04 Mai 2016

4. Mai, 2016


Die Playoffs sind on! Bei so viel irrsinniger Action pro Woche macht es nicht immer Sinn, traditionell zu berichten. Nicht weiter schlimm: die nbachefsquad ist zur Stelle wie Dion Waiters' Ellbogen in Crunchtime und versorgt euch wöchentlich mit artgerechten Häppchen zur Postseason-Action 2016.

von NBACHEFSQUAD

Wayne
Seb Dumitru @nbachefkoch ... Partie zwei der potentiell epischen Halbfinalserie San Antonio vs. Oklahoma City war alles, was eine Playoff-Schlacht zwischen zwei Mannschaften auf Augenhöhe ausmacht. Eng, spannend, hart umkämpft, phasenweise brillant, oft zerfahren, Steven Adams.

Bis sie es in der entscheidenen Phase eben nicht mehr war. Und die NBA-Diaspora in hellste Aufregung versetzte, weil niemand fassen konnte, dass so ein Duell auf so eine Art und Weise enden musste. Anstatt eines perfekt heraus gespielten Gamewinners: Backsteine. Anstatt faszinierend choreographierten Sets: Chaos. Anstatt ehrlichen Emotionen überall nur "Was zum F war das?" Gesichter.

12 umstrittene Sekunden in der Rekapitulation: Dion Waiters ellbog-t Manu Ginobili beim Einwurf. Der Gaucho steht unerlaubt auf der Aus-Linie. Patty Mills foult Steven Adams. Kawhi Leonard foult Russell Westbrook. Serge Ibaka foult LaMarcus Aldridge. Die Refs foulen das Regelbuch. OKC gewinnt.

Die Zebras mussten direkt nach der Partie mindestens einen ihrer Fehler eingestehen. Die NBA war prompt mit dem generischen "Missed Call" Statement zur Stelle, eine sechs bis neun Items umfassende Liste in einer Sequenz, die so seltener ist als ein gut heraus gespielter Thunder-Angriff. Eine Sequenz, die die Liga sogar "für künftige Trainingszwecke" archivieren will.


Cool. Was gar nicht cool ist: der Umgang von euch "Fans" mit dieser Partie, dem Refereeing allgemein und den Fakten im Speziellen. Ihr Holzköpfe seid hier auf dem ganz holzigen Holzweg.

Anstatt über OKCs Auswärtssieg in Texas zu sprechen, die mentale Festigkeit einer nonstop kritisierten Truppe zu thematisieren, die ungewohnten Probleme der Spurs zu mikroskopieren oder die eklatante Unfähigkeit des vermeintlich größten Meisterschaftsfavoriten zu analysieren, sich in zwölf Sekunden einen soliden Wurf zu erarbeiten, wird sich - mit allergrößter Sorgfalt versteht sich - über alles echauffiert, was in besagter Szene nicht korrekt ablief.


Meine Frage zum Schluss: Wayne interessiert's? San Antonio mit Sicherheit nicht, denn sowohl Gregg Popovich als auch seine Truppen wissen, dass sie a) vor Schlusspfiff zwölf Sekunden lang den Ball und multiple Chancen zum Sieg hatten, b) das Spiel nicht dort verloren haben und c) mit OKC ein echtes Problem an ihrem Arsch klebt.

Die Thunder wissen dass sie a) in Spiel zwei Glück hatten, b) mit San Antonio ohne Weiteres mithalten können und c) der Westen, bei all ihren Unzulänglichkeiten als Team, nur über sie selbst geht.

Dieses Spiel hatte viele interessante Geschichten zu erzählen. Die einzige, die niemanden, aber wirklich niemanden kümmert, ist was ihr neunmalklugen Besserwisser von den Schiedsrichtern haltet. Weiter geht's, heute mit Spiel drei, in Oklahoma City...


Dirk lebt
André Nückel @AndreNueckel ... Die Cinderella-Story blieb aus. In fünf Spielen schlugen die Oklahoma City Thunder die Dallas Mavericks klar und verdient mit 4-1. Russell Westbrook bewies zusammen mit Kevin Durant, dass der texanische Flickenteppich eben nicht mehr ist als ein Flickenteppich. So weit, so gut.

Der darauf folgende Abgesang auf Dirk Nowitzki überschritt hingegen abermals die Grenzen. Insbesondere in den deutschen Medien. Sinngemäß hieß es in einer Push-Nachricht: „Thunder schlagen Mavs und beenden Dirkules’ Karriere.“ Selbst beim zweiten Lesen wurde es nicht besser.

Mit durchschnittlich 20.4 Punkten, 4.2 Rebounds und 49.4% aus dem Feld überzeugte der beste deutsche Basketballer aller Zeiten auch im Alter von 37 Jahren. SIEBENUNDDREISSIG! Leider wissen das die Wenigsten zu schätzen; viel schlimmer ist sogar die obszöne Behauptung, wir sähen den großen Blonden nicht mehr seinen unnachahmlich „Flamingo Shot“ nehmen. 

A photo posted by Dallas Mavericks (@dallasmavs) on 

Erst vor wenigen Wochen verkündete Nowitzki, dass „es unfassbar schön wäre, 20 Jahre lang bei einer Franchise zu spielen.“ Und nun, nach einem absehbaren Erstrundenaus gegen einen vermeintlich übermächtigen Kontrahenten soll die Signalwirkung dieser Aussage Risse erhalten haben? So ein Schwachsinn.

Wer den Werdegang der #41 verfolgt hat und zudem ein wenig über Besitzer Mark Cuban sowie Coach Rick Carlisle weiß, der erkennt den Wahrheitsgehalt der Gazetten nach dem Playoff-Aus: nullkommanull. Leider neigt die deutsche Medienlandschaft geschwürartig dazu, jemanden nach einer empfindlichen Niederlage totzureden.

Integer und gewissenhaft ist dagegen die lebende Legende aus Würzburg. Nowitzki wird auch mit 38, 39 (und vielleicht sogar 40) das Trikot seiner Wahlheimat Dallas überstreifen und womöglich nochmal in die Postseason einziehen. Er ist kein geldgeiler Werfer, der sich nur nach Glanz und Gloria sehnt und im Misserfolg Kurzschlussreaktionen tätigt. Wer das nicht einsieht, hat den Basketball nie geliebt.



He's a Idiot
Mattis Oberbach @MattisOb ... Die Thunder haben mit den Mavericks kurzen Prozess gemacht. Einen Ticken weniger kurz als erwartet, befürchtet, aber mit 4-1 doch ziemlich kurz. Und Dallas hatte nie wirklich eine Chance, OKC sportlich beizukommen, sondern musste sich, wie vor dem einzigen Sieg, auf mindgames beschränken.

Trotzdem gewannen Westbrook und Durant dank schnelleren Team mit mehr Superstars, mehr Firepower, mehr Können. Auf der Pressekonferenz nach dem letzten Spiel zeigte sich Kevin Durant dann relativ kurz angebunden und fügte dem Sprachgebrauch eine neue sehr handliche Phrase hinzu. „He’s a idiot.“

Nicht nur Mark Cuban, sondern auch Charlie Villanueva, der Westbrook vor Game 2 am Tanzen (!) gehindert hatte, bekamen das von Durant an den Kopf geworfen. Dass das grammatikalisch nicht ganz korrekt ist: wen kümmert’s? Es passte zur ganzen Situation!

Dass die Thunder nicht immer astrein und fair agieren, das ist klar. Die Mavericks aber waren keinen Deut besser. Wenn diese Serie uns neben den großartigen Thunder eines gelehrt hat, dann dass der Gewinner immer recht hat. 

Und deshalb darf Villaneuva tatsächlich im nächsten Jahr wieder viel zusehen. Ironie des Schicksals: Möglicherweise ist Kevin Durant dann kein Thunder-Spieler mehr, Oklahoma City hätte also gar keinen Star mehr. Oder, Russell...?


Like We Care
Torben Siemer @LifeofTorben ... #They – mit diesem Hashtag kennzeichnen die Portland Trail Blazers, Damian Lillard und auch CJ McCollum seit Wochen immer wieder Tweets zu einem Thema: Der Geringschätzung, der sie sich von vielen besonders Medienvertretern ausgesetzt fühlen.

Vor der Saison hieß es, die Blazers seien im Rebuild und deshalb froh, wenn sie bis zum Saisonende 25 Siege in der Statistik stehen hätten. Im Februar waren sich die Coaches der Liga weitgehend einig, dass für Lillard kein Platz sei im All-Star-Team der Western Conference. Und trotzdem haben die Blazers zum zweiten Mal in drei Jahren eine Playoff-Serie gewonnen. Sicher, die Los Angeles Clippers hatten mit Verletzungen zu kämpfen – aber dies dem jungen Team aus Oregon vorzuwerfen, wäre schlicht Quatsch.


Damian Lillard hat sich sowohl bei Punkten als auch Assists pro Partie unter den zehn Besten der regulären Saison platziert, CJ McCollum wurde mit großem Vorsprung zum Most Improved Player gewählt. Mason Plumlee hat in den letzten Wochen sein Talent als Passgeber entdeckt, Al-Farouq Aminu seinen Dreier im Laufe der Saison und damit seinen Ruf als Three-And-D-Guy etabliert. 

Und dass sich in diesem Sommer das eine oder andere ambitionierte Team mal nach den Zukunftsplänen von Maurice Harkless und Allen Crabbe erkundigen würde, haben im Oktober 2015 wohl nur Optimisten für möglich gehalten. 

Dass dieser junge Kader jetzt in der zweiten Runde die übermächtig scheinenden Golden State Warriors herausfordert, gehört zum Verdienst der nachhaltigen Arbeit von Headcoach Terry Stotts sowie der guten Personalauswahl von General Manager Neil Olshey. 

Und sicher auch der Attitüde, die Lillard und McCollum vorleben. „Us Against Everybody“, wir gegen alle – das haben beide bereits am College verinnerlicht, beide wurden seitdem im Zweifel eher unter- als überschätzt. Wie jetzt die Serie gegen den amtierenden Champion ausgeht, ist letztlich egal. 

Die Blazers haben weit mehr erreicht, als ihnen zugetraut worden war. Sie müssen nur aufpassen, nicht ähnlich wie die Phoenix Suns nach dem frühen Hoch genauso schnell wieder abzustürzen oder gar in den Selbstzerstörungsmodus zu schalten. Es ist allerdings schwer vorzustellen, dass Lillard Selbstzufriedenheit in seinem Locker Room zulässt.


Flick of the Wrist
Tiago Pereira @24Sekunden ... Nur 19 Stunden, länger hielt das „Glück“ der Los Angeles Clippers nicht an. Während Stephen Curry und der Rest der Welt auf die Untersuchungsergebnisse seines Knies warteten, bereiten sich die L.A. Clippers das nächste Spiel ihrer Erstrundenserie gegen Portland vor. Die Botschaft des zweiwöchigen Ausfalls von Curry machte die Runde, die Herzen der Clippers-Fans begannen zu rasen, plötzlich war wieder mit ihrem Team zu rechnen!

Nur zwei Siege standen zwischen ihnen und dem angeschlagenem Meister in einem potentiellen Western Conference Halbfinale. Der Traum von Chris Pauls erstem Conference Finale schien realistischer denn je. Selbst die Larry O’Brien-Trophäe, die seit Blake Griffins Boxeinlage in L.A. als verloren geglaubt wurde, erschien wieder am Horizont.


Nur wenig später flossen Tränen auf den Rängen und auf der Spielerbank von Doc Rivers. In LaLa-Land hatten sie schon vom Finale geträumt, jetzt konnten alle Beteiligten nur die Augen vor der Realität verschließen. Der 25. April 2016 war der schlimmste Tag in der Historie der Franchise. Ohne ihre zwei verletzten Superstars war das Playoff-Ausscheiden gegen Portland nur eine Formalie. Verletzungen ruinierten bereits viele Meisterschaftsträume, doch diese waren wahrscheinlich der finale Nagel im Sarg von Lob City.

Seit nunmehr vier Jahren scheitern die Clippers an ihren eigenen Ambitionen. Diskussionen, in welcher Form das Team am besten harmoniert, ob mit Griffin und ohne Paul, oder umgekehrt, waren Bestandteil einer jeden Spielzeit. Trotz ausreichender (ungewollter) Spielpraxis für beide Modelle lässt sich darauf immer noch keine eindeutige Antwort geben. Nur eines scheint sicher: dass ein Umbruch nach dem erneuten Playoff-Aus bevor steht - ob mit Griffin und ohne Paul, oder umgekehrt.


Supermann
Pascal Gietler @PascalCTB ... Vom Conference Finale zum Erstrunden-Aus in nicht mal einem Jahr. Die Houston Rockets möchten die Saison 2015/16 wohl so schnell es geht vergessen. Die Gründe für den sportlichen Einbruch sind sicherlich vielfältig und nicht vollständig zu erklären. Ein Grund für den Leistungsabfall ist aber sicher auch die Personalie Dwight Howard.

Eine Sache vorneweg: Dwight Howard war offensiv nie Hakeem Olajuwon, aber für viele seiner Teams (besonders unter Stan van Gundy in Orlando) ein enorm wichtiger Faktor. Unter der Woche stieß ich dann auf folgende Statistik: 

Dwight Howard hatte in der abgelaufenen regulären Saison die neunthöchste Usage Rate in Houston. In den Playoffs immerhin die siebthöchste, aber immer noch hinter Spielern wie zum Beispiel Corey Brewer, der im Monat April einen sagenhaften Dreier (bei 20 Versuchen) getroffen hat. 


Dwight Howards Frustration ich daher absolut nachzuvollziehen. Sein Run in Houston war bei weitem keine komplette Katastrophe, aber D12 befindet sich an einem Scheideweg in seiner Karriere, hat womöglich nur noch zwei, drei gute Jahre im Tank. 

Bei aller Kritik verdient Howard es einfach nicht, in der Offensive von den eigenen Mitspielern komplett ignoriert zu werden, besonders nicht auf Kosten von Backsteinen, die in großen Mengen vom Perimeter angeflogen kommen. Der Stress in Houston, er ist hausgemacht.

Wo zieht es den möglichen Free Agent also im Sommer hin? Milwaukee, Orlando, Charlotte, Dallas? Egal, für welches Team sich Dwight Howard in den nächsten Wochen entscheiden sollte: Für ihn persönlich kann es eigentlich nur bergauf gehen.