09 Februar 2016

9. Februar, 2016


In knapp zwei Wochen dreht die NBA wieder kräftig am Rad – metaphorisch wie auch personell. Nur noch bis zum 18. Februar dürfen Spieler getradet werden. Auf dem Weg zur Deadline wirft die #NBACHEF Redaktion wie jedes Jahr einen genaueren Blick auf die wichtigsten Trade-Kandidaten.

von HARALD MAINKA @Harrystocats

Erst Liebling, dann ausrangiert und wieder zurück - in dieser Saison muss sich Victor Oladipo so fühlen wie Spielzeug-Cowboy Woody aus dem Film "ToyStory". In seinen ersten beiden NBA-Jahren positionierte sich Oladipo in der Disney-Stadt als fester Bestandteil der Magic-Zukunft, bis ihm in dieser Saison von Head Coach Scott Skiles das Vertrauen auf der Zwei entzogen wurde. 

Evan Fournier mimte im November und Dezember den Buzz Lightyear, trumpfte mit 14,8 Punkten bei vernünftigen Wurfquoten auf und trug einen gewichtigen Teil dazu bei, dass die Zauberlehrlinge vor der Jahreswende in den Playoffplätzen rangierten. Im Dezember stellten die Magic das fünftbeste Net-Rating aller NBA-Teams, die Lineup aus Nikola Vucevic, Channing Frye, Tobias Harris, Elfrid Payton und dem Franzosen Fournier zählte zu den besten Aufstellungen ligaweit. 

Ganz zum Unmut des einstigen Nummer Zwei-Picks, der sich seine Brötchen fortan als sechster Mann von der Bank verdienen musste und seine Unzufriedenheit über die Degradierung regelmäßig in den Medien anklingen ließ.

Nur zwei Monate später haben sich die Vorzeichen abermals geändert. Die Magic zählen anno 2016 wieder zu den schlechtesten Teams der Liga, gewannen vor dem Back-to-Back gegen Atlanta nur drei ihrer 18 Duelle. Das Team belegt sowohl beim Offensiv-Rating als auch beim Defensiv-Rating (108,9 PpG) Platz 28 ligaweit, dazu generieren nur acht Teams weniger Angriffe als Weiß und Blau. 

Und so kommt es, dass im vierten Jahr der Post-Superman-Ära den Magic trotz aller Bemühungen weiterhin eine klare spielerische Identität fehlt. Der Kader tropft vor jungem Talent über, bis auf die Veteranen Channing Frye und Jason Smith ist kein Spieler älter als 26 Jahre. Gerade hier liegt allerdings das Problem. 

Die Magic wirken wie ein Haufen Pubertierender, dabei sind sie nicht mal die NBA-Version von "Disney's Große Pause". Der Mannschaft fehlt ein Anführer, ein schelmischer Rotzlöffel wie der spitzbübische TJ, der die Richtung vorgibt. Sprich: ein Superstar, der diese tollpatschige Clique erwachsen werden lässt und endlich wieder relevant macht.

Nikola Vucevic ist ein Beinahe-All Star, nicht weniger, aber vor allen Dingen nicht mehr. Eigentlich sollte es ein Leichtes sein, eine gut fluktuierende Offensive um ihn herum aufzubauen. Seine großen defensiven Verbindlichkeiten führen allerdings dazu, dass Scott Skiles mit fortschreitendem Saisonverlauf vermehrt darauf bedacht ist, bereits auf dem Flügel für Entlastung zu sorgen. 

Die anhaltenden Probleme führten zu einer Kehrtwende im Spielsystem Orlandos: nicht nur wurde Victor Oladipo in die erste Fünf zurückbeordert, sondern auch Jungstar Aaron Gordon, der defensiv variabel ist und aufreißende Löcher schließt. Das macht ihn zwar noch nicht zum perfekten Verteidigungsspezialisten, aber die Wurfquote seiner Gegenspieler verringert sich um 6,7 Prozent, wenn sie es mit Gordon zu tun bekommen. In vier der fünf besten Aufstellungen der Magic ist er vertreten.

Vucevics Unzulänglichkeiten verdeutlichen sich immer wieder in Pick & Roll Situationen, wo er nicht mal Großmütter vor sich halten kann. Seine zentrale Rolle ist aufgrund seiner Vorzüge im Angriff sicher gerechtfertigt, doch mit ihm auf der Platte erzielen seine Gegenspieler knapp fünf Punkte mehr. Mit einer gegnerischen Wurfquote von 58,2 Prozent innerhalb der Zone verteidigt er miserabel. 

Er liest die Situationen oft schlecht, verliert seinen Gegenspieler aus den Augen und befindet sich anschließend im Abroll-Nirvana. Häufig geht er mit dem vorbeiziehenden Ballhandler mit, anstatt bei seinem Mann zu bleiben, dabei sind alle Flügelspieler der Magic gute Verteidiger, die den zum Korb ziehenden Spieler verteidigen können. 


In der derzeitigen Starting Five stehen mit Gordon, Oladipo und Payton drei gute Verteidiger, von denen keiner mit einem ansprechendem Game in der Offensive aufwartet. Noch schafft die neue Startaufstellung den Spagat zwischen offensiver Variabilität und defensiver Stabilität nicht, zählt mit einer negativen Differenz von minus-4,5 Zählern sogar zu den schlechtesten Formationen 2016. 

Weil keiner der Außenspieler Payton und Oladipo den Dreier auch nur durchschnittlich trifft, sinken Orlandos Gegenspieler tief ab und verriegeln die Zone, sodass die Angriffsbemühungen oft uninspiriert im Sande verlaufen. Dass Orlando in Elfrid Payton einen der spielintelligentesten jungen Playmaker in den Reihen besitzt, kommt daher oft gar nicht zum Tragen, weil sich einfach zu viele Spieler in der Nähe der Zone aufhalten. Das macht es schwer, offene Würfe zu generieren und die athletischen Stärken der Wings werden zu selten in Zählbares umgemünzt. 

Die Magic können oftmals nicht ausnutzen, was die Verteidigung ihnen gibt und gerade Oladipo versucht mit viel Guthaben auf der Wurfuhr sein Glück aus der Distanz. Auch wenn er mit 34,6 Prozent bei 3,9 Dreierversuchen pro Partie bisher Orlandos bester Distanzschütze in dieser Saison ist, ist er alles andere als eine wirklich verlässliche Stütze. Sein Wurf fällt einfach nicht mit der  wünschenswerten Regelmäßigkeit, und ihn für einen Distanzwurf frei zu spielen, taugt nur bedingt als Option: ohne einen Verteidiger in der Nähe trifft er nur 27,6 Prozent seiner Distanzwürfe. 


Dabei hat Oladipo aus der spielerischen Not eine Tugend gemacht. "Spacing" ist in Orlando ein derartiges Fremdwort, dass seine eigentliche Stärke, die Schnelligkeit, unter den gegebenen Umständen sogar zur Schwäche verkommt. 5,0 Drives pro Partie bedeuten für den Shooting Guard einen deutlichen Karrieretiefstwert, weil er in dieser Spielzeit  nicht selten auf zwei oder sogar drei Verteidiger aufläuft und seine Vorstöße mit lediglich 33,9 Prozent abschließt. Von 197 Spielern, die mehr als 1,5-mal pro Spiel den Drive nutzen, bringen nur 17 Spieler den Spalding noch seltener im Netz unter. 

In der Offseason konnten wir alle lesen, dass Tobias Harris statistisch betrachtet, zu den besten Basketballern unter 24 Jahren gehört. Mit einem Maximalvertrag ausgestattet blieb der nächste Entwicklungsschritt jedoch aus. Sein Spiel leidet unter schwerer Atemnot, weil für seine Anlagen im Halbfeldangriff die Luft dünn wird.

Vom reinen Skillset her ist er ohne Frage der kompletteste Magic und ein potentieller All Star, der mit 32,8 Minuten die meiste Spielzeit zugesprochen bekommt. Dennoch wirkt dieses Jahr oft viel zu passiv, hat für seine Qualität eine deutlich zu geringe Usage Rate von 19,1 Prozent und erzielt mit 13,1 Zählern pro Partie die geringste Punkteausbeute seit seinem Sophomore-Jahr.

Das direkte Spiel muss eigentlich Orlandos Stärke sein. Gerade Oladipos und Gordons Athletik muss viel häufiger ausgenutzt werden, in dem der Ball einfach schneller bewegt wird. Das ist viel leichter gesagt als getan, wenn gute Defensiven die Zone verriegeln, unter die Blöcken gehen und so den langen Zweier oder Dreier erzwingen. 

Trotzdem werden die Magic vom Trainer immer wieder angehalten, per Dribble Drive in Korbnähe zu gelangen. Orlando belegt einen Top 10-Platz bei den Mannschaften, die am häufigsten zum Korb ziehen, gleichzeitig schließen sie diese Plays am siebtschlechtesten (42,9% FG) ab. Dabei könnte es so einfach sein: nutzen die Flügelspieler einmal den freien Raum und lassen den Ball laufen, ergeben sich gute Wurfchancen von alleine. 


Übrigens: Aaron Gordon ist das nächste große Ding. Natürlich wirkt er hier und da noch stets bemüht, jedoch liefert er genug Anzeichen, in ein paar Jahren ein Star in dieser Liga sein zu können. Noch hat er keine go-to Moves in petto, mit seiner Athletik und Energie gibt er den Magic im Halbfeldangriff trotzdem eine neue Dimension. 

Sein Dreier muss vom Gegner zumindest beachtet werden. Als Partner für Vucevic haben die Magic in ihm zumindest einen Spieler, der seine Verteidiger auch an der Dreierlinie binden kann. Vorne ist sein Zusammenspiel mit Payton bereits eine Waffe, die in Zukunft noch verheerendere Auswirkungen haben könnte, falls die Magic adäquate Schützen im Team etablieren sollten.


Bleibt zu klären, wie sich die Magic für die kommende Trade Deadline positionieren werden. Orlando gehört zu den jüngsten Teams der Liga, ein ähnliches Szenario wie bei den Milwaukee Bucks, die zu schnell zu gut wurden und die hohen Erwartungen nicht mehr erfüllen konnten, besteht noch nicht. 

Außerdem verfügt der Kader über zu wenige wirklich attraktive Trade-Kandidaten, für die das Management um Rob Hennigan Spielermaterial verlangen könnte, die das Team entscheidend nach vorne bringt. Klar könnten die Magic einen weiteren erfahrenen Dreier- oder gar Verteidigungsexperte gebrauchen, allerdings würde auch dieser die bilanzielle Nadel kaum bewegen. Orlando braucht schlichtweg nicht weitere Spieler - sie brauchen einen Star, Punkt.

Sollte der General Manager trotzdem einen Berufskollegen zur Telefonkonferenz einladen, so würde er vermutlich den Spielerakten von Nikola Vucevic und Elfrid Payton einen "Untradebar"-Stempel verpassen. Vucevic ist der Dreh- und Angelpunkt im Angriff; Paytons räumliches Denken auf dem Parkett ist herausragend und nur die wenigsten hätten wohl gedacht, dass er bereits als Sophomore zweistellig punkten kann. 

Evan Fournier wird Restricted Free Agent und spielt die beste Saison seiner Karriere. Aaron Gordon ist der beste Verteidiger dieses Teams. Der Lösung des kroatischen Enigmas namens Mario Hezonja widmet sich Skiles beharrlich und mit Bedacht. Der Trade-Wert der drei Wings nicht besonders hoch, alle scheinen für die Magic wertvoller zu sein als für andere Mannschaften.

Glaubt man den Berichten, so scheint das Management Topverdiener Tobias Harris anzubieten - oder zumindest zuzuhören. Aufgrund der dürftigen Leistungen wirkt sein Gehalt zunächst mal abschreckend, als jüngere Version von Rudy Gay reißt er derzeit ohnehin keine Bäume aus. 


Teams wie Toronto und Boston sind womöglich interessiert, bei einem Tauschgeschäft mit den Celtics würde wohl neben Amir Johnson einer der attraktiven Celtics-Wahlrechte heraus springen. Brauchen die Magic nach drei Top-5-Picks in drei Jahren einen weiteren Draft-Pick? Luol Deng von den Miami Heat könnte interessant sein, aber die Heat werden dank Justise Winslow kaum Verwendung für Harris haben.

Die Suns könnten in Tyson Chandler den so dringend benötigten Ringbeschützer bieten. Der lange Vertrag des 33-Jährigen bliebe die Kröte, die Rob Hennigan schlucken müsste. Auch wenn es derzeit scheint, als würde er beim Teamlunch nicht mehr als die zweite Banane abbekommen, darf nicht vergessen werden, dass Harris erst 23 Jahre alt ist und zu Orlandos talentiertesten Spielern zählt. Ein Trade erscheint überstürzt, wenngleich nicht auszuschliessen.

Victor Oladipos 14,5 Punkte, 4,1 Rebounds und 4,0 Assists lassen aufhorchen, bei ambitionierten Playoff-Teams werden gerade seine Vorzüge in der Verteidigung Begehrlichkeiten wecken. Er zählt zu den besten On-Ball Verteidigern der Association und würde wohl die Rolle des Spezialisten einnehmen. 


Beispielsweise könnten die Bulls mit seiner Akquirierung gleich beide Guard-Positionen entlasten, zudem würde im Osten kein Guard-Duo auf die Zange Oladipo und Jimmy Butler treffen wollen. Joakim Noahs Vertrag werden die Magic allerdings kaum aufnehmen, also würde wohl Taj Gibson bei einem Trade herausspringen.

In diesem Falle müsste Andrew Nicholsons auslaufender Kontrakt nachhelfen. Gibson hätte in Orlando den Starterjob ad hoc inne, weiß wie man Basketballspiele gewinnt, könnte die Defense festzurren und würde somit den jungen Gordon entlasten, der dann auf die für ihn wohl natürlichere Small Forward Position rotieren könnte.

Nicht unbedingt im Sinne des Managements, könnte folgende Eventualität für Orlando noch interessant werden: je nachdem, wie und ob sich die Sixers zwischen Nerlens Noel und Jahlil Okafor entscheiden, könnte Erstgenannter erhältlich sein. Ein Tauschgeschäft würde Sinn machen, aber wirklich nach vorne kommen die Magic auch mit dieser Umstrukturierung nicht.

Es bleibt am Ende dabei: für die Magic sind die Trade-Optionen begrenzt, die Playoffs bleiben wohl auch in dieser Saison nur ein feuchter Traum. Das ist nicht weiter schlimm, denn es gibt schlicht keinen Grund zur Hetze. Die erfreulichen Momente in November und Dezember zeigen, dass die Magic laufen lernen. Die gute Nachricht: noch ist das Hinfallen erlaubt.