18 Mai 2016

18. Mai, 2016


Kenny Atkinson zu den Nets, Tom Thibodeau zu den Timberwolves, Scott Brooks zu den Wizards, Luke Walton zu den Lakers, Dave Joerger zu den Kings, Nate McMillan zu den Pacers. Das Trainerkarussell der NBA hat Tempo aufgenommen. Die Houston Rockets gehen es dagegen ruhig an.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Anders als beim Spielermaterial war der Trainerposten der Houston Rockets in den letzten Dekaden eine Konstante. Auf den Meisterschaftstrainer Rudy Tomjanovich folgten Jeff Van Gundy (2003 bis 2007), Rick Adelman (2007 bis 2011) und der vergangenen November entlassene Kevin McHale (2011 bis 2015) – allesamt mindestens vier Jahre sowie mindestens 300 Partien am Steuerrad. Zum (Extrem-) Vergleich: Der 2010 gedraftete DeMarcus Cousins wird bei seinen Sacramento Kings im nächsten Herbst den sechsten Head Coach erleben.

Um einen solchen Verschleiß zu vermeiden, geht die Führungsriege der Rockets um Teambesitzer Les Alexander und General Manager Daryl Morey die Suche nach einem neuen Cheftrainer mit sehr viel Bedacht an. Vor fünf Jahren dauerte es stolze sieben Wochen, bis die Verantwortlichen McHale als neuen Coach präsentierten.

Angesichts der heiklen zurückliegenden Spielzeit und der zahlreichen internen Probleme ist die grundsätzliche Strategie, möglichst viele Kandidaten zum Vorstellungsgespräch zu bitten, nicht verkehrt. Auf diese Weise erhalten die Verantwortlichen vielfältiges Feedback und unterschiedliche philosophische Ideen, um das strauchelnde Boot zurück auf Kurs zu kriegen.


Der Nachteil dieser vorsichtigen Herangehensweise: Die Rockets sind nicht das einzige Team auf der Suche nach einem neuen Coach, qualitatives Personal wartet nicht auf die Texaner oder setzt gar eine womöglich besser passende Stelle nur aufgrund der Eventualität des Jobs im Toyota Center aus.

So geschehen bei Luke Walton. Houston hatten sich bei dessen Noch-Arbeitgeber, den Golden State Warriors, die Erlaubnis für ein Job-Interview eingeholt. Noch bevor dieses überhaupt zustande kam, entschied sich der Assistent von Coach of the Year Steve Kerr jedoch für seine alte Liebe, die Los Angeles Lakers.

Auch im Falle Dave Joergers ist von gegenseitigem Interesse auszugehen, immerhin kennen sich der ehemalige Coach der Grizzlies und Daryl Morey schon sehr lange aus gemeinsamen Tagen in Boston, als der eine Assistent des Trainers, der andere Assistent des General Managers war. Ob die Weggefährten über den leeren Trainerstuhl der Raketen gesprochen haben ist nicht publik – die Sacramento Kings ließen nichts anbrennen und Joerger ist wie Walton vom Markt.

Diese Gefahr droht auch bei Frank Vogel, der die Indiana Pacers zwei Mal in die Conference Finals führte, jedoch im Hoosier-State aufgrund Diskrepanzen seines Spielstils und den Vorstellungen der Chefetage zur Identität des Teams keine Vertragsverlängerung erhielt. Vogel soll bereits mit den Memphis Grizzlies, Orlando Magic und New York Knicks über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen haben. Von einem Date mit Daryl Morey, der den bald 43-Jährigen bereits 2011 auf seiner Kandidatenliste gehabt hat, ist nichts bekannt.

Oder, noch schlimmer, wie im Falle des Favoriten Jeff Van Gundy. Der ESPN-Kommentator wurde lange für denTop-Favoriten auf den Posten gehalten, denn als ehemaliger Rockets-Coach kennt er Organisation und Verantwortliche bestens, wohnt noch immer in Houston und bringt alle Kompetenzen der primären Job-Beschreibung, die Verteidigung auf Vordermann zu bringen, mit.

Um Van Gundy von seiner Paraderolle hinter dem Mikrofon hervor zu locken, wäre mutmaßlich die volle Kontrolle notwendig gewesen, wie sie sein Bruder Stan bei den Detroit Pistons hat – das letzte Wort nicht nur in der Umkleidekabine, sondern auch im Management. Dies wäre allerdings nur mit einer Degradierung, wenn nicht sogar Demission Moreys möglich gewesen.

Statt der hochinteressanten Wiederkehr nach neun Jahren, die ligaweit für Aufsehen gesorgt hätte, ist Van Gundy nur ein weitere Name, der von der Liste gestrichen wird.


Als verifiziert gelten Gespräche mit folgenden Kandidaten:

Chris Finch: Der in Deutschland einigen wenigen als ehemaliger Coach der Gießen 46ers (2003-2004) bekannte Assistent von Kevin McHale und später J.B. Bickerstaff ist der klassische Außenseiterkandidat aus der zweiten Reihe. Finch arbeitete von 2009 bis 2011 für das D-League Team der Rockets und wurde anschließend in die NBA befördert, er kennt das Team bestens, hat aber abgesehen von seinen Erfahrungen in Europa seine Kompetenz an höchster Stelle noch nicht unter Beweis gestellt. Der 46-Jährige galt lange als möglicher Kronprinz Rick Adelmans, den dieser allerdings nicht in seinem Trainerstab installieren wollte, was mit ein Grund für die Trennung mit Adelman war.

Kenny Smith: Zehn Jahre aktiv in der NBA, sechs davon bei den Rockets. Zwei Meisterschaften gewonnen und dabei eine signifikante Funktion eingenommen. Als ehemaliger Point Guard routiniert im Anführen und Dirigieren. Mit 51 Jahren noch im besten Alter. Einige Rahmendaten sprechen nicht gerade gegen den TNT-Analysten. Das Problem: Dieser Job ist die einzige Kompetenz von "The Jet" (nicht zu verwechseln mit Jason Terry). Erfahrungen als Coach oder wenigstens Assistent? Fehlanzeige. Die NBA hat sich seit Smiths Karriereende vor fast 20 Jahren elementar verändert. Zwar weiß er als TV-Experte durchaus zu überzeugen – zumindest mehr als die rein für Sprücheklopfen verantwortlichen Charles Barkley und Shaquille O'Neal –, müsste jedoch bald feststellen, dass Besserwisserei im TV-Studio und der Alltag an der Seitenlinie zwei paar Stiefel sind. Immerhin: Beliebt ist Kenny in Houston immer noch.


Sam Cassell: Anders als Smiths Wegbegleiter kann der 1993 von den Rockets gedraftete Cassell auf eine siebenjährige Karriere als Co-Trainer zurückblicken, zuerst bei den Wizards unter dem leider zu früh verstorbenen Flip Saunders und aktuell bei den Clippers unter Doc Rivers als einem der besten seines Fachs. Anders als Kenny Smith war der 46-Jährige nie wirklich weg aus der NBA, trat direkt nach Ende seiner aktiven Zeit die erste Assistentenstelle an. Cassell kennt also die Liga und die Rockets selbst, hat unter sehr guten Lehrmeistern gedient und wurde von Washingtons All-Star John Wall für seine Fähigkeiten als Mentor und Anführer gelobt.

Mike D'Antoni: D'Antoni gilt als einer der Architekten des modernen, offensiven Tempobasketballs. Seine Schemen wurde zahlreich kopiert und modifiziert, 2005 gewann er die Wahl zum Coach of the Year. Seit diesen glorreichen Zeiten bei den Phoenix Suns, als er mit Steve Nash als verlängertem Arm zwei Mal in Folge die Conference Finals erreichte, ging es für den Italoamerikaner jedoch stetig bergab. Weder bei den New York Knicks (2008 bis 2012), noch bei den Los Angeles Lakers (2012 bis 2014) gelangen ihm nennenswerte Erfolge – im Gegenteil. D'Antonis offensiver Input ist immer noch gefragt, allerdings nur noch in beratender Funktion wie beim Olympia-Team der USA oder derzeit bei den Philadelphia 76ers. Nach dem Scheitern sowohl an der Ost-, als auch an der Westküste wird es schwierig für den inzwischen 65-Jährigen werden, noch einmal einen Club von sich zu überzeugen.


David Blatt: Im Januar trotz sehr guter Siegesquote und Platz eins in der Eastern Conference von den Cleveland Cavaliers entlassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der lange Zeit im europäischen Basketball tätige US-Israeli einen neuen Posten in der NBA einnimmt. Blatt ist ein erwiesener Fachmann, gleich in seinem ersten Jahr gelang der Einzug in die Finals – und das ohne jegliche NBA-Erfahrung als Spieler oder Assistent. Die Begründung für die Entlassung in Cleveland, es habe Meinungsverschiedenheiten mit dem Personal und der zukünftigen Ausrichtung gegeben, liest sich zwischen den Zeilen als Vorwurf des Mangels an Autorität und Führungskompetenz, kann gleichzeitig aber auch auf die wenig für Contenance bekannte Chefetage um Teambesitzer Dan Gilbert zurückgeführt werden.

Jeff Hornacek: Die Suns pokerten im letzten Sommer hoch, gingen mit einem langen Vertrag für Tyson Chandler All-In um LaMarcus Aldridge in die Wüste zu holen – und verloren. Den Preis bezahlte Cheftrainer Hornacek, dem die undankbare Aufgabe zuteil wurde, diesen Scherbenhaufen aufzuräumen. Gepaart mit Streitigkeiten um den über den Trade seines Zwillingsbruder beleidigten Markieff Morris sowie Verletzungsprobleme um Franchise Player Eric Bledsoe entwickelte sich die Saison zum Debakel und forderte im Februar den Kopf des früheren Scharfschützen. Hornaceks Leistungen aus seiner Anfangszeit in Phoenix, als er die Suns in seinem ersten Jahr zu 23 Siegen mehr als in Vorsaison führte, die Playoffs nur knapp verpasste und sich in der Wahl zum Coach of the Year einzig dem ewigen Gregg Popovich geschlagen geben musste, sind dem Rest der Liga nicht verborgen geblieben.


Als weitere mögliche Kandidaten für ein Vorstellungsgespräch werden Ettore Messina, erster Assistent von Gregg Popovich bei den San Antonio Spurs, der im Januar von den Brooklyn Nets entlassene Lionel Hollins sowie die College Coaches Bill Self (Kansas) und Shaka Smart (Texas) genannt.

Prognose
Nach der verkorksten Spielzeit 2015/16 werden die Rockets das Risiko meiden. Finch hat keine Erfahrung auf dem Chefsessel und seine Kompetenzen ohnehin eher in der Offensive, die nicht Houstons Problem ist (Rang acht in offensiver Effizienz). Daher wird er weiter auf seine große Chance warten müssen. Kenny Smith wäre ein noch unkalkulierbareres Risiko – nicht zu vereinen mit Zahlenfanatiker Morey.


Ob die Verantwortlichen nach dem gescheiterten Experiment um J.B. Bickerstaff weiter auf einen Coach ohne jegliche Erfahrung auf höchster Ebene setzen, darf bezweifelt werden. Das minimiert die Chancen Cassells. Aber auch die Veteranen D'Antoni – mit 65 nicht mehr der Jüngste – und Blatt, der mutmaßlich an LeBron scheiterte und in Houston ein ebensolches Alphatier in James Harden vorfinden würde, haben maximal Außenseiterchancen.

Hornacek ist daher auf dem Papier der geeignetste Kandidat, allerdings aufgrund seiner umgänglichen Art ein Kumpeltyp und nicht die Erscheinungsform von natürlicher Autorität, die Houstons Umkleidekabine in der abgelaufenen Spielzeit nötig gehabt hätte. Kritiker werfen ihm vor, die schwierigen Charaktere in Phoenix nicht in den Griff bekommen zu haben: Kein besonders gutes Einstellungskriterium für ein Team, das sich nicht die Mühe gemacht hat, die internen Streitigkeiten zu verbergen. Hornaceks Naturell passt zu einem jungen, aufstrebenden Team ohne unbedingte Verpflichtung zum sofortigen Erfolg. Genau dies ist aber Houstons Anspruch.

Nach Jeff Van Gundys Ausscheiden erscheint das Rennen offener denn je. Von den verbliebenen Kandidaten erfüllt Frank Vogel das Kompetenzprofil am besten, allerdings wurden Treffen mit drei anderen Teams bestätigt, nicht mit den Rockets. Es gilt also weiterhin: In Houston nichts Neues.