24 April 2016

24. April, 2016


von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Vorab: Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Golden State Warriors als insgesamt deutlich besseres Team die Serie gegen die Houston Rockets mehr oder minder unbeschadet überstehen werden, wahrscheinlich in fünf Spielen. Hier geht es also nicht darum, eine entschiedene Serie künstlich spannend zu halten oder ihren Ausgang zu hinterfragen.

Vielmehr geht es um eine Medienkritik: Letztgenanntes Team, die Rockets, haben in dieser Spielzeit einiges geliefert (oder eben nicht), das einen scharfen Umgang der sogenannten vierten Gewalt verdient. Die Vorfälle in Spiel drei der Serie gegen die Warriors fallen allerdings nicht in diese Kategorie.

Erster Stein des Anstoßes ist die Reaktionen der Rockets-Bank auf James Hardens 97-96 Siegtreffer mit 2,7 Sekunden auf der Uhr. Anstatt Hardens Kaltblütigkeit, seinen Killerinstinkt zu loben, sich mit etwas mehr als 10 Sekunden und einem Punkt Rückstand den Ball zu schnappen und besagten Rückstand mit einer Selbstverständlichkeit in eine Führung umzuwandeln, wird der Fokus auf die Ersatzspieler gerichtet – weil diese nicht in Partylaune ausbrechen. Das Wesentliche geht verloren.

Zu sehen sind Clint Capela am einen und Donatas Motiejunas am anderen Ende, die den Treffer bejubeln. In der Mitte Dwight Howard und Terrence Jones, die das Geschehen regungslos wahrnehmen, Corey Brewer der etwas verzögert leicht applaudiert, Sam Dekker, der verhalten die Fäuste ballt.


Ein gefundenes Fressen für Hobbypsychologen, aus dieser Sequenz den fraglos vorhandenen mangelnden Zusammenhalt der Mannschaft abzuleiten, die fehlende Chemie zwischen den Superstars Harden und Howard – wohlgemerkt auf dem Parkett, nicht abseits! – zu unterstellen, einen dicken, fetten Scheinwerfer auf etwas ohne Aussagekraft zu richten und Dinge zu interpretieren, die einfach nicht da sind.

Denn auch aufgeführte Hobbypsychologen werden sich zwei Jahre zurückerinnern, als Portlands Damian Lillard weniger als eine Sekunde Zeit hatte und die Rockets mit einem spektakulären Dreipunktewurf in die Sommerpause schickte. Golden State, das Team mit der besten offensiven Effizienz, der besten True Shooting Percentage, Effective Field Goal Percentage, Dreierquote sowie erzielte Dreier pro Spiel hatte exakt drei Mal so lange Zeit wie Lillard.


Welchen Grund zu feiern hatte die Rockets-Bank also zu diesem Zeitpunkt? Gar keinen. Sie waren einen Punkt in Front, in vollem Bewusstsein, dass die beste Offensive mit einem einfachen Treffer das Spiel gewinnt. Es bedarf nicht einmal eines Diploms eines Hobbypsychologen, um zu verstehen, dass die Wunden eines derartigen Stichs ins Herz wie dem Lillards 2014 auch nach zwei Jahren nicht vollständig verheilt sind, die Erinnerungen in solchen Situationen sofort wach werden.

Folglich verhalten sich die Rockets einfach nur menschlich, wenn nicht sogar professionell – sie verlieren nicht den Fokus, wohlwissentlich, dass der wichtigste Spielzug des Abends noch bevorsteht. Umgekehrt: Wie groß wäre die Häme gewesen, hätten sie sich ausgiebig gefreut, um dann einen Gamewinner des Champions über sich ergehen lassen zu müssen?


Aus dieser Szene heraus gar zu unterstellen, insbesondere Dwight sei über den Treffer nicht froh gewesen und habe seinen Urlaub eigentlich schon gebucht, entbehrt jeder Grundlage. Mit 13 Punkten, 13 Rebounds und zwei Blocks hat der Center seinen Teil zum Sieg beigetragen und agierte wesentlich fokussierter, aktiver und spielfreudiger, als noch bei den Auswärtsspielen in Nordkalifornien.

Bei aller berechtigten Kritik an Howards Leistungen in der laufenden Spielzeit, darf auch die unberechtigte nicht außen vor bleiben: Dwight wurde seine ganze Karriere über vorgeworfen, ständig zu lächeln und Späße zu machen. Dies sei ein klares Indiz für fehlende Prioritäten. Nun wird ihm groteskerweise das genaue Gegenteil vorgeworfen. So oder so scheint er es seinen Kritikern nicht recht machen zu können.

Wer sich von diesen Argumenten nicht überzeugt sieht und dennoch glaubt, die nicht intakten internen Zustände der Raketen aus besagten Reaktionen ablesen zu können, möge sich eben jene infolge Draymonds Greens Ballverlust mit einer Sekunde auf der Uhr anschauen: Sämtliche Spieler in Rot springen auf, ballen die Fäuste, reißen die Arme in die Höhe.

Von diesen Reaktionen existieren jedoch keine Vines, sie werden nicht tausendfach auf Twitter geteilt, geschweige denn auf sämtlichen einschlägigen Sportseiten mit einem eigenen Artikel beleuchtet. Warum? Weil sie, ebenso wie der verhaltene Jubel nach Hardens Treffer, schlichtweg normal und keiner tieferen Ausführung wert sind.

Der zweite Stein des Anstoßes ist Hardens Treffer selbst. Dieser war regelwidrig, beurteilen die Liga-Offiziellen im Two Minute Report. Auch hier ist eine verzerrte Medienreaktion zu beobachten: Die Schlagzeilen berichten, Hardens Treffer sei nach NBA-Review irregulär gewesen. So weit, so richtig. Dass allerdings zehn Sekunden zuvor der verheerende Turnover Trevor Arizas nach einem Inbound Play, der zu einem Fastbreak der Warriors, einem einfachen Layup Ian Clarks und damit überhaupt zur 96-95 Führung der Warriors führte ebenfalls laut offiziellem Bericht auf ein klares Foul, Andre Iguodala an Michael Beasley, zurückzuführen ist, wird in keiner Silbe erwähnt, nirgends. Es hätte zwei Freiwürfe für die Rockets bei einem Ein-Punkt-Vorsprung bedeutet. 


Eine Erwähnung, ganze Artikel über Hardens Offensivfoul, wie sie nicht lange auf sich warten ließen, dürfen bei einem Anspruch auf Fairness nicht ohne den Zusatz vonstatten gehen, dass die Warriors exakt in der vorherigen Spielszene ebenfalls von einer Fehlentscheidung profitieren. Ansonsten sinkt das allgemeine Niveau auf das des oft genug durch Ahnungslosigkeit glänzenden Skip Bayless, der voller Überzeugung behauptet, der Titelverteidiger sei um den Sieg „beraubt“ worden.

Wie eingangs aufgeführt: Sportlich gesehen ändert der Sieg der Rockets – ob man ihn als glücklich betrachtet oder nicht – insbesondere angesichts der bevorstehenden Rückkehr des designierten MVPs Stephen Curry nichts, die Serie ist und bleibt einseitig. Die Berichterstattung und der Umgang mit beiden Teams muss es deshalb aber nicht sein.