24 Februar 2016

24. Februar, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Die Regular Season in der NCAA geht in den Endspurt und entwickelt sich in vielen Conferences zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen mehrerer Teams. Auch die ACC, die wahrscheinlich stärkste Conference, ist mal wieder heißumkämpft. Zwar führen die North Carolina Tar Heels das Feld noch an, doch der komfortable Vorsprung ist aufgrund einer schwachen Woche verschwunden. Mit nur einer Niederlage dahinter tummelten sich zu Wochenbeginn Louisville, Miami und Virginia. 

Insofern war das Aufeinandertreffen von Miami und Virginia bedeutsam für die Titelchancen der beiden Konkurrenten. Besonders Virginia hätte angesichts des schweren Restprogramms einen Sieg dringend entführen müssen.

Virginia hatte zuvor eine Woche spielfrei und konnte sich entsprechend auf die letzten Saisonwochen vorbereiten und nochmal Kräfte für die anstehenden Aufgaben tanken.

Ganz anders war vor der Partie hingegen die Gefühlslage bei den Canes, die am Samstag von UNC verprügelt worden waren und damit die Chance auf die Poolposition verschenkt hatten.

Neben den Aspirationen um den Conference Titel steht für beide Trainer jedoch in einem solchen Spiel die Ausbesserung verbliebender Schwachstellen im Vordergrund.

Während Miamis Jim Larrañaga immer Sorgenfalten angesichts des schwankenden Reboundings mit sich rumträgt, bereitet Tony Bennett die Ausrechenbarkeit der eigenen Offense und die dortige Abhängigkeit von Teamleader Malcolm Brogdon schlaflose Nächte.

Da Miami in der ersten Halbzeit das Reboundduell annähernd ausgeglichen gestalten konnte und Virginia gleichzeitig genau die offensive Schwäche an den Tag legte, die sie so oft schon ausgebremst hat, ging Miami mit einer kleinen Führung in die Halbzeit.

Einziger Lichtblick war der folgende Playcall von Tony Bennett für den letzten Angriff der Halbzeit.

Miami hatte bis dahin viele der Offballscreens geswitcht und damit Virginias Rhythmus erheblich unterbunden.

Virginia stellt ein Floppy Set auf. Malcolm Brogdon (Nr.15) befindet sich auf der rechten Seite der Zone, Marial Shayok (Nr.4) auf der linken. Shayok erhält drei Screens entlang der Baseline.

Normalerweise würde Brogdon, nachdem sein Screen von Shayok genutzt wurde, nun seinerseits durch die Zone cutten und den Block von Isaiah Wilkins (Nr.21) nutzen, um frei zu werden.

Miami geht davon aus, dass genau das passieren wird und will daher switchen. Entsprechend sagt Davon Reed (Nr.5) den Switch an und läuft Shayok hinterher. Sheldon McClellan (Nr.10) sollte nun Brogdon übernehmen. McClellan wartet jedoch an der Freiwurflinie und will seinen Weg verkürzen. 


Tony Bennett muss damit gerechnet haben, denn Shayok curlt um den letzten Block herum zur Mitte und schafft damit Platz auf der Seite. Brogdon achtet gar nicht auf McClellan, sondern weiß ganz genau, dass dieser auf der linken Seite auf ihn wartet. Sobald Shayok zur Mitte curlt, dreht Brogdon sich sofort um, erhält von Mike Tobey (Nr.10) noch einen Flarescreen und ist vollkommen offen in der Ecke für den Dreier.

Miami ist davon sichtlich überrascht. McClellan ist viel zu spät und Tonye Jekiri (Nr.23) weiß nicht, wie er den Block verteidigen soll und bleibt einfach stehen.


Miami rettet sich dank eines Buzzerbeaters mit einer Fünf-Punkte-Führung in die Halbzeit.

Nach der Halbzeit dreht zunächst Miami auf und kann sich erstmals einen zweistelligen Vorsprung erarbeiten. Die beiden Hauptfiguren dabei sind Jekiri und Reed, nicht McClellan oder Angel Rodriguez.

Bei einem Einwurf von der Baseline passt Rodriguez (Nr.13) den Ball zu Jekiri ein. Sofort kommt Wilkins von der Weakside zum Doppeln. Virginia doppelt jedes Postup mit den beiden Big Men. Devon Hall (Nr.0) muss in die Zone absinken, um den Durchstecker auf Kamari Murphy (Nr.21) zu verhindern. 


Dadurch ist Reed an der Dreierlinie frei. Jekiri, der das ganze Spiel über schon sehr gute Pässe aus dem Doppeln heraus spielt, findet Reed. Hall muss ein sehr langes Closeout laufen und rutscht auch noch aus, sodass Reed alle Zeit der Welt hat und sicher den Distanzwurf verwandelt.


Im folgenden Angriff laufen die Canes eines ihrer Lieblingsplays:

Reed entscheidet sich in diesem Fall für die staggered Screens. Sein Verteidiger Hall bleibt schon am ersten Block von Rodriguez hängen und verliert dadurch den Kontakt zu Reed. Hall sagt aber offensichtlich keine Hilfe an, da Brogdon erst reagiert, als Reed schon den Ball fängt. Auch zwei entgegenstürzende Verteidiger können Reed nicht genug irritieren und er netzt seinen vierten Dreier ein.


Virginia braucht acht Spielminuten, um den Zehn-Punkte-Rückstand in eine Führung zu verwandeln. Allerdings entscheidet sich Tony Bennett dafür, beim Stand von 46:47 für Miami und bei noch 9:54 Restspielzeit dafür, seine beiden wichtigsten Spieler Brogdon und Anthony Gill bis zur nächsten Auszeit (bei der ersten Spielunterbrechung unter 8:00) für eine kurze Verschnaufpause vom Feld zu nehmen.

Daran ist an sich nichts verwerflich und in der NCAA ist diese Methode durchaus übliche Praxis, allerdings nimmt Miami keine halbe Minute später eine Auszeit, um den Lauf zu stoppen. Hiernach hätte Bennett vielleicht in Betracht ziehen sollen, zumindest einen der beiden wieder auf das Feld zu schicken. Immerhin hatten sie zu diesem Zeitpunkt effektive vier Minuten Rast.

Bennett entscheidet sich jedoch dagegen und als Resultat schlägt Miami zurück. Ein 7:0-Lauf verschafft Miami ein Polster für die Crunchtime.

In der Schlussphase scheint Miami das Spiel zunächst vorzeitig entscheiden zu können. Erneut ist das Single-Double-Play ausschlaggebend für den vermeintlichen K.O.-Schlag.

Reed entscheidet sich wieder für die Seite, auf der er zwei Blöcke erhält. Zuvor lässt er seinen Verteidiger Darius Thompson (Nr.51) allerdings mit einer kleinen Körpertäuschung und einem effektiven Tempowechsel ins Leere laufen. Bevor Reed den ersten Screen überhaupt erreicht, hat er bereits über einen Meter Vorsprung.

Durch Rodriguez’ präzisen (Moving-) Screen vergrößert sich der Abstand zwischen Reed und Thompson nochmals erheblich. Dieses Mal sieht Brogdon das Unheil bereits kommen und ist wesentlich früher zur Hilfe bereit, dennoch hat Reed genügend Zeit, seine Füße zu sortieren und einen gut vorbereiteten Wurf zur Acht-Punkte-Führung zu versenken.


Bennett nimmt seine vorletzte Auszeit und entscheidet sich wieder für das einzig Richtige, indem er im folgenden Angriff gezielt Brogdon in Szene setzen will. Brogdon ist nicht nur der beste Allrounder der NCAA, sondern gehört auch zur Elite aller College Athleten, wenn es darum geht, Blöcke abseits des Screens zu nutzen. 

Während Anthony Gill (Nr.13) an der Dreierlinie den Ball erhält, versucht sich Brogdon entlang der Baseline mithilfe von zwei Screens von seinem Gegenspieler zu befreien. Allerdings sind die Screens von Tobey und London Perrantes (Nr.32) schlecht gesetzt und schaffen kaum Körperkontakt. Zudem verteidigt McClellan ausgezeichnet und lässt Brogdon nicht einen Zentimeter Raum. 

Virginia geht aber flüssig in die nächste Option über. Brogdon erhält einen Downscreen von Gill und curlt in die Zone. Perrantes cuttet unmittelbar hinter Brogdon her und erhält den Ball. 

An diesem Punkt steigen die Cavaliers in ihre übliche Motion Offense ein, bei der ein Außenspieler einen Downscreen erhält, während der andere Außenspieler ohne Ball zur Weakside cuttet und dabei einen Flarescreen erhält. 

In dieser Situation erhält Brogdon den Downscreen und wird von Perrantes in Szene gesetzt. McClellan begeht wie in der ersten Halbzeit den Fehler, dass er über den Block gehen will, anstatt Brogdon zu folgen. Wieder einmal beweist Brogdon, wie schnell er seine Füße ordnen kann, selbst wenn er sich entgegen seiner Laufrichtung umdrehen muss. Sein Mitteldistanzwurf verringert den Rückstand auf sechs.


Miamis Angriff ist nicht erfolgreich und Virginia hat die Chance weiter zu verkürzen. Zum ersten Mal in diesem Spiel laufen sie hierzu ihr Elevator Play, das in der jüngeren Vergangenheit schon einige Male in solchen Situationen erfolgreich verlief.

Die beiden Bigs Tobey und Gill stehen am linken Zonenrand, Shayok am rechten. Brogdon bereitet seinen Cut exzellent vor, indem er zunächst zur Ablenkung scheinbar Shayok signalisiert, was dieser tun soll. Gleichzeitig sucht Brogdon den direkten Kontakt mit seinem Verteidiger McClellan. Dadurch stellt er sicher, dass McClellan möglichst wenig Sicherheitsabstand halten kann, den dieser als Puffer für seine verzögerte Reaktion auf etwaige Cuts nutzen könnte.

Brogdon stößt sich im nächsten Moment blitzartig von McClellan ab, der nun einen Puffer gut gebrauchen könnte und bereits beim ersten Schritt über einen Meter verloren hat. Gill und Tobey schließen die Aufzugtüren, McClellan bleibt hängen, Reed und Jekiri reagieren nicht, Brogdon trifft den Dreier.


Erneut bleibt die passende Antwort von Miami aus und Virginia hat sogar die Chance auf den Ausgleich per Dreier. Nach einem Foul haben die Cavs einen Einwurf von der Baseline. 

Einwerfer Brogdon erhält den Ball direkt von Gill wieder. McClellan kämpf sich gut über den Handoff verhindert, dass Brogdon zum Korb ziehen kann. Auf der Weakside macht Rodriguez jedoch einen weniger guten Job und verliert beim Versuch, sich durch einen Downscreen zu kämpfen, die Orientierung. Dadurch kann Perrantes nach dem Handoff mit Brogdon unbedrängt zum Korb ziehen und mit Kontakt finishen.


Nach einem Ballverlust hat Virginia nun in der letzten Minute die Chance zur ersten Führung seit acht Spielminuten. Im folgenden Angriff machen sich jedoch zwei Mankos bemerkbar, die Teil des großen Offensivproblems der Cavaliers sind. 

Erstens erzielt Virginia viel zu wenige einfache Punkte im Fastbreak. Gerade einmal elf Prozent aller Abschlüsse sind Fastbreaks (Platz 347 von 351), zum Vergleich: Bei den anderen Top10 Teams sind es in der Regel 20 bis 25 Prozent.

Zweitens lassen die Big Men zu viele vermeintlich einfache Möglichkeiten zu punkten auch noch ungenutzt verstreichen.

Virginia hat eine Vier-gegen-Drei-Überzahlsituation. Allerdings ist das Spacing nicht gut, weshalb die drei Verteidiger problemlos vier Angreifer verteidigen können. Zudem erwecken Perrantes als Ballhandler und Gill abseits des Balls auch gar nicht den Eindruck, als hätten sie überhaupt Interesse, schnelle Punkte erzielen zu wollen. Die beiden haben keinen Augenkontakt, obwohl Gill aussichtreiche Position beziehen könnte. Auch Tobey würdigt Perrantes keines Blickes nach dessen Dragscreen.

Dennoch erhalten die Cavaliers aus dem Side Pick & Roll eine gute Wurfchance. Perrantes nutzt den Pick von Tobey und passt direkt Gill auf der Weakside an. Der folgende Big-to-Big-Pass ist ein Markenzeichen der Virginia Offense. Tobey will jedoch zu sehr das Foul schinden und konzentriert sich nicht ausreichend auf den Abschluss. Folglich vergibt er den Layup und die Cavs schicken Jekiri an die Freiwurflinie.


Jekiri trifft jedoch nur einen von zwei Versuchen, weshalb Virginia immer noch alle Optionen in der eigenen Hand hält. 

Brogdon erhält wieder einen Block abseits des Balls von Gill. Wieder ist Brogdons Vorbereitung ausgezeichnet und wieder geht McClellan über den Block. Dieses Mal hat er jedoch Glück, dass Gills Block ihn nicht sonderlich aus der Bahn wirft und er Brogdon den Catch-and-Shoot-Jumper wegnehmen kann.

Stattdessen forciert Brogdon einen schwierigen Dreier aus dem Dribbling mit der Hand des Verteidigers im Gesicht bei 18 Sekunden auf der Wurfuhr.


Miami kann im Gegenzug allerdings wieder nur einen von zwei Freiwürfen verwandeln, sodass Virginia die Chance hat, per Dreier auszugleichen. 

Virginia versucht erneut das Elevator Play für Brogdon zu laufen. Dieses Mal sind die Canes jedoch darauf vorbereitet. Jekiri stellt sich geschickt zwischen die beiden Blocksteller, weshalb Brogdon McClellan nicht abschütteln kann. 

Die Cavaliers improvisieren ein Pick & Roll mit Perrantes und Gill. Rodriguez überspielt jedoch geschickt, weshalb Perrantes keinen offenen Wurf bekommt und stattdessen versucht, per Penetration Lücken in die Defense zu reißen.

Virginias Spacing ist nun aber suboptimal, da sich Shayok und Hall fast auf den Füßen stehen. Zudem sind die Canes schlau genug, nicht von den beiden zu helfen und damit einen einfachen Kickout zu erlauben. 


Da Brogdon auf der Weakside nicht in die Ecke driftet, sondern sich sogar in Perrantes’ Rücken bewegt, muss sich der Aufbauspieler notgedrungen mit dem Korbleger begnügen.


Reed trifft anschließend beide Freiwürfe und der letzte Verzweiflungswurf von der Mittellinie hatte keine Aussicht auf Erfolg.

Während Miami damit einen wichtigen Sieg erringt und mit der eigenen Leistung durchaus zufrieden sein kann, bleiben Virginias Fragezeichen bestehen. 

28 der 61 Punkte erzielte am Ende Malcolm Brogdon. Für jeden dieser Punkte musste er hart arbeiten. Entweder lief er zuvor um endliche Screens oder er musste sich im Eins-gegen-Eins die Punkte verdienen. Diese Abhängigkeit von einem Spieler kann auf Dauer nicht gut gehen.

Da auch London Perrantes und Anthony Gill deutlich unter ihren Möglichkeiten blieben, lastete umso mehr Verantwortung auf Brogdon. Gerade Perrantes ist in vielen Situationen noch zu sehr auf Tempokontrolle/-verschleppung bedacht, was dem Spiel der Cavaliers in dieser Saison eher schadet.

Dank ihrer Defense können die Cavs zwar gegen jeden Gegner eine enge Partie erzwingen, allerdings reicht dann oftmals die Offense aufgrund ihrer Eindimensionalität nicht aus, um das Spiel in den entscheidenden Situationen für sich zu entscheiden.

Bereits das Finish gegen Duke machte dies deutlich. So klar der Korb von Grayson Allen ein Schrittfehler war, so glücklich konnten sich die Cavs schätzen, dass bei ihrem letzten Angriff der Ball seinen Weg zu Brogdon fand und dieser finishen konnte.

Im Hinblick auf das NCAA Tournament und einer möglichen Final Four Teilnahme stehe ich den Cavaliers daher weiterhin kritisch gegenüber.