07 April 2016

7. April, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Das Finale zwischen North Carolina und Villanova war ein würdiger Saisonabschluss und hielt absolut, was es im Vorhinein zu werden versprach. Am Ende jubelten die Wildcats nach einer dramatischen Schlussphase, die kaum besser hätte inszeniert werden können. Kris Jenkins leitete mit seinem Buzzbeater die Jubelarien der Wildcats ein und bescherte der Saison somit ein passendes Ende.

Doch über die gesamte Spiellänge bot die Partie jede Menge interessante Auffälligkeiten, deren Aufzählung alleine schon den Rahmen dieses Formats sprengen würde. Wer die Möglichkeit hat und es noch nicht getan hat, sollte sich das Spiel in voller Länge ansehen und genießen.


In der ersten Halbzeit schienen die Mannschaften die Rollen tauschen zu wollen: North Carolina verzauberte die eigenen Fans durch eine atemberaubende Quote aus der Distanz, während Villanova 15 der 34 Punkte zur Halbzeit aus Lowpostsituationen kreierte.

Diese Lowpostoptionen, die bereits hier schon als ein Grund für die wesentlichen Verbesserungen der Wildcats beschrieben wurden, http://www.nbachef.blogspot.de/2016/04/ncaa-final-four-oklahoma-vs-villanova.html

bieten vielfältige Ausstiege und Möglichkeiten. Egal ob Postmoves, Cuts oder Skip-Pässe – die Wildcats lesen sehr gut, welche Optionen sich ergeben und nutzen die Schwächen der Verteidigung eiskalt aus. Jede Unaufmerksamkeit kann für die Defense fatale Fehler nach sich ziehen, wie die erste Szene verdeutlicht. Brice Johnson guckt nur auf den Ball, weswegen Kris Jenkins den Block abseits des Balls slippt und einen Layup hat.


Selbst Guard Ryan Arcidiacono wird gerne mal im Lowpost aufgesucht, da er sich dort ausgesprochen wohl fühlt für einen Guard. Hat er dann auch noch Größenvorteile, so wie gegen Joel Berry, sind das sogar sichere zwei Punkte.


Auf der anderen Seite agierten die Tar Heels oft überhastet und waren nicht geduldig genug, um ihre Bigs am Zonenrand mit Touches zu versorgen. Da Nova viel switchte, ergaben sich viele Mismatches. Stattdessen drückten die Außenspieler teilweise sehr schnell vom Perimeter ab und konnte diesen Wurfversuche auch mit der fabelhaften Quote zu einem gewissen Grad rechtfertigen.


Villanovas Guards, speziell Arcidiacono, fronteten aber auch sehr geschickt, wohingegen die Carolina Bigs nur sehr geringes Interesse daran zeigten, um gute Position zu kämpfen. 


Selbst wenn die Bigs, wie hier Kennedy Meeks mal so viel Platz hatten und so ein klares Ziel bieten konnten, entschieden sich die Guards lieber für den Wurf. Auch in dieser Situation passt Paige den Ball zu Justin Jackson in die Ecke, der zwar den Dreier treffen kann und es auch in dieser Situation beweist, allerdings widerspricht diese Entscheidung der eigentlichen Philosophie der Tar Heels.

In der zweiten Halbzeit fielen die Würfe jedoch nicht mehr so zahlreich, was auch damit zusammenhing, dass die Tar Heels weniger Sprungwürfe nahmen. Allerdings blieben auch weiterhin die konsequenten Anspiele ans Brett aus. Viel zu selten konnten sich Johnson, Meeks und Isaiah Hicks einfache Punkte am Brett sichern.

Bei Villanova übernahmen hingegen zusehends die Guards das Kommando über das gesamte Spiel. Besonders Phil Booth und Arcidiacono konnten mit vielen schwierigen Würfen ihr Team in Front bringen und den Abstand halten.


Dank dieser beiden konnte sich Villanova auch als erstes Team einen zweistelligen Vorsprung herausspielen. Besonders das Pick & Roll kristallisierte sich in dieser Phase als entscheidender Faktor heraus, wie es bereits in unserer Preview angeklungen war.

Die folgenden zwei Szenen unterstreichen die Bedeutung des Pick & Roll für die restliche Spieldauer. In beiden Aktionen haben die Ballhandler Booth und Arcidiacono keine Probleme damit, die Bigs nach dem Screen zu attackieren und ihre jeweiligen Vorteile sowie Fehler der Verteidiger auszukosten.

Zunächst ist es Booth, der ins Pick & Roll involviert wird. Darryl Reynolds stellt einen Screen zur Mitte. Marcus Paige, der Booth verteidigt, bleibt einen kurzen Moment hängen, was Booth jedoch reicht, um ihn abzuhängen. Meeks ist kein sonderlich geschickter Verteidiger beim Blocken-und-Abrollen, da ihm einfach die Schnelligkeit fehlt.

Um diesen Nachteil zu kaschieren, verteidigen die Tar Heels per „Flat Defense“. Dadurch kann Meeks absinken und sollte eigentlich genug Spielraum erhalten, um den Drive zu unterbinden. Doch da Booth vorher bereits einige Würfe getroffen hatte, muss Meeks in dieser Situation mindestens einen Schritt weiter rauskommen, als er es normalerweise machen würde. 


Booth stürmt daher einfach an ihm vorbei und finisht den Layup. Wichtig ist zudem, dass Kris Jenkins im Hintergrund zur Dreierlinie liftet und damit die Hilfe seines Gegenspielers Theo Pinson verhindert.


Wenige Angriffe später ist es wieder Meeks, der den entscheidenden Fehler begeht. Erneut läuft Nova ein High Pick & Roll. Daniel Ochefu stellt dieses Mal einen Block für Arcidiacono gut zwei Meter von der Dreierlinie entfernt. Den ersten Fehler begeht Joel Berry am Ball, da er kurz nach dem Ball schlägt und Arcidiacono damit die Chance gibt, ihn zu schlagen und in den Block reinzutreiben. Berry bleibt am perfekten Block von Ochefu hängen.


Meeks hält dieses Mal den Abstand, den die Carolina Bigs eigentlich bei jedem Pick & Roll einbauen. Meeks möchte nicht schon wieder im Eins-gegen-Eins vom Guard geschlagen werden.

Arcidiacono liest diesen Entschluss von Meeks sehr schnell, stoppt in einem guten Rhythmus an der Dreierlinie ab und versenkt den Dreier. Diesen Wurf darf UNC dem Senior niemals so offen gestatten, da er diesen Pullup-Jumper zu seinen Favoriten zählt.


Mit einer Zehn-Punkte-Führung und eigenem Ballbesitz gehen die Wildcats in die letzten fünf Minuten und scheinen das Spiel absolut im Griff zu haben. Allerdings versucht UNC nun über mehr Härte und Aggressivität in der Verteidigung, Ballgewinne zu erzwingen. Daher gibt Roy Williams das Kommando, nach dem Überschreiten der Mittellinie den Ballhandler kurz zu doppeln. Zwar gelingt hier kein Steal, doch das Timing in der Offense wird gestört.

Villanova will wieder das High Pick & Roll zwischen Arcidiacono und Ochefu nutzen. Allerdings unterscheidet sich diese Situation von den vorherigen Pick & Rolls. Zum einen ist mittlerweile Hicks in der Begegnung für Meeks, weshalb Johnson den Blocksteller verteidigt. Zum anderen sitzt Jenkins für Nova auf der Bank, sodass Mikal Bridges den Lift Cut laufen soll.

Johnson verteidigt Arcidiacono wesentlich besser als Meeks zuvor. Da Bridges seinen Cut zu früh abbricht, kann Hicks sich problemlos um den Roller Ochefu kümmern, ohne Bridges in einer gefährlichen Wurfposition verlassen zu müssen. Arcidiacono forciert den Pass zu Ochefu, der nicht ankommen kann.


Auch einen Angriff später zeigt sich, wie wichtig die zwei personellen Veränderungen nun sind. Wie zuvor beim Booth Drive erhält Josh Hart dieses Mal den Handoff und einen Screen zur Mitte von Ochefu, während Bridges im Rücken der Verteidigung nach oben liften soll. 

Johnson hält Hart lange vor sich und erhält am Ende auch noch Hilfe von Hicks, der sich wieder nicht um Bridges kümmern muss, da dieser bei weitem nicht so ein gefährlicher Schütze wie Jenkins ist. 

Hart wird geblockt, UNC schnappt sich den Ball und verkürzt per Fastbreak auf sechs Zähler, wobei zu vermerken ist, dass vor dem Johnson Putback zwei offensichtliche Fouls nicht geahndet wurden.


UNC setzt nun nach. Mit wesentlich mehr Intensität setzt zunächst Justin Jackson Guard Booth unter Druck. Zudem verhindert Berry, dass Arcidiacono wie geplant den Ball erhalten kann. Booth gerät durch die Defense von Jackson und den Mangel an Passoptionen in Hektik und entscheidet sich für einen überstürzten Drive. 

Zwar lässt er seinen eigenen Verteidiger noch einigermaßen kontrolliert aussteigen, braucht dafür jedoch zu viel Zeit, weswegen Johnson helfen kann und den nächsten Stop sichert. Blitzschnell schalten die Tar Heels wieder um und verkürzen per Berry Dreier auf drei Punkte Differenz.


Ein schwieriger Booth Wurf nimmt der Aufholjagd der Tar Heels wieder etwas den Wind aus den Segeln und beruhigt das Setplay der Wildcats. Auch Jay Wrights Einfluss auf seine Spieler wird wieder größer und gibt ihm die Gelegenheit, folgenden Angriff anzusagen.

UNC will wieder durch ein Doppeln eine schlechte Entscheidung forcieren und verhindern, dass Nova die Uhr an der Mittellinie herunterlaufen lassen kann. Nova nutzt eines ihrer Lieblingsplays, bei dem in der Regel der Big Man im Lowpost gesucht wird, während alle anderen vier Spieler entlang der Dreierlinie und oberhalb der Freiwurflinie entlang gereiht sind. 

Dieses Mal läuft Hart jedoch auf der Weakside sehr gezielt einen Backdoorcut und so landet der Ball bei ihm und nicht in den Händen des Bigs. Hart schindet zwei Freiwürfe, kann aber nur einen treffen.


Auf der anderen Seite versucht nun Marcus Paige als Senior in seinem letzten Spiel für UNC die Verantwortung zu übernehmen. Ein erster Anlauf wird von Bridges ins Aus geblockt. Doch aus dem Baseline Einwurf heraus scoren die Tar Heels. 

Paige wirft den Ball zu Hicks in die Ecke ein, der wiederum direkt zu Johnson weiteleitet. Normalerweise würde Johnson den Ball jetzt zu Jackson nochmal weiterleiten, während Hicks einen Screen erhält und sich per Shuffle Cut zum Korb bewegt. 

Doch in dieser abgewandelten Version stellt Hicks direkt einen Pick für Paige. Villanova will switchen, allerdings zögert Hart eine Sekunde lang, was ausreicht, damit der Pass zu Paige für den offenen Dreier ankommt.


Nach dem Dreier nimmt Williams eine Auszeit, um die Defense vorzubereiten und wieder eine Trap aufzustellen. Die Tar Heels forcieren den Einwurf weg von Arcidiacono in die Hände von Booth. Im Vorfeld will Booth den Ball dann per Handoff an Arcidiacono übergeben. 

Das ist jedoch keine clevere Idee, da sich sofort beide Verteidiger an den Senior heften und ihn unter Druck zu setzen. Arcidiacono wirft prompt den Ball weg und UNC erhält die Chance, den Rückstand weiter zu verkürzen.


UNC entscheidet sich im folgenden für eines ihrer Boxsets. Während sie im vorherigen Verlauf vor allem die Elevator-Variante wählten, um Paige offene Dreier oder Drives zu ermöglichen, wird dieses Mal Johnson gesucht.

Das Play ist geschickt aufgestellt, da Johnson und Paige auf derselben Seite starten. Zunächst erhält Johnson einen Screen von Jackson, der ihm tiefe Lowpostposition garantiert. Direkt im Anschluss stellen Jackson und Hicks versetzte Screens für Paige. 

Da drei Verteidiger auf der Weakside in die Verteidigung von Paige verwickelt sind, kommt der Pass auf Johnson an. Der Big zeigt seine Qualitäten als Finisher am Brett und verkürzt auf einen Punkt Unterschied.


Auf der anderen Seite läuft Villanova ihr typisches Horns-Set. An dessen Ende switchen die Tar Heels in dieser Situation das Pick & Roll zwischen Booth und Jenkins. Booth versucht gegen Hicks zum Korb zu ziehen, kann ihn aber nicht ganz abschütteln. Dennoch gelingt es ihm, Hicks ein höchst umstrittenes Foul anzuhängen und beide Freiwürfe eiskalt zu verwandeln.

Zwar kann man den Kontakt von Hicks durchaus pfeifen, weil er seinen rechten Arm leicht nach unten bewegt und Booth am Arm trifft, allerdings begeht Booth vorher einen Schrittfehler und kreiert selber den Kontakt.


Bei drei Punkten Rückstand und 13 Sekunden Restspielzeit haben die Tar Heels noch eine Chance auf den Ausgleich. Sie involvieren wieder Johnson und Paige in die Angriffsbemühungen, indem Johnson einen Downscreen für Paige stellt. 

Ochefu und Arcidiacono switchen die Gegenspieler, obwohl Arcidiacono den Eindruck erweckt, als ob er mit dem Switch nicht so recht einverstanden wäre. Ochefu scheint jedoch um jeden Preis verhindern zu wollen, dass Paige überhaupt den Ball erhält, schließlich sind seine Closer-Qualitäten bekannt.

Allerdings begeht er den entscheidenden Fehler und hechtet viel zu spät nach dem Anspiel auf Paige. Paige hat dadurch einen Moment freie Sicht auf den Korb, was ihm reicht, um auch das akrobatische Adjustment während des Sprungs ausgleichen zu können und einen irrwitzigen Dreier zu treffen.


Der letzte Wurf gehört jedoch Villanova und Kris Jenkins. Jenkins ist der Einwerfer und somit Trailer beim Play. Er passt den Ball zu Arcidiacono, der auf Höhe der Mittellinie einen Block von Ochefu gestellt bekommt. Arcidiacono nutzt den Screen und schüttelt kurz seinen Verteidiger ab. 

Wo andere Spieler vielleicht jetzt einen schwierigen Wurf genommen hätten, zeigt Arcidiacono seine Uneigennützigkeit und legt den Ball für Jenkins ab. Jenkins kann gemütlich in seinen Lieblingswurf reinspazieren, auch weil Johnson vollkommen deplatziert ist:


Obwohl er den gefährlichsten Dreierschützen verteidigen sollte, steht Johnson auf der Freiwurflinie und will den Korb sichern. Daher kann er nur tatenlos dabei zusehen, wie Jenkins den Gamewinner trifft und im nächsten Moment das Konfetti zu Boden fliegt.


Insgesamt war dieses Spiel ein packendes Duell auf Augenhöhe und mit Sicherheit das unterhaltsamste und niveauvollste seit dem Finale zwischen Butler und Duke in 2010. Beide Mannschaften hatten immer passende Antworten auf die Runs des Gegners parat. Am Ende konnte sich die bessere taktische Disziplin der Wildcats gegen die athletischen Vorteile der Tar Heels durchsetzen.

Dieses Spiel war ein perfekter Abschluss für ein Tournament, das mit diversen furiosen Upsets und Aufholjagden begann, dann aber am zweiten Wochenende und auch in den Halbfinals durch ein überraschendes Maß an Deutlichkeit abflaute.

Auch das Tournament passte hervorragend zu dem Saisonverlauf der ersten knapp vier Monate, die von Überraschungen und Inkonstanz in vielerlei Hinsicht geprägt waren.