07 April 2016

7. April, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Zum Auftakt: die Phoenix Suns.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Saison 15/16
Was als ambitionierter Schritt zurück in die Playoffs gedacht war - Phoenix hat die Postseason seit 2010 nicht mehr erreicht, die drittlängste aktive Serie wenn Detroit wie erwartet den Sprung packt - wurde schnell zum Blindgänger, der die gesamte Suns-Franchise zurück in ihre Einzelteile sprengte.

Dieser Klub träumte von Platz acht (mindestens), landete am Ende aber auf Platz achtundzwanzig. Das ist nicht gut. Nur die L.A. Lakers und Philadelphia 76ers fuhren weniger Siege ein, bei jedoch völlig anderer Erwartungshaltung und akuter institutioneller Weigerung, kompetitiv und/oder respektabel aufzutreten.

Die Suns wollten, konnten aber nicht. Rang 28 in Offense und Defense, das drittmieseste Net-Rating und ein nicht enden wollender Tumult von einer Saison, inklusive schwerer Verletzungen, interner Grabenkämpfe, Head-/Assistant-Coach Entlassungen und Meuterei auf der Bounty, ließen alle Beteiligten die Offseason bereits im Winter herbeisehnen.

Phoenix fiel nach solidem 8-9 Start komplett auseinander, gewann nur vier Partien im Dezember, zwei im Januar und eine einzige im Februar. Ein katastrophaler 6-35 Zwischenstopp forderte personelle Opfergaben: der solide und vor Kurzem noch abgefeierte Cheftrainer Jeff Hornacek wurde durch Interimslösung Earl Watson ersetzt, der dauerstänkernde Miesepeter Markieff Morris nach Washington getradet.

Es gab, in all dem angsteinflößenden Dunkel, auch kleine Lichtblicke, allen voran Rookie-Guard Devin Booker. Mirza Teletovic, T.J. Warren und Eric Bledsoe (vor ihren Verletzungen) machten ebenfalls wenigstens ein bisschen Spass. Alles in allem war 2015/16 für Phoenix dennoch ein gigantischer Griff ins Klo und, von der Debut-Saison vor knapp 50 Jahren einmal abgesehen, die stinkigste Spielzeit der Team-Historie.


Offseason Agenda
Diese Franchise muss im Sommer endlich die Frage beantworten, wohin sie eigentlich wann wie gelangen möchte. Das Ziel ist selbstredend: die Playoffs sollen es sein. Klar. Das Problem bleibt: Wie dahin kommen, ohne sich zu beamen?

Phoenix ist sich selbst eine Lösung für dieses Dilemma schuldig und muss seine Zwischenziele klarer abstecken. Will dieser Klub weiterhin den wenig ertragreichen Weg mit einer Mischung aus Youngstern und Veteranen gehen, die sich gegenseitig Spielzeit wegnehmen? Beispiele gibt es hier zu viele: Tyson Chandler/Alex Len, Brandon Knight/Devin Booker, PJ Tucker/TJ Warren… diese Blockaden hemmen die Entwicklung der Young Guns und frustrieren bewährte Profis, die nicht Teil eines Rebuilds sein wollen.

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Oder nutzt der bisher blasse General Manager Ryan McDonough die Chance, den Wiederaufbau zu rekalibrieren, indem er vermehrt auf das setzt, was er am besten kann (Youngster evaluieren/draften) und weniger auf das, was er gar nicht kann (Veteranen verpflichten)? Das würde diesem Team zumindest wieder eine klare Richtung geben.

Für eine klare Richtung ist natürlich auch ein kompetenter Kapitän aka. Head Coach unerlässlich. Die Liste der verfügbaren Übungsleiter gibt zahlreiche interessante Kandidaten her: Jeff van Gundy, Tom Thibodeau, Kevin McHale, Scott Brooks, David Blatt, Monty Williams… oder der frisch gebackene Championship-Coach der Villanova Wildcats: Jay Wright.

Um einen dieser Hochkaräter an Land ziehen zu können, brauchen die Suns Klarheit. Hinter den Kulissen, also im Front Office. Und im Kader. Eine ehrliche Selbsevaluation und das Eingeständnis, dass sich dieser Klub in den letzten Jahren drei Mal im Kreis gedreht hat, ohne einen Zentimeter zu avancieren, ist der erste, essentielle Schritt zurück in die Erfolgsspur.


Personal
Sieben Suns stehen über den Sommer hinaus unter Vertrag: Eric Bledsoe, Brandon Knight, Tyson Chandler, Alex Len, Devin Booker, T.J. Warren und Archie Goodwin. Zwei haben ungarantierte Deals: P.J. Tucker und John Jenkins. Der Rest wird Free Agent oder kann es werden: Mirza Teletovic, Jon Leuer, Chase Budinger und Ronnie Price.

Im Vergleich zu den meisten anderen Lotto-Teams zwischen eins und zehn bringt dieses Team fast schon zu viel mit. Zuviel fürs eigene Gut, soll das heissen. Es ist nicht so, als würde den Suns basketballerisches Talent fast vollständig abgehen – im Gegensatz zu Klubs in New York, L.A. und Philly, beispielsweise.

Die bereits genannten Doppelungen auf den jeweiligen Positionen richten aber mehr Schaden als Positives an. Das von Hornacek präferierte System mit zwei Point Guards ist mittlerweile nicht nur ligaweit etabliert und damit irgendwo auch durchschaut, sondern angesichts der personellen Besetzung hier auch nicht wirklich umsetzbar. Weder Bledsoe noch Knight sind pure Point Guards.

Idealerweise würde Knight von der Bank kommen und die zweite Garde anführen – vor allem angesichts des Aufstiegs von Booker, der sich nicht nur in meinem Buch als klarer All Rookie First Teamer etablierte und Phoenix’ explosivste Offensivwaffe darstellt. Er ist – viel früher als erwartet – ein viel kompletterer Angreifer als antizipiert, kann aus dem Dribbling kreieren und das Spiel auf andere Arten beeinflussen als nur mit seinem seidigen J. Seine natürliche NBA-Position ist die Zwei. Phoenix’ sollte es sich dringend verkneifen, Bledsoe, Knight und Booker nebeneinander aufzustellen.


Was geht auf dem Flügel? Die Chance, den geborenen Scorer T.J. Warren an der Seite von jemandem wie Booker zu evaluieren, verpuffte mit Warrens Sprunggelenk schon vor Monaten. Solange im Draft aber nicht eine klar bessere Langzeitoption verfügbar wird, muss der erst 22-jährige Warren weiterhin gesetzt sein.

Selbiges dachten alle eigentlich auch von Alex Len, den einstigen fünften Pick. Chronische Verletzungen und die sehr langsame Entwicklung des Centers haben Phoenix in die Ecke manövriert. Sein Mentor Tyson Chandler ist unglücklich, beide zusammen aufzustellen jedoch unmöglich. Einer von beiden muss im Sommer gehen. Wenn die Suns Gegenwert für Chandler bekommen können, sollten sie den Veteranen traden. Seine Trajektorie ist völlig inkompatibel mit der aller anderen Protagonisten hier.

Überhaupt ist die Mischung aus Youngstern und Veteranen keine allzu produktive. Bewährte Pros wie Chandler, Tucker, Leuer und Teletovic wären bei Playoff-Aspiranten weitaus besser aufgehoben als im Depth Chart vor Nachwuchsspielern, denen sie wichtige Entwicklungsminuten wegnehmen. Will Phoenix in dieser Dekade wieder relevant sein, muss dieses Konvolut aufgebrochen werden.


Draft
Im Draft könnten die Suns eine Menge Boden gut machen. Zumal McDonough und sein Stab in diesem Management-Teilbereich bisher eine solide Figur abgaben - also solide, gemessen an der von ihnen mitverursachten Massenkarambolage in anderen Facetten.

Je nachdem, wie wohl die Draft-Götter den Suns gesonnen sind, ist sogar der Top-Pick drin. Die Chance darauf steht mit 15,6 Prozent für das derzeit drittmieseste Team der Association gar nicht mal so schlecht. Es sind bekanntlich schon verrücktere Sachen passiert. (Hi, Cleveland!)


Selbst unter der Prämisse, dass Phoenix „nur“ dort finisht, wo es momentan steht (mehr als die Hälfte all meiner Draft-Simulationen kredenzt dem Wüstenteam den dritten Pick), ist ein Franchise-Changer in play. Ein Ben Simmons, Brandon Ingram, Jaylen Brown oder Ivan Rabb Typ auf dem Flügel, vielleicht Skal Labissiere auf Groß, und die Suns wären plötzlich auf allen fünf Positionen mit Jugend und Talent gesegnet.

Für Phoenix geht eventuell sogar beides. Der eigene Pick landet fast garantiert unter den Top-Fünf. Dazu gesellt sich der Pick aus Washington, der zwar 1 bis 9 geschützt ist, aber im Bereich 10-12 nach Arizona kommen wird, da die Wizards die Playoffs knapp verpassen werden. Einen dritten First Rounder gibt es obendrauf, aus Cleveland – zwar weit unten (ca. 25), aber ein First Rounder nichtsdestotrotz.


Kohle
McDonough hat Moneten-technisch im Sommer keine schwierigen Entscheidungen zu treffen. Alle Verlängerungen mit den Youngstern sind noch eine Weile hin. Die teuersten Veteranen sind langfristig unter Vertrag. Je nachdem, wie er mit den eigenen Free Agents verfährt und wo genau die Salary Cap Latte letztendlich einrastert, blickt Phoenix bis zu 30 Millionen Dollar Cap Space entgegen.

Das ist mehr als genug, um entweder einen Max-Deal rauszuballern oder – und das ist in diesem Fall realistischer – ein paar solide Verstärkungen im Midlevel-Bereich zu tätigen. Auch hier ist die Richtung und schlussendliche Umsetzung der Agenda viel wichtiger als die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.


Zukunft
Phoenix stand jetzt mehrmals in Folge an derselben Weggabelung. Allein, es ging immer den Hensel & Gretel Weg. McDonough und sein chronisch unzufriedener Teambesitzer Robert Sarver müssen dringend einsehen, dass die Erfolge der Warriors und Spurs in der eigenen Conference nicht replizierbar sind, ohne zuerst eine Franchise-Kultur zu etablieren.


Zwischenmenschliche Faktoren sind im Sport immer wichtiger als die blinde Akkumulierung von Talent. Der eben erst entlassene/gegangene/zurückgetretene Sixers-GM Hinkie kann davon mindestens 13 Seiten singen, ebenso wie sein Ziehvater in Houston, Evil Daryl Morey.

Die Suns hatten unter Hornacek mit ihrem Doppel-Pointguard-System Erfolg, rissen das delikate Konstrukt aber auf der Jagd nach Mehr mit ihren überhasteten/unüberlegten Entscheidungen selbst ein. Den Preis dafür bezahlen sie heute noch.

Unterm Strich: die Situation in Phoenix ist beschissen as can be, aber nicht völlig hoffnungslos. Es gibt eine Handvoll Teams, die gerne mit den Suns und ihrem Anlagenportfolio tauschen würden. Eine neue Talentinfusion im Sommer könnte die Weichen endgültig auf Rebuild stellen.

In dem Fall müssen die Suns nur mutig genug sein, den Reset-Knopf komplett und ohne schlechtes Gewissen durchzudrücken... anstatt wie bisher alles auf einmal zu wollen und letztendlich doch nichts zu bekommen.