10 April 2016

10. April, 2016


von MATTIS OBERBACH @MattisOb

Wir sollten anstoßen! Anstoßen darauf, dass die Philadelphia 76ers ab kommenden Montag (offiziell) einen neuen Man in charge haben. Anstoßen darauf, dass man als Fan des Teams und der NBA nun begründet darauf hoffen kann, in naher Zukunft ein wettbewerbsfähiges Team auf dem Parkett sehen zu können.

Anstoßen auf den erfolglosen Bändiger der Tischtennis-Bälle, Sam Hinkie, der die Sixers nach Jahren katastrophaler Leistungen zumindest in Reichweite von sportlichem Erfolg gebracht hat - katastrophale Leistungen, die er verantwortet hat.

Nein, er hat es nicht geschafft, die Franchise nach vorne zu bringen. Im Gegenteil: die Draft Picks werden in diesem Jahr wohl früher liegen als je zuvor in seiner Amtszeit. Aber das war auch seine Absicht. Mission accomplished.

Hinkie hat sich am Donnerstag mit einem 13-seitigen Pamphlet von den Anteilseignern der Franchise verabschiedet. Natürlich gelangte diese private, klubinterne Kommunikation dennoch nach außen, wurde prompt veröffentlicht und mittlerweile von der gesamten NBA-Gemeinde gelesen.


Die Ironie darin ist nicht zu überlesen. Sam Hinkie bemüht die Aussagen, Meinungen oder Taten der Golden State Warriors und San Antonio Spurs, von Warren Buffett und Elon Musk, Amazon und Google. Allesamt absolute Titanen in ihrem jeweiligen Bereich.

Aber es entsteht beim Leser sofort ein fader Beigeschmack. Wieso nimmt Hinkie diese Vergleiche mit überaus erfolgreichen Personen oder Unternehmen vor, wenn die von ihm geführte Franchise, die 76ers of Philadelphia, exakt am anderen Ende des Erfolgs-Spektrums anzufinden sind?

Wer sich durchbeißt durch die 13 Seiten, der wird vielleicht verstehen, welche Gedanken Hinkie verfolgte. Welche Gründe und Absichten er hatte. Und er mag auch verstehen, wieso Hinkie immer nur einen Schritt entfernt war vom großen Wurf und wieso die Sixers auch (oder: besonders) ohne Hinkie eine vielversprechende Zukunft haben.

Im Folgenden haben wir die, ganz subjektiv, „besten“ Stellen aufgelistet, in chronologischer Reihenfolge. Können wir, wie Hinkie gleich zu Beginn verspricht, am Ende tatsächlich besser verstehen, wo sich die Sixers heute befinden und wieso Zeit unter Hinkie so verlaufen ist? Here we go.


"There has been much criticism of our approach. There will be more. A competitive league like the NBA necessitates a zig while our competitors comfortably zag."

Hinkie lässt sofort keine Zweifel daran aufkommen, dass er mit seinem Amtsantritt auf „Anders denken“ gepocht hatte. Immer und immer wieder nimmt er darauf Bezug, dass man nicht mit der Herde mitziehen und sich davon Erfolg erhoffen könnte.

Die Sixers haben auf seinen Wunsch hin alles geändert, was es zu ändern gab, und haben Fragen gestellt, wo andere die Antworten als gegeben hinnehmen. Sie haben aber auch, und daher kommt die Kritik der Fans und Gegner, ihre sportlichen Aussichten für mehrere Jahre vollkommen in den Schatten einer Zukunftsvision gestellt, bei der auch heute noch nicht abzusehen ist, wann und ob überhaupt sie eintritt.

"A league with 30 intense competitors requires a culture of finding new, better ways to solve repeating problems. In the short term, investing in that sort of innovation often doesn’t look like much progress, if any. Abraham Lincoln said 'give me six hours to chop down a tree and I will spend the first four sharpening the axe.'"

An dieser Stelle sollte zunächst darauf hingewiesen werden, dass Lincoln dieses Zitat so scheinbar nie gegeben hat. Das ist allerdings nicht der Fehler Hinkies, denn tatsächlich findet man diese Aussage oder angebliche Aussage Lincolns an vielen Stellen.


Es geht aber bei diesem, wie bei allen Zitaten, um zweierlei: Erstens möchte Hinkie andeuten, dass es erfolgreiche Leute gibt, an dessen Denkweise er sich orientiert hat in den letzten Jahren. Im Grunde möchte er damit dem Leser, dem Fan, das nötige Vertrauen in sein Handeln einreden. Zweitens möchte er damit natürlich auch eine gelungene Metapher finden für einen Weg, der in der NBA so niemals betreten wurde.

Sollten die Hinkies tatsächlich die ersten vier Stunden ihre Axt schärfen (=die ersten vier Jahre den sportlichen Erfolg in die Bahn leiten), dann würde der Baum am Ende in zwei Stunden gefällt sein (=in den letzten beiden Jahren die sportliche Ernte eingefahren werden).

"Reading your own past reasoning in your own words in your own handwriting time after time causes the tides of humility to gather at your feet. I’m often in waist-deep water here.

Investing in disruptive innovation doesn’t ferment misunderstanding, it necessitates  it. Jeff Bezos says it this way: “There are a few prerequisites to inventing…You have to be willing to fail. You have to be willing to think long-term. You have to be willing to be misunderstood for long periods of time.'"

Den großen Denkern der Geschichte der Menschheit entnimmt Hinkie die Notwendigkeit, Fehler begehen zu müssen, um voran zu kommen. Dass er allerdings durch die Flut von Demut Hüft-tief im Wasser steht, wenn er sich im Nachhinein seine Fehler betrachtet, lässt den Plan des Scheiterns in einem so ergebnis-gebundenen Geschäft als nicht siegbringend erscheinen.

Wenn ein Warren Buffet eine Idee oder ein Unternehmen unbedingt durchsetzen möchte, verteidigt er diese immer und immer wieder, so lange seine Ressourcen dazu reichen. Für die Sixers und Hinkie ist diese Taktik nicht vollends zu kopieren, denn bleiben die Siege weg, so bleiben die Fans fort, dann bleiben die Sponsoren weg, usw. Außerdem ist in der NBA durch die einzigartige wirtschaftliche Verbundenheit der 30 Franchises und ihrer Besitzer eine so extreme Talfahrt nur schwer zu rechtfertigen. Zumindest langfristig.

"Jeff Bezos says that if Amazon has a good quarter it’s because of work they did 3, 4, 5 years ago—not because they did a good job that quarter. Today’s league-leading Golden State Warriors acquired Draymond Green, Andrew Bogut, and Klay Thompson almost 4 years ago, nearly 4 years ago exactly, and almost 5 years ago. In this league, the long view picks at the lock of mediocrity."

Geduld. Ein wichtiges Element im Vorgehen Hinkies. Dabei ist dies womöglich die größte Ente, denn Geduld scheint er selbst am wenigsten zu haben. Was die Warriors dieser Tage tun ist zweifellos der richtige Weg. Später nimmt Hinkie darauf Bezug, wie die Spurs schon drei, vier Jahre vor der eigentlichen Verpflichtung auf die Ankunft von LaMarcus Aldridge hingearbeitet hatten.


Aber große Spieler entwickeln sich nicht über Nacht, sie alle brauchen eine Zeit. Die größten der Großen, die LeBrons der Welt, sind natürlich außen vor. Aber Hinkie hatte/hat keine Geduld. So wurde der damals amtierende Rookie of the Year Michael Carter-Williams prompt getradet, Jahlil Okafor stand zur Trade Deadline 2016 wohl kurz vor einem Zwangsumzug nach Boston.

Langfristig denken ist gut, aber ganz ehrlich, wie viele der Spieler aus dem aktuellen Sixers-Kader würde man in deren vierten Jahr in der Liga noch in Philadelphia wähnen? Wäre Hinkie nicht alle diese Spieler früher oder später wieder losgeworden?

"To develop truly contrarian views will require a never-ending thirst for better, more diverse inputs."

Immer weiter, immer besser, immer wieder. Aber muss es denn wirklich jedes Jahr passieren? In der Saison 2015/16 waren die Sixers schlechter als zuvor. Wie häufig wollte Hinkie es probieren - bis auf einmal das zuvor (an der Bilanz gemessen) schlechteste Team der NBA die Championship gewinnt? Wäre eine Besserung in Schritten nicht der bessere Weg?

Entwicklung der Spieler. Anordnung eines wettbewerbsfähigen Kaders. Aufbau der Struktur eines Meisters. Process.

Bei Hinkie kamen viele Ideen, angehäuft aus den Werken und Worten vieler großer und erfolgreicher Menschen aus aller Welt, zusammen, um eine Vision zu schaffen. Er wollte alls anders machen, revolutionär denken und die Liga dann von hinten aufrollen. Ironischerweise hatte zuvor Chip Kelly in Philadelphia als Head Coach der Eagles die NFL aufgemischt und einen ebenso ungewöhnlichen Blick auf die Dinge geliefert.

Zwar hatte Kelly nicht das Team komplett auseinander gebaut, aber abgesehen davon kamen Schlaf-Überwachung, Trainings-Kontrolle und Aufstockung des Practice-Geländes dazu. Dazu sind die Philadelphia Phillies eines der schwächten Baseball-Teams in der amerikanischen MLB. Man hat es derzeit nicht leicht in Philadelphia. Beide, Hinkie und Kelly, mussten mittlerweile ihren Platz räumen.

"What basketball axiom is most likely to be untrue? Take it on and do the opposite."

Hinkie hatte aber, genau wie Kelly, einfach nur anders denken wollen. Dieses Mission durfte er auch durchführen, bis im Dezember mit der Unterschrift von Jerry Colangelo ein echter „Basketball Typ“ angeheuert wurde. Dass dies der erste Schritt (und der Abtritt Hinkies der zweite) sein würde, war damals noch nicht klar.


Mit einem neuen General Manager, Jerrys Sohn Bryan, der ab dem 11. April seinen Job antritt, wird hoffentlich die letzte Phase des Umbruchs eingeleitet werden. Dann wird aller Voraussicht nach auch nicht mehr stumpf das Gegenteil der Methoden genutzt, die seit Jahren und Jahrzehnten in der NBA zu Erfolg führen. Blindes „anders denken“ ist nicht des Rätsels Lösung.

"Sixers fans come up to me to say hello and many of them say the same thing (almost instinctively) as we part, “Good luck.” My standard reply: “Thanks. We’ll need it.”

- Our challenge was not for the faint of heart. It wasn’t.
- Our challenge was big enough to humble me to think about the enormity of it. It did. We would have to get so very much right."

Hinkie war sich außerdem darüber im Klaren, dass sein Weg weder einfach werden noch besonders viel Spaß machen würde. Aber er hatte auch nie geplant, sofort Erfolg zu haben. Ansonsten hätte der große Gehaltsspielraum längst in den einen oder anderen großen Spieler umgewandelt werden können.

Wird das in diesem Sommer der Fall sein? Man will, nein, man darf gar nicht darüber nachdenken, aber Spieler wie Nerlens Noel und Jahlil Okafor, vielleicht endlich Joel Embiid, dann vielleicht sogar Kevin Durant oder ein anderer begehrter Free Agent? (Das soll natürlich nicht heißen, dass Durant im Sommer nach Pennsylvania umsiedelt. Das wird er nicht.)

Oder im nächsten Sommer, wenn wieder neue Superstars dem Geld hinterherlaufen... Können die Sixers dann zuschlagen? Sind sie dann immer noch ganz unten in der NBA? Oder haben sie bis dahin einen Weg für Noel und Okafor auf dem Court gefunden, haben vielleicht noch einen oder zwei Spieler im Draft dazu geholt und brauchen dann nur noch einen Free Agent, um den großen Sprung zu machen?


Im letzten Teil des Briefes nimmt Hinkie detailliert den heutigen Zustand seiner nun Ex-Franchise ins Auge. Wie viele junge, talentierte Spieler sie haben. Wie viele Draft Picks sie haben, „quasi zwei volle NBA-Teams, aufgewogen in Erstrunden-Picks“. Wie viel Gehalt sie ausgeben können.

Er weiß, dass das alles zu nichts führt, wenn nicht weiter hart gearbeitet wird und wenn die nötige Portion Glück nicht involviert ist.

"It’s clear now that I won’t see the harvest of the seeds we planted. That’s OK. Life’s like that."

Er weiß sogar, dass er nicht dabei sein wird, wenn sich bei den Sixers endlich wieder Erfolg blicken lässt.

Sam Hinkie hat seit 2013 viel gearbeitet und viel bewegt, im Positiven, im Negativen, im Zweifelhaften. Man kann ihm nicht vorwerfen, seinem einzigartigen Plan nicht gefolgt zu sein, die mögliche Kurzschluss-Reaktion mit MCW einmal ausgenommen.

Hinkie hat sich mir durch diesen Brief als ein äußerst intelligenter Menschen vorgestellt, dessen Vorgehensweise für viele nicht akzeptabel und nicht zielführend war. Er war sich seiner Absichten bewusst und hat die öffentlichen Reaktion in Kauf genommen.

Ob die Reaktion der Sixers, spät 2015 Ish Smith und Colangelo ins Boot zu holen, als Gegenmaßnahme zu Hinkie angesehen werden sollte oder ob es lediglich der Beginn des Endes von Hinkies Plan und damit der Beginn des Beginns der Sixers-Zukunft war, wird vermutlich bald an die Öffentlichkeit kommen.

Die einen bewundern Hinkies Absichten, die anderen verurteilen ihn weiter wegen der ständigen Niederlagen. Aber es war ein faszinierendes Experiment. Kommt jetzt die Auflösung des Experiments, die Ernte der gesäten Früchte? Oder betreten die Sixers nun durch den Notausstieg den Weg zurück zur Normalität und annullieren sie Hinkies Werk?

Von mir aus kann er auch etwas Macht-versessen gewesen sein, weshalb die Ankündigung einer potentiellen weiteren Umstrukturierung des Front Office seinen Rücktritt hervorrief. Mit einem Vater-Sohn-Duo zu arbeiten, wobei die wirkliche Macht bei den Colangelos liegt, wäre sicher nicht leicht gewesen.

"I wish you the best of luck. Like other Sixers fans, I will cross my fingers for you on lottery night in New York."

Hinkie hat sich zu 100% in die Dienste seines Gewissens gestellt und damit zumindest das Tor erreicht, hinter dem sich die Sixers auch im Mai oder gar im Juni noch ins Wells Fargo Center begeben dürfen.

Aber das Tor öffnen und hindurch schreiten wird er nicht.

Vielleicht bauen sie ihm eines Tages eine Statue, vielleicht wird etwas nach ihm benannt. Wer weiß, unter Umständen war er seiner Zeit tatsächlich etwas voraus und konnte zur Zeit seines Wirkens nicht ausreichend Anerkennung von seinem Umfeld einheimsen. Und sollte der Process, den Hinkie sich bei den Großen der Welt abgeschaut hat, tatsächlich zum Erfolg führen, dann ist es auch sein Verdienst, dass Philly endlich wieder relevant ist. Die Antwort darauf liegt Jahre in der Zukunft.