29 Februar 2016

29. Februar, 2016


von ANDRÉ NÜCKEL @andrenueckel

Am 22. Januar beruft das Frontoffice der Cleveland Cavaliers ein Teammeeting der obersten Dringlichkeitsstufe ein. Solche Sitzungen werden im Normalfall nur bei wegweisenden Entscheidungen abgehalten – aber die Cavs führen die Eastern Conference an und Kyrie Irving nimmt nach einer langen Verletzungspause wieder Fahrt auf.



Also beginnt es zu rumoren, vor allem im Roster. Die Baller diskutieren intern und untereinander nach den Gründen für diesen scheinbar urplötzlich wichtigen Termin. Aufgrund der Tabellenkonstellation schließen sie eine Entlassung von Coach David Blatt aus, sie rechnen vielmehr mit der Verkündung des Trades von Kevin Love.


Pustekuchen. General Manager David Griffin teilt den Gesichtern seiner Franchise mit, dass Blatt gefeuert und Tyronn Lue befördert worden ist. Diese Entscheidung hängt seit der Rückkehr von LeBron James im Sommer 2014 wie ein Damoklesschwert über der Quicken Loans Arena.

Die Gründe für diese kritisch beäugte Trennung der Franchise aus Cleveland sind in den Medien rauf und runter diskutiert, debattiert und kommentiert worden. Charakterlos? Respektlos? LeBronartig? Mag sein. Für die Mannschaft ist dieser Zeitpunkt jedoch goldrichtig.

Vor allem für einen: Kevin Love. Eben noch als verfrachtete Enttäuschung bezeichnet, kann der Power Forward endlich aufatmen. Das Verhältnis zu Blatt basierte zu keiner Phase der Zusammenarbeit auf einer Basis, die gegenseitiges Vertrauen widerspiegelt.

Im Gegenteil: Der geschiedene Trainer kritisierte und hemmte das vielleicht entscheidende Puzzlestück zur sehnsüchtig erwarteten Meisterschaft gleich mehrfach. Aussagen wie „Kevin ist kein Max-Player, Kyrie dafür schon“ waren das Zement für die soziale Isolation des mehrfachen All-Stars. Er schottete sich ab, mied Chill-Sessions mit der Brotherhood. Das kam bei den Mitspielern nicht wirklich gut an. Vor allem LeBron James zeigte ihm daraufhin die kalte Schulter:


Aber mit der Installierung Lues verschwindet der Eigenbrötler, der im Sommer 2014 für Andrew Wiggins und Anthony Bennett – die ersten Picks ihrer Jahrgänge – aus Minnesota an den Lake Erie gekommen ist. Love taucht erstmals nach Monaten auf den obligatorischen Teamselfies auf, die Iman Shumpert und Co. nach Siegen häufig in den sozialen Medien mit eben jenem Hashtag #brotherhood verbreiten. 

Auch der neue, unerfahrene Übungsleiter bestärkt das Selbstvertrauen des 110-Millionen-Mannes: „Ich werde alles versuchen, um Kevin besser einzusetzen und ihm Selbstvertrauen zu vermitteln.“ Rund vier Wochen nach Amtsantritt von Tyronn Lue blicken wir auf die Baustellen und Fortschritte im System mit und um Kevin Love. 



Love Hurts 
Neben der problematischen Beziehung von Blatt zu seinen Stars war vor allem die fehlende Implementierung seines Bigs ausschlaggebend für die vorzeitige Entlassung. Von den Timberwolves kommend war Love an eine komfortable Situation gewohnt, immerhin war er dort die erste Geige in der Offense, und konnte dementsprechend gut seine Schwäche – die Verteidigung – kaschieren, weil er sich Auszeiten nehmen durfte.

Nicht aber im Bundesstaat Ohio.
 Während James und Irving in bestimmender Art und Weise das Orchester dirigieren, bleibt für den getradeten Starter auf der Vier nur eine Rolle im zweiten Glied über. Anstatt seine Qualität im Post zu suchen, fungiert er vorwiegend als Spot-Up-Shooter.

Selbstredend, als Stretch-Big gehört das Werfen zu den Kernaufgaben, um Platz in der Zone zu schaffen – insbesondere für den Drive der genannten Frontrunner. 45,5 Prozent von Loves Abschlüssen stammten in der Prä-Lue-Phase aus dem Catch-and-Shoot. Als Team endeten 29,3 Prozent der Würfe in dieser Form. Generell wirkt der gebürtige Kalifornier im Angriff überflüssig.

Er bewegt sich dementsprechend wenig, weil – so der Eindruck – er denkt, dass mögliche Zuspiele eh nicht für ihn bestimmt sind. Dennoch ist seine Usage-Rate mit 23,2 Prozent die dritthöchste. Am eigenen Korb ist Love immer wieder ein gefundenes Fressen für das Pick & Roll, da er im Normallfall schlichtweg überfordert ist.

Im nachfolgenden Beispiel bleibt er an einem relativ soften Block von Klay Thompson hängen, was aber für seinen direkten Gegenspieler Draymond Green reicht, um in das Blocken und Abrollen mit Stephen Curry zu gehen. Love verliert Green anschließend vollkommen aus den Augen, obgleich der nur wenige Zentimeter von ihm entfernt zum Korb schneidet.


Der Rest ist ein einfacher Punkterfolg für die Golden State Warriors, die diese Angriffsweise in den bisherigen beiden Aufeinandertreffen mit den Cavs bevorzugt gewählt haben. Mit zugelassenen 1,07 points per play und einer Frequenz von 68 gehört Love zu den schwächsten Verteidigern in dieser Kategorie.

Generell meidet der 2,08 Meter große Forward harten Körperkontakt, was bei konsequenten Angreifern eine Katastrophe ist. Insgesamt treffen die Kontrahenten, die Love direkt verteidigen muss, um 4,4 Prozent besser, was der mit Abstand mieseste Wert aller relevanten Kavaliere darstellt. Dass er zudem noch zahlreiche Rotationen schlichtweg verschläft, rundet das fatale Bild fast schon merkwürdig gut ab.

Where is the Love?
Mit Amtsantritt kündigte Rookie-Coach Lue an, seine Nummer Null besser einsetzen zu wollen, weil er der Schlüssel zur Meisterschaft sei. Zwar tauchte Loves Name zur Trade-Deadline immer wieder in wilden Gerüchten auf, aber sein Chef machte vorab deutlich, dass ein Wechsel in dieser Periode ausgeschlossen sei. 

Weniger klar waren dagegen seine ambivalenten Aussagen zur neuen Identität des Top-Seeds im Osten. „Ich will die Pace deutlich erhöhen, um vor allem die Stärken von LeBron und Kyrie einzusetzen“, erklärte der 38-Jährige Lue um wenig später nachzulegen: „Kevin ist ein großartiger Post-Spieler. Ich will langsamer spielen, um seine Stärken im Post einzusetzen. Daher wird er vermehrt mit der zweiten Garde auf dem Parkett stehen.“


Einerseits liegt viel Wahrheit in diesen Statement. Love greift mit 8,1 defensiven Rebounds die meisten im Roster und wirft vornehmlich den Inbound nach einem Korb gegen Cleveland. Während er also den Spalding bringt, sprinten seine Weggefährten bereits in die gegnerische Hälfte, und aufgrund der erhöhten Pace (von 92,3 auf 93,0) verpasst der Power Forward viele Abschlüsse, wenn Irving und/oder James initiieren.

Somit sollte man also meinen, dass Love gegen Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Viertels, wenn zwei Drittel der Big Three eine Verschnaufpause erhalten, ordentlich Minuten mit Matthew Dellevadova und Co. erhält. Weit gefehlt! 

Die Formation mit der höchsten Frequenz (Delly – Jefferson – Love – Mozgov – Shumpert) seit dem 22. Januar, in der KL0 wieder hauptverantwortlich musizieren darf, stand lediglich dreimal auf dem Parkett und bekam 3,7 Minuten zugesprochen. Dagegen taucht(e) Uncle Drew in diversen Aufstellungen als Alleinunterhalter auf...

Is this Love?
Salopp gedacht, es ist egal, mit wem man auf dem Court steht, die Produktivität eines Ballers zählt. Hier zeigt sich erstmals die Handschrift von Trainer Lue. Während Love nur noch 1,6-mal (vorher 3,4) die Kugel in der Zone erhält, stiegen die Touches am Elbow auf 5,8 (vorher 3,8) und im Post auf 2,4 (1,4).

Die Idee dahinter ist simpel: Love soll seine Qualitäten mit dem Rücken zum Brett ausspielen und beispielsweise gekonnt per Hakenwurf abschließen. Da er weniger im farblich hervorgehobenen Terrain arbeitet, reduziert sich der Kontakt mit Überathleten wie DeAndre Jordan. 

One-on-ones mit kräftigeren Bigs soll der gute Schütze sowieso aus dem Weg gehen. In den Duellen mit den Sacramento Kings oder Indiana Pacers wurde er bewusst weniger in der Nahdistanz gesucht, um nicht Gefahr zu laufen, leichte Ballverluste gegen DeMarcus Cousins oder Myles Turner zu verursachen.

Dementsprechend sorgt er weiterhin für ein gutes Spacing, indem er seinen Verteidiger am Perimeter bindet. Auffällig: Obwohl er gefühlt viel häufiger im Post-Up agiert als noch unter Blatt, resultieren 51,1 Prozent seiner Würfe immer noch aus dem Catch-and-Shoot... Ein Plus von fast sechs Prozent! 


Dabei bleibt Love aber nicht primär in Downtown kleben, er bewegt sich besser und scort hochprozentig aus der Mitteldistanz. Seine Erfolgsquote zwischen Dreierlinie und der Zone ist von 43,8 Prozent auf 59,3 Prozent nach oben geschnellt. Er wirkt ebenso viel engagierter, obgleich sich das in den Stats (noch) nicht wirklich niederschlägt.


Eine Szene, wie sie oft vorkommt, ereignete sich am 8. Februar gegen die Kings: Während LeBron am Low Post dribbelt, haftet Love zusammen mit Smith und Irving auf der Weakside. Hier könnte er einen Block von Smith fordern, um anschließend zur Ballside zu schneiden und das Spielgerät zu fordern.

Dort eröffnen sich ihm theoretisch gleich drei Möglichkeiten: erstens, er nimmt einen hochprozentigen, weil freien Wurf; zweitens, er zieht in die Zone und schließt dort selbst ab oder versucht das Zuspiel auf einen Mistpieler; drittens, er passt direkt auf Smith oder zurück zu LeBron, der nach seinem Ball auf Love in die Ecke zieht. Am Ende entscheidet sich James für eine Eins-gegen-Eins Aktion und trifft.

A little Love (on D)
Gegen den Ball hat Lue ebenfalls einige Anpassungen vorgenommen. So sitzen Love und Irving in der Crunchtime gegen die Pacers auf der Bank. Dies hat zur Folge, dass mit Tristan Thompson, Dellavedova und Mozgov gleich drei bessere Verteidiger auf dem Parkett stehen und die enge Partie nach Hause schaukeln.

Auch die Pick & Roll Verteidigung – die vermeintlich größte Schwachstelle des Power Forwards – hat der Übungsleiter mit einer cleveren Anpassung in den Griff bekommen. 


Anstatt Love den Blocksteller decken zu lassen, übernimmt Thompson nun diesen Job. Der ehemalige Star der UCLA patrouilliert dafür in der Zone, wenngleich er kein Rim Protector ist – und auch niemals sein wird. 

Diese verkappte Variante der Defensivtaktik „Ice“ beziehungsweise „Blue“ funktioniert in den ersten Wochen unter dem neuen Verantwortlichen gut. Zwar schließen die Gegner, die auf Love in unmittelbarer Nylon-Nähe treffen, mit 52,2 Prozent effizient ab, aber das ist das deutlich geringere Übel, als Love mehrfach im eins-gegen-eins bloßzustellen.

Des Weiteren strahlt er seit dem All-Star Break mehr Biss aus, lässt sich nicht mehr so leicht abschütteln und hält Kontakt zum Gegner. Er berührt mit einer Hand fast immer sein Gegenüber, um direkt zu reagieren, falls dieser sich bewegen sollte. Dies hat er zwar schon früher stiefmütterlich probiert, neuerdings strahlt er auch die entsprechende Ernsthaftigkeit aus.

Zwar gehört mindestens ein Kollaps pro Match noch immer zu seinem „Repertoire“, jedoch wird Love mit zunehmender Dauer vom neuen System kaschiert und nicht mehr den großen Minusfaktor darstellen. Zumindest in der Theorie. Interessant zudem: Er greift im Schnitt drei Rebounds (von 11,0 auf 7,9) weniger, obgleich die kumulierte Quote der Cleveland Cavaliers konstant geblieben ist (44,9).  


Real Love?
Im Gesamten entsteht ein leichter Zwiespalt in der Beurteilung des „neuen“ Kevin Love. Die Wahrnehmung vermittelt einen anderen Eindruck als die nackten Zahlen. Schwerwiegend kommt hinzu, dass mit Channing Frye ein weiterer, treffsicherer Stretch-Big seit wenigen Tagen die Cavs ergänzt und schon überzeugen konnte.

Der Neuzugang durfte in seinen beiden Vorstellungsmatches vorwiegend mit der zweiten Garde ran, und Irving nahm dabei erneut die Rolle ein, die eigentlich für Love vorgesehen war. Beim 114-103 Sieg über die Charlotte Hornets bekam der etatmäßiger Vierer sogar nur 26 Minuten zugesprochen.

Die Stats müssen jedoch in einem gesonderten Vakuum betrachtet werden; immerhin wurden erst 14 Games unter Tyronn Lue absolviert. Der Weg bis hin zu den Playoffs und natürlich in ihnen wird zukunftsweisend sein, ob Love tatsächlich über den Sommer hinaus in Cleveland bleiben wird.

Die entsprechende Einstellung verkörpert er seit der Entlassung von David Blatt, und sein wieder aufgeschlossenes Verhalten gegenüber der Brotherhood ist von elementarer Bedeutung für die Chemie der Cavaliers.

„Es ist wichtig, dass ich weiterhin aggressiv bin. Wir als Team und ich selbst müssen einfach weitermachen und auch das physische Game annehmen.“

Er selbst definiert seine Aufgaben für die nächsten Wochen: Love muss fighten, Love muss Biss zeigen und liefern – dann kommen die Leistungen von alleine und die Zweifler, die ihn nicht als Max-Player sehen, werden zunehmend verstummen.