29 März 2016

29. März, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Vor Beginn des Tournaments schien es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass ein Team, das ein zweistelliges Seeding zugewiesen bekam, am Ende im Final Four landen könnte. Schließlich war die Saison geprägt von Upsets und Favoritenstürzen. Bis zum Elite Eight waren jedoch noch alle 1 Seeds im Tournament Feld vertreten und eine richtige Cinderella-Story ausgeschlossen. 

Dennoch ist die Tatsache, dass Syracuse es als viertes Team mit zweistelligem Seeding ins Final Four geschafft hat bemerkenswert. Doch nicht allein diese Errungenschaft verlangt Respekt, besonders die Art und Weise ist erstaunlich und weist doch viele Merkmale der Cinderellas der Vergangenheit auf. Daher passen der Upset gegen Virginia und sein Zustandekommen sehr gut ins Bild des bisherigen Tournament Runs.


Virginia führte zur Halbzeit mit 35:21. Bei der Übertragung wurde mehrfach die Information eingeblendet, dass Virginia unter Tony Bennett bis dato eine Siegesbilanz von 68:0 aufweisen konnte, wenn Virginia zur Halbzeit mit mindestens zehn Punkten führte. So beeindruckend dieser Fakt ist, so wenig verwunderlich ist er auch. 

Denn Virginias oberstes Credo beruht auf Tempokontrolle und einer langsamen Herangehensweise. In Kombination mit der Erfahrung der Guards ist es daher äußerst schwierig, Runs gegen Virginia zu starten oder die Cavaliers unter Druck zu setzen.

Doch genau das gelang Cuse in diesem Spiel. Zudem wirkten die Cavaliers das ganze Spiel über zögerlich gegen die berüchtigte Matchup-Zone von Syracuse. Diese beiden Schwachpunkte machten sich die Orange bei ihrer Aufholjagd und während der Crunchtime zu Nutze.

Beim Stand von 45:56 beginnen die Cuse zu pressen. Virginia wirkt nicht hundertprozentig vorbereitet. Zwar bringen sie den Ball ins Spiel und finden den richtigen Pass aus der Trap heraus, allerdings landet der Ball damit in den Händen von Isaiah Wilkins (Nr.21). Wilkins sollte nicht als Entscheidungsträger gegen eine Presse eingesetzt werden, da ihm dazu (noch) die Skills und Erfahrung fehlen. 

Dennoch schafft er es, den Pass zu Devon Hall (Nr.0) anzubringen. Hall ist ein weiterer unerfahrener Akteur, der sich für das schnelle Zwei-gegen-Eins entscheidet, anstatt das Spiel zu beruhigen und das Setplay aufzuziehen. Sein Pass bringt Mitspieler Anthony Gill (Nr.13) in eine schwierige Lage.

Gill kann gegen Shotblocker Tyler Lydon (Nr.20), der nach dem Virginia-Spiel die viertmeisten Blocks innerhalb eines Tournaments unter allen Freshmen verzeichnen wird, nicht einfach abschließen. Deswegen entscheidet er sich für den Fake, gerät jedoch aus dem Gleichgewicht und begeht einen Schrittfehler. Der Angriff dauert insgesamt fünf Sekunden und ist damit ungewöhnlich kurz. 


Bei Syracuse wacht Freshman Malachi Richardson (Nr.23) auf und punktet nach elegantem Drive. Sofort stellen die Orange wieder ihre Presse auf. Auch dieses Mal gelingt es ihnen mit der Ganzfeldverteidigung, Virginia zu einem leichtfertigen Turnover zu verleiten.

Der Einwurf wird dieses Mal als Lobpass in den Lauf von Darius Thompson (Nr.51) ausgeführt. Sophomore Thompson entscheidet sich genau wie Hall in der Situation zuvor für den schnellen Abschluss im Zwei-gegen-Eins. Wieder macht sich die Präsenz von Lydon bemerkbar, da Thompson nur auf den Shotblocker achtet und daher den Ball nicht ausreichend schützt. 

Da Thompson den Ball an der Hüfte hält, kann Michael Gbinije (Nr.0) ihn von hinten aus den Händen schlagen und direkt den Gegenangriff einleiten, an dessen Ende Tyler Roberson (Nr.21) beim Rebound gefoult wird und beide Freiwürfe verwandelt.


Nach den Freiwürfen schafft es Virginia erstmals aus dem Pressbreak heraus zu scoren. Dieser Versuch unterscheidet sich in zwei Aspekten von den vorherigen beiden. Zunächst ist es Malcolm Brogdon (Nr.15), der den Ball fängt. Brogdon ist der Anführer des Teams und jemand, der nur sehr selten schlechte Entscheidungen trifft. 

Insofern ist der Ball bei ihm in solchen Momenten genau richtig aufgehoben. Im Gegensatz zu den ersten beiden Fastbreakversuchen leitet Brogdon den Schnellangriff dieses Mal mit einem präzisen Pass ein. Dadurch muss Hall nicht nachgreifen und kann direkt im vollen Lauf die Situation vor ihm ausbaldowern. 

Hall reicht diese Sekunde mehr, um rechtzeitig auf Lydons Stealversuch reagieren zu können. Dass Lydon in dieser Situation auf den Ballgewinn geht, ist ein risikobehaftetes Manöver und kostet seiner Mannschaft zwei Punkte. 


Diese Punkte sollten den Cavaliers eigentlich Sicherheit geben und Syracuse ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen. Allerdings zeigt sich Freshman Richardson reichlich unbeeindruckt und versenkt den frechen Dreier.

Erneut presst Syracuse, erneut versucht Virginia den langen Lobpass auf Brogdon. Doch in dieser Situation gelingt es nicht und Richardson kann den Ball spektakulär retten. 

London Perrantes (Nr.32), der neben Brogdon der erfahrenste Ballhandler des Teams ist, startet auf der Brogdon-entfernten Seite und läuft die Baseline entlang, um den Senior anpassen zu können. Allerdings passt das Timing zwischen den beiden nicht. Perrantes passt zu früh, weshalb Brogdon keine Chance hat, den Ball zu erreichen.


Diese Szene ist symbolisch für den Einbruch der Cavaliers. Dass selbst diese beiden Veteranen nicht souverän gegen die relativ simple Presse der Orange agierten, war das eigentlich beängstigende Dilemma für die Cavaliers. 

Denn von den anderen Akteuren, die bis zu dieser Situation an den Fehlern beteiligt waren, konnte man solche Versäumnisse durchaus erwarten, nicht aber von den langjährigen Backcourt Partnern Brogdon und Perrantes. 

Während also bei Virginia die ersten Nerven flatterten, gewannen die Orange mehr und mehr Oberwasser, wie der folgende Dreier von Lydon illustriert. 

Wie in den Angriffen zuvor sorgen die Downscreens, die Penetrations der Außenspieler und das Liften des Vierers dafür, dass Virginias Pack Line Defense nutzlos ist und Lücken offenbart, die viele Teams nicht aufreißen können.


Virginia nimmt die Auszeit, es ist ein One-Possession-Game. Aus der Auszeit heraus sind wieder Perrantes und Brogdon am Pressbreak beteiligt. Perrantes schickt Brogdon auf die Reise. Doch anstatt endlich das Tempo herauszunehmen, will Brogdon erneut eine schnelle Antwort liefern. 

Allerdings merkt man ihm einfach an, dass er die Entscheidungsfindung unter hohem Tempo einfach nicht gewohnt ist. Lydon verteidigt dieses Mal wieder geschickt und wartet unter dem Korb auf Brogdon, womit er ihn zu einer Entscheidung zwingt. Brogdon wählt die wahrscheinlich schlechteste Option. Er möchte abschließend, vermeidet aber den Kontakt und will seitlich an Lydon vorbeigehen. Dadurch ist er jedoch weder unter Kontrolle beim Abschluss, noch hat er die Chance, ein Foul zu ziehen.

Beim Rebound nimmt mal wieder Energizer Roberson die entscheidende Rolle ein und tippt den Ball zu Gbinije. Obwohl Virginia zwei Spieler in der eigenen Hälfte stehen hat, die am Angriff überhaupt nicht beteiligt waren, kann Gbinije im Schnellangriff scoren. 


Hall stoppt den Ball nicht, Perrantes steht im Niemandsland und schützt den Korb nicht, Brogdon und Gill laufen nicht zurück. So entsteht aus einer Zwei-gegen-Zwei-Situation eine Vier-gegen-Drei-Überzahl. 


Immer noch liegt Virginia in Führung und schafft es endlich, sowohl die Presse zu bezwingen, als auch ins geordnete Setplay überzugehen. Allerdings ist auch das Setplay in der Konstellation keine wirklich günstige Angelegenheit. Den bisher größten Erfolg hatten die Cavaliers, wenn Brogdon auf dem Highpost als Playmaker positioniert wurde und er umringt von drei Schützen am Perimeter war. Hier eine Beispielszene aus der ersten Halbzeit:


Brogdon bewegt sich gut abseits des Balls und strahlt Gefahr aus. Dadurch verspüren die Außenspieler weniger Druck, bewegen den Ball und damit die Defense schneller, was letztlich dazu führt, dass Brogdons Cuts belohnt werden.

In der Crunchtime haben die Cavaliers jedoch mit Gill und Wilkins zwei Bigs auf dem Feld, die am Perimeter nicht zu suchen haben. Auch an der Freiwurflinie ist Wilkins als Playmaker nicht wirklich effektiv. Daher passen sich die Guards nur ideenlos den Ball hin und her. Am Ende gelingt es Perrantes durch einen Fake eine Lücke zu kreieren, hat jedoch Schwierigkeiten mit der Länge der Verteidiger.

Syracuse sichert sich wieder den Rebound lässt Richardson in der Offense mal wieder um einen Downscreen curlen. Dank seiner Körperkontrolle und seiner langen Schritte, kann er einen schwierigen Layup vollstrecken und für den Führungswechsel sorgen. Mit der Führung im Rücken hört Syracuse sofort auf zu pressen. 


Virginia hat nun zwar die Führung verloren, allerdings würden ihnen vorerst gut herausgespielte Halbfeldangriffe ausreichen, um das Spiel eng zu halten und wieder die Kontrolle zu erlangen. Doch da Coach Bennett immer noch zwei Wilkins auf dem Highpost lässt und wenig Bewegung in die Angriffe bringt, fühlt sich Perrantes schließlich zum Notdreier gezwungen. Ihm fehlt in dieser Situation allerdings der Rhythmus, weswegen er nicht seinen siebten Dreier trifft. 


Als Kontrastprogramm zu den konzeptlosen Offensivbemühungen weiß Jim Boeheim genau, wem er den Ball anvertrauen muss und wie er das am besten anstellt. Erneut stellt Roberson einen Downscreen für Richardson, der anschließend die ganze rechte Spielfeldseite für sich beanspruchen kann. Richardson zeigt sein Selbstbewusstsein und trifft den schwierigen Dreier.


Erst als es fast zu spät zu sein scheint, zeigen die Cavaliers offensiv die nötige Zielstrebigkeit. Brogdon auf dem Highpost ist dabei wieder der Schlüssel. Dadurch konzentrieren sich die Verteidiger auf den Highpost und lassen die beiden Bigs an der Baseline etwas außer Acht. Perrantes’ Pass und Gills Abschluss sind sehenswert und hätten gerne vorher mal angebracht werden können.


Dennoch erhalten die Cavaliers am Ende noch die Chance, sich in die Verlängerung zu retten. Bei drei Punkten Rückstand und verbleibenden 25 Sekunden haben die Cavaliers den Ball. Genügend Zeit, um sich mindestens einen guten Wurf herauszuspielen. Das Play funktioniert nicht wie geplant, da Lydon geschickt den Spot verteidigt, an dem Brogdon den Dreier nehmen soll. 

Brogdon zieht dann doch noch zum Korb und sieht Hall an der Dreierlinie. Hall hat durch das Gamblen von Gbinije einen Moment Zeit, der jedoch nicht ausreicht, um die Füße zu sortieren. Halls Wurf ist entsprechend weit daneben und der Rebound landet wieder bei den Orange.


Überraschend ist im Endeffekt, dass Virginia als eines der routiniertesten Teams der NCAA das Spiel dermaßen herschenkte. Vor allem die Fehler der Routiniers waren extrem erstaunlich und untypisch. Brogdon und Perrantes sind eigentlich zwei sichere Vertreter beim Ballvortrag und halten den Schaltknüppel in der Regel fest umklammert.

Bei Syracuse stachen wieder das Selbstvertrauen und die Toughness der einzelnen Spieler hervor. Mit einer Rotation bestehend aus sieben Spielern so gezielt zu pressen und im Angriff dabei weiterhin die Coolness zu behalten, ist für ein so junges Team sehr beeindruckend. Zumal es vor allem die Freshmen Richardson und Lydon waren, die an beiden Enden des Feldes das Kommando übernahmen.