26 März 2016

26. März, 2016


Kobe, Timmy, Dirk: Ikonen der NBA gehen auf die 40 zu und stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere. In einer Serie begleitet NBACHEF die Oldies auf dem Weg in den Sonnenuntergang und erzählt ihre unterschiedlichen Geschichten. Heute: Kevin Garnett.

von TORBEN SIEMER @lifeoftorben

Fünfzigtausendvierhundertundachtzehn. Ein Wort, so lang wie ein Satz. In Zahlen: 50418. Das ist die Zahl der Minuten, die Kevin Garnett seit dem Sommer 1995 auf den Courts der NBA verbracht hat, allein in der regulären Saison. Nur zwei Spieler, Kareem Abdul-Jabbar und Karl Malone, kommen auf mehr.

Einundzwanzig. So viele Jahre und Saisons ist der inzwischen 39 Jahre alte Garnett schon in der NBA. Länger spielte niemand. Und, so scheint es, länger spielt auch Garnett nicht – das rechte Knie macht Probleme.

Seit Wochen schon verfolgt er die Spiele seiner Minnesota Timberwolves nur noch von der Seitenlinie aus. 38 Spiele absolvierte er bisher in dieser Saison und es scheint möglich, dass der 38. sein letzter Einsatz gewesen sein könnte. 

„The Garnett“
„Ich denke, daran werden sich die Leute erinnern. Das ist ziemlich cool“, sagte Garnett in einem Interview gegenüber der NBA vor ein paar Jahren. 


Worum es geht? Das nach ihm benannte, in keiner Statistik auftauchende Verhalten, wenn das Spiel unterbrochen ist. Immer wieder schnappen sich dann Spieler den Ball, um ein oder zwei Mal auf den Korb zu werfen – um den Rhythmus beizubehalten oder ihn wiederzufinden. Zu sehen, wie der Ball durch den Ring fällt, gibt ein gutes Gefühl. 

Nicht aber für den Defensive Player Of The Year der Saison 2007/08, den 12-mal ins All-Defensive Team gewählten Big Man aus Greenville, South Carolina. Nicht für Garnett: der wartet in Ringnähe auf den Wurf und klatscht ihn entweder gegen das Brett oder pflückt ihn direkt aus der Luft.

Oder, wie er es in gerade genanntem Interview selbst beschreibt: „Er [Der Gegner] fing an zu schießen… und ich prügelte den Ball ans Brett – er schoss nochmal, und ich klatschte ihn wieder ans Brett.“ 

Was die Gegner mindestens kurzzeitig verwirrte, wurde zum Synonym für Garnetts Intensität, seinen unbändigen Willen. Und Nachahmer finden sich inzwischen in der NBA, nicht zuletzt LeBron James und Russell Westbrook vermitteln damit immer wieder die ursprüngliche Botschaft: Keine einfachen Körbe.

Flashback
Zurück in den Sommer 1994 – Kevin Garnett entscheidet sich nach einem unschönen Vorfall in seiner Heimat, die Schule zu wechseln und zieht von South Carolina nach Illinois, genauer gesagt nach Chicago. 

An der Farragut Career Academy wird er in seinem letzten Highschool-Jahr zum USA Today National High School Player Of The Year und legt durchschnittlich 25.2 Punkte, 17.9 Rebounds, 6.7 Assists und 6.5 Blocks auf. Der Titel 'Most Outstanding Player' im McDonald's All-American Game ist das Ende seiner Schullaufbahn, Garnett meldet sich für den NBA Draft 1995 an.


Garnett wird dort zum ersten Spieler der neuen „Prep-to-Pro“-Generation – direkt von der Highschool in die NBA zu wechseln, das hatte vor ihm zuletzt im Jahr 1975 jemand gewagt und geschafft. Die Minnesota Timberwolves waren bereit, das Risiko einzugehen und zogen den 2.11m großen, vielseitigen Garnett an fünfter Stelle. 

Und waren nach seinen ersten beiden Jahren in ihren Diensten sowie dem erstmaligen Playoff-Einzug so überzeugt von ihm, dass sie „The Kid“ mit sechs Jahren und 126 Millionen Dollar die bis dahin größte Vertragsverlängerung der NBA-Historie unterbreiteten.

Garnett bedankte sich für den großen Scheck, indem er die Timberwolves zum zweiten Mal beim All-Star-Game repräsentierte, zur ersten Saison mit mehr Siegen als Niederlagen und den ersten Siegen in einer Playoff-Serie führte – wenn auch erneut in der ersten Runde Schluss war. 

Das Erstrundenaus wurde in den Folgejahren zur Gewohnheit in Minneapolis – egal wie gut die reguläre Saison abgeschlossen wurde, eine Serie konnte in der Postseason nicht gewonnen werden. Sieben Mal nacheinander verabschiedeten sich Garnett und Co. in Runde eins.

Was auch daran lag, dass der Kader neben dem inzwischen zum unangefochtenen Superstar gewachsenen Garnett – der Spitzname „The Franchise“ kam nicht von ungefähr, wenig zu bieten hatte. Erst die Saison 2003/04 sollte ein Fortschritt werden.

Up… And Down
Nach den Verpflichtungen von Latrell Sprewell und Sam Cassell waren die Timberwolves (endlich) nicht mehr nur eine Ein-Mann-Show – und Garnett nutzte die Entlastung für neue persönliche Bestmarken in fast allen Bereichen.

24.2 Punkte, 13.9 Rebounds, 5 Assists, 1.5 Steals sowie 2.2 Blocks pro Partie brachten den Wolves nicht nur den bis heute stehenden Franchise-Rekord von 58 Siegen ein, sondern Garnett selbst auch die Maurice-Podoloff-Trophäe – die Auszeichnung als Most Valuable Player. 

Auch in den Playoffs ging die Erfolgsstory weiter: Einem 4-1-Sieg gegen die Denver Nuggets in Runde eins ließ das Team ein 4-3 gegen die hoch gehandelten Sacramento Kings folgen. Western Conference Finals gegen die Los Angeles Lakers, gegen „Shaqobe“ aber war kein Kraut gewachsen. 2-4 hieß es nach sechs Spielen, der Final-Traum war zu Ende.


Spiel sechs ist bis heute der letzte Postseason-Auftritt der Timberwolves, nach der immerhin noch mittelmäßigen Spielzeit 2004/05 verließen Sprewell und Cassell das Team, Garnetts Frustration wuchs und Wechselgedanken wurden nach nur 32 bzw. 33 Siegen in den Folgejahren 2005/06 und 2006/07 ein Thema.

Anything’s possible!
Am 31. Juli 2007 dann war es soweit – die Boston Celtics hatten das beste Angebot gemacht, Kevin Garnett wechselte nach Beantown. Und im Gegenzug sieben Spieler nach Minnesota – der bis heute krasseste Deal, was das Verhältnis der getauschten Spieler angeht. 

Und gleich in der ersten Saison, der Spielzeit 2007/08, sollte sich der Wechsel sowohl für Garnett als auch die Boston Celtics bezahlt machen – zusammen mit Paul Pierce und Ray Allen formte „The Big Ticket“ die neue „Big Three“ im Garden, wie die Medien das Trio in Anlehnung an die Glanzzeiten der Celtics mit Larry Bird, Kevin McHale und Robert Parish nannten. Gemeinsam trugen die drei ihr Team zu einem neuen Franchise-Rekord von 66 Siegen. 

In Boston fand Garnett zudem einen berühmten Mentor: Bill Russell, immerhin elffacher NBA-Champion, gab ihm zwischendurch immer mal wieder ein paar Ratschläge an die Hand. Auch dank dessen Einfluss wurde Garnett nach Ende der regulären Saison zum Defensive Player Of The Year gewählt und belegte Platz drei in der Wahl zum MVP. 


Viel wichtiger aber: Zum ersten Mal seit 1986/87 zogen die Celtics in die NBA Finals ein, nachdem sie die Atlanta Hawks und Cleveland Cavaliers in sieben sowie die Detroit Pistons in sechs Spielen bezwungen hatten.

Und wie schon damals hieß der Gegner Los Angeles Lakers. Zum insgesamt elften Mal gab es dieses Duell in der Finalserie – und das Team von Headcoach Doc Rivers setzte alles daran, nach den Niederlagen 1985 und 1987 den neunten Sieg im direkten Vergleich einzufahren. 

Nach sechs Spielen war es soweit – der 131-92-Blowout war der vierte Sieg für Boston: Der Titel war endlich zurück im Garden! Garnett glänzte in diesem entscheidenden Spiel mit 26 Punkten und 14 Rebounds, viel mehr in Erinnerung aber blieb sein Gefühlsausbruch nach Spielende. 


In der Saison 2008/09 starteten die Celtics hervorragend, gewannen 27 der ersten 29 Spiele. Garnett absolvierte als bis dahin jüngster Spieler sein 1000. Spiel in der Association und wurde zum zwölften Mal in Folge als Starter ins All-Star-Game gewählt. Kurz darauf aber war die Saison für ihn vorbei; eine Verletzung am rechten Knie kostete ihn insgesamt 25 Spiele sowie die Playoffs.

Pünktlich zum Start der Spielzeit 2009/10 kehrte Garnett in die erste Fünf der Celtics zurück, diese aber hatten die ganze reguläre Saison über mit Formschwankungen zu kämpfen, zogen aber dennoch als Vierter in die Postseason ein.

Dort spielten sie sich in einen Rausch und erreichten mit Siegen über die Miami Heat, Cleveland Cavaliers und Orlando Magic zum zweiten Mal in drei Jahren die Finals – und wieder hieß der Gegner Los Angeles Lakers. 

Diese traten als Titelverteidiger an und Boston lag wie schon 2008 nach einem Sieg im fünften Spiel mit 3-2 in Front. Im damaligen Format folgten nun die Spiele sechs und sieben jeweils in Los Angeles.

Nach der schweren Verletzung von Kendrick Perkins im ersten Viertel von Spiel sechs fanden die Celtics nicht zurück ins Spiel und mussten sich mit 67-89 geschlagen geben. Im siebten und entscheidenden Spiel behielten erneut die Lakers die Oberhand und revanchierten sich für die Niederlage zwei Jahre zuvor. 


In den Jahren 2010/11 und 2011/12 gab es die Wachablösung in der Eastern Conference – zweimal in Folge waren es die Miami Heat mit ihrer neu formierten Big Three um LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh, die die Saison der Celtics in den Conference Semifinals respektive den Conference Finals beendeten. 

Im darauffolgenden Jahr 2012/13 reichte es mit einer Bilanz von 41 Siegen und 40 Niederlagen – ein Spiel war dem Wetter zum Opfer gefallen und wurde, weil es für die Tabelle nicht mehr relevant war, nicht nachgeholt – zwar nochmals zum Einzug in die Playoffs, in Runde eins aber war gegen die New York Knicks Endstation.

Brooklyns Blockbuster
Am Tag der NBA Draft 2013 einigten sich die Brooklyn Nets mit den Boston Celtics auf einen Trade, der für beide Teams die mittelfristige Zukunft maßgeblich verändern sollte – die Nets wollten unbedingt Meister werden, die Celtics den Neuaufbau beschleunigen. 

Für Garnett, Pierce und Jason Terry wechselten fünf Spieler sowie drei Erstrundenpicks den Besitzer. In Brooklyn entschied sich Garnett für die Nummer 2, um seinen ehemaligen Teamkollegen und Freund Malik Sealy zu ehren. Dieser war im Mai 2000 auf dem Rückweg von Garnetts Geburtstagsfeier bei einem Autounfall ums Leben gekommen. 


Nets-Besitzer Mikhail Prokhorov hatte nach dem Erwerb der Franchise und dem Umzug von New Jersey nach New York die Spendierhosen angezogen und den teuersten Kader der NBA-Historie versammelt: Neben Deron Williams, Joe Johnson und Brook Lopez sollten Pierce und Garnett das Team entscheidend verstärken und dem Ziel Titelgewinn näher bringen. 

Allein, es kam bekanntlich anders. Der inzwischen 37 Jahre alte Garnett war körperlich nicht mehr in der Lage, ein Team auf dem Feld alleine zu führen. An Leidenschaft und Einsatz mangelte es nie, der Körper aber verlangte immer öfter nach immer längeren Pausen.

Nach dem Zweitrundenaus in den Playoffs 2014, wieder gegen die Heat um LeBron James, war auch für das Front Office der Nets deutlich geworden, dass nicht nur Garnetts beste Tage vorbei waren, sondern die Leistungsträger Williams, Johnson und Lopez kollektiv versagt hatten und das Projekt Championship gescheitert war. 

Home, Back Home
Zur Trade Deadline im Februar 2015 wurde Garnett zum dritten und letzten Mal getradet. In seiner 20. Saison ging es dorthin zurück, wo alles angefangen hatte: zu den Minnesota Timberwolves. Dafür verzichtete „The Big Ticket“ auf seine No-Trade-Klausel und kehrte zurück zu der Franchise, die ihn knapp zwei Jahrzehnte zuvor gedraftet hatte. 


Nach einer emotionalen Begrüßung im ersten Heimspiel nach dem Trade absolvierte er noch vier Partien, bevor erneut das rechte Knie ihn stoppte und die letzten 21 Spiele der Saison verpassen ließ.

Im Sommer 2015 unterschrieb Garnett für zwei weitere Jahre in Minneapolis und wurde am 15. November der fünfte Profi nach Kareem Abdul-Jabbar, Karl Malone, Jason Kidd und Elvin Hayes, der mindestens 50.000 Minuten auf dem Feld stand. 

In dieser Saison wurde Garnett außerdem der 15. Spieler, der mindestens 26.000 Punkte erzielte, und er löste Malone als Rekordhalter in der Kategorie Defensivrebounds ab – mehr als 11.400-mal landete der Ball am eigenen Korb in seinen Händen. 


Ob er wirklich noch das letzte Jahr seines Vertrags erfüllt und auch in der kommenden Saison aktiv ist, bleibt abzuwarten. So oder so: Die 21 Saisons, die Kevin Garnett bisher in der NBA verbrachte, sind Rekord – niemand spielte länger. 

Seine Leidenschaft, seine Intensität sind noch heute vorbildlich, Garnett ist in Minnesota nach seiner Rückkehr der Mentor für den jungen, hoffnungsvollen Kader um Andrew Wiggins und Zach LaVine. Und, nicht zu vergessen: Karl-Anthony Towns, der die Auszeichnung als Rookie Of The Year so gut wie sicher zu haben scheint und schon jetzt als das künftige Gesicht der Timberwolves-Franchise gilt.

Sein NBA-Debüt gab Garnett übrigens am 3. November 1995 – Towns wurde kurz danach, am 15. November, geboren. Es wird spannend zu sehen sein, was der Mentor Garnett dem Schüler Towns mit auf den Weg gegeben wird.