25 April 2016

25. April, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Los Angeles Lakers.

von ONUR ALAGÖZ @LakersParadigm

Saison 15/16
Falls ihr die letzten Monate unter einem Stein oder in Nepal verbracht habt, hier die drei Worte, um die es in dieser abgelaufenen Saison bei den Los Angeles Lakers einzig und allein ging: Kobe Fucking Bryant.

Die Farewell-Tour der Legende war so ziemlich das einzig Erwähnenswerte in dieser langen, langweiligen, schlimmen Saison - es sei denn wir wollen in tiefe Abgründe vordringen und das über die sozialen Medien teilen. Das wollen wir eigentlich nicht.

Dass Byron Scotts Truppe zum dritten Mal in Folge die Playoffs verpassen würde, konnten nicht mal die härtesten Fans bezweifeln. Dass allerdings erneut eine Negativmarke für die wenigsten Siege aller Lakers-Zeiten aufgestellt wird, ist hart.

Folgerichtig stand auf dem Plan: Gatorade trinken, Rookies spielen lassen und Kobe einen möglichst extravaganten Abgang bescheren. Wer hält sich da also mit Nichtigkeiten wie Defense auf (Defensiv-Rating: Letzer Platz). Um aber fair zu sein, beim Angriff waren die Lakers immerhin nur Vorletzter in der Liga. Ein absolutes Trauerspiel also. 

Die einzig positive Überraschung war in der Tat Kobes Farewell-Tour und sein Berserker-Bash im Abschiedsspiel. Welch ein wahnwitziger Auftritt und Abgang der Black Mamba. 60 Punkte im letzten Spiel einer legendären Hall of Fame Karriere. In dem Alter. Oh, Kobe! Mamba out.


Offseason Agenda
Natürlich klafft eine große Lücke im Personalbogen. Vor allem die Stelle des Shooting Guards, die zum ersten Mal seit zwanzig Jahren vakant ist, muss gefüllt werden. Kobes Abgang schafft automatisch den Beginn einer neuen, post-Kobe Ära. 

Nicht nur dort herrscht dringende Notwendigkeit nach neuer Qualität. Auch auf den großen Positionen ist Los Angeles hoffnungslos unterrepräsentiert. Insgesamt geht es vor allem darum, bessere Basketballspieler zu verpflichten, als zuletzt.

Allgemein muss sich der Club entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Die letzten Jahre waren ein einziges Vegetieren, ohne Richtung und Verstand. Sie waren zu feige im Front Office, um die Bude komplett abzureißen, wollten stattdessen kernsanieren. Dass das aber nicht möglich ist mit einem engagierten Spieler wie Kobe – und seinem Gehalt – im Nacken, war eigentlich von vornherein klar. 

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Verfällt L.A. also wieder seinem früheren Prinzip und kauft sich wahllos Talente zusammen, die nicht zusammenpassen? Oder versuchen die Lakers, organisch ein Team hochzuziehen, wachsen zu lassen, punktuell verstärkt mit den richtigen Veteranen an den richtigen Positionen?

Gemeinsam eine Linie fahren, die die Spurs groß gemacht hat, würde auch den Lakers gut bekommen. Ein System auf die Beine stellen, das langfristig erfolgreich ist und nicht nach einer Saison wieder zerfällt.


Personal
Der Lakers-Kader ist nach diesem Sommer stark dezimiert. Jordan Clarkson, Roy Hibbert, Ryan Kelly, Metta World Peace, Robert Sacre, Tarik Black und Marcelo Huertas werden vertragslos.

Brandon Bass kann seine Player-Option für ein Jahr und 3 Mio $. Ziehen, was er aber wohl kaum tun wird. Auf dem freien Markt wird er jetzt noch einen längerfristigen Deal bekommen, der ihn zumindest für die nächsten Jahre absichern wird. 


Clarkson, der bisher ein lächerliches Rookie-Gehalt bezog, wird die erste eigene Priorität in diesem Kader sein. Zwar wird es ihm vermutlich noch nicht für den ganz großen Payday reichen, aber solange noch kein Superstar an Bord ist, ist Clarkson eine der Schlüsselfiguren.

Es sei denn, das Front Office um Mitch Kupchak entscheidet sich, den Youngster zusammen mit dem eigenen Draft-Pick für einen Hochkaräter zu veräußern. Auch Russell ist nach seinen mentalen Aussetzern alles anderen als unantastbar und für ein exzellentes Gegenangebot vermutlich zu haben. 

Immer wieder erscheinen die Namen Kevin Durant und Russell Westbrook auf der Liste potentieller Wunschkandidaten. Durant hat zwar längst entkräftet, aber egal, was er sagt: OKCs Duo wird solange in der Diskussion bleiben, solange die Unterschriften unter ihre neuen Verträge nicht gesetzt worden sind.

Der letzte und gleichzeitig erste Punkt auf der Personalliste ist die Kausa Byron Scott. Nicht nur, dass der Head Coach der erfolgloseste aller Veteranen-Coaches in der gesamten NBA-Historie ist. Die Frage, wie genau und ob überhaupt er diese Franchise und die vielen Youngster weiterbringt, dürfte intern schon längst beantwortet worden sein. Sollte Scotts Vertrag nicht umgehend verlängert werden - und danach sieht es nicht aus - werden die Lakers bald einen neuen Trainer präsentieren.


Draft
Jetzt wird’s interessant. Die Chancen auf den ersten Pick stehen nicht schlecht, und der hat es auch in sich. Darf L.A. beim kommenden Talentangeln als Erstes ziehen, läuft künftig Ben Simmons in Lila-Gold auf. Simmons ist eines der Talente, das nur alle paar Jahre mal den Sprung in die Liga macht. Simmons wäre neben Russell, Clarkson und Randle Teil des Nukleus, der die Lakers-Zukunft bedeuten könnte. 

Allerdings wird in letzter Zeit immer wieder debattiert und angeführt, dass L.A. den Pick und weitere junge Spieler doch eintauschen sollte. Gegen Spieler, die jetzt sofort etwas bringen, die jetzt sofort Siege ins Staples Center fahren.

Dennoch: Hat L.A. die Chance auf Ben Simmons, muss es ihn behalten. Zu groß ist das Potential, den nächsten LeBron James in der Stadt zu haben. Einen Star, den diese Franchise endlich wieder selbst machen kann, der nicht schon gemacht und mit den Trikots anderer Mannschaften befleckt ist. Ein neuer Kobe eben.

Ab Pick zwei bis drei wird' schon schwieriger: Brandon Ingram, Dragan Bender, Buddy Hield oder wer auch immer gelten im Gegensatz zu Simmons, Stand heute, nicht als sicherer künftiger Star. Draftpicks braucht L.A. eigentlich nicht entwickeln, denn eins gibt’s in LA-LA-Land gerade genug: Kohle. Fällt der Pick nicht unter die Top-Three, ist er bekanntlich weg.


Kohle
Dagobert Duck wäre neidisch. Nachdem Kobes Mammut-Vertrag und Hibberts Überbezahlung der Vergangenheit angehören, sind mit einem Schlag über 40 Millionen Dollar von den Büchern. Massiver finanzieller Spielraum also, um links und rechts große Verträge anzubieten, an allem, die interessiert sind. 


Zwei Max-Verträge sind locker drin, und da L.A. noch nie Angst vor Luxussteuer hatte, wenn es um’s Gewinnen geht, rechnet mal damit, dass die Dollarschein-Kanone ausgepackt wird. Verzweifelte Zeiten bringen die elementarsten Verhaltensmuster heraus. Das heisst im Lakers-Fall: Kohle ausgeben. Es muss nur jemand anbeißen.


Zukunft
Mein Kaffee ist leer und ich versuche mal den Satz zu lesen. Kann aber nichts entziffern. Wo es in L.A. hingeht nach Kobe, ist mysteriöser als vorher.

Immerhin: L.A. hat den Aderlass über sich ergehen lassen, Kobe gehuldigt, ihn gebührend verabschiedet und kann sich nun daran machen, diese einst so erfolgreiche Franchise endlich wieder erfolgreich zu machen. Viel schlechter als in der abgelaufenen Saison kann es sportlich gesehen nicht mehr werden.

Der Kern des Teams ist jung und hat enorme Talentreserven. Randle, Clarkson und Russell sind allesamt junge, entwicklungsfähige Spieler, die erst am Anfang ihrer Karrieren stehen und gewaltige Sätze nach vorne machen könnten.

Dafür muss man aber auch wissen, wo vorne ist. Wo man hin will mit diesem Team, jetzt wo der letzte Funken Glitz und Glamour aus Hollywood verschwunden ist. Langsam und mit Geduld aufbauen - nur so kann L.A. irgendwann wieder raus aus der Witzespalte der NBA.