08 Februar 2016

8. Februar, 2016


In knapp zwei Wochen dreht die NBA wieder kräftig am Rad – metaphorisch wie auch personell. Nur noch bis zum 18. Februar dürfen Spieler getradet werden. Auf dem Weg zur Deadline wirft die #NBACHEF Redaktion wie jedes Jahr einen genaueren Blick auf die wichtigsten Trade-Kandidaten.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Bei den Sacramento Kings herrscht wieder einmal Chaos, man kann die Uhr danach stellen. Auch diese Saison hinken die Kalifornier dem Anspruch nach Playoff-Basketball – es wäre das erste Mal seit 2006 – hinterher.

Ein Jahr nach der Verpflichtung von Coach George Karl hat es sich bis zur Führungsriege rumgesprochen, dass jener nicht gerade für defensive Stabilität steht und auch nicht imstande ist, ein junges Team auf ein höheres Level zu führen. Folglich wird in den kommenden Tagen die Entlassung Karls erwartet.

Die Verantwortung für die zuletzt mäßigen Auftritte nur beim Trainer zu suchen würde zwar insgesamt ins Klima der Kings passen, jedoch bietet die bevorstehende Trade Deadline zumindest die Gelegenheit, zur Abwechslung sinnvolle Entscheidungen zu treffen und den Kader für die Zukunft zu rüsten. Bei den Drafts gelang das selten (Thomas Robinson, Ben McLemore, Nik Stauskas), die Trades der letzten Zeit als Fehler zu bezeichnen, wäre schon ein gutwilliger Euphemismus.

Nur folgerichtig tauschte die Eigentümergesellschaft das Front Office aus und installierte Vlade Divac als neuen starker Mann. Eine gut durchdachte Wahl? Gerüchten zufolge wusste die Center-Legende nach Amtsantritt nicht, dass nach Einigung über einen Deal zur Finalisierung noch der sogenannte League Call zu erfolgen hat, also die Liga von allen Details des Trades zu informieren ist. Divac musste sich von der Gegenseite darüber belehren lassen.


Nicht die beste Voraussetzung, um zur Deadline endlich einmal als Sieger hervorzugehen, was dieses Team dringend nötig hat. Das Trio DeMarcus Cousins, Rajon Rondo und Rudy Gay sollte Sacramento zurück in glorreichere Tage führen, jedoch ist, soviel darf nach einer halben Spielzeit attestiert werden, kurzfristig kein Erfolg absehbar.

Cousins bleibt unantastbar, selbst für die bescheiden kompetente Führung in Sacramento. Von Rondo scheinen die Kings trotz bekannter Mängel überzeugt zu sein und werden ihm im Sommer einen neuen Vertrag anbieten. Bleibt als taugliche Trade-Masse nur Rudy Gay, der – wie er es immer schon getan hat – allabendlich Punkte auf die Anzeigetafel bringt, viel mehr aber eben nicht. Der etwas überraschende qualitative Sprung nach oben des Israelis Omri Casspi (43% Dreierquote) macht die Dienste Gays (knapp 33%) in der kalifornischen Hauptstadt einigermaßen entbehrlich.

Schon seit seinen frühen Jahren in der Liga wird dem Flügelspieler Egomanie vorgeworfen, im Ballbesitz seine Mitspieler in Szene zu setzen kenne er höchstens vom Hörensagen. Und tatsächlich legt Gay in der laufenden Saison pro Spiel nur 1,8 Assists auf bei nicht selten mehr als 15 Wurfversuchen und einer Usage Rate von 21,4. Das Net Rating beträgt -2,9. Dabei hat er in seiner Paradedisziplin sogar abgenommen und erzielt im Schnitt über drei Punkte weniger pro Nacht als noch im Vorjahr (17,9 zu 21,1). Unter 18 PPG lieferte er zuletzt 2012/13 für die Memphis Grizzlies – und wurde prompt getradet.

Bereits damals war der Preis für Gay nicht sonderlich hoch. Die Toronto Raptors legten einzig José Calderons auslaufenden Vertrag auf den Tisch und mussten dafür noch Ed Davis und Hamed Haddadi aufnehmen. Die Kings selbst warfen nicht einmal ein Jahr später Greivis Vásquez, John Salmons, Chuck Hayes und Patrick Patterson auf die Waagschale. Kein Paket, das bei einem der General Manager der Liga Begeisterungsstürme auslöst.


Umso grenzwertiger, dass die Verantwortlichen Gay mit einem neuen Arbeitspapier ausstatteten, der ihm bis 2018 insgesamt satte 40 Mio. $ garantiert. Dieser Vertrag macht einen Trade kompliziert, erst recht weil das letzte Jahr eine Player Option beinhaltet und damit Langzeitplanungen erschwert.

Erschwert, aber nicht unmöglich macht, denn ein nicht zu vermittelnder Problemfall ist der achte Pick des 2006er Drafts gewiss (noch?) nicht. Gay ist ein vielseitiger Scorer, kann die gesamte Offensive an sich reißen und an guten Abenden komplett alleine tragen. Nicht zufällig war er zwei Mal Teil der Weltmeistermannschaft der USA.

Mit 29 Jahren ist er außerdem voll im Saft und hat noch die ein oder andere gute Spielzeit im Tank. Seine 2,03 Meter Körpergröße eignet für die Rolle des Strech Power Forwards in den immer beliebteren Small Ball Systemen. Dank seines nicht zu unterschätzenden Zuges zum Korb bedarf er, anders als ein reiner Shooter, mehr Aufmerksamkeit der gegnerischen Verteidigung. Teams mit Lücken auf dem Flügel respektive Schwierigkeiten in der Offensive werden sich also zumindest mit Gay beschäftigen.

Im Gegenzug stehen im Anforderungsprofil der Kings vor allem defensive Fähigkeiten – Sacramento lässt die meisten Punkte zu und ist auch bei der defensiven Effektivität im Tabellenkeller zuhause. Positionsbedarf herrscht bei den Shooting Guards: Ben McLemore ist in seinem dritten Jahr noch nicht in der Liga angekommen und zumindest einer Starterrolle nach aktuellem Stand nicht gewachsen, Marco Belinelli nur als Ergänzungsspieler zu gebrauchen, James Anderson meist nicht einmal dafür.

Offensive Unterstützung können die Miami Heat brauchen, die aktuell am zweitwenigsten Punkte aufs Scoreboard bringen. In Luol Deng haben sie zudem einen Spieler, der das Anforderungsprofil der Kings erfüllt und als Schüler von Tom Thibodeau den jungen Spielern eine defensive Identität einimpfen würde. Jedoch hat der gebürtige Südsudanese einen auslaufenden Vertrag und wegen zahlreicher Verletzungen womöglich seinen Zenit bereits überschritten. 

Die Los Angeles Clippers sind verzweifelt auf der Suche nach Verstärkung auf dem Flügel, haben jedoch kaum Gegenwert anzubieten. Jamal Crawford bietet den Kings keine Zukunftsperspektive, Lance Stephenson überhaupt keine.


Die Chicago Bulls stehen vor einem Scherbenhaufen und brauchen kurzfristig Qualität, um in der laufenden Spielzeit relevant zu bleiben. Ob der rekonvaleszente Mike Dunleavy noch einmal sein altes Level erreicht, darf bezweifelt werden. Neben Jimmy Butler klafft also eine Lücke, die Gay durchaus füllen würde. Als Gegenwert haben die Bulls zwar nicht die Patentlösung für Sacramentos Probleme, aber in Joakim Noahs auslaufenden Vertrag, Taj Gibson, Nikola Mirotić, Doug McDermott und Tony Snell eine ordentliche Auswahl für ein Paket.

Ebenfalls Defizite auf Gays Position haben die Atlanta Hawks und gegebenenfalls Jeff Teague anzubieten, für den sich zweifelsohne ein drittes Team ins Boot holen ließe, um den Kings ein schmackhaftes Angebot zu machen. Als ausgeglichene Mannschaft mit großer Wertschätzung von Teamplay und -chemie und ohne sämtliche Allüren werden die Hawks den exakt dafür bekannten Gay aber kaum als Lösung ansehen, zumal auch hier dessen Vertrag in Spiel kommt, der die Möglichkeiten, Al Hoford zu verlängern und sich darüber hinaus weiter zu verstärken, ordentlich einschränkt.

Bleiben die New Orleans Pelicans, denen Sacramento Gerüchten zufolge Gay im Austausch für den auslaufenden Vertrag Ryan Andersons anbot, was dankend abgelehnt worden sein soll. Bis zur Trade Deadline wird jedoch auch in Louisiana noch einmal ein Umdenken stattfinden. Ihr aktuelles Aufgebot an Small Forwards lautet: Dante Cunningham, Alonzo Gee, Luke Babbitt. Übersetzung: Sehr viel Luft nach oben vorhanden. Mit Gay im Kader wäre der chronisch verletzte und deutlich teurere Eric Gordon obsolet.

Darüber hinaus hat sich jener in seinen Jahren bei den Kings im Zusammenspiel mit DeMarcus Cousins geübt, der trotz körperlicher Divergenzen durchaus als ähnlicher Spielertyp wie New Orleans' Gallionsfigur Anthony Davis gesehen werden kann. Die Kings wiederum hätten ohne Gay auf der Gehaltsliste keine Schwierigkeiten, im Sommer sowohl Rondo, als auch Anderson zu bezahlen und eine neue Mannschaft auf diesem Fundament aufzubauen.

Angesichts des desaströsen letzten Sommers, in dem sich die Kings eine Demütigung nach der nächsten einhandelten – ein qualitativer Free Agent nach dem anderen den Wechsel nach Sacramento ablehnte, um für weniger Geld aber mehr Perspektive ein anderes Dress überzustreifen, ist bei einem Trade Rudy Gays sehr viel Fingerspitzengefühl und Weitsicht erforderlich.

Der Ruf der Kings ist fürs erste ruiniert und die bevorstehende Entlassung George Karls wird dem keinen Abbruch tun. Spieler von Qualität werden die Kings auch im Sommer 2016 nicht nach Sacramento locken. Entwicklungszeit bleibt ebenfalls keine mehr, immerhin absolviert Franchise Player DeMarcus Cousins aktuell seine sechste Spielzeit und wird sich nicht ewig mit der Zuschauerrolle in den Playoffs zufrieden geben.

Gay zu traden, nur um Cap Space zu schaffen oder einen schwierigen Vertrag loszuwerden ist im kleinen Markt Sacramentos – der angesichts der Erfolge in der Nachbarstadt Oakland noch ein Stück kleiner geworden ist – keine Option. Dennoch werden die Kings ihren Small Forward ligaweit anpreisen, in der Hoffnung, endlich mal etwas richtig zu machen.