30 April 2016

30. April, 2016


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! In den nächsten acht Wochen ist endlich richtiger Basketball angesagt. Auch hier bei NBACHEF. Nach der ersten Runde geht's mit den Conference Semifinals schnurstracks in Richtung Klimax.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch & TIAGO PEREIRA @24Sekunden

Entrée
Golden State empfängt am Sonntag Portland, und sagen wir doch gleich zum Auftakt wie es ist: Niemand hat diese Halbfinal-Serie in dieser Konstellation so kommen sehen. Vor einer Woche führten die L.A. Clippers in ihrer Erstrundenserie gegen Portland noch komfortabel mit 2-1, ein vollzähliges Golden State hatte Houston in den Seilen, alle freuten sich bereits auf GSW/LAC in den Conference Semifinals. Dann verletzten sich innerhalb von (gefühlten) Sekundenbruchteilen Stephen Curry, Chris Paul und Blake Griffin... und nichts war mehr gleich.

Die Warriors deklassierten auseinander fallende Houston Rockets auch ohne ihren besten Spieler, sind ohne Curry aber selbstredend eine ganz andere Mannschaft als mit dem amtierenden (und vermutlich alten, neuen) Most Valuable Player in der Lineup. Die Blazers waren, einmal Blut geleckt, nicht mehr aufzuhalten und besiegten Los Angeles in ihrer Serie vier Mal in Folge, ohne dabei zu brillieren. Das Team, das die meisten zu Beginn der Saison nicht einmal auf ihrer Playoff-Rechnung hatten, steht plötzlich unter den vier besten der Western Conference. 


Es mag euch schocken, das an dieser Stelle zu lesen, aber: der Champion ist der große Favorit in diesem Westküstenclash - egal ob mit oder ohne Curry. Golden State hat die besseren Spieler, das tiefere Team, den besseren Coach und Heimvorteil. Hinzu kommen 73 Siege plus vier in der bisher erfolgreichsten NBA-Saison aller Zeiten. Die Trail Blazers stellen nicht mehr dar als einen weiteren Zwischenschritt zum anvisierten Back-to-Back Titel. Portland sollte eigentlich gar nicht hier sein - und wird deshalb befreit aufspielen können, um dem Schwergewicht vielleicht ein Bein oder zwei zu stellen.


Warum Golden State gewinnt
„Wir sind in der Hölle angekommen, Gentlemen. Glaubt mir, wir können hier bleiben und die Scheiße aus uns heraus geprügelt bekommen, oder wir können uns zurück ins Licht kämpfen!“ 
Ähnlich verbissen wie Al Pacino im Film „Jeden verdammten Sonntag“ wird auch Steve Kerr in die Augen seiner Spieler gucken, wenn er sie für die Halbfinalserie der Western Conference einschwört.

Stephen Curry ist raus, zumindest vorerst, darüber gibt es keinen Zweifel in Oakland. Der Point Guard der Warriors verletzte sich im dritten Spiel der Erstrundenserie gegen die Houston Rockets am Innenband im Knie und fällt deswegen mindestens zwei Wochen aus. Die ersten, wenn nicht sogar alle Partien gegen die Portland Trail Blazers, wird der MVP somit als Zuschauer von der Bank aus bestreiten müssen. 

Der Verlust des besten Spielers in den Playoffs ist die Hölle. Das Nonplusultra der Horrorszenarien in den Augen der Warriors. Es könnte zum größten „Was wäre wenn“-Moment der NBA Historie mutieren, sollten die Warriors in der zweiten Runde der Playoffs deswegen scheitern. Doch reicht Donatas Motiejunas' Arschschweiß aus, um ein 73 Siege Team zu Fall zu bringen? Nicht wenn es nach den Köpfen der übrigen Krieger geht.

Das Motto der Warriors lautet „Strength in Numbers“, das die übliche „Next man up“ Philosophie auf ein höheres Level hebt. Nicht einer oder gar zwei Spieler sollen Curry ersetzten, sondern alle Schultern des Teams tragen einen Teil der Last. Die Anpassung der Warriors an die neue Situation erfolgte wie im Flug, in den letzten 72 Minuten ohne ihren MVP erzielten die Warriors 60 Punkte mehr als die Houston Rockets. Die Trail Blazers dürfen davon ausgehen, dass ihnen ähnliches widerfährt, sollten sie sich nur kurz auf der sicheren Seite wägen.

Mit den Männern aus Oregon ist nicht zu spaßen, allen voran Damian Lillard. Der Point Guard der Blazers ist besonders im heimischen Rose Garden ein Killer ohne Gnade (27.3 PPG in den Playoffs), besonders gegenüber Reservisten. Sieht sich Lillard einem Bankspieler statt dem Starting Point Guard gegenüber, nutzt er jede Gelegenheit, diesen vorzuführen. Zwar ist Shaun Livingston einer der besten und erfahrensten Back Ups der Liga, dennoch wird er alle Hände voll zu tun haben, um nicht Teil von Lillards Showeinlage zu werden.

Auf der anderen Seite muss Klay Thompson den Hebel von Robin auf Batman umlegen. Statt Curry wird er es nun sein, der um die unzählige Blöcke seiner Mitspieler rennt, um gewissenlos drauf zu werfen. Thompson wird seine beste Reggie Miller Impersonation an den Tag legen müssen, um den Fluss der stärksten Offensive der Liga (112.5 ORtg) am Laufen zu halten. 


Das Playmaking dafür wird wie üblich von Draymond Green stammen. Neben seinen routinemäßigen 6-8 Vorlagen und 10 Rebounds muss der Power Forward nun stärker von der Dreierlinie Präsenz zeigen, um das verlorene Spacing auszugleichen. Gleiches gilt für Andre Iguodala und Harrison Barnes. Beide Flügelspieler können es sich nicht erlauben ihre offenen Würfe zu verfehlen. 


Überraschenderweise könnte diese Serie äußerst schnell vorbei sein. Die Warriors sind eine eingeschliffene Maschine, deren Tank frisch aufgefüllt wurde mit derselben „keiner glaubt mehr an uns“ Motivation, wie zu Beginn der Saison. Portland ist auf keiner Position, die nicht von Damian Lillard bekleidet wird, besser als Golden State. 

Mit einem derartigen Leistungsdefizit wird es schwer werden, einen oder mehr Siege in der Oracle Arena einzustreichen. Sichern die Warriors, getragen von der emotionalen Stimmung der Fans, die ersten beiden Partien in Oakland, könnte die Serie in fünf oder vielleicht sogar in vier Spielen entschieden sein. 


Warum Portland gewinnt
Damian Lillard und CJ McCollum sind das beste verbliebene Rückraum-Tandem in diesen Playoffs. Mehr als 40 Punkte erzielen die Backcourt-Buddies pro Partie. Die schlechte Nachricht aus Warriors-Sicht: je länger die Playoffs dauern, desto besser scheint der kongeniale Backcourt in Form zu kommen.

Nach anfänglichen Problemen, die Los Angeles’ Defensive mit verursachte, haben beide drei Mal in den letzten vier Partien mindestens 20 Punkte eingenetzt. Dass sie so effektiv sein und ihr Team zum Sieg ziehen können, auch wenn ihre Würfe nicht fallen, spricht Bände über die Entwicklung der beiden Youngster.


Mit dem Druck, den Golden States Defensive sicherlich permanent hoch halten wird, um Portlands Angriffs-Motor zu bremsen, können beide mittlerweile exzellent umgehen. Und sie haben schnell gelernt, ihren Mitspielern zu vertrauen, auch wenn die für die meisten Beobachter nach wie vor eine Ansammlung von generischen Bankdrückern repräsentiert.

Das sind sie freilich überhaupt nicht. Mo Harkless holte sich mit zunehmender Saisondauer mehr und mehr Selbstvertrauen und Einsatzzeit und ist heute dank seiner Qualitäten als 'glue guy' aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Ähnliches gilt auch für Al-Farouq Aminu, der in Spiel vier gegen L.A. mit 30 Punkten, 10 Rebounds und 6 Dreiern zum Matchwinner avancierte.

Der beeindruckendste Mann könnte Mason Plumlee gewesen sein. Nicht nur, weil er Portland in diesen Playoffs bei den Rebounds, Assists, Steals und Blocks anführt, sondern weil er jene Eigenschaft aufs Parkett bringt, die vor allem in dieser Serie gegen einen spielerisch überlegenen Gegner essentiell sein wird: Nasty! Plumlees skill-loses, dreckiges Hustle-Game an den Brettern ist wie gemacht für eine Truppe, die dank ihrer Reboundstärke auch dann in Partien mitschwimmen kann, wenn die Würfe nicht fallen.

Portland zählte bereits in der regulären Saison zu den drei besten Offensivrebounding-Teams der NBA und hat in dieser Postseason noch ein paar Level hochgedreht. Vor allem wenn Kerr mit Draymond Green auf Center aufstellt, schwingt das Glas-Pendel vehement in Richtung Trail Blazers, die sich gegen eine dann kleinere Warriors-Lineup zweite und dritte Wurfgelegenheiten erkämpfen können.

Viele der Warriors-Vorteile, angefangen bei der explosiven Offensive, der Lineup-Flexibilität und dem bei Bedarf hohen Spieltempo, fallen gegen ähnlich operierende Blazers nicht ansatzweise so stark ins Gewicht wie gegen die meisten anderen Teams. Portland brachte dem Meister im Februar die bitterste Saisonniederlage bei, schenkte Golden State beim uncharakteristischen 34-Punkte-Blowout 137 Zähler ein. Lillard netzte 51 davon.

Portland hat überhaupt nichts zu verlieren. Der Druck lastet, im Gegensatz zur Erstrundenserie gegen L.A., als die Trail Blazers nach den Ausfällen der beiden Clippers-Stars in die Favoritenrolle rückten, bei den Warriors. Sie sind der Champ, sie müssen ins NBA-Finale, müssen den Titel gewinnen, um die beste reguläre Saison aller Zeiten versöhnlich abzuschliessen und nicht als hässlichste Fußnote der Geschichte zu enden.

Mit dieser Underdog-Mentalität ist Terry Stotts' junges Team durch die zurückliegenden sechs Monate gegangen, hat von der chronischen Nichtberücksichtigung gezehrt. Obwohl Stotts Zweiter bei der Wahl zum Coach des Jahres und McCollum als Most Improved Player geehrt wurde, ist die Realität dieser Truppe immer noch dieselbe, die ihr bester Mann jeden Tag durchleben muss: übersehen, unterschätzt und kleingeredet - aber nur bis der Spalding hochgeht... 


Die Rechnung, bitte!