12 April 2016

12. April, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Philadelphia 76ers.

von PHILIPP LANDSGESELL @nbachefkoch

Saison 15/16
Die Saison 2015/16 stand schon unter einem schlechten Stern, als sich Center-Hoffnung Joel Embiid im Sommer erneut am Fuß verletzte und für die komplette Saison ausfiel. Personell kamen Nummer-3-Pick Jahlil Okafor und Vorjahres-Lottery-Pick Nik Stauskas hinzu. Das sollte aber nichts daran ändern, dass der Kader der Sixers der mit Abstand mieseste in der Association war.

Mit Niederlagenserien dieses Ausmaßes hat vermutlich dennoch keiner gerechnet. Sportlich sollte es gerade einmal dazu reichen, mit zehn Spielen nur knapp mehr zu gewinnen als in der Saison 1972/73, als ebenfalls Philly mit nur neun Siegen einen All-Time NBA-Negativrekord aufstellte.

Die 76ers stellten in diesem Jahr die schlechteste Offensive, und auch die im vorigen Jahr vorzeigbare Verteidigung verschlechterte sich eklatant. Das Experiment Noel/Okafor wurde bereits nach kurzer Zeit gestoppt, und so taumelten die Sixers hilflos von Niederlage zu Niederlage.

Da auf diese extremen Niederlagenserien keiner eingestellt war, schepperte es hinter den Kulissen umso mehr. Im Dezember wurde Sport-Urgestein Jerry Colangelo als „Aufseher“ für General Manager Sam Hinkie eingestellt. Waren die Besitzer im Sommer noch geduldig mit dem eigenen Rebuild-Prozess, zeigten sich erstmals Risse zwischen ihnen und Hinkie. 

Wer schlussendlich personelle Entscheidungen fällt, wurde von der Franchise nicht kommuniziert. Kurz vor Ende der Saison wurde nun klar, wer die Richtung der Sixers in den kommenden Jahren vorgeben soll. Nachdem Hinkie degradiert werden sollte, schmiss dieser das Handtuch und trat als General Manager der Franchise mit sofortiger Wirkung zurück. 

Durch das Bekanntgeben der Meldung, dass der Sohn von Jerry Colangelo, Bryan, der neue General Manager wird, stehen die Besitzer in einem schlechten Licht da. So schlecht, dass selbst Kings-Besitzer Vivek Ranadivé vermutlich den Kopf schüttelt.

Die Sixers '15/16: Ein Witz auf und nun auch noch neben dem Platz. 


Offseason Agenda
Bevor es in irgendeine Richtung gehen soll, müssen sich die Besitzer klar darüber werden, wie der Rebuild weitergeführt werden soll. Wird weiter auf junge, talentierte Spieler gesetzt oder wird in diesem Sommer das erste Mal seit drei Jahren das Portemonnaie geöffnet? 


Wird weiter nach einem transformierenden Superstar gesucht oder sollen mit NBA-Durchschnittsspielern wieder die Sixers vor dem Rebuild kopiert werden? Werden zukünftige Assets für den schnellen Erfolg geopfert? 

Die Filet-Stücke unter den Free Agents dürften sich keine Sekunde mit den Sixers beschäftigen, dafür hat das Team zu viele eklatante Schwächen. Es wird für Colangelo dennoch darum gehen, das katastrophale Qualitätslevel irgendwie aufzustocken.


Personal
Der neue General Manager muss den verstopften Front Court frei machen für die Spieler, auf die zukünftig gesetzt werden soll.

Für Nerlens Noel, Jahlil Okafor, Jerami Grant, Richaun Holmes, einen hoffentlich genesenen Joel Embiid und potenziell Ben Simmons sind zu wenige Minuten verfügbar, um sich zu entwickeln. Auch scheint es aktuell unrealistisch, dass die Sixers mit den drei Centern Noel, Okafor und Embiid in die neue Saison gehen werden. 


Neben den genannten Bigs haben nur Stauskas, Carl Landry und Robert Covington garantierte Verträge für die kommende Saison. Bei Kendall Marshall, Hollis Thompson und T.J. McConnell haben die Sixers die Möglichkeit, per Option die Verträge um mindestens ein Jahr zu verlängern. 

Wer spielt auf den Guard Positionen? Der Front Court liest sich nett, auf den kleinen Positionen sieht es dagegen grausig aus.

Per Free Agency, Draft oder Trade müssen akzeptable Guards in die Stadt der brüderlichen Liebe geholt werden. Der mitten in der Saison verpflichtete Ish Smith stellte sich nach einem kurzen Hoch auch nicht als zukünftige Lösung auf der Eins heraus. 


Draft
Der Draft wird die erste Bewährungsprobe für das neue Management sein. Zum ersten Mal seitdem der „Process“ ausgerufen wurde, haben die Sixers die schlechteste Bilanz und damit verbunden die höchste Chance auf den ersten Pick. 

Werden die Prozentzahlen der Sacramento Kings - mit denen die Sixers ihren Pick tauschen dürfen - mit eingerechnet, haben die Sixers 283 von 1000 Bällen in der Lottery. Dazu bekommen die Sixers den Pick der LA Lakers, falls der aus den Top-3 fällt. 


Wird den Draft-Experten glauben geschenkt, sind mit Ben Simmons und Brandon Ingram nur zwei echte Game-Changer zu haben. Alles andere als Pick Nummer Eins oder Zwei wäre eine riesige Enttäuschung nach den anhaltenden Strapazen, die ein Sixers-Fan über die Jahre hat über sich ergehen lassen müssen. 

Mit dem Kroaten Dragan Bender, Jaylen Brown, Kris Dunn oder Jamal Murray sind jedoch weitere interessante Spieler verfügbar, die weiter unten selektiert werden könnten - vielleicht ja mit dem Lakers-Pick, falls dieser nach Philadelphia abgetreten werden muss. 

Mit einem zusätzlichen Pick aus Miami, der in den frühen Zwanzigern liegt, beziehungsweise der Oklahoma City Thunder, der vermutlich auf #27 landen wird, können die Sixers auf weitere Erstrundentalente setzen - oder interessante Tradepakete bauen. 


Kohle
Bis auf Carl Landry sind alle Spieler noch in ihren Rookie-Verträgen oder wurden für das Minimalgehalt verpflichtet. Heißt: Auch mit den neuen Rookie-Verträgen haben die Sixers massig Cap Space zur Verfügung. 

In den letzten Jahren haben die Sixers kein nennenswertes Geld für Free Agents ausgegeben. Der anstehende Sommer könnte der erste sein, in dem das wieder passieren wird.

Einen dicken Fee Agent Fisch werden die Sixers wohl nicht verpflichten können. Realistisch scheinen aber unspektakuläre Ergänzungen zum Kader zu sein... wie auch immer der nach dem Draft aussehen wird.  


Zukunft
In diesem Sommer sollen die Sixers aus der sportlichen Lächerlichkeit gezogen und wieder relevant werden. Die Voraussetzungen dafür wurden vom geschassten Sam Hinkie geschaffen. Mit potenziell vier Erstrundenpicks - davon zwei in der hohen Lottery - wird der Kader (notwendigerweise) umgeräumt werden. 

Die letzten Unruhen in der Franchise lassen darauf deuten, dass die Owner nicht mehr vollends den Rebuild unterstützen. Die Machtspiele des Jerry Colangelo haben der Franchise auch im Außenbild extrem geschadet.  

Die ohnehin schon gespaltene Fanszene in Philadelphia wurde dadurch noch weiter voneinander getrennt. Der neue General Manager wird die schwere Aufgabe habenm aus den unzähligen Assets ein junges, talentiertes Team auf die Beine zu stellen, das in der kommenden Saison für sportlich positive Nachrichten aus Philadelphia sorgen soll. 

Da würde ein fitter Joel Embiid natürlich sehr helfen. Der Kameruner verpasst zwar die Summer Leauge, soll aber zum Start der neuen Saison fit sein. Der Center könnte all die Schmerzen des Rebuilds wert gewesen sein - solange ihn der Verletzungsteufel nicht erneut heimsucht.

Philadelphia bleibt bis auf Weiteres im Tabellenkeller gefangen - daran werden auch neue sportliche Entscheidungsträger nichts ändern. Nur mit Glück und viel Geduld ist hier echte Besserung in Sicht.