01 März 2016

1. März, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Erstmals seit 1998 könnte es sein, dass ein Spieler, dessen Team nicht im NCAA Tournament vertreten war, in diesem Jahr als erster Spieler im NBA Draft ausgewählt wird. Die Rede ist von Ben Simmons und den LSU Tigers. In einer Saison, die einer Achterbahnfahrt gleicht, werden die Tigers am Ende nicht die nötige Bilanz aufweisen können, um vom Auswahlgremium am Selection Sunday berücksichtigt zu werden.

Natürlich besteht immer noch die Hoffnung, dass die Tigers das SEC Tournament gewinnen und sich somit die automatische Teilnahmegarantie sichern, doch das erscheint nicht sehr wahrscheinlich. Dafür sind die Tigers in zu vielen Bereichen einfach zu schwach, inkonstant oder schlicht inkompetent. 

Zudem fehlt dem Team in den letzten Wochen das Feuer, das normalerweise jedes Collegeteam an den Tag legt. Das ist für mich persönlich die erschreckendste Tatsache. Denn bis vor zwei Wochen, nachdem LSU den ersten wirklich hochwertigen Sieg über Texas A&M einfahren konnte, schienen die Tigers absolut auf Kurs zu sein und den miserablen Saisonstart vergessen zu machen. 


Drei absolut schädliche und zerschmetternde Niederlagen gegen Alabama, Tennessee und Arkansas später ist LSU wieder so weit vom Tournament entfernt wie Anfang Januar. Neben den allgemein bekannten Problemfeldern der fehlenden Defense und der mangelnden Einstellung einiger Spieler, ist es vor allem wieder das Coaching von Johnny Jones, das Kopfzerbrechen bereitet.

Da die Probleme wie bereits angedeutet allumfassend sind (Teamdefense, individuelle Defense, Einstellung etc.), soll es in dieser Episode des Film Room nur um die Halbfeldoffense und die Art und Weise, wie Ben Simmons dort eingebunden und in Szene gesetzt wird, gehen.

Mit den Florida Gators trafen die Tigers auf ein Bubble Team, das selber noch darum kämpft, den eigenen Startplatz im NCAA Tournament abzusichern. Allerdings präsentierten sich die Gäste besonders in der ersten Halbzeit erschreckend energielos und ließen sich von LSU einlullen, weshalb das Spiel insgesamt von schlechter Defense auf beiden Seiten geprägt war. 

Allein die erste Spielminute verdeutlicht, wie wenig fokussiert die Gators in die Partie gingen, was für ein Spiel dieser Bedeutung und für die normalerweise intensiv und gut verteidigenden Gäste ungewöhnlich ist.

In Floridas erstem Angriff nimmt Chris Chiozza (Nr.11) unbedrängt den Ball auf und will den Pass auf Dorian Finney-Smith (Nr.10) erzwingen. Chiozza Intention ist so offensichtlich und Finney-Smiths Versuch den Ball zu fangen so halbherzig, dass Ben Simmons (Nr.25) den Braten direkt riecht und mit seinen schnellen Händen und seinem explosiven ersten Schritt einfach den Ball abfängt und anschließend beim Fastbreak sein Ballhandling und seine Körperkontrolle demonstriert.

Direkt im folgenden Angriff nimmt Devin Robinson (Nr.3) einen überhasteten Wurf aus dem Dribbling mit einem Verteidiger an seiner Seite. Sofort schnappt sich Simmons den Rebound und macht Tempo.

Gleich zwei Verteidiger, Finney-Smith und John Egbunu (Nr.15) haben nur Augen für Simmons und wollen einen weiteren Dunk dringend vermeiden. Dadurch verliert Egbunu seinen eigentlichen Gegenspieler Craig Victor (Nr.32) aus den Augen. 

Robinson kommuniziert zwar, hat aber Victor ebenfalls nicht im Blick und lässt die Zone dadurch ungeschützt, was zu einem Dunk und der schnellen Auszeit von Coach Michael White führt.


Diese Beispiele verdeutlichen, wie gefährlich LSU in der Transition sein kann. Voraussetzung dafür sind allerdings ordentliche Defensivsequenzen und Fehlwürfe des Gegners. Da LSU nicht konstant Stops generieren kann, sind die Tigers sehr oft zur Halbfeldoffense gezwungen.

Hier stellt sich eigentlich seit Saisonbeginn die Frage, wie Simmons am besten einzusetzen wäre. Diese Frage lässt sich zumindest auf die derzeitige Saison nicht so leicht beantworten, da sein Team nicht sonderlich variabel ist und nicht gut zusammenpasst. 

Es gibt zu viele andere Spieler, die den Ball in den eigenen Händen haben wollen und mit dem Spielgerät sehr eigensinnig umgehen. Die Bigs sind mit Ausnahme von Victor nicht für höheres NCAA Niveau ausgestattet und da auch Coach Jones sich nicht sicher zu sein scheint, wem er in welcher Situation vertrauen kann, ist keine durchdachte Rotation bei den Bigs zu erkennen.

Gerade die fehlende Rotation und der Qualitätsmangel bei den Bigs sind ausschlaggebende Gründe für viele vermeidbare Fehler und schleppende Angriffe.

Wie wichtig daher Touches für Simmons, speziell im Lowpost sind, zeigen die folgenden Szenen. Simmons zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich und hat so eine gute Übersicht, dass scheinbar verlorene Angriffe durch eine einzige Aktion des Australiers doch noch ein akzeptables Ende finden. Gerade die Schützen am Perimeter profitieren enorm von Simmons’ hoher Präzision bei Kickouts.


Doch selten erhält Simmons so gezielt den Ball und selbst wenn er den Ball in den Fingern hält, ist das schlechte Spacing, die fehlende Struktur und das geringe Spielverständnis seiner Mitspieler eine zu große Hürde, weshalb Simmons’ Qualitäten in zu vielen Angriffen wirkungslos verpuffen. Die folgenden Beispiele unterstreichen das deutlich.

Erneut befinden sich die Tigers in der zweiten Phase des Schnellangriffs und wieder ist die Defense der Gators unorganisiert. Der einzige Unterschied zur ersten Spielminute besteht darin, dass nun Darcy Malone (Nr.22) statt Victor auf dem Feld steht.

Wie hier eindrucksvoll zu sehen ist, befindet sich auf der rechten Angriffshälfte kein einziger Verteidiger. 


Doch Malone cuttet nicht wie Victor zuvor in den freien Raum, sondern stoppt abrupt ab, um Simmons einen Dragscreen zu stellen. Der ist aber so schlecht gestellt, dass Egbunu keine Probleme hat, Simmons vor sich zu halten. Hier macht sich auch der fehlende Jumper von Simmons bemerkbar, da Egbunu es problemlos riskieren kann, den Wurf abzugeben in dem Wissen, dass Simmons sowieso nicht werfen wird.

Durch Malones schlechte Entscheidung muss Simmons ins Postup gehen. Sofort blockieren vier Verteidiger die Zone. 


Simmons wird auch direkt von einem zweiten Verteidiger attackiert und ist zum Pass gezwungen. Erneut trifft Malone eine horrende Entscheidung und nimmt den Dreier. Bei 20 Sekunden verbleibender Angriffszeit. Obwohl er vor Beginn der Partie 0/4 in dieser Saison aus der Distanz geworfen hat. Das ist definitiv nicht der Abschluss, den ein Team mit solchem Offensivpotential nehmen sollte.


Auch in der folgenden Szene gibt Malone keine glückliche Figur ab. Simmons ist wieder als Ballhandler in der Transition aktiv. Dadurch wird er nicht von Finney-Smith im Halbfeld verteidigt, sondern von dem körperlich schwächeren Justin Leon. Simmons erkennt seinen Vorteil und will diesen im Lowpost ausnutzen.

Um nicht direkt ins Doppeln zu laufen, gibt Simmons den Ball zunächst an Tim Quarterman (Nr.55) ab. Quarterman läuft ein Pick & Pop mit Malone zur Ablenkung in Simmons’ Richtung. Sobald Quarterman den Block nutzt, zeigt Simmons seine hervorragende Grundausbildung als Lowpost-Spieler und erkämpft sich hervorragende Position.


Quarterman zögert jedoch zu lange mit dem Entrypass, weswegen Egbunu und Finney-Smith ihn mit einem Doppeln zum Pass zu Malone zwingen können. Malone hat einen schlechte Passwinkel und forciert dennoch das Anspiel auf Simmons. Als Lobpass hätte dieser Versuch vielleicht noch eine Chance gibt, doch der Bodenpass von Malone ist zum Scheitern verurteilt.


Ein weiteres Beispiel gegen Ende der ersten Halbzeit: Die Tigers laufen eines der wenigen Go-to-Sets, das sie relativ kontinuierlich nutzen, um Simmons im Lowpost gute Position zu verschaffen. Simmons positioniert sich am Elbow und erhält anschließend einen Backscreen zum UCLA Cut. 

Allerdings stimmen wie so oft das Timing und die Ausführung nicht. Dadurch dass Simmons bereits innerhalb der Dreierlinie seinen Cut startet, ist es umso wichtiger, dass er wirklich wartet bis der Block steht. Denn sonst muss der Blocksteller früher stehen bleiben, was den Cut noch weiter verkürzt und Simmons damit noch weniger Meter gibt, um den Block zu nutzen.

Simmons ist in diesem Fall nicht geduldig und startet zu früh. Der Block von Antonio Blakeney (Nr.2) ist auch nicht sonderlich gut gestellt und verschafft Simmons keinen Vorteil. Entsprechend wird er nicht frei. Stattdessen erhält Blakeney den Ball. Blakeney könnte nun Simmons anpassen. 


Allerdings entscheidet er sich lieber für den eigenen Dreier, der gut verteidigt wird, und hat damit keinen Erfolg.


Ein weiteres Play, das die Tigers mittlerweile für Simmons laufen, beinhaltet einen Shuffle Cut von Simmons diagonal durch die Zone zum Lowpost. Allerdings ist dieses Set, in der Form, in der es die Tigers praktizieren, sehr leicht zu durchschauen und nicht bis ins letzte Detail ausgefeilt. 

Simmons übernimmt den Ballvortrag und sagt das Play an. Das erste Problem ergibt sich bei Blakeneys Screen für Simmons. Er trottet lediglich auf den Spot, anstatt zu sprinten, und gibt damit allen Verteidigern die Gelegenheit, sich auf den bevorstehenden Cut vorzubereiten. Beim Screen hat er erneut kaum Kontakt mit Simmons’ Gegenspieler und löst den Block viel zu schnell auf. 

Ein zweites Problem ist, dass Malone in der Spielfeldmitte steht, weswegen sein Gegenspieler problemlos absinken und Simmons beim Cut bumpen kann. Selbst als Malone den Ball zu Quarterman weiterleitet, stellt sich Egbunu in den Passweg. Da Malone verschläft, dass er nach seinem Pass einen Downscreen für Blakeney stellen soll, wird Egbunus Hilfe nicht bestraft und ist somit verantwortlich dafür, dass das Play nicht funktioniert. 

Malone erhält den Ball erneut und feuert wieder einen Dreier Richtung Korb, der sein Ziel weit verfehlt. 


Auch wenige Augenblicke später, als die Tigers das Play nochmal ausprobieren, ist das Resultat nicht erstrebenswert. Wieder beginnt die Fehlerkette bei Blakeney, der bei Simmons’ erstem Anlauf einfach regungslos auf der Stelle verharrt und den Raum, aber nicht den Verteidiger blockt. Simmons sieht das, bricht den Cut ab und fordert einen neuen Anlauf. Aber auch der ist nicht besser.

Dieses Mal muss Egbunu gar nicht einsinken, da Finney-Smith problemlos vor Simmons kommt und ihn fronten kann. Daher ist Egbunu auch in guter Position, um das folgende Pick & Roll zwischen Blakeney und Malone zu verteidigen. Blakeney sieht sich daher nicht in der Lage, zum Korb durchzukommen und versucht einen schwierigen Floater.


In beiden Angriffen kam Simmons nicht ein einziges Mal innerhalb der Dreierlinie an den Ball, obwohl das Play extra für ihn gelaufen wurde, was schon eine ziemlich gute Zusammenfassung des Halbfeld Dilemmas der Tigers ist.

Doch es gibt auch noch Sets, wo die schwach gestellten Offballscreens für Simmons noch offenkundiger werden. Im folgenden Set, soll Simmons einen Ballscreen faken und anschließend zwei versetzte Blöcke erhalten, um auf der anderen Spielfeldseite gute Lowpostposition beziehen zu können. Dieses Set gehört von der Idee her eindeutig zu den besseren Sets der Tigers.

Direkt zu Beginn stimmt wieder das Timing nicht. Blakeney ist nach seinem Ballerhalt viel zu ungeduldig und startet direkt mit dem ersten Dribbling, obwohl Quarterman noch nicht in der richtigen Position ist, um Simmons einen hilfreichen Block stellen zu können.

Da Blakeney losdribbelt, muss Simmons auch seinen Screen zu früh faken. Somit erhält er von Quarterman überhaupt keinen und von Malone einen relativ nutzlosen und sogar hinderlich Screen. Malone screent niemanden, da Finney-Smith über beide Blöcke gehen will, und steht Simmons dadurch eher im Weg und verlangsamt ihn.

Quarterman stellt zu keinem Zeitpunkt einen Screen, sondern steht nur relativ unbeteiligt mit durchgestreckten Knien in der Gegend herum, während Finney-Smith auf geradem Weg durch die Zone Simmons ablaufen kann. Durch Malones nutzlosen Block kann Egbunu Simmons lange genug übernehmen, bis Finney-Smith wieder zur Stelle ist.

Selbst als Simmons frei ist, guckt Jalyn Patterson (Nr.15) viel zu schnell wieder weg und bemerkt gar nicht, dass er den besten Spieler des Teams anpassen könnte. 


Stattdessen versuchen die Tigers ein High-Low über Malone, was wieder in die Hose geht. Bezeichnend ist, dass Simmons sich direkt umdreht und Malone signalisiert, dass Patterson den besseren Winkel gehabt hätte.


Um die Sets für Simmons abzuschließen, folgt noch ein Play, dass über den gesamten Saisonverlauf gesehen mit Abstand am besten funktioniert und in den vergangenen Jahren auch bei Jordan Mickey und Jarell Martin häufiger geklappt hat.

Simmons startet zunächst auf dem Elbow. Das Play startet mit einem UCLA Entry: Der Aufbauspieler passt den Ball auf den Flügel und erhält anschließend einen Backscreen. Simmons poppt zur Dreierlinie raus und erhält den Ball. Auf der Weakside stellt der Big Man Malone dem anderen Flügelspieler Patterson einen Downscreen. 

Patterson bekommt sofort den Ball. Anschließend stellt Simmons dem Flügelspieler Blakeney einen Downscreen. Dadurch wird Blakeney frei und gleichzeitig kann Simmons mitten in der Zone tiefe Position beziehen.

In diesem Fall passt die Ausführung jedoch wieder nicht. Der Block für Blakeney ist viel zu weit vom Korb entfernt und von beiden Angreifern schlecht vorbereitet. Blakeney treibt seinen Gegenspieler überhaupt nicht in Simmons’ Screen rein und wird dadurch erst nah der Mittelinie frei. Gleichzeitig löst Simmons den Block zu schnell auf und wird daher von Finney-Smith fast bis zur Freiwurflinie herausgedrängt. 

Blakeney versucht trotzdem einen Post-Entrypass vom U des Logos an der Mittelinie zu Simmons an den Elbow zu spielen. Erwartungsgemäß kommt der Pass nicht an. Damit diese Aktion erfolgreich sein kann, müssten beide Spieler mindestens zwei Meter näher am Korb sein.


Zum Abschluss noch ein symbolischer Halbfeldangriff der Tigers, der zeigt, was passiert, wenn die Tigers nicht so zielgerichtet versuchen, Simmons ins Spiel zu bringen. So sehen Crunchtime Ballbesitze häufiger aus. Ein Kommentar erübrigt sich:


Alles in allem ist die Setoffense der Tigers einem Tournament Team einfach nicht würdig. Entweder sind die Plays leicht zu durchschauen oder sie werden so schlecht ausgeführt, dass man sie erst gar nicht zu laufen braucht.

Hinzukommen große individuelle Defizite einiger Spieler in Sachen Postfeeding und dem Stellen von Screens jedweder Art. Gleichzeitig macht sich auch einfach bemerkbar, dass Jones immer noch keine Formation, geschweige denn Rotation, gefunden hat, die auf dem Feld funktioniert. 

In diesem Spiel durfte beispielsweise Darcy Malone sein Glück als Backup probieren. Spieler wie Aaron Epps (Stretch Vierer) oder Elbert Robinson (Spaceeater) wurden hingegen gar nicht eingesetzt, obwohl sie in anderen Spielen bereits erhebliche Minuten gesehen haben und teilweise sogar zum Teamerfolg beitrugen.

Ich betone an dieser Stelle aber nochmal, dass sich bei LSU mit Ausnahme der Transition Offense alles kritisieren ließe, was sonst noch ein Spiel entscheiden könnte. Die Kritikpunkte der Verteidigung aufzuführen würde schon den Rahmen sprengen.

Dass die Tigers dennoch gegen vollkommen indisponierte Gators gewannen, ist vor allem zwei Tatsachen geschuldet. Erstens stachen die individuelle Qualität von Ben Simmons und Antonio Blakeney heraus. Zusammen erzielten sie 54 der 96 Punkte und waren für alle wichtigen Würfe oder Angriffe der Tigers verantwortlich. Zweitens waren die Gators offensiv nicht konsequent genug, was in schlechten Würfen und vielen leichten Fastbreak Punkten für die Tigers resultierte.

Sollten die Tigers nicht das SEC Tournament gewinnen, werden sie nicht an der March Madness teilnehmen. Kurios ist, dass die Tigers gar nicht mal so schlechte Chancen haben, das Conference Turnier zu gewinnen. Die individuelle Qualität hat ihnen durchaus schon einige Spiele in dieser Saison gewonnen. Zudem sind die Topteams der SEC sehr inkonstant und agieren bei weitem nicht auf so hohem Niveau, wie anderen Conferences. 

Sollten endlich alle Tigers den Ernst der Lage begreifen, wäre dieser Ausgang tatsächlich noch möglich. Und im NCAA Tournament will wahrscheinlich kein Team auf LSU treffen, trotz aller Berechenbarkeit.