01 Februar 2016

1. Februar, 2016


von TIAGO PEREIRA @24Sekunden

Ein Held ohne Stadt
“At Guard, from Chicago Illinois, number 1 - DERRICK ROSE!” Ein Satz der zu Beginn dieses Jahrzehnts jeden Zuschauer des United Centers in Ektase versetzte, bringt heute kaum eine Menschenmasse auf ihre Füße. 

Wenn Derrick Rose an diesen Tagen auf dem Hardwood der NBA läuft, trägt er nicht mehr die Hoffnungen von Chicago auf seinen Schultern, sondern ein Veteranenkostüm: gespickt mit All Star Abzeichen und Preisen, die von einer glorreichen Vergangenheit sprechen. 

Rose wurde nach seiner Rückkehr zu einem dribbelnden Museum, das uns in jedem Augenblick unbewusst um Jahre zurückversetzt, als Dunks zum Alltag gehörten und akrobatische Bewegungen uns die Luft nahmen.

Die Stadt Chicago hat ihr Wunderkind nicht vergessen, aber sie scheint erkannt zu haben, dass nichts mehr so ist wie es früher einmal war. Jimmy Butler ist der neue Held der windigen Stadt, und die Chicago Bulls sein Team. Die Rolle des Robins ist mit wechselnder Besetzung an Joakim Noah und Pau Gasol vergeben, sodass neben all den neuen Stars kein Platz mehr für einen alten Helden zu sein scheint. 

Ein Jahr nach dem lang ersehnten Comeback scheint nun auch für Rose die Luft dünn geworden sein, denn selten wirkten die Worte „Hometown Kid“ hohler. Die Nummer 1 in Chicago trägt keine tradesichere Weste mehr und die Zeichen stehen auf Abschied.  

Verlorene Liebe
Nur ein Jahr verbrachte Derrick Rose außerhalb seiner Heimatstadt Chicago, um für John Calipari an der Universität in Memphis das obligatorische Schulbankdrücken zu absolvieren. Zuvor hatte der Point Guard sich an der Simeon Career Academy in Chicago einen Namen gemacht. 

Während seiner Highschool Zeit ließ Rose, die von der Post-Jordan-Ära traumatisierten Bulls Fans, von Meisterschaften träumen, ehe ein NBA Trikot mit dessen Namen beflockt wurde. Dabei war die Chance der Held der eigenen Heimatstadt zu werden, war von Beginn an verschwindend gering für Rose, besonders weil dessen Messlatte die Initialen MJ zierte. 

Nicht viel größere war auch die Erfolgsaussicht der Chicago Bulls auf den einstimmigen Nummer eins Pick – Derrick Rose. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 98.1% würde die Franchise aus Illinois nicht als erstes am Draftabend 2008 wählen dürfen. Doch wie es das Schicksal wollte, mussten sich die Fans der Bullen nicht mit Michael Beasley als Trostpreis abfinden. 

Acht Jahre später ist der Gedanke an ein Leben ohne Derrick Rose in Chicago nicht mehr mit Trauertränen untermalt. Noch ist kein Bruch zwischen den ehemaligen Franchise Retter und der Fangemeinschaft entstanden, doch der Spalt wächst von Tag zu Tag weiter an. 

Dies mag daran liegen, dass die Augen der Fans nach jedem Debakel auf den Neustartknopf schielen. Wobei Rose mit Sicherheit nicht die einzige Personalie ist, die nach einer Niederlagen gegen die Brooklyn Nets, virtuell getradet wird. Spieler, Trainer, Management, sie alle spüren den Unmut der Fans über eine bisher enttäuschende Saison – und alles beginnt bei Derrick Rose.

Rosenkrieg in Chicago
Zu Beginn der Spielzeit waren die Erwartungen an den Point Guard gedimmter denn je.  Rose sollte sich in das System des neuen Trainer Fred Hoiberg eingliedern, und endgültig Jimmy Butler das Zepter des Franchise Spielers übergeben. Eine durchschnittliche NBA Spielzeit mit vereinzelten Highlights peilte die optimistische Fanseele an. Dennoch segelte Rose in den ersten Partien Meilen weit unter dieser Hürde hindurch. 

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Zugegeben die ersten zwei Monate spielte der Point Guard quasi blind, aufgrund eines Bruchs der Augenhöhle, aber auch mit nur einem Auge lasen sich dessen Statistiken nicht schön. Rose traf unter 40% aus dem Feld, kaum jeden vierten Dreier und das bei 15 Feldwurfversuchen pro Partie. Dazu fanden sich jeden Abend mindestens 3 Ballverluste im Boxscore des ehemaligen Nummer 1 Picks. 

Das Besorgniserregende sind jedoch nicht allein die Würfe, die Rose allabendlich an das Backboard hämmert, sondern die Mentalität hinter den Fehlversuchen. Vor der Saison ließ Rose vermelden, dass sein Fokus auf der Free Agency 2017 liegt und er alles dafür tun möchte, damit er und seine Familie einen Teil des großes Geldregens abbekommen würden. 

An sich sind wir solche ungefilterten Aussagen von Rose gewohnt, denn der Point Guard gibt oft und offene seine Meinung kund, z.B. als er seine MVP Saison voraussagte. Aber auch wenn die Aussagen von Rose uns vertraut vorkommen, sendet der neue Kontext ein alarmierendes Signal.


Seit der Anbahnung des neuen CBAs ist das Streben nach dem größten Zahltag der Karriere eine weitverbreitete Maxime in den Umkleidekabinen der NBA. Auch für einen Spieler wie Derrick Rose, der bereits über 300 Millionen Dollar in seiner Karriere verdienen konnte. Noch steht aber keine Franchise mit Geldsäcken vor Rose' Villa, nicht einmal die eigene. GM Gar Forman ist nämlich alles andere als begeistert, seinem Point Guard diese und nächste Saison 20 Mio. $ überweisen zu müssen. 

Weiter möchte Forman sein Portmonee auch in Zukunft nicht öffnen, wohingegen Rose in einen zukünftigen Treue-Discount kategorisch ablehnt. Das Dilemma in dem Sich die Bulls somit befinden ist äußerst heikel. Niemand möchte Rose mit der Mistgabel aus der Stadt jagen, aber auch nicht zu dessen Konditionen halten. 

Südstaaten Blues
Die erste Option des Managements wäre einen Trade einzufädeln, um nicht mit leeren Händen da zu stehen. Point Guards sind in der heutigen Ära aber keine Rarität und der Markt für teure Langzeitverträge ohnehin verschwindet gering. Zum Glück spielt Derrick Rose derzeit seinen besten Basketball seit seiner Rückkehr, womit sein Marktwert, auf einem unerwartetem Hoch ist. 


Das Optimalziel der Bulls wäre es, mittels des Trades ein Upgrade auf der Point Guard Position erhalten, denn alleine mit Aaron Brooks und Kirk Heinrich auf der Eins möchten die Bullen nicht in die Playoffs starten. Ein Szenario welches utopisch, aber nicht unmöglich erscheint. 

Die Saison der New Orleans Pelicans ist bereits vor dem All Star Break in die Brüche gegangen. In Louisiana spielen die Pelikane vor leeren Rängen und brauchen dringend einen Hoffnungsschimmer, ein ehemaliger MVP könnte Leben zurück in das Smoothie King Center bringen. 

Im Austausch gegen Jrue Holiday und Tyreke Evans oder Omer Asik könnte Rose nach New Orleans wandern. Holiday wäre ein deutlich passfreudigerer und wurfsicherer Aufbau für Hoiberg‘s System und zusammen mit Evans wäre der Kader der Bulls gerüstet für einen tiefen Playoff Lauf.


Alvin Gentry wird aber nach dem Ish Smith Debakel vermeiden erneut ohne Aufbauspieler dar zustehen, sodass statt Evans eher Asik die Pelikane verlassen könnte. Seit Joakim Noah‘s Ausfall wäre ein defensiver Center gar nicht ungesehen in Chicago, doch der Langzeitvertrag des Türkens (5 Jahre – 46 Millionen $) könnte zum Dealbreaker werden. 

Die zweite Möglichkeit für Gar Forman wäre ein drei Team Deal mit den Phoenix Suns und Boston Celtics. Das Kernstück des Trades wäre der Tausch der Point Guards Derrick Rose und Brandon Knight. 

Die Bulls erhalten mit Brandon Knight einen jungen Aufbauspieler für moderates Geld, der sowohl kurzfristig in den Playoffs, als auch langfristig eine Stütze der Franchise werden kann. Dafür wird Forman aber auch den auslaufenden Vertrag des Kelten David Lee aufnehmen müssen, um die Gehaltsunterschiede der beiden Tradepartner auszugleichen. 

Die Boston Celtics erhalten im Gegenzug Tyson Chandler und Markieff Morris von den Suns und Taj Gibson von den Bulls. Der Hauptgrund für Danny Ainge diesen Trade  beizuwohnen ist Markieff Morris. Der Power Forward wäre eine Instant-Offense-Infusion für Brad Stevensons Kader und dient gleichzeitig als billige Absicherung, für den Fall, dass Jared Sullinger im Sommer Boston verlässt.


Dazu würde die zweit beste Defensive der Liga (DRtg: 98.9) mit Chandler und Gibson zwei weitere Arbeiter am Brett gewinnen. Einzig Chandler frisch unterzeichneter Vertrag dürfte keine leichte Pille zu schlucken werden, sollten die Leistungen des Centers weiter bröckeln.

Die Phoniex Suns würden mit diesem Trade alle Weichen auf den Sommer 2017 legen. Alle Verträge, bis auf der von Aufbau Erick Bledsoe, würden zum Zeitpunkt des größten Free Agent Sommers Allerzeiten auslaufen. Bis dahin befänden sich neben Bledsoe nur noch zwei potentielle Lottery Picks im Kader der Wüstenbewohner, sodass ein kompletter Neuanfang in Arizona gestartet werden könnte.  

Scheidung auf Raten
Sollte Gar Forman es nicht geschafft haben bis zur Deadline einen willigen Tradepartner gefunden zu haben, wird sich die Trennung der Bulls von ihrem Point Guard wohl über die kommenden zwölf Monate hinausziehen. 

Denn neben Derrick Rose stehen auch die Point Guards Stephen Curry (UFA), Russel Westbrook (UFA), Chris Paul (Early Option), Kyle Lowry (Player Option) und Dennis Schröder (RFA) auf der der Free Agent Liste der Bulls. Es könnte daher sein, dass Derrick Rose nach neun Jahren in Chicago, seinen Spint für einen der oben genannten Spieler räumen muss. 

Mit Unmengen an Cap Space und einem immer besser werdenden Franchise Spieler in Jimmy Butler, sind die Chicago Bulls mit Sicherheit im Rennen um die kommenden Top Free Agents. Der Tapetenwechsel könnte daher nicht nur für die Franchise aus Illinois ein neuer Anfang sein, sondern auch für Derrick Rose. 

Die letzten Jahre waren alles andere als ein Zuckerschlecken für den Aufbau und in Chicago würde er bis zu seinem Karriereende den anfänglichen Erwartungen hinterherhinken. Eine neue Stadt könnte die Vergangenheit nicht ausradieren, aber sie würde sich auch nicht nostalgisch oder gar manisch an dieser festklammern. Die alten Ziele mit neuer Hoffnung wiederzubeleben, könnte die Hall of Fame Karriere von Derrick Rose zurück in die Erfolgsspur bringen.