28 März 2016

28. März, 2016


von LORENZ BRONDER @lorenzderbro

"We're losing to trash teams [...] We're laying down."

Taj Gibson fasste die Situation nach den beiden jüngsten Niederlagen gegen die New York Knicks äußerst präzise zusammen. Zurzeit bleiben die Chicago Bulls deutlich hinter ihren Erwartungen zurück und stehen auf einem inakzeptablen neunten Platz im Osten. Die Saison droht zum Fiasko zu verkommen. Doch fangen wir von vorne an.

Ein vielversprechender Start
Es ging so gut los. Im ersten Spiel der regulären Saison 2015/16 besiegte Chicago die Cleveland Cavaliers mit 97-95 und stellte klar, dass dieses Jahr nicht bereits in der zweiten Playoff-Runde Schluss sein soll. Und es wurde sogar noch besser: Am 7. Januar standen die Bulls mit einem Record von 22-12 auf dem zweiten Platz in der Eastern Conference. 

Alles lief nach Plan. Jimmy Butler wurde als Top-Five MVP-Kandidat gehandelt und wurde zum All-Star gewählt, Nikola Mirotic zum Rising Star. Nicht zu vergessen, dass auch Derrick Rose mit jedem Spiel besser wurde. Dann passierte etwas. Seitdem bewegen sich die Bulls in einer nicht mehr enden wollenden Abwärtsspirale.

Die große Verletzungsmisere
Seit dem Sieg über die Boston Celtics an jenem 7. Januar lautet die Bilanz 14-24. Alles fing mit der Verletzung von Joakim Noah an, der sich zuvor so gut mit seiner Rolle von der Bank arrangiert hatte. Saisonaus lautete die bittere Wahrheit für den ehemaligen Verteidigungsspieler des Jahres.

Doch damit nicht genug. Der nächste Ausfall ließ nicht lange auf sich warten. Ende Januar meldete sich bei Nikola Mirotic der Blinddarm. Zwei bis drei Wochen Pause hieß es; Mirotic fehlte ganze fünf und verlor dazu noch knapp zehn Kilogramm Gewicht, weshalb er seit seit seinem Comeback Anfang März nur dreimal über 30 Minuten gespielt hat. Mirotic und Noah... Wäre es nur dabei geblieben, wäre das zwar schmerzhaft, jedoch noch zu verkraften gewesen.

Doch nur eine Woche später kam die nächste Meldung. Jimmy Butler auf unbestimmte Zeit raus. BOOM! Diese Meldung traf die Bulls mitten ins Herz. Der neue Franchise-Player ebenfalls verletzt. Es wurden Erinnerungen an Derrick Rose wach, seinerzeit MVP der Liga, Hoffnung der Bulls, dann Kreuzbandriss, Meniskusriss, unzählige Verletzungen, nie wieder der Alte. 


Bei Butler schien die Lage nicht ganz so schlimm zu sein. Der Flügelspieler fehlte dennoch an allen Ecken und Enden. Einen Monat lang fiel er aus, die Bulls verloren acht ihrer zwölf Begegnungen und fanden sich ganz plötzlich auf dem achten Platz im Osten wieder.

Der Abstand nach oben wurde immer größer, auch weil sich während Chicagos Niederlagenserie viele Teams als erstaunlich konstant erweisen. Die Toronto Raptors, Boston Celtics und Charlotte Hornets stürmten nach oben, Atlanta und Miami stabilisierten sich. Selbst Indiana stoppte seinen Abwärtstrend rechtzeitig und baute die Führung auf Chicago aus.


Als Rose dann noch wieder einmal mehrere Spiele am Stück verpasste, schien es um die Bulls geschehen. Bei Butlers Rückkehr gewannen die Bulls gegen die Houston Rockets. Der beste Two-Way-Player des Ostens spielte 34 Minuten – und das in beeindruckender Art und Weise: Er erzielte 24 Punkte, elf Rebounds und sechs Assists. 

Sein Knie aber hielt der Belastung nicht stand, er musste erneut drei Partien aussetzen, wovon die Bulls zwei verloren. Diesbezüglich wird er sich im Sommer einer Operation unterziehen, da er durch die Verletzung immer noch eingeschränkt ist: "I feel like I'm hurting this team", sagte er nach der zweiten Niederlage gegen die New York Knicks.

Bei seinem erneuten Comeback kündigte sich dann der nächste Schock an: Pau Gasol lädierte sich das ebenfalls das Knie und war zum Zugucken verdammt. Es scheint, als würden die Bulls von einem Fettnapf in den nächsten treten.

Feuerwehr
In dieser von Verletzungen geplagten Spielzeit waren es neben dem gewohnt soliden Gasol (16,6 Punkte und 11 Rebounds pro Partie) vor allem drei Akteure, die Abend für Abend Verantwortung übernehmen mussten – und es auch taten: Taj Gibson wurde zum neuen Defensiv-Anker und zum verbalen Anführer auf dem Court auserkoren.

Gibson steal and dunk - 3.21.16

Taj Gibson out there doing work tonight!

Posted by Chicago Bulls on Monday, March 21, 2016

E'Twaun Moore, der in Butlers Abwesenheit groß aufspielte und in 20 Spielen als Starter im Schnitt auf knapp zwölf Punkte, drei Rebounds und drei Assists kam, etablierte sich in der Rotation und erspielte sich wohl eine langfristige Anstellung in Chicago. 

Und zuguterletzt Doug McDermott aka 'Dougie McBuckets', der seit dem All-Star Break sein Breakout feiert. Im Schnitt legt er ähnliche Stats auf wie Moore, doch in drei Spielen im März gegen die Raptors, Wizards und Nets erzielte er knapp 25 Punkte pro Abend und traf über 60% seiner Würfe, sowohl aus dem Feld als auch von der Dreier-Linie.

Schon in der letzten Saison verpassten Rose und Butler jeweils rund 20 Spiele. Mit einer starken Siegesserie vor dem Ende der regular season konnte Chicago sogar noch Heimvorteil einspielen. Dazu reicht es diesmal wahrscheinlich nicht. Die Playoff-Teilnahme ist in akuter Gefahr. 

Hoiberg die richtige Wahl?
Nach den jüngsten Miseren steht auch Coach Fred Hoiberg stark in der Kritik. Waren die Fans unter Tom Thibodeau immer eine überragende Defense gewohnt, setzt Hoiberg auf eine schnelle, teamorientierte Offense. Doch immer, als es so schien, dass die Spieler sich umgestellt haben, kam die nächste Nachricht von einer Verletzung eines Leistungsträgers.

Der ehemalige Coach der Iowa State University hat erhebliche Probleme, konstant die gleiche Starting Five aufs Parkett zu schicken. 20 verschiedene Starting Lineups hat er nun schon ausprobiert. Dadurch und durch den Fokus auf die Offensive leidet die Defense extrem.

Zwischen Ende Januar und Anfang März ließen die Bulls in 16 aufeinanderfolgenden Spielen mindestens 100 Punkte zu - die längste Serie in den letzten 30 Jahren. Wenn dann nur 14 von 49 Spielen, in denen der Gegner mehr als 100 Punkte erzielt, gewonnen werden können, sollte man dort zuallererst ansetzen. 

Des Weiteren muss sich Hoiberg die Frage gefallen lassen, wieso ausgerechnet Tony Snell, der das beste On/Off-Verhältnis des ganzen Teams aufzuweisen hat, in der Rotation keinen Platz mehr findet.


Eine weitere Problematik, die ebenso zu einer verkorksten Saison beiträgt, sind die Auswärtsspiele. Gewannen die Bulls im letzten Jahr noch 23 von 41, sind es in dieser Saison bisher nur zwölf von 35 auf fremdem Parkett. Zudem gingen elf der letzten zwölf Spiele "away from home" verloren. 

Die Einstellung, die unter Thibs zusammen mit Noah oberstes Mantra in der Windy City war, geht den teils impotenten Bullen in diesem Jahr auch ab: 33-mal lagen die Bulls zur Pause zurück, 26 dieser Spiele gingen verloren. Mental scheinen die Spieler zeitweise einfach nicht auf der Höhe zu sein.

Nur so erklären sich die Niederlagen gegen vermeintlich schwache Teams; für die Matches gegen Top-Teams sind die Bulls hingegen immer top motiviert. Hier ein kleiner Auszug:

Dallas (11. im Westen): 0-2
Minnesota (13. im Westen): 0-2 
Oklahoma (3. im Westen): 2-0
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New York (13. im Osten): 1-3
Toronto (2. im Osten): 4-0
Cleveland (1. im Osten): 2-1

Playoffs? Nicht unmöglich!
Trotz aller Probleme scheint das Team - und besonders einige Spieler - die Playoffs noch dringend erreichen zu wollen. Derrick Rose schrieb nach den peinlichen Niederlagen gegen die Knicks: "We still can make a jump and make a run for it." 

Doch dieser Schritt nach vorne muss sofort kommen, denn sonst wird Chicago die Playoffs 2016 nur am Fernseher verfolgen können. 2.5 Spiele liegen die Bulls derzeit hinter den Indiana Pacers auf Platz sieben, zwei hinter den Detroit Pistons auf Rang acht. Gegen beide Teams gibt es noch jeweils ein direktes Aufeinandertreffen.


In den Playoffs selbst ist nichts unmöglich. Insbesondere dadurch, dass es entweder gegen die Cavaliers oder Raptors gehen wird, gegen die die Bulls jeweils eine positive Bilanz aufzuweisen haben, gibt theoretisch ein wenig Hoffnung. Immerhin.

Dazu müssen aus den letzten zehn Spielen (gegen Atlanta, in Indiana, in Houston, gegen Detroit, in Milwaukee, in Memphis, in Miami, gegen Cleveland, in New Orleans und gegen Philadelphia) mindestens sieben oder acht Siege her. 

Dafür müssen die Bulls nun endlich ihre derzeitige Auswärtsschwäche ablegen und beweisen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Und ja, dafür zahle ich gerne 10 Euro ins Phrasenschwein.