21 März 2016

21. März, 2016


von TOBI MANNHART

Ja, Memphis ist ein kleiner Markt, sogar der zweitkleinste der NBA nach Utah. Ja, Memphis war nie ein echter Titelaspirant, was man an den null Finalspielen in der Geschichte dieser Franchise sehen kann. Ja, der gemeine Memphis-Fan hätte zwar gerne mal einen Ring, aber er kann auch alljährlich mit dem Erreichen der Playoffs leben.

Allerdings ist es so, dass man in Tennessee, gemessen an der Marktgröße, schon sehr erfolgsverwöhnt ist. Dieses Team hat seit 2010 immer mindestens 56 Prozent seiner Spiele in jeder Saison gewonnen.

Dieses Jahr stellt sich aber die Frage, ob nicht ein guter Pick in der Lottery mehr wert wäre, als die Saison ohne Marc Gasol (fällt mit einem Kahnbeinbruch vier bis sechs Monate aus) mehr schlecht als recht zu Ende zu spielen. (Jetzt wissen wir auch, wie der ominöse ‚navicular bone‘ auf Deutsch heißt).



2015/16
Eins nach dem anderen: Lassen wir die bisherige Saison mal Revue passieren, schauen auf die nähere Zukunft und entscheiden dann, was wir eigentlich wollen. Wir sind die neue Blogger-Generation, also die analytische Generation, quasi... Oder so ähnlich...

Was würden wohl Sixers-Fans für eine Bilanz von 40 und 30 geben? Und wir machen uns Sorgen um die Grizzlies?... Selbst seit Gasol raus ist, gibt es wenig Grund zur Beunruhigung, denn auch ohne ihren besten Spieler stehen die Bären mit zehn Siegen und acht Niederlagen recht deutlich über der 50% Hürde.

Das große Problem dabei ist freilich, dass in dieser Zeit nur zwei Siege gegen einen namhaften Gegner erreicht werden konnten: Das 106-103 gegen Cleveland machte auf dem Papier zwar Hoffnung, aber wenn man sich die derzeitigen Gerüchte um die Cavs anschaut, mag es den interessierten Zuschauer kaum verwundern, wenn ein Rumpfteam mit Herz die zerstrittene Bande um König LeBron schlägt. Ebenso das 113-102 gegen die L.A. Clippers am gestrigen Sonntag - ein Sieg gegen einen der Lieblingsgegner in eigener Halle und nach vier Niederlagen in Folge.


Die derzeitige Situation lässt sich angesichts der Personalnot leicht schönreden, doch will Memphis wirklich mit einer derartig dezimierten Truppe gegen den Erzfeind aus L.A. antreten? Die Clippers sind nach heutigem Stand der Dinge Erstrundengegner in der Postseason - beide Teams sollten ihre Position mit Blick auf die Tabelle weiter oben und unten halten können: Memphis besitzt ein sehr komfortables Polster von 4,5 Spielen auf den Sechstplazierten aus Portland, die Clippers werden bei 4,5 Siegen Rückstand auf Oklahoma City vermutlich nichts mehr mit Rang drei zu tun haben.

Es passt zum gesamten Saisonverlauf der Grizzlies passen, dass sie sich gegen hochkarätige Gegner meist chancenlos präsentieren. Teams, die eine bessere Bilanz als Memphis besitzen, haben den Bären schon seit dem Start der Spielzeit 2015/16 große Probleme bereitet. Gegen die acht Mannschaften, die in der NBA-Tabelle über den Raubbären stehen (Clippers, Thunder, Spurs, Warriors, Cavaliers, Raptors, Heat, Hawks), hat das Team von Dave Joerger eine Bilanz von 4-12 erspielt. Das zeugt von der klaren Unterlegenheit der Grizzlies gegenüber den Großen.

Gerade in vergangenen Jahren war es immer die Stärke der Grizzlies, gegen die Favoriten erst recht aufzutrumpfen. Man muss nur an die Serie gegen Golden State denken, die dem letztjährigen Meister wohl den größten Kraftaufwand der vergangenen Saison abverlangte. In dieser Spielzeit kann man das wohl nicht erwarten: Memphis höchste Niederlage in 2015/16 gab es gegen Curry und co., als diese ein Offensivfeuerwerk abfackelten und die Grizzlies mit 50 (!) Punkten Unterschied nach Hause schickten.

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Posted by Memphis Grizzlies on Tuesday, March 8, 2016

Man war derartige Differenzen gerade vom Team aus Tennessee in den letzten Jahren nicht unbedingt gewohnt, doch in dieser Saison leisteten sie sich schon mehrere Aussetzer dieser Art. Nicht nur sind knappe Ergebnisse Schnee von gestern: Die Grizzlies beendeten bisher alle Spiele im Schnitt mit einer Punktedifferenz von 11,5 in die eine oder andere Richtung. Es gab auch schon sieben Blowoutniederlagen mit ≥20 Punkten und zwar gegen Cleveland, Golden State, San Antonio, Oklahoma, Charlotte, Boston und zuletzt Houston. Dem gegenüber steht nur ein Sieg mit einer derartigen Punktedifferenz, nämlich ein 20-Punkte-Sieg gegen die Jungspunde aus Milwaukee!

Das alles stimmt den geneigten Zuschauer nicht gerade froh, wenn man bedenkt, dass das Team eine solche Inkonstanz zeigt, obwohl es zu den erfahrensten der Liga zählt. Vor Mario Chalmers' Verletzung und Entlassung war Memphis mit 30,9 Jahren sogar das älteste Team der Liga - heute nach den jungen Notfallverpflichtungen steht es „nur“ noch bei 28,2. Alleine schon aus diesem Gesichtspunkt sollte das Front Office also wirklich über eine kleine Verjüngung in Form eines guten Rookies nachdenken.


Der Verlängerungsschlamassel
Gerade im Hinblick auf die Zukunft von Mike Conley wäre es aber falsch, die aktuelle Saison abzuschenken. Der Guard wird Free Agent und will bestimmt sein Team in seinem Alter nicht in unteren Gefilden sehen. Die andere Frage ist, ob die Grizzlies wirklich so sehr von einem besseren Pick profitieren. Ich erinnere nur an so grandiose Draftentscheidungen wie Hasheem Thabeet!


Meiner Meinung nach macht es, wenn man die kommende Free Agency betrachtet, wenig Sinn, auf einen Pick zu spekulieren. Vor allem, wenn man selbst bei einem katastrophalen Ausgang des Restprogramms immer noch bei ca. 50% stehen würde.

Die Free Agency hingegen macht Mut. Es mögen einige Moves der Grizzlies seltsam erschienen sein, jedoch steckt ein Plan dahinter. Das Cap geht laut Prognosen von rund 67 Millionen US Dollar hoch auf mehr als 90 Millionen. Die Grizzlies haben sich erst mit 53 Millionen verpflichtet.

Das bedeutet, dass man mit dem günstigen Cap Hold von Restricted Free Agent Conley, der glücklicherweise nur bei 14,5 Millionen liegt, mehr als 21,5 Mio. $ für Free Agents übrig haben wird. Und diesen Free Agents würde ich als GM doch lieber mit einer kämpfenden Rumpftruppe plus der baldigen Aussicht auf Rückkehr von echten Leistungsträgern die Unterschrift versüßen, als mit einem Rookie außerhalb der Lotterie.

Apropos: Hier muss wieder der kleine Möchtegern-GM in mir raus, ich hätte nämlich einige Vorschläge! Ich glaube, dass ich niemandem hier genauer erklären muss, dass die Grizzlies Shooter brauchen und/oder Leute, die ins defensive Konzept des Teams passen. Eine genauere Analyse würde hier den Rahmen sprengen, aber es bieten sich mehrere Flügelspieler schon auf den ersten Blick an:

DeMar DeRozan (unrestricted)
Nicolas Batum (unrestricted)
Harrison Barnes (restricted)
Arron Afflalo (Player Option: 8 Millionen $)
Jamal Crawford (unrestricted)
Jared Dudley (unrestricted)
Jeff Green (just kidding)

Man stelle sich nur vor, die Grizzlies könnten ihre Mannschaft zusammenhalten und sie mit einem dieser Spieler verstärken, vielleicht noch einen Backup Point Guard á la Jerryd Bayless (ich hätte ihn echt gern zurück!) hinzufügen und durch die etlichen Picks, die die Grizzlies im Laufe der Saison eingesammelt haben, die Bank verstärken. Ich glaube, die Aussicht darauf würde besser, wenn man die Saison nicht abschenkt, nur um dann zwei, drei Plätze früher draften zu können.


Playoffs!
Nun ja, jetzt haben wir zwei Facetten betrachtet. Schaut man auf den bisherigen Saisonverlauf, so kann man von der (fast sicheren) Playoff-Teilnahme wahrscheinlich nicht viel erwarten. Schaut man auf die kommende Free Agency, so sollte man sich gut präsentieren und die schwierige Situation meistern. Es sollte für ein paar dieser erfolgshungrigen Free Agents dann auch offensichtlich sein, warum sie sich für 'Grit and Grind' und nicht für Marktgröße und Namen entscheiden sollten.

Dieses Team hat - verletzungsfrei - noch zwei bis drei Jahre das Potential, weit oben mitzuspielen. Daher hoffe ich, dass sich unsere Grizzlies noch möglichst gut schlagen und sich nach den Rückschlägen der letzten Wochen trotzdem akzeptabel vor und in den Playoffs präsentieren, dabei für Basketball in Tennessee werben, um einige Verstärkungen anzulocken. Es wäre eine Schande, nach etlichen Jahren über/am Cap die vielen übrigen Millionen zu verschenken.