28 Mai 2016

28. Mai, 2016


Die Houston Rockets haben einen neuen Head Coach. Das Findungskomitee entschied sich für Mike D'Antoni – zum Entsetzen der Fans. Nach seinem Scheitern in New York und Los Angeles hat der Ruf des Coach of the Year 2005 erheblich gelitten. Es bestehen berechtigte Zweifel an D'Antonis Eignung zum Cheftrainer.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Zurückzuführen ist dieser Beschluss auf Teambesitzer Les Alexander, der den von D'Antoni geprägten erbarmungslosen Offensivstil der Phoenix Suns aus der Mitte des letzten Jahrzehnts schon länger nur zu gerne in Houston sehen möchte und sich nicht endgültig überraschend den Architekten dieser Prägung ins eigene Haus holt.

2007 musste Jeff Van Gundy die Rockets verlassen, weil Alexander dessen defensivorientierte Richtung ablegen und D'Antonis Run and Gun adaptieren wollte. Ausgerechnet jener Van Gundy war nun, neun Jahre später, General Manager Daryl Moreys erste Wahl für den vakanten Trainerstuhl.

Nicht zufällig betonte Houstons Analytics-Guru nach dem Aus in den Playoffs gegen die Warriors, dass der neue Coach vor allem die Defensive neu ausrichten müsse – unter Kevin McHale und J.B. Bickerstaff belegten die Raketen Platz 20 in defensiver Effizienz. Van Gundy oder Indianas Ex Frank Vogel wären dafür mehr als qualifiziert gewesen und Gerüchten zufolge hätte Morey Vogel nur zu gerne zu einem Vorstellungsgespräch geladen, jedoch hatte Alexander zu diesem Zeitpunkt bereits die Weichen in Richtung D'Antoni gestellt.

Unumstritten ist dieser Weg also keinesfalls, nicht im Management und schon gar nicht bei den Anhängern. Bereits vorab wurden Proteste an der heimischen Spielstätte angekündigt, die verstörtesten Fans richteten sogar eine Petition bei change.org ein, um D'Antoni als Coach zu verhindern.


Seine Wahl war... schlecht!
Die erfolgreichen Zeiten D'Antonis liegen ein ganzes Jahrzehnt zurück. 121 von 288 (42%) in New York (2008 bis 2012) und 67 von 154 (44%) in Los Angeles (2012 bis 2014) lauten die Siegesquoten seiner letzten beiden Stationen. Eine Playoffserie hat er seit 2007 nicht gewonnen, überhaupt kein Playoffspiel, seit er die Suns 2008 verließ. So überrascht es nicht, dass D'Antoni in diesem Sommer außer in Houston bei keinem der vielen offenen Trainerstellen überhaupt vorsprechen durfte.

Für die dringend renovierungsbedürftige Defensive der Rockets ist dieses Engagement blanker Hohn. Mit Ausnahme seines letzten Jahres bei den Knicks gehörten die in diesem Jahrzehnt von D'Antoni gecoachten Teams jede Saison zum Bodensatz der Liga. Auch die Argumente, die Rockets würden ihm einen Stab an erfahrenen Verteidigungsministern zur Seite stellen, will nicht so recht greifen.


Denn auf diese Idee sind damals auch die Verantwortlichen in New York und Los Angeles gekommen: Bei den Knicks war Mike Woodson D'Antonis erster Admiral, der zuvor sechs Jahre lang die Atlanta Hawks geführt hatte und in Georgia aus einer der schlechtesten Verteidigungen der Liga zwar keine elitäre, aber immerhin eine stark verbesserte formte. Nach D'Antonis Abgang ging es auch für die Knicks aufwärts, sie beendeten die Saison mit einem 18-6 Lauf – die gleiche Anzahl an Siege hatte D'Antoni mit derselben Mannschaft in 42 Spielen geholt.

Bei den Lakers hatte D'Antoni den heutigen Cheftrainer der Charlotte Hornets, Steve Clifford, an seiner Seite. Mit Clifford am Ruder erreichten die Hornets in den vergangenen drei Jahren immer eine Top-10 Defensive – obwohl die meiste Zeit der beste Verteidiger in Michael Kidd-Gilchrist fehlte. Clifford gilt als eines der defensiven Masterminds der Liga, doch selbst seine Qualitäten reichten nicht, um D'Antonis dogmatisch-eingleisiges System halbwegs zu stabilisieren.

Darüber hinaus hatte der neue Rockets-Coach in New York und Los Angeles große Schwierigkeiten, die Starspieler auf seine Seite zu ziehen. Nicht zufällig trat er bei den Knicks zurück (um einer Entlassung zuvor zu kommen), kurz nachdem Carmelo Anthonys Unzufriedenheit mit seinem Head Coach Schlagzeilen gemacht hatten. Nach D'Antonis Abgang explodierte Melo förmlich, legte deutlich bessere Zahlen auf und wurde zum Garant der oben aufgeführten Serie. Nicht nur Anthony, mehrere Leistungsträger hatten mehr oder minder offen gegen den Coach rebelliert.


D'Antonis Hochgeschwindigkeitsoffensive mit kleinen Lineups mag vor zehn Jahren innovativ gewesen sein. Damals traf er einen Nerv, als einige Teams noch im starren Basketball der Neunziger Jahre verfangen waren und durch seine revolutionäre Art vor ernste Schwierigkeiten gestellt wurden. Inzwischen hat aber jedes NBA Team eine Antwort darauf im Playbook. Die Schemen sind wie er selbst ausrechenbar geworden, entzaubert. Anpassungsfähigkeit? Fehlanzeige. Der Italoamerikaner vertraut stur seinem System, selbst wenn das Spielermaterial nicht passt.

TV-Experte Jalen Rose berichtet aus seiner Zeit bei den Phoenix Suns unter D'Antoni gar von totaler Unprofessionalität in puncto Vorbereitung auf den Gegner. Der Coach of the Year habe überhaupt keine defensiven Vorgaben gestellt oder Analysen betrieben, sondern immer nur sein offensives Vaterunser gepredigt – und das nicht bloß in der Regular Season, sondern sogar in den Playoffs.

Mit dieser fragwürdigen Anstellung erstarken auch die Erinnerungen an eine nachweislich fatale Fehlentscheidung Les Alexanders, die indirekt mit D'Antoni zu tun hat. Unter diesem hatte Jeremy Lin 2012 seine kurze, karrieredefinierende Hochphase, bekannt als „Linsanity“.

Alexander ließ sich davon blenden und war von diesen 20 Spielen so beeindruckt, dass er im folgenden Sommer auf eine Verpflichtung Lins drängte, während Daryl Morey stattdessen Goran Dragić in Houston halten wollte. Alexander sprach ein Machtwort. Das (absehbare) Resultat: Dragić hat inzwischen bei den Miami Heat einen Maximalvertrag unterschrieben, während Lin in Houston keinen Fuß auf die Erde bekam und es auch nach seinem Engagement in Texas in keiner seiner Stationen über die Reservistenrolle hinaus geschafft hat.

Ein schwerer Fehler, aus dem der Teambesitzer nichts gelernt zu haben scheint.



Seine Wahl war... weise!
Die Fehlschläge in New York und Los Angeles haben D'Antonis Ansehen nachhaltig geschadet. Bei aller berechtigten Kritik darf aber nicht vergessen werden, dass der heute häufig gespielte Tempobasketball größtenteils auf ihn zurückgeht. Ehemalige Weggefährten wie Steve Kerr und Alvin Gentry preisen D'Antoni als Wegbereiter des Stils, mit dem die Golden State Warriors in der laufenden Spielzeit Rekorde am Fließband brachen. Seine Kompetenz und Vision von überwältigendem Basketball ist also unbestritten.

Das Scheitern bei den Lakers war zudem mehr oder minder vorprogrammiert. Am ehesten muss sich D'Antoni vorwerfen lassen, diesen Job überhaupt angenommen zu haben, denn er war für den vorhandenen Kader der denkbar schlechteste Kandidat: Vier der fünf Starter hatten die 30 Jahre längst überschritten, kannten Schnelligkeit und Athletik höchstens noch von Highlightvideos vergangener Tage.

Mit der Ansammlung von Superstars (oder solchen, die es sein wollen), war auch kein schnelles Passspiel zu erwarten. Was der damalige Lakers-Center Dwight Howard vom für D'Antoni signifikanten Pick and Roll hält, ist auch in Houston inzwischen hinlänglich bekannt. Dieses Lakers-Team war vom ersten Tag an nicht zu retten gewesen.

Ebenfalls darf nicht vergessen werden, dass für D'Antonis System ein hochbegabter Ballverteiler, wie es damals Steve Nash auf dem Höhepunkt seines Schaffens war, alternativlos ist. Die Liste der Aufbauspieler der Knicks und Lakers seiner Zeit ist durchzogen von Namen wie Chris Duhon, Steve Blake, Kendall Marshall und Steve Nash in seiner Endzeit. Heißt: D'Antoni hatte überhaupt nicht das Material, seine Vorstellung von Basketball umzusetzen.


In James Harden bekommt er einen Spieler, wie er ihn von seiner Vielseitigkeit und gesamten Qualität bei den Knicks und Lakers nicht zur Verfügung gehabt hat. Harden ist als Allzweckwaffe wie gemacht fürs Pick and Roll, er kann zum Korb ziehen und aus jeder Lage treffen, versteht es außerdem, die Mitspieler in aussichtsreiche Position zu bringen. Houston braucht sich nicht um einen Point Guard zu bemühen, der D'Antonis Vorstellungen umzusetzen vermag. Sie haben ihn bereits.

Überhaupt wird vor allem der Bärtige von D'Antonis Ankunft maßgeblich profitieren. Dank Hardens offensiver Naturgewalt stehen die Rockets nominell unter den besten Offensiven der Liga, oft genug agierten die Männer in Rot jedoch unstrukturiert und einfallslos, versuchten so lange einen guten Wurf zu finden, bis sie kurz vor Ablaufen der Shotclock einen verzweifelten Dreier nehmen mussten. Dies wird sich grundlegend ändern.

Anders als in New York oder Los Angeles, die vor D'Antonis Ankunft nicht mit hoher Pace gespielt hatten und somit erst einmal einen kompletten Kulturwechsel erforderlich war, gehören die Rockets schon seit Jahren zu den Teams mit dem höchsten Tempo. Es lässt sich also attestierten, dass seit seiner Zeit in Phoenix die Startbedingungen nirgends besser waren.

Überhaupt stehen die Vorzeichen vielleicht doch gar nicht so schlecht: Vergangenen Sommer holten die Rockets mit großer Euphorie Ty Lawson nach Texas, in der Hoffnung, das Puzzlestück gefunden zu haben, mit einer unberechenbaren Offensive dem Primus aus Golden State gefährlich werden zu können. Das Ergebnis ist bekannt. Womöglich läuft es in diesem Fall genau umgekehrt und der Neuankömmling, den das Umfeld am liebsten gleich wieder mit Fackeln und Heugabeln aus der Stadt jagen möchte, sorgt für Entzücken.

D'Antoni ist diesen Monat 65 Jahre alt geworden. Er weiß genau – dieser Vierjahresvertrag ist seine letzte Gelegenheit, den fraglos ruinierten Ruf zu retten und nicht als Gescheiterter in die Basketball-Geschichtsbücher einzugehen. Sollte er in Houston nicht funktionieren, wird es keine weitere Chance geben.

Folglich muss und wird er aus seinen Fehlern der Vergangenheit lernen, sein kamikaze-haftes „7 Seconds or less“ gründlich hinterfragen und modifizieren, womöglich muss er sich sogar neu erfinden. Vor allem aber muss er auf die Defensivspezialisten hören, die das Management an seiner Seite installiert.

Es ist jetzt an Daryl Morey, in der Free Agency Spieler nach Houston zu lotsen, die in D'Antonis Schemen passen.