30 März 2016

30. März, 2016


von TIAGO PEREIRA @24Sekunden

„Wir wissen nicht wie realistisch es sein könnte, uns vier gemeinsam zu haben“ - LeBron James

„Wir“, damit sind gemeint Christopher aus Winston-Salem, North Carolina, Carmelo aus Brooklyn, New York, Dwyane aus South Side Chicago, Illinois und LeBron aus Akron, Ohio. Vier Freunde, die fern von einander aufwuchsen, in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten groß wurden, und dennoch einen gemeinsamen Weg gingen. Begleiten tat sie dabei seit ihrer Jugend ein orangener Ball und die Liebe für einen Sport, der sie zu mehr machte als ihr pickliges, pubertierendes Grinsen erahnen ließ. 

Ob in den Highschool Turnhallen des heimischen Vorortes, oder auf den Parketts der Profis, die vier Freunde gehörten, jeder für sich genommen, zum Primus ihrer Mannschaft. Zwar stand sich das Quintett meist Angesicht zu Angesicht gegenüber auf dem Hardwood, dennoch daraus nie eine Rivialität. 

Im Gegenteil, Freundschaften wurde gefestigt, die Nostalgikern des Sports vor Wut in ihre Converse bissen ließ. Schulter an Schulter, auf einer Seite in denselben Farben, bleibt ihre Bruderschaft hingegen seit Jahren ein Traum, der bisher nur Dank Photoshop und Instagram zum Leben erwacht wurde. 

A photo posted by LeBron James (@kingjames) on

“Es geht nicht einmal um den Sport, es geht darum  Jungs um dich herum zu haben, denen du nichts sagen musst, weil alle wissen [worum es geht].“ – LeBron James

Gefangen im Schloss
Wenn LeBron James melancholisch Sätze wie diese in die Mikrofone der Report säuselt, geht ein Raunen durch Cleveland. „Bitte nicht schon wieder“ denken sich wahrscheinlich einige Fans der Cavaliers, während sie sicherheitshalber schon mal zu Trikot und Feuerzeug greifen. Die Narben der „Decision“ sind selbst zwei Jahre nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes nicht verheilt. 

Ob der König mit Aussagen wie diesen ungewollt auf dem medialen Glatteis ausrutscht, oder tatsächlich auch mental den Cleveland Cavaliers „entfolgt“, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau sagen. Doch egal in welcher Form und mit welcher Absicht James seine Gedanken äußert, spiegeln sie die Geschehnisse dieser Saison in Cleveland treffend wieder.

Es ist kein Geheimnis, dass LeBron James vor allem in letzter Zeit alles andere als begeistert von seinem Teamkollegen ist. Der Missmut gegenüber einzelnen Spielern äußert sich dabei nicht nur in deren Abwesenheit auf den persönlichen Teamfotos von James. Als ein Teammeeting Ende Januar einberufen wurde, um den Spielern die Entlassung von David Blatt mitzuteilen, dachten viele der Cavs Akteure, ihnen würde verkündet werden, dass Kevin Love getradet wurde. 


Zwar wurde der Power Forward nicht final aus dem Bild geschnitten, doch der Schrecken ließ eines gewiss werden: Die Zukunft aller in Cleveland hängt unweigerlich mit LeBrons Gemütszustand zusammen. Dieser könnte momentan kaum ferner von der Fröhlichkeit sein.

Wie Chris Haynes von Cleveland.com berichtet, verabschiedete sich James sogar von seiner eigens auferlegten Aufgabe als Lockeroom-DJ. Vor jedem Spiel beschallt LeBron die Umkleidekabine der Cavaliers mit seiner Musik. Es war ein Ritual, welches selbst Cavs-Neuling Channing Frye kannte.

 “[…]Some games you've got to send a message to rest of the guys that, Hey, this game means a little bit more than the other ones." – Channing Frye

Doch am Montag des 22. März, vor dem Heimspiel gegen die Denver Nuggets, entschied sich James seine Musik mit niemanden mehr zu teilen. Isoliert und abgeschottet, versank der Forward in seine Kopfhörer und bereitete sich mental auf das Spiel vor.

Auf Fragen von Reportern und Mitspieler gab es kurze Antworten, die sichtlich zeigten, dass James keines der Gespräche suchte. Die Nachricht kam bei seinen Teamkollegen an. Auf die peinliche Klatsche in Miami zwei Tage zuvor folgte ein dominanter 35-Punkte-Erfolg gegen die Denver Nuggets... ein Lotterie-Team. Immerhin.

Ein ungeschriebenes Gesetz?
Auch wenn die Nuggets kein Meilenstein auf dem Weg zur Meisterschaft sind, formen die medialen Fehltritte und internen Disziplinarmaßen James' ein Bild, welches sich in unseren Augen bereits seit zwei Jahren aufzeichnet: In Cleveland passen viele Dinge nicht zusammen, auf dem Parkett und hinter den Kulissen.

Kein Basketball-Star weiss sich besser zu vermarkten und mit den Medien zu spielen, als LeBron James. Auf eine Aktion seinerseits folgt eine Reaktion der Medien. Es ist ein Spiel, das alle Beteiligten, auch das Front Office und die Spieler der Cavaliers, kennen. Das Ziel sollte es daher sein, die Stirnfalten des Königs zu glätten, um „The Land“ eine erneute Entscheidung zu ersparen.


Dabei ist ein zweites Fiasko dieser Art kaum vorstellbar, für einen Spieler, dessen Beliebtheit eine 180° Drehung nahm, nach der ersten Abwanderung aus der Heimat. Doch wie sehr hängt James an der Franchise aus Ohio? Wäre ein erneuter Wechsel wirklich der Supergau für seine Karriere?


Wie auch immer die Gunst von LeBron James gegenüber seiner Franchise ausfällt, auf lange Sicht wird es für James ohnehin nur einen Arbeitgeber geben – Nike. Nachdem der Forward einen 500 Millionen Dollar Vertrag auf Lebenszeit unterschieb, ist 'Swoosh' das einzige Zeichen, dass dauerhaft an James Brust prangen wird.

Welches NBA Logo daneben steht, ist ihm überlassen. LeBron James schwebt in den „Larger-than-life“ Sphären eines Michael Jordan, ist sportlich ein First Ballot Hall of Famer und abseits des Parketts, in den Worten von Jay-Z, nicht ein Businessmann, sondern ein Business, Mann!

„Während Stars wie James Harden in Werbungen für Taco Bell auftreten, um ihre Popularität zu steigern, bemüht sich LeBron, Franchises wie Taco Bell zu kaufen.“ – Brian Windhorst/ESPN

Die Träume des Königs von der Vereinigung der Bruderschaft auf dem Parkett, fern seiner Heimat, werden somit nicht gehindert von einem moralisch aufoktroyierten Tabu. Auch die anderen drei All-Stars spielen in ihren Klubs keine derart rosige Spielzeit, als dass der Aufbruch ins Neuland undenkbar wäre.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Der Grund dafür, dass wir uns überhaupt mit dem schiefen Haussegen in Cleveland beschäftigen, befindet sich jedoch nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden, noch in denen eines seiner drei Amigos.

Denn während in Ohio Trainer entlassen werden und Kevin nach einem neuen zu Hause sucht, spielen die Golden State Warriors die wohl historischste Saison der Geschichte. Das Team, welches LeBron seine vierte Finals Niederlage zufügte, scheint zu erreichen, was James nie schaffte – so zu sein, wie Michael Jordan und seine Bulls.

Als wäre dies nicht genug, reiht sich auch das Altersheim am Alamo in die NBA Historie ein, als vielleicht eines von nur drei Teams, dem je 70 Siege in einer Saison gelangen. Selbst, wenn wir vom kongenialen Duo in Oklahoma City und den immer noch relevanten L.A. Clippers absehen, stehen die Cleveland Cavaliers im besten Falle an Platz drei der Nahrungskette. 


Dies sind heute keine Neuigkeiten, aber als James vor 18 Monaten seinen Brief an die Heimat schrieb, rechnete er mit Sicherheit nicht, dass sein Meisterschaftsfenster ihm derartig schnell vor der Nase zugeknallt werden würde. Zwei, vielleicht drei Jahre hätte es dauern sollen, bis der Sohn seiner Heimat die lang ersehnte Trophäe bescherte.

Auch wenn LeBron in den nächsten vier Jahren durch die Eastern Conference in die Finalserie stürmt, sieht er sich vermutlich einer Mannschaft gegenüber, die nicht um Titel, sondern um eine Dynastie kämpft. In Cleveland hingegen ging und geht es für den Auserwählten nie um „Repeats“ oder „Three-peats“. Allein von einer, der ersten Meisterschaft der Franchise-Historie, ist immer noch die Rede. 
   
Was passiert, wenn Kevin Durant sich wirklich dafür entscheidet im kommenden Sommer bei den Golden State Warriors anzuheuern, oder zusammen mit Kawhi Leonard und LaMarcus Aldridge in San Antonio eine neue Ära einläutet? 

Statt in seinen letzten verbliebenen Jahren zu versuchen, eine Mannschaft in eine Schlacht zu führen, der sie nicht gewachsen ist, könnte LeBron James genauso gut seine Karriere mit seinen besten Freunden ausklingen lassen. Es wäre zwar nicht der Weg, den Michael Jordan oder Kobe Bryant bestritten, aber für den Fall der Fälle sollten wir alle dem Beispiel von J.R. Smith folgen und uns einen Platz für das Spektakel freihalten.