18 April 2016

18. April, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Utah Jazz.

von PETER DREWS @PeterDrews1990

Saison 15/16
Die Saison 2015/16 begannen die Utah Jazz mit einer anderen Erwartungshaltung als die Jahre davor. Ging es früher nur um Spielerentwicklung und „wir spielen einfach Basketball und schauen was passiert“, wollten die Jazz Fans aufgrund der zweiten Saisonhälfte 2014/15 endlich wieder Playoff Luft schnuppern. Das letzte Postseason Spiel ist immerhin drei Jahre her.

Noch bevor die Saison begann, der erste Schock. Dante Exum riss sich bei einem Freundschaftsspiel der australischen Nationalmannschaft das Kreuzband. Damit war die Saison für ihn gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass die Verletzungsmisere sich über die komplette Saison ziehen sollte. Denn die gesamte Spielzeit über mussten die Jazz immer wieder längere Zeit auf Leistungsträger verzichten. Rudy Gobert, Derrick Favors und Alec Burks fielen allesamt wochenlang aus und hinterließen eine klaffende Wunde.

Die Verletzung von Exum brachte zudem ein riesiges Problem mit sich. Wem übergibt man die Verantwortung für den Spielaufbau? Utah musste sich entscheiden, ob es den Brasilianer Raul Neto starten lässt oder ob Trey Burke von Beginn an aufläuft. Letztendlich entschied sich das Team dazu, dem brasilianischen Rookie Neto den Vorzug zu geben.

Dieser war im Spielaufbau teilweise so überfordert, dass sich Gordon Hayward immer wieder als Playmaker einschalten musste um für sich, aber auch die komplette Mannschaft zu kreieren. Da Burke defensiv allerdings nicht funktionierte, reagierten die Verantwortlichen und holten im Tausch für einen Zweitrundenpick Shelvin Mack von den Atlanta Hawks nach Salt Lake City. Der Move sollte die Situation ein wenig entspannen, Hayward konnte sich wieder mehr auf seine Fähigkeiten als Scorer fokussieren.

Dass die Jazz am Ende der Saison mit leeren Händen dastehen und die Spieler schon Mitte April ihren Urlaub buchen können, liegt auch an der Unerfahrenheit der jungen Mannschaft. In engen Spielen, die fünf Minuten vor dem Ende maximal fünf Punkte Unterschied aufwiesen, ergab sich eine Bilanz von 14-28. Utah verpasste die Playoffs um einen einzigen Sieg. 


Offseason Agenda
Um im nächsten Jahr die Playoffs zu erreichen, bedarf es vor allem eines Point Guards, der im Angriff die Last von Haywards Schultern nimmt. Exum trainiert schon seit einiger Zeit wieder individuell und war bei den vergangenen Roadtrips immer an der Seite der Mannschaft. Außerdem könnte es sein, dass er im Sommer mit der australischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen an den Start geht.

Die Hoffnungen liegen bereits jetzt auf den Schultern des ehemaligen fünten Picks aus 2014. Ob er den hohen Erwartungen gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Denn auch vor seiner Verletzung überzeugte Exum nur teilweise. Seine Defense war zwar beeindruckend, allerdings fehlte es in der Offensive an Kaltschnäuzigkeit und dem sogenannten Scorer-Gen.

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Wo wir gerade bei der Offensive sind – hier liegt das Hauptproblem der Mannschaft aus dem Mormonenstaat. Die beiden Starter im Frontcourt namens Gobert und Favors erschweren teilweise das Spacing der Mannschaft, indem sie sich gegenseitig in der Zone behindern. Gobert ist offensiv limitiert und kann nur in Ringnähe nach einem erfolgreich gelaufenen Pick & Roll per Korbleger oder Dunk abschließen. 

Bei Favors sieht das ein wenig anders aus. Er ist in der Offensive vielseitiger und kann sowohl aus dem Pick & Roll hart zum Korb abrollen, als auch sich in die Mitteldistanz zurückfallen lassen, um den Abschluss per Jumpshot zu suchen.

Für den modernen Stretch Vierer fehlt ihm aber eine der wichtigsten Eigenschaften: ein verlässlicher Distanzwurf bis hinaus zur Dreierlinie. Diesen muss er sich im Sommer erarbeiten. Zum einen würde es sein Spiel unberechenbarer machen und zum anderen mehr Platz für Gobert in der Zone schaffen.


Personal
Die Verträge von Hayward und Co. laufen über die Saison hinaus. Lediglich der Vertrag von Trevor Booker läuft aus. Die Arbeitspapiere von Chris Johnson, Jeff Withey und Mack sind nicht garantiert. Zumindest Mack sollte sich für die neue Saison aber keine Sorgen um einen Arbeitgeber machen. 

Booker ist in seinem Spiel technisch limitiert, macht den Rest aber mit einem großen Herz und unbändigem Willen wett. Das haben auch andere Teams in der NBA erkannt. Angeblich sind die Wizards aus der Hauptstadt daran interessiert, Booker im Sommer unter Vertrag zu nehmen. 

Die Jazz könnten sich durchaus erlauben, Booker ziehen zu lassen, denn auf den großen Positionen besteht eher ein Überangebot. Außerdem haben die Jazz mit Trey Lyles im letztjährigen Draft bereits einen Power Forward erhalten, der mit seinem cleveren Spiel und einem guten Wurf zu überzeugen wusste.

Auf der Center-Position muss sich Utah wohl zwischen Whitey und Tibor Pleiß als Backup für Gobert entscheiden. In der letzten Spielzeit sahen beide nicht viele Minuten. Pleiß wurde in der D-League geparkt. Withey kam nur zu Spielzeit, als Gobert und Favors verletzt ausfielen. Wenn alle fit sind, vertraut Snyder eher auf ein System mit Favors oder Booker auf der Fünf, wenn Gobert pausiert.


Aber auch auf den kleinen Positionen wird es Veränderungen geben. Mit Exum, Burke, Burks, Hood und Neto gibt es einen Spieler zu viel in der Rotation. Am wahrscheinlichsten ist es, dass Trey Burke Utah im Sommer verlassen wird. Im defensiv orientierten Team scheint für ihn kein Platz mehr zu sein, da er sich immer wieder Fehler am eigenen Ende leistet und seine Entwicklung stagniert. 

Zudem fordert Burke eine größere Rolle im Team. Ob er die aber in Utah erhalten wird, ist unklar. Eine seiner großen Stärke ist es, als Mikrowelle von der Bank zu kommen und zu scoren. Wenn ein Playoff-Team sich mit einem Spieler seiner Art verstärken will, würde sich GM Dennis Lindsey Angebote mit großer Sicherheit anhören.


Draft
Utahs Pick wird mit ziemlicher Sicherheit am Ende der Lottery landen. Zu diesem Zeitpunkt noch einen Point Guard mit Impact zu finden, der auf der Stelle weiterhilft, wird ziemlich schwer. Zudem hat man dieses Jahr die Möglichkeit, in der zweiten Runde zwei Mal zu wählen.

Eine weitere Möglichkeit wäre, per Trade einen erfahrenen Spieler nach Salt Lake City zu holen, der die Mannschaft zu mehr Stabilität führen kann. An dieser Stelle haben die Jazz viele Möglichkeiten, den bestehenden Kern der Mannschaft zu ergänzen.


Kohle
Auch die Jazz haben im Sommer die Taschen voll und können in der Free Agency beliebig mitmischen. Allerdings bleibt es zu bezweifeln, ob sich einer der großen Free Agents auch nur die Mühe macht, sich eine Flugverbindung nach Salt Lake City zu suchen, um GM und Coach mit seiner Anwesenheit zu beehren.

Das Hauptaugenmerk sollte auf den vorhandenen Spielern liegen und dem Versuch, diese und das Team sukzessive zu verbessern. Dass Utah das kann, zeigt die Vergangenheit, denn weder Favors, Gobert, noch Burke wurden von den Jazz gepickt, sondern über kleinere Deals während und nach dem Draft nach Salt Lake City gelotst. 


Zukunft
Die Playoffs sollten es schon sein, oder? Vom Roster her hätte Utah bereits dieses Jahr zu den besten Acht im Westen gehört... wären da nicht die Verletzungen und Unerfahrenheit gewesen. 

Coach Quin Snyder macht einen grandiosen Job und hat eine der talentierten Mannschaften der NBA unter seinen Fittichen. Noch dazu verfügt man über eine der besten Defensiven und über das beste Frontcourt-Duo, wenn es ums Beschützen des eigenen Ringes geht.

Wenn die Mannschaft fit bleibt und auf der Point Guard Position eine Lösung findet, die Hayward und Favors in der Offensive entlastet, könnten sich die jungen Jazz in der neuen Saison an die 50 Siege-Marke heran arbeiten.