21 April 2016

21. April, 2016



Als Admins von „Cavs Aktuell“, einem Teil unseres NBACHEF-Netzwerks, zählen André Nückel, Dustin Michels und Sebastian Holzinger zu den hierzulande größten Cracks für alles rund ums Thema Cleveland Cavaliers. Mit dicker Fanbrille, subjektiver Meinung und Hoffen auf die erste Meisterschaft diskutiert die „Big Three“ vier spannende Thesen zum Playoff-Start der Cavs.

von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

"Die Cavs befinden sich bereits in guter Playoff-Form."

Dustin Michels: Jein. Während ich eigentlich von der Leistung der meisten überzeugt bin und vor allem Channing Frye dem Team sehr viel gibt, machen mir unsere Point Guards noch Sorgen. Gerade hinsichtlich der Tiefe auf der Eins wird es wichtig sein, dass Kyrie Irving und Matthew Dellavedova gegen Spieler wie Reggie Jackson, Kyle Lowry, Isaiah Thomas oder Kemba Walker überzeugend auftreten. Es müssen nicht gleich wundersame Dinge geschehen, eine ansprechende Defense erwarte ich aber auch von Irving. Alles in Allem bin ich aber dennoch zuversichtlich, dass wir eine von Beginn an engagierte Leistung unserer Jungs sehen werden. Detroit ist genau der richtige Gegner. Man wird, im Gegensatz zum letzten Jahr, direkt in der ersten Runde mit einem Unangenehmen konfrontiert, der mit Drummond einen der dominantesten Center der Liga auf das Parkett schickt.

André Nückel: Dustin, mit deiner vorsichtigen Haltung hast du sicherlich irgendwo Recht. Ich möchte aber die letzten zehn, vielleicht sogar 15 Spiele in einem gesonderten Vakuum betrachten. Wenn ich sehe, wie vor allem LeBron James aufgetrumpft hat, war das schon ziemlich geil. Dazu gleich mehr. Vielleicht brauchen wir einfach eine – in Anführungszeichen – lockere Serie gegen Detroit, in der wir uns nochmal richtig eingrooven können, um Gefühl und Feintuning in den einzelnen Mannschaftsteilen auszutesten, auszureizen oder weiter zu festigen. Von der Bank muss dagegen definitiv mehr kommen. Frye rastete in seinen ersten Einsätzen für die Cavs völlig aus, traf dafür in vielen Partien vor Tore Schluss nicht mal das berühmte Scheunentor – in fünf Matches nur 5% von Downtown. Auch Iman Shumpert muss zwingend elf Schritte nach vorne machen.


Sebastian Holzinger: Sagen wir es mal so: Wir sind vielleicht so „playoff-ready“, wie wir zu diesem Zeitpunkt sein können. Warum? Mit dem Coach-Wechsel von David Blatt zu Tyronn Lue begann auch die Einführung eines anderen Spielsystems; mit der Hauptaufgabe, Kevin Love besser ins Spiel zu integrieren und ihm das Selbstvertrauen zurückzugeben. Deswegen hat man sich ja damals gegen einen Trade und für einen neuen Coach entschieden. Solch eine Umstellung ist nun mal ein Prozess, und auch wenn es keiner gerne hören will und man in der NBA davon wenig hat: er erfordert Zeit. Es wurde viel probiert und so langsam trägt es Früchte. Genau zum richtigen Zeitpunkt – also zeigt die harte Arbeit Ergebnisse und die Formkurve der „Big Three“ nach oben. Die Bank muss natürlich abliefern. Delly wird sich reinbeißen, Frye und Shump müssen eine Schippe oder noch besser einen Tieflader draufpacken, und dann ist da ja auch noch Timofey „Mozilla“ Mozgov... 


"Alle denken, dass Kevin Love der X-Faktor in den Playoffs sein wird - dabei ist es Kyrie Irving."

Michels: So schwerfällig wie er sich zuletzt bewegte, muss man dem nur zustimmen. Während Love sich mehr und mehr einbringt und vor allem Einsatz zu zeigen scheint (Ja! Richtig gehört), wirkte Kyrie etwas lustlos und nicht so spielfreudig, wie man ihn sonst kennt. Unsere Nummer zwei muss sich beweisen. Auch im Osten warten hoch veranlagte Point Guards auf ihn, die er zum einen defensiv in Schach halten, zum anderen aber am anderen Ende des Courts beschäftigen muss. Sehen wir einen engagierten Kyrie, der passabel verteidigt, kluge Würfe nimmt und sich vor allem off-Ball gut bewegt (vor allem hier sehe ich einen großen Unterschied zu beispielsweise Stephen Curry, der extrem gute Blöcke stellt), so sehe ich keinen Grund, der gegen eine erneute Teilnahme an den Finals spricht. 

Nückel: Auf den Punkt gebracht. Ende Februar habe ich in einer relativen langen Analyse Loves Effekt auf das Spiel unserer Cavs betrachtet und kam dabei zu einem negativen Urteil. Sämtliche Statistiken sprachen damals gegen eine gute Implementierung von Head Coach Lue, aber seitdem hat sich die Einstellung, insbesondere der Biss des Power Forwards, beachtlich verbessert. Das imponiert mir! Er zeigt Körpersprache, dunkt über Gegner und überlässt die Highlight-Videos, in denen er defensiv vollkommen versagt, lieber James Harden. Aber zurück zum eigentlichen Thema. Kyrie hat nach seiner hartnäckigen Knieverletzung vor allem an Effektivität eingebüßt. Am meisten stört mich seine nicht vorhandene Galligkeit. Er wirkt oft lustlos und sucht Ausreden für schlechte Leistungen (#ungeziefer). Hoffnung machen mir dafür sein Auftritte gegen die Hawks (35 Punkte) und gegen die Pistons in Game one (31). Es geht bergauf, und sollte er in den kommenden Wochen wieder an sein gewohntes Potenzial in einer brauchbaren Konstanz anknüpfen können, wird er wirklich der X-Faktor.

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Holzinger: Ja, den Eindruck könnte man natürlich bekommen. Love ist inzwischen gut in das Spiel integriert, nimmt den Kampf an, agiert wieder aggressiver, auch mit dem Rücken zum Korb und tut das, was alle von ihm erwartet haben; da muss ich nicht mehr viel hinzufügen. Er wird auch in den Playoffs ein wandelndes Double-Double sein und einen Großteil der Offense schultern. Kyrie ist leider nach seiner Verletzung nur schwer in den Tritt gekommen und hat oft sehr fragwürdige Leistungen auf das Parkett gebracht. Ihm die Sache mit dem Ungeziefer als Ausrede anzukreiden, klingt mir allerdings zu sehr nach der Zeitung mit den vier Buchstaben. Er hat es ja auch öffentlich zugegeben, wenn er schlecht gespielt hat, daher muss ich da eine Lanze für ihn brechen. Ich denke, er weiß auch ganz genau, worum es geht und ist heiß auf die Playoffs. Das zeigen Aussagen wie „Wir sind das Team, das es zu schlagen gilt“ oder das bereits erwähnte Spiel gegen die Hawks. 


"Wir werden in diesen Playoffs den besten LeBron James seit seiner Rückkehr nach Cleveland sehen."

Michels: Eigentlich unvorstellbar, schaut man sich die letzten Playoffs an. Dennoch glaube ich: Ja, James wird stärker sein als 2015. Gehen wir davon aus, dass sich diesmal nicht das halbe Team verletzt, wird er mehr Hilfe bekommen und kann somit sehr viel effizienter agieren. Vielleicht wird er nicht dieselben Monster-Zahlen auflegen. In jedem Fall wird er dem Team aber genau das geben, was es in der jeweiligen Situation braucht. Klar wird aber sein, dass Spiele kommen werden, in denen bei seinen Mitspielern wenig laufen wird. Dann muss er erneut in die Bresche springen, und das wird er auch tun.

Nückel: In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: Ja, ich traue James zu, dass er seine Leistungen nochmal übertrumpft. Die letzten Wochen waren bereits in Sachen Effizienz eine Offenbarung. Er wurde in der regulären Saison fast wöchentlich für seinen Wurf und teils nicht vorhandenen Dreier kritisiert -  im April traf er über 50% seiner Versuche! Der Ablauf wirkt viel runder, sodass er auch am Perimeter wieder eine Gefahr darstellt und so seinen Kollegen noch mehr Möglichkeiten verschafft. Zudem weiß Bron, dass Cleveland am Scheideweg steht, wenn es dieses Jahr erneut nicht mit der Championship klappt. Er wird seine Seele opfern – ja, ich werde pathetisch –, um seiner Heimat den Ring an den Finger zu stecken und endgültig unsterblich zu werden.

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Holzinger: Auch mein Gefühl sagt mir: ja! Ich gehe ebenfalls davon aus, dass er wesentlich mehr Hilfe vom Rest des Teams erhalten wird. Gerade die nun endlich funktionierende Implementierung von Love wird hier einen Teil der Last von seinen Schultern nehmen. Hinzu kommt die Beziehung zu Coach Lue. Das Ganze wirkt auf mich vertrauensvoller und von mehr Respekt geprägt, als es mit Blatt je der Fall war. Da auch mental jeder Prozentpunkt wichtig ist, hilft das nicht nur ihm, befreiter zu agieren, sondern wirkt sich gleichzeitig auch positiv auf das gesamte Teamgefüge aus. Es liegt kein „Schleier des Misstrauens“ in der Luft, es geht nur um Basketball. Ich möchte diese These und die Aussage von André zu seiner ansteigenden Form mit einer kleinen Statistik unterstreichen: In seinen letzten drei Spielen der Saison hat Bron-Bron gnadenlose 79% (33-42) aus dem Feld, 73% von Downtown (8-11) und 91% (10-11) von der Linie getroffen - Beastmode! Dass er bereits mehr als bereit ist, zeigt nicht zuletzt sein Facebook Post „Zero Dark Thirty-23 activated“. Over and out.


"Die Cavs müssen in einer Serie über die komplette 7-Spiele-Distanz gehen."

Michels: Ja, in den Finals! Vorausgesetzt, wir sehen tatsächlich einen James, wie wir ihn lange nicht gesehen haben und einen Irving, der seine Kritiker verstummen lässt, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Team aus dem Osten drei Spiele gegen die Cavs gewinnen kann. Sollte aber Sand im Getriebe sein und wieder alles nur von LeBron abhängen, so sehe ich vor allem die Heat als Gefahr. Sie sind enorm erfahren, haben Dwyane Wade in ihren Reihen und zeigten in der Regular Season mehr als nur einmal, dass sie Cleveland ärgern können. Und sind wir ehrlich: Wer würde nicht gern einen Showdown in Spiel 7 gegen Miami sehen? LeBron gegen sein altes Team, gegen einen seiner besten Freunde und gegen seine eigene Vergangenheit. 


Nückel: Mit der These habe ich mir selbst keinen Gefallen getan. Schwierig. Im Osten wird es tatsächlich eine kleine Herausforderung, unsere Cleveland Cavaliers an den Rand einer Niederlage zu drängen. Potenzial haben wenn überhaupt die Heat für dieses Szenario, weil neben der Qualität vor allem die Erfahrung am South Beach vorhanden ist. Dafür benötigt Miami einen halbwegs funktionierenden Chris Bosh, der aber lediglich bei Games of Zones während der Playoffs Gefahr ausstrahlen wird. In denkbaren Finals hängt viel vom Start ab. Gelingt ein fantastischer Start, wird meiner Meinung nach keine Serie über die volle Distanz ausgespielt werden. Aber Hey: Bock’ drauf hätte ich auf jeden Fall. Ein bisschen Krimi gehört zur ersten Meisterschaft in jeglicher Hinsicht dazu.

Holzinger: In der First Round oder den Conference Semifinals würde ich sagen: auf keinen Fall. Detroit traue ich durchaus einen Sieg zu, halte aber auch einen Sweep für nicht unwahrscheinlich. Ebenso steht es mit Atlanta oder Boston in der nächsten Runde. Sollte es allerdings zu einem Conference Finale gegen Miami kommen und in der Defense der Wurm drin sein, ist es für mich durchaus vorstellbar. Die Heat haben auch ohne Bosh schon eindrucksvoll bewiesen, dass mit ihnen zu rechnen ist. Wie ihr bereits ausgeführt habt, hat das Team von Erik Spoelstra eine Menge Erfahrung, kombiniert mit jungem Talent. Daher kann eine solche Serie durchaus sechs oder gar sieben Partien andauern. Wenn dann alles nach Plan läuft und wir den Pfad Richtung Finals erfolgreich beschreiten, kann natürlich alles passieren. Sowohl gegen die Warriors als auch gegen die Spurs werden wir wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit über die volle Distanz gehen müssen. Hoffentlich mit dem ersten Titel für unser Team aus Ohio! #UnfinishedBusiness