere für das von DeMar DeRozan und Kyle Lowry.


Lowry fand in den ersten zwei Begegnungen gar nicht statt, DeRozan mutiert in gefühlt jedem zweiten Spiel zur Brick-Maschine. Seine Quoten aus dem Feld sind so miserabel, dass viele im ersten Moment denken, bei 16,7 handele es sich um seinen noch einigermaßen akzeptablen Punktedurchschnitt in den Conference Finals. Dabei sind das die Prozente seiner getroffenen Dreier in diesen Playoffs. Autsch!

Die böse Klatsche im ersten Spiel gegen LeBron & Co. war ein Ausrufezeichen. Auch beim zweiten Aufeinandertreffen gab es für Drakes Lieblingsteam absolut nichts zu holen, die öffentliche Meinung scheint seither in Stein gemeißelt. Für Medien, Experten und Fans ist klar: Toronto hat in dieser Serie nicht den Hauch einer Chance - selbst nach dem Sieg in Partie drei.

Ein Optimist würde jetzt sagen: „Erinnert euch an die Houston Rockets 1995! Die haben in den Conference Halbfinals damals die ersten beiden Spiele mit 22 und 24 Punkten Unterschied verloren. Dann kamen sie sensationell zurück, gewannen die Serie 4-3 und schließlich auch den Titel.“ 

Oder wie wäre es mit Chicago? Michael Jordan drehte mit den Bulls 1993 ebenfalls einen 0-2 Rückstand gegen damals bärenstarke New York Knicks. Am Ende wurde Chicago ebenfalls Meister, zum dritten Mal in Folge.

Das Problem an der Geschichte: Toronto ist nicht Houston – und DeMar DeRozan definitiv nicht Michael Jordan. Die Raptors müssen schon etwas mehr zeigen, als einen Sieg vor heimischem Publikum, um zu beweisen, dass Totgeglaubte eben nicht doch tot sind. Schade eigentlich.


Vom Bahnhof
Onur Alagöz @LakersParadigm ... Letztens, Nürnberg, U-Bahn Station, Abends ca. 21 Uhr.
Während ich darauf warte, nach Hause zu kommen, beobachte ich drei bartlose Teenager auf der Bank neben mir. Nicht älter als 13 oder 14 Jahre alt. Alle im gleichen Foot Locker/H&M-Ensemble gekleidet, Adidas Superstars, Cap, nichts Besonderes.

Aber einer von ihnen trägt ein Jersey. Blau mit goldenen Akzenten. Golden State. Auf dem Rücken die 30 – Steph Curry. Ich frage mich, ob sie Basketball-Fans sind oder sich nur so kleiden. 
Also frag ich: „Hey, Kleiner. Meinst du die Warriors gewinnen den Titel?“

Er sieht mich verdutzt an. Er merkt, dass ich auf sein Trikot schaue dabei und kapiert den Zusammenhang. „Ich schau kein NBA, nur Videos auf YouTube. Wusste ich’s doch.

Während ich überlege, ob ich ihm sagen soll, dass ein Jersey nicht zum reinen Fashion-Item degradiert werden sollte, kommt mir die Erkenntnis. Es ist egal. Junge Leute interessieren sich dafür. Curry ist ganz oben angekommen, als Marke, als globale Ikone, als Hauptprotagonist in YouTube Videos.

Und während ich mich verabschiede und in die Bahn einsteige höre ich noch: „Schau das mal an, Alter, der wirft Dreier von der Mittellinie!“


Work it!
Mattis Oberbach @MattisOb ... Die letzten Jahre der Philadelphia 76ers glichen einer Odyssee. Unter Leitung von Kapitän Sam Hinkie wählten sie einen Weg, auf dem sie immer wieder aneckten, jeder Meter Fortschritt wurde (scheinbar) durch zwei Schritt rückwärts wieder egalisiert.


Die Passagiere - die Fans - wurden malträtiert, die Geschwindigkeit des Processes schien der eines Gletschers Konkurrenz machen zu wollen. Und wozu das alles? Um die Lottery zu gewinnen. Um irgendwann an einer Stelle zwischen den Eisbergen hinaus und schließlich wieder in Richtung freies Gewässer schippern zu können.

Jetzt haben die Sixers (im dritten Anlauf á la Hinkie) endlich den ersten Pick und stehen deshalb verdient in den NBA Finals. Ach nein, so weit sind wir noch nicht. 

Denn jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Wen ziehen die 76ers mit dem ersten Pick im kommenden Draft? Simmons? Ingram? Wieder einen Center? Was wird aus Noel und Okafor? Embiid, anyone? Dario Saric? 

Jede Franchise muss sich jedes Jahr um seinen Kader kümmern, doch in Philadelphia ist es in diesem Jahr zum ersten Mal seit einiger Zeit tatsächlich an der Zeit, vorwärts zu denken. Der Sturm scheint überstanden. Jetzt volle Kraft voraus.