05 März 2016

5. März, 2016


Kobe, Timmy, Dirk: Ikonen der NBA gehen auf die 40 zu und stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere. In einer Serie begleitet NBACHEF die Oldies auf dem Weg in den Sonnenuntergang und erzählt ihre unterschiedlichen Geschichten. Heute: Paul Pierce.

von MATTIS NOTHACKER

Wenn ein Mann einen Ball, einen Ellbogen oder ein Knie in die Genitalien bekommt, dann ist das in der Regel sehr schmerzhaft. Die Zuschauer des Vorfalls finden das trotzdem meistens ziemlich lustig. Warum, ist auf den ersten Blick gar nicht so klar. Psychologen meinen, es liege zum einen an dem Thema Sexualität, dem man oft mit Humor begegnet. Zum anderen könne solch ein Schlag in die Genitalien einen noch so großen, starken Mann auf den Bogen legen, was unerwartet kommt und so zur Belustigung führt.

Als Manu Ginobili, ein durchaus großer, starker Mann, am 3. Februar im Spiel zwischen den San Antonio Spurs und den New Orleans Pelicans also das Knie von Ryan Anderson in die Hoden bekommt und in sich zusammensackt, sind die Reaktionen vorhersehbar. Die Bankspieler der Spurs können sich das Lachen kaum verkneifen, Twitter explodiert mit Witzen über den Vorfall, auch Journalisten stellen Fragen mit einem ironischen Unterton. 

Ginobilis Teamkollege Tony Parker ist zu dem Zeitpunkt jedoch schon längst nicht mehr zum Lachen zumute. „Ich will da keine Späße drüber machen, es sieht nicht gut aus“, sagt er einem Journalist. Wenig später sickert die Meldung durch, dass Ginobili operiert werden muss. Spätestens da ist allen klar, dass die Späße tatsächlich alles andere als angebracht waren. 

Gut zwei Wochen später meldet sich Ginobili über eine Kolumne in der Argentinischen Zeitung La Nacion: „Ich will mich bei allen bedanken, die mir ihre Unterstützung über die sozialen Medien zugesprochen haben. Zuerst dachten alle, es sei ein Witz, aber als klar wurde, dass ich operiert werden musste, bekam ich nichts als Zuneigung und wohltuende Wünsche“. 


Für die Spurs war ein Ausfall von Ginobili schon immer schmerzhaft. Der Argentinier hat schon die unterschiedlichsten Rollen im Team aus Texas ausgefüllt. Eine zeitlang war er der freche Youngster, der von der Bank kam, dann der Topscorer und Anführer des Teams, in den letzten Jahren das Zünglein an der Waage – in den wichtigsten Spielen war er meistens zur Stelle. Die Five nannte Ginobili einmal „die Chilischote im Gulasch von San Antonio“. 

Trotzdem ist auffällig, wie anders dieses Mal über eine Verletzung Ginobilis berichtet wurde als in den vergangenen Jahren. Zuvor schien es immer so, als sei Ginobili zwar ein wichtiger Bestandteil der Spurs, dazu natürlich eine Legende, aber ohne ihn werde es halt irgendwie auch gehen. Dieses Mal war es anders. Überall stellte man sich die Frage, wie Ginobili bloß ersetzt werden soll. 

Denn Manu Ginobili hat in dieser Saison keinen Schritt nach hinten gemacht, wie man bei seinem Alter vermuten würde, sondern nach vorne. „Er spielt, als wäre er fünf Jahre jünger als in der vergangenen Saison“, sagte ein ESPN-Experte vor einigen Wochen. Im Sommer hat Ginobili noch mehr als sonst Gewichte gestemmt, an seiner Kraft gearbeitet. Beobachter aller Art sehen plötzlich einen frischeren Ginobili, der vermehrt seine Qualitäten unter Beweis stellt. Mit seinen 38 Jahren punktet er immer noch im zweistelligen Bereich (10,0 PPG) und trifft von jenseits der Dreierlinie so sicher wie nur einmal in den letzten acht Saisons.


Ginobili ist, das kann man so sagen, der einzige Spieler in seinem Alter, der noch immer konstant zum Korb ziehen kann. Er ist schon immer einer der unorthodoxsten Guards der NBA gewesen, seine Moves und Dribblings zum Korb sind unnachahmlich. „Beim ersten Mal, als ich gegen Manu gespielt habe, war ich total schockiert“, blickte Kobe Bryant nach einem Spiel gegen die Spurs Ende Januar auf seine früheren Duelle zurück. „Mit seiner Aggressivität, seiner Energie und seinen Moves war er enorm beeindruckend“.

Der Gaucho ist immer noch einer der gewieftesten Spieler der Liga. Auch heute findet er nach wie vor Wege zum Korb. Ginobilis Markenzeichen sind seine Schritte, mit denen er weit nach hinten, fast auf höhe der Mittellinie schreitet, um dann einen Block zu bekommen und ein Play zu kreieren. Er hat zudem einige Moves mit in sein Arsenal eingebaut, die seine schwindende Athletik noch immer gut kaschieren.

Besonders auffällig sind in dieser Saison seine vielen Floater, die fast auf höhe der Freiwurflinie abgeworfen werden. Und Bryant hat noch seine ganz eigene Theorie, warum Ginobili noch immer so erfolgreich ist: „Für uns war es früher ein Schock, wenn Ginobili nach links ging. Irgendwann hat man sich dran gewöhnt, aber für die heutigen Spieler ist das alles neu. Die ganzen alten Tricks muss die neue Generation von Spielern also auch erstmal lernen“.


Dass ein Ausfall von Ginobili so schwerwiegend ist, hat auch mit den beiden anderen Mitgliedern der Big Three zu tun. Tony Parker hat sich seit der vergangenen Saison vom Superstar-Status verabschiedet, Tim Duncan wird mehr und mehr geschont. Die Big-Three sind seit 13 Jahren dynamisch geblieben. Immer wieder wechseln die Rollen, in diesem Jahr füllt Ginobili wieder eine größere Rolle aus.

Am wichtigsten war für San Antonio nicht, ob Ginobili nach vier, sechs oder acht Wochen zurückkommt, sondern wie gut er in Form ist und ob er die bisherigen Leistungen auch nach seiner Verletzung in den Playoffs bringen kann. Bei seiner Rückkehr auf's Parkett am heutigen Samstag erzielte der ehemalige Sixth Man of the Year 22 Punkte in nur 15 Minuten gegen die Sacramento Kings. Um den Titel zu gewinnen, ist ein gesunder Ginobili für die Spurs unabdingbar. Immer noch...