26 Februar 2016

26. Februar, 2016


von MATTIS OBERBACH @MattisOb

Was wollen die Sixers? Spiele verlieren, um einen möglichst guten Pick im nächsten Draft zu bekommen? Sicher. Die Menge der Selections, die die Franchise über die kommenden Jahre besitzt, könnte für den Aufbau eines 31. Teams in der NBA ausreichen.

Wollen sie aber nur neue, junge, talentierte Spieler ins Boot holen? In das Boot, welches im heimischen Wells Fargo Center und in quasi allen anderen Arenen rund um die USA seit mehreren Jahren regelmäßig untergeht? 

An welcher Stelle, mag man sich fragen, wird aus den Sixers wieder ein Contender, wenn die frühen Picks sich entweder verletzen und lange aussetzen (Nerlens Noel, Joel Embiid) oder sich nach einer Rookie of the Year-Saison plötzlich als nicht ausreichend gut im Werfen des Balles (Michael Carter-Williams) herausstellen? MCW wurde zu den Bucks getradet, Embiid hat bis heute noch keine NBA-Sekunde auf dem Konto. Bleiben Nerlens Noel und Jahlil Okafor als aktive Hoffnungsträger.

Nachdem Noel seine tatsächliche Rookie-Saison aussetzen musste, hat er sich in der Spielzeit ’15/16 von 9,9 auf 10,8 Punkte gesteigert, macht jetzt 53,5% seiner Field Goals und holt defensiv mehr Rebounds als ’14/15. Und bis heute spielt er nicht als Center. Dort steht der ehemalige Blue Devil Jahlil Okafor.

Okafor spielt wie bei Duke unter dem Korb und dort konnten sich die Verantwortlichen in Philadelphia eigentlich vom ersten Spiel an über 30 Minuten und 17 Punkte im Schnitt freuen. Die 17 Punkte sind unter Rookies sogar Bestwert, zusammen mit Karl-Anthony Towns von den Minnesota Timberwolves. 

Die Probleme von Okafor liegen weit weg vom Korb. Also richtig weit: Vor Nachtclubs in Boston etwa oder auf dem Fahrersitz eines Autos. (Die Zahlen sind zu schön, um sie hier nicht zu nennen: Anstelle der erlaubten 72 km/h bewegte sich Okafor im Oktober mit knapp 173 km/h vorwärts.) Gerade „Big Jah“ braucht scheinbar etwas, von dem sich viele in Philadelphia schon lange mehr wünschen: einen Veteranen, einen Mentor an seiner Seite.

Wie viel Elton Brand, den die Sixers von der Rentner-Couch wieder in einen Vertrag und damit ins Team holten, dabei hilft, kann nur schlecht eingeschätzt werden. Noch immer hat der 36-Jährige, seit Anfang Januar an Bord, keine Sekunde auf dem Platz gestanden. Auch bei Okafor lassen sich statistisch kaum Veränderungen erkennen, im Positiven wie im Negativen. Wenigstens ist er seither nicht mehr Auto gefahren, zumindest nicht medienwirksam.

Over the last nine games @ishsmith5 has dished out 7️⃣0️⃣ assists, ranking 7️⃣th in the NBA during that span.

A photo posted by Philadelphia 76ers (@philadelphia76ers) on


Das Problem, welches sich durch die Konstellation Okafor/Noel ergibt, wurde diese Saison genau betrachtet und darf mittlerweile als nicht funktionierend beschrieben werden. Als geborene Center könnte der Eindruck entstehen, sie treten sich etwas auf die Füße. Zusammen auf dem Feld haben sie ein NetRating von minus-19,3. Stehen beide auf dem Feld, sind die Sixers also 19,3 Punkte schwächer.

Es kommt noch dicker? Vermutlich schon.

Denn sollte sich Joel Embiid, der noch immer verletzt ist und praktisch nur durch einen (sehr unterhaltsamen!) Twitter-Account im Gedächtnis der Fans bleibt, jemals auf den Court raffen, hätten die Sixers plötzlich drei Center. Unterhaltsam wäre das wohl nur für die Anhänger der Gegner.

Das von Noel die Verwandlung zum Forward noch vollzogen wird, scheint an diesem Punkt unwahrscheinlich. Letztes Jahr warf er mit einer Quote von knapp 29%, dieses Jahr hat er sich bei allen Würfen, die weiter als 1,5m vom Korb entfernt (und damit als echte Würfe zu bezeichnen) sind, auf 27% herabgelassen. Okafor (!) trifft über 38% seiner Würfe aus der gleichen Distanz…

Noch tiefer eingestiegen in das Zahlen-Dickicht auf NBA.com: Seit Beginn des Jahres 2016 landen 56% aller Okafor-Würfe aus der Wurf-Distanz im Korb. Warum diese Zahl so wichtig ist? Was hat sich geändert, kurz vor dem Jahreswechsel? Richtig.


Ish Smith.

Knackige 27 Jahre alt, fünf Jahre NBA auf dem Buckel. Nicht so alt und (scheinbar) auf dem Court so wenig brauchbar wie Elton Brand. Und immer noch deutlich jünger als Carl Landry (32), der ebenfalls höchstens abseits vom Court als Leader fungiert.

Smith kam an Heiligabend 2015 wieder zu den Sixers zurück und hat sofort das Team hinter sich versammelt. Keine 48 Stunden nach seiner Ankunft erzielte er 14 Punkte und holten den zweiten Sieg dieser grausigen 76ers-Saison. Zwar liegen seine Quoten bei Field Goals und Dreiern leicht unter seinem Karriere-Durchschnitt, aber er scort und assistiert deutlich mehr als je zuvor in seiner Karriere. Seine zweitbesten Zahlen sammelte Smith übrigens bei seinem ersten Stint in Philly zu Beginn der Saison ’14/15. Doch Smith ist besser geworden. Und was noch viel wichtiger ist:

Smith macht das Team um sich herum besser.

In zwei Spielen im Oktober mit katastrophalen minus-22,5 Punkten gestartet, konnte sich das Team im November und Dezember bei (immer noch schwachen) minus-10,8 und minus-11,6 halten. Als Smith dann dazu gestoßen war: Ein Sprung auf nur noch minus-5,9. Auf zwei Siege zwischen Weihnachten und Silvester folgten vier weitere im Januar und einer im Februar. Das Team erzielt von Monat zu Monat mehr Punkte (83 im Oktober; 91,8 im November; 94,5 im Dezember; 100,8 im Januar), verbessert monatlich seine Field Goal-Quote (36,3; 42,0; 42,7; 46,4), verliert (deutlich) seltener den Ball (21,5; 18,7; 18,3; 15,6) und hat mit Ish Smith mal eben im Schnitt fünf Assists pro Spiel hinzugewonnen (13,5; 19,4; 19,2; 24,1).

Die Zahl der Pässe, die vorher von TJ McConnell, Isaiah Canaan, Jerami Grant oder Robert Covington gespielt werden mussten, hat nun Ish Smith übernommen. Zwar landen Smith-Pässe ebenso häufig beim Gegner wie vorher etwa die von McConnell, aber das Assists-zu-Turnover-Verhältnis ist im Januar auf 1,54 gestiegen. Prozentual werden monatlich immer mehr Field Goals durch Assists vorbereitet: 50,9 im Oktober, 56,3 im November, 55,2 im Dezember, 60,9 im Januar, 62,4 im Februar.

Mittlerweile, und mit Ish Smith, haben die Sixers häufig offensiv einen Plan. Vorher ähnelte ihre Spielweise häufig meiner Performance an der Konsole: Einfach den Ball in den Korb - blöd nur, wenn man keine richtig guten Werfer hat… Deshalb warfen die Sixers vor Weihnachten auch enorm häufig in den letzten vier Sekunden der Shot Clock, heute stehen bei 75% der Würfe noch mehr als sieben Ticks auf der Uhr.

Selbst die leicht gesunkenen Zahlen bei den Offensiv-Rebounds können positiv fortargumentiert werden: Die effective Field Goal Percentage, die Zwei- und Drei-Punkte-Würfe der Schwierigkeit nach gewichtet, erreichte im Januar mit 51,3% erstmals einen Wert von über 50%.

Im Vergleich zu seiner Zeit bei den New Orleans Pelicans, also vor dem Trade zu den Sixers, begeht Smith im Schnitt einen zusätzlichen Turnover, aber spielt auch 2,2 Assists mehr. Er spielt mehr als acht Minuten länger als in New Orleans, erzielt 6,4 Punkte mehr, wirft häufiger (mehr Field Goals, mehr Dreier, mehr Freiwürfe (wird also auch häufiger gefoult)), und sammelt mehr Steals, Blocks und Rebounds.

Kurzfassung: Ish Smith hat in Philadelphia ein Team gefunden, welches von seiner Fähigkeit, den Ball zu bewegen, immens profitiert. Außerdem ist der Supporting Cast um Smith herum so schwach, dass er seine individuellen Stats hübsch aufpolieren kann. Dass es trotzdem nicht zu einer Championship, den Playoffs oder auch nur Respekt von anderen Franchises genügt, liegt aber natürlich daran, dass Smith nur einer von fünf Spielern ist.

Dass Smith kein LeBron James, Steph Curry oder Russell Westbrook ist, dürfte jedem klar sein. 

Ob die 76ers, wenn sie irgendwann mal einen Titel holen, noch mit Ish Smith planen oder er bis dahin getradet wurde (es ist Philadelphia, da weiß man nie so genau), hängt vor allem davon ab, wie schnell sich die Team-Kollegen auf wettbewerbsfähiges Niveau heben können. Ob Embiid, Noel, Okafor oder wer auch immer - von Smith können sie viel lernen und quasi nur profitieren. In dieser Hinsicht ist Smith den drei genannten Superstars ähnlich: Er kann seine Mitspieler und sein Team besser machen.


Seit Weihnachten haben die Sixers mehr Punkte nach Turnovern des Gegners und durch Fastbreaks erzielt. Auch die Zahl der Rebounds nach verpassten Field Goals des Gegners ist gestiegen, um fast zwei pro Spiel. Nach nur etwa elf Punkten nach Fast Breaks sind es im Januar fast 16 gewesen.

Immer häufiger konnten die Sixers defensive Rebounds holen, bei denen sich alle fünf Gegenspieler nicht einmal in der Nähe des Balles aufhielten. Smith ist eine Gefahr, nicht nur als Werfer, sondern auch als Passgeber. Die Gegner respektieren ihn so sehr, dass sie zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, der kleine 1,82m Mann könnte vor ihnen am eigenen Korb ankommen. Hashtag Fastbreak Philly.

Die Sixers haben sich auch in der Zone verbessert, wo sie nach rund 43 Punkten pro Spiel mit Smith im Januar 50 erzielten. Diese Punkte gehen natürlich zum größten Teil nicht auf Smiths Konto. Okafor, Noel und Hollis Thompson sind mit jeweils über 1.200 Punkten von dort die größten Gefahrenherde. Aber durch Smith und seine Präsenz werden auch deutlich mehr Field Goals und Dreier assistiert (54% und 87,1% mit Smith im Vergleich zu ca. 47% und 83% vorher).

Was kann man lernen aus diesen Zahlen? Einerseits lässt sich erkennen, dass ein in seiner Karriere meist blasser Ish Smith in Philadelphia eine Bleibe gefunden hat. Er kann dort aufblühen, sich beweisen, seine Mitspieler mitreißen, bei den Fans zumindest zeitweise für Euphorie sorgen.

Ob er jemals eine Verabschiedung bekommt wie Kobe Bryant, der bei seinem letzten Spiel in Philadelphia, der Stadt der brüderlichen Liebe, mit Standing Ovations gefeiert wurde? (Nein, Smith soll nicht mit Kobe verglichen werden. Aber, immerhin, Kobe spielte für eine andere Franchise und wurde trotzdem bejubelt!) Momentan unwahrscheinlich. Aber möglich. Denn nach allem, was man bislang von ihm in diesem Jahr gesehen hat, ist er in der Lage, mit vier anderen Menschen den orangenen Ball immer besser und zuverlässiger vom eigenen Korb abzuwehren und im anderen Korb unterzubringen.

Smith, so viel ist klar, hat seinen Teil getan und wird ihn weiter tun. Jetzt müssen andere  nachziehen: Head Coach Brett Brown sollte einen Weg finden, Noel und Okafor besser zusammen spielen zu lassen. Joel Embiid muss fit werden. Oder zumindest dafür sorgen, dass die Sixers planen können - mit ihm oder ohne ihn.

General Manager Sam Hinkie sollte die zukünftigen Drafts weniger nach dem Motto „Best Player Available“ sondern viel mehr nach Bedarf strukturieren. Das wird ihm nicht zuletzt der neue starke Mann, Jerry Colangelo, unmissverständlich klar machen. Früher oder später sollte auch Dario Saric zum Team stoßen. Und irgendwann, im Sommer 2016, vielleicht 2017, hoffentlich vor 2018, schlimmstenfalls 2019, Hauptsache irgendwann mal, sollte dann über einen großen Free Agent nachgedacht werden.

Sollte für Sixers-Fans also doch Hoffnung bestehen?