15 Februar 2016

15. Februar, 2016


Am Donnerstag dreht die NBA wieder kräftig am Rad – metaphorisch wie auch personell. Nur noch bis zum 18. Februar dürfen Spieler getradet werden. Auf dem Weg zur Deadline wirft die #NBACHEF Redaktion wie jedes Jahr einen genaueren Blick auf die wichtigsten Trade-Kandidaten.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

„Wir sind ein zerrissenes Team“, attestierte der Interims(?)-Coach der Houston Rockets, J.B. Bickerstaff nach der Niederlage am Mittwoch gegen die Portland TrailBlazers. Es war die dritte in Folge, die der durchweg enttäuschenden Saison der Texaner einen neuen Tiefpunkt bescherte: Houston fällt pünktlich zum All-Star-Break mit einer negativen Bilanz (28-29) aus den Playoff-Rängen und hat jetzt schon mehr Niederlagen auf dem Konto als in der gesamten letzten Spielzeit.

Veteran Jason Terry sprach offen von mangelnder Teamchemie, auch der Frustrationslevel von Franchise Player James Harden hat Berichten zufolge einen neuen Highscore geknackt. Konsequenzen müssen gezogen werden, im Kleinen wie im Großen. So war es nur mäßig überraschend, dass bald anschließend folgende Neuigkeit die Runde machte:


Dwight Howard, 2013 als Heilsbringer mit einem Festakt in Houston willkommen geheißen, um die Linie an dominanten Center in Houston fortzuführen und nach dem Titel zu jagen, der seine eigene Reality Show erhielt und in Privatstunden mit Kevin McHale und Hakeem Olajuwon sein Spiel verfeinern und optimieren wollte – soll ligaweit angeboten worden sein.

Vor wenigen Monaten noch völlig undenkbar, nach aktuellem Stand bei einem schnellen Blick auf die Statistik keinesfalls abwegig: Howards nackte Zahlen wurden in jedem Jahr in Houston schlechter und haben 2016 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Niedrigere Werte in allen relevanten Kategorien legte er nur in seinem Rookie-Jahr vor elf Jahren auf.

Darüber hinaus hat sich Dwight selbst im Veteranenalter noch nicht in im Griff, wie man es von einem Spieler seiner Erfahrung erwarten würde. Im Januar wurde er in aufeinanderfolgenden Spielen mit zwei technischen Fouls frühzeitig zum Duschen geschickt. Wenngleich in beiden Fällen das erste Vergehen kein solches war, sondern eine grobe Fehleinschätzung der Referees, darf dies einem Spieler solcher Wichtigkeit und Routine nicht passieren.

Kritiker bemängeln nicht erst seitdem die Rockets mächtig straucheln Howards nicht eintretende Reife sowie dass der einstige dreifache Defensive Player of the Year Abnutzungserscheinungen zeige, nie wieder die Dominanz aus alten Tagen in Orlando ausstrahlen werde. Und doch war Howard in seinen beiden Spielzeiten in Houston der zuverlässigste Faktor in den Playoffs und vergangenen Sommer maßgeblich am ersten Einzug in die Conference Finals der Rockets seit 1997 beteiligt, mehr sogar als James Harden.

Unmittelbar nach der Verkündung der Überlegungen in Houston ließ Howards Agent Dan Fegan verkünden, dass weder er, noch sein Klient aktiv einen Trade gefordert hätten und Dwight selbst nicht vor seiner Verantwortung davonlaufe.



In Wirklichkeit hat spätestens am Mittwoch die Free Agency des Centers begonnen. Sein bis 2017 gültiger Kontrakt ist mit einer Ausstiegsklausel versehen, die der 30-Jährige am Ende der laufenden Saison ziehen wird, um einen neuen, letzten Maximalvertrag über fünf Jahre zu unterschreiben. Für einen solchen Vertrag bedarf es der Bird-Rechte, die ohne Trade in Houston liegen – wo er die geforderten Konditionen nicht erhalten wird.

Vögelchen zwitschern, dass Fegan bereits bei den Dallas Mavericks und Los Angeles Lakers (kein Witz!) nach einem Maximalvertrag im Sommer anfragen ließ, jedoch auf taube Ohren stieß. Selbst einer Rückkehr zu den Orlando Magic sei er nicht abgeneigt, die Rockets hätten allerdings kein Interesse am Vertrag von Tobias Harris, ohne den ein Trade zwischen diesen Parteien wegen der vorgeschriebenen finanziellen Gleichwertigkeit der Tauschgüter nicht funktioniert.

Welches Team wäre also geneigt, sowohl bis Donnerstag einen für Houstons GM Daryl Morey annehmbaren Gegenwert in die Waagschale zu werfen, als auch den im Dezember 31 Jahre alten, verletzungsanfälligen und schwächelnden Center mit einem Fünfjahresvertrag auszustatten, der ihm 2021 über 30 Mio. $ einbringt?

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Die Toronto Raptors haben bereits dankend abgelehnt. Die Boston Celtics spielen seit Jahren ohne echten Center und könnten auch einen etwas in die Jahre gekommenen Dwight im Kampf um den Osten gut gebrauchen, wollen für ihn allerdings nicht ihr Tafelsilber, sprich: der ungeschützte Erstrundenpick der Brooklyn Nets aus der Truhe holen. Die Brooklyn Nets selbst waren schon zu Magic-Zeiten eine seiner präferierten Destinationen und können Spieler von Rang und Namen gebrauchen, jedoch kaum sportlichen Gegenwert bieten.

Ins Gespräch gebracht wird zudem Howards Heimatstadt Atlanta, wo die Hawks in der Tat schon länger Verstärkung in der Zone bedürfen und in Al Horford und Jeff Teague über sehr interessante Trade-Masse verfügen. Den gewünschten Vertrag wird Dwight aber auch nicht von Mike Budenholzer erhalten, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, in Atlanta ein Ebenbild der San Antonio Spurs seines Lehrmeister Gregg Popovich zu erschaffen und damit eine Kultur, in der Exzentrik, Allüren und Reality Shows keinen Platz haben. Mit dem bestehenden Personal sind die Hawks wesentlich besser bedient.

Wahrscheinlichster Kandidat im unwahrscheinlichen Falle eines Wechsels sind daher die Miami Heat. Diese könnten Dwight im Sommer sogar den geforderten Vertrag vorlegen. Dass sie inzwischen nicht mehr begeistert von der Vorstellung sind, Hassan Whiteside zu bezahlen und zudem längst ein Team aus der Stadt der Engel die Krallen nach jenem ausgefahren hat, ist kein Geheimnis.

Da die besten Spieler in South Beach die 30 bereits überschritten haben, bleibt ohnehin keine Zeit für Experimente. Das Trio Howard/Bosh/Wade würde die Heat mit einem Schlag zum ernsthaftesten Herausforderer von LeBron James' Cleveland Cavaliers erheben. Um Dwight sofort in die eigenen Reihen zu holen, müsste GM Pat Riley den bislang dürftigen Aufbauspieler Goran Dragić opfern, womöglich wird Daryl Morey sogar den aus Houston stammenden Rookie Justise Winslow fordern.

Im realistischsten Szenario muss sich Dwight aber mit dem Faktum anfreunden, kein Max-Spieler mehr zu sein. Stattdessen wird das Angebot eher in Richtung eines Dreijahresvertrag über rund 60 Mio. $ tendieren. Von den Rockets? Einen Kronprinzen für die Zone hat Houston bereits in seinen Reihen.

Clint Capela legt dieses Jahr, in seiner ersten kompletten Saison, als Starter fast ein Double-Double auf. Er ist ähnlich athletisch wie Dwight, weiß den eigenen Korb zu verteidigen und am gegnerischen zu vollstrecken. Schon im letzten Sommer begann Capela in Trainingseinheiten mit Dirk Nowitzkis Guru Holger Geschwindner, sich einen Wurf anzueignen. Der 21-jährigen Schweizer ist die Zukunft auf Dwights Position.


Für die aktuellen Ansprüche ist der 2014 an 25. Stelle gedraftete Capela jedoch noch zu roh und unerfahren. Einen besseren Spieler als Dwight ist in der dürftigen Free Agency Klasse von 2016 nicht zu erwarten – Gedankenspiele um Kevin Durant oder Harrison Barnes verbieten sich in der aktuellen Lage.

Weil Howard voraussichtlich nirgends den gewünschten Maximalvertrag erhalten wird und Houston den geforderten Gegenwert nicht ausbezahlt bekommt, sind die Trade-Gespräche eher als Säbelrasseln, als Testen des Marktwerts, ähnlich wie bei Kevin Love und Blake Griffin, einzuordnen. Der Abgang der Nummer 12 würde die ohnehin schon desaströse Verteidigung weiter schwächen, die Rockets gedenken nicht, die aktuelle Saison wegzuschenken – schließlich ist zumindest der sechste Platz gänzlich in Reichweite.

Stattdessen muss die gebrochene Gruppe die Pause des All-Star Games nutzen, um sich komplett neu zu justieren. Dass das Team in dieser Zusammenstellung sein letztes gemeinsames Spiel absolviert hat, steht außer Frage. Auch wenn ein Trade Dwights, wie dargelegt, eher zweifelhaft erscheint, werden die Rockets zur Deadline aktiv werden (müssen). Ty Lawson, Corey Brewer, Terrence Jones und K.J. McDaniels stehen zur Verfügung, gegebenenfalls auch die Veteranen Marcus Thornton und Jason Terry sowie die Rookies Sam Dekker und Montrezl Harrell.


Um diese katastrophale Saison noch zu retten, braucht Houston gestandene Kräfte. Eine Liste der möglichen Kandidaten:

Courtney Lee (Memphis Grizzlies): Der Wing hat einen auslaufenden Vertrag und ist in Memphis nicht unentbehrlich. Mit seiner defensiven Begabung würde Lee Trevor Ariza als einzig nennenswerten Flügelverteidiger entlasten. Außerdem stand er bereits von 2010 bis 2012 in Houston unter Vertrag und müsste sich nicht groß akklimatisieren.

Lou Williams (Los Angeles Lakers): Die Lakers bieten alle längerfristigen Verträge, von denen frisch gedrafteter Spieler abgesehen, feil. Als Scorer von der Bank ist Williams eine Institution und imstande, offensive Verantwortung zu übernehmen – also den Part, für den eigentlich Ty Lawson geholt wurde. Hoch wird der Preis für den besten sechsten Mann des Jahres 2015 nicht sein, die Lakers wollen zur Free Agency so handlungsfähig wie möglich werden.

O.J. Mayo (Milwaukee Bucks): Ebenfalls ein Kandidat für die Funktion des Scorers von der Bank. Mayo kennt die Southwest Division, war als offensiver Fixpunkt lange Zeit für Memphis und Dallas unterwegs. Der Preis ist überschaubar, denn der 28-Jährige legt in dieser Saison schwache Zahlen auf, hat einen auslaufenden Vertrag und wird bei den jungen Hirschen nicht mehr gebraucht.

Jared Dudley (Washington Wizards): Der Combo Forward ist einer der Leistungsträger in der Hauptstadt, jedoch läuft auch sein Vertrag im Sommer aus und er wird nicht wenige Angebote erhalten. Da die Wizards (23-28) keine überragende Saison spielen, greift das Argument, ihr Team zwingend beieinander halten zu müssen, nicht.

Luol Deng (Miami Heat): Der britische Nationalspieler steht als Schüler Tom Thibodeaus wie kaum ein anderer in der NBA für Toughness. Ein solcher Spielertyp fehlt den Rockets, Verstärkung auf dem Flügel können sie auch gebrauchen. Dengs Vertrag läuft aus, er wird für einen angemessenen Preis zu haben sein.

Jrue Holiday (New Orleans Pelicans): In Philadelphia ein All-Star, in New Orleans wahlweise verletzt und enttäuschend. Holiday ist bei den Pelikanen nie richtig angekommen, weil bei diesen ebenso wie in Houston der Frühjahrsputz zeitnah ansteht, ist ein Tapetenwechsel nur folgerichtig.

Markieff Morris (Phoenix Suns): Der Zwillingsbruder von Marcus, der von den Rockets 2011 gedraftet und 2013 nach Phoenix getradet wurde, steht bei den Suns vor dem Absprung. Sportlich top aber charakterlich schwierig ist Morris' Wert infolge einer Reihe von Aussetzern, zuletzt einer Keilerei mit einem Mitspieler, im Keller. Ob es angesichts der offensichtlichen Schwierigkeiten in Houstons Locker Room eine gute Idee wäre, den Hitzkopf und Eigenbrödler dazu zu holen, darf bezweifelt werden, erst recht nach der eher missglückten Akquirierung Ty Lawsons.

Diese Liste ist freilich unvollständig und völlig unverfänglich, zumal Daryl Morey unerwarteten Schachzügen gegenüber nicht abgeneigt ist.