25 Februar 2016

25. Februar, 2016


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Großereignisse wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele sind oft die Bühne, auf der ein Spieler zum ersten Mal breiterem Publikum bekannt wird. So war es auch bei Rudy Gobert, dem die Basketball-Weltmeisterschaft 2014 in Spanien als Karrieresprungbrett diente und der mittlerweile ein Stützpfeiler in den aktuellen, aber auch langfristigen Plänen der Utah Jazz geworden ist.

Der Franzose zeigte bei der WM wie schon in der vergangenen Saison, dass er mehr sein kann als nur ein Rollenspieler von der Bank. Die Jazz standen während der letzten Saison vor der Frage „Kanter oder Gobert?“- und entschieden sich für den Franzosen. Dass Gobert einmal ein Center mit Starter-Qualitäten werden wird, war lange nicht abzusehen. 

Rekord beim Draft Combine
Goberts Profikarriere startete in der Jugendabteilung von Cholet Basket in seiner französischen Heimat. Nach drei Jahren meldete sich der 2,16m große Center für den NBA-Draft 2013 an. Bei der Draft Combine, bei der alle Spieler vermessen und gewogen werden, zeigten sich Goberts beeindruckende physische Merkmale.

Im Stand kann er einen Punkt in Höhe von 2,92 Metern erreichen - das sind nur 13 Zentimeter unter Ringhöhe. Seine Spannweite beträgt 2,34 Meter. Beides waren damals Combine-Rekordmessungen, die allerdings Walter Tavares ein Jahr später noch toppen konnte. Schnell war der Spitzname „The Stifle Tower” für den Franzosen kreiert.

Da Goberts Skillevel alles andere als NBA-Niveau war, galt er als späterer Erstrundenpick mit großem Entwicklungspotenzial. Es war Zeit, dass er erst einmal die Basics des Basketballsports erlernt, bevor er zum tauglichen NBA-Spieler wird.

Für einen hohen Pick in der ersten Runde war das Projekt Gobert vielen Managern zu riskant. Die Denver Nuggets entschieden sich, ihn mit dem 27. Pick auszuwählen, schickten ihn dann aber für einen Zweitrundenpick und knapp drei Millionen Dollar zu den Utah Jazz. Ein Investment, das sich für das Team aus dem Mormonenstaat auszahlen sollte. 


Jazz
Zu Beginn war die Rollenverteilung in Utah klar. Die damaligen Starter hießen Derrick Favors und Enes Kanter, für den Franzosen waren Ausflüge in die D-League an der Tagesordnung. Gleichzeitig wurde er aber auch mit Kurzeinsätzen an die NBA herangeführt.

Mark KcKow, der seit Anfang des neuen Jahrtausends für die Spielerentwicklung bei den Utah Jazz verantwortlich ist, verbrachte Stunden mit seinem neuen Center. Seine athletischen Fähigkeiten halfen Gobert zwar sehr, aber er wusste sie noch nicht wirklich effizient einzusetzen.

Zu oft war er in Rotationen zu spät, auch sein Timing bei den Blocks stimmte nicht, dadurch musste er oft schnell wieder mit Foulproblemen auf die Bank. Es war insgesamt eine typische Rookie-Saison mit vielen Fehlern und wenig Spielzeit für den jungen Center.

Auch in seiner zweiten Saison 2014/2015 änderte sich am Front Court Favors/Kanter zunächst nichts. Die Jazz aber wollten mit zunehmender Dauer den Franzosen in die Starting Lineup befördern. Also musste ein Trade her. Der werdende Free Agent Kanter wurde zu den Oklahoma City Thunder abgegeben und damit gleichzeitig der Weg zu mehr Spielzeit für Gobert freigemacht.

Das Front Office in Salt Lake City bezog klar Stellung für den jungen Franzosen. Er soll für die Jazz in den nächsten Jahren die Centerposition bekleiden. Sie behalten in Gobert den defensivstarken Center und geben den offensiv potenteren Kanter ab und werden damit zu einem der defensiv besten Teams, das die Liga zu bieten hat. 


Im März und April startete Gobert für die Jazz und wurde zu einer der Neuentdeckungen der NBA-Saison. Nach der All Star-Pause schnappte er sich 13.4 Rebounds und schickte zusätzlich 2.6 Blocks zum Absender zurück. Durch solche Aktionen katapultierte er seinen Namen in die Defensive Player of the Year Konversation, bei der er allerdings Kawhi Leonard von den San Antonio Spurs unterlag.

Die Entdeckung von Rudy Gobert war für die Utah Jazz von elementarer Bedeutung, vor allem da die Jazz zwischen der Lottery und den Playoffs im Niemandsland der NBA-Tabelle feststeckten. Per Free Agency kam schon länger kein hochtalentierter Spieler an die Stadt am großen Salzsee. So aber haben die Jazz durch ihr Scouting einen späten Erstrundenpick entdeckt, der mittlerweile zu einem der besseren Centerspieler der Liga geworden ist. 

Elitäres Blocken 
Die besten Verteidiger landen öfters auf Postern, auf Youtube oder in einer Vine-Dauerschleife. Wer sich defensiv ins Zeug legt, wird dann auch mal auf dem falschen Fuß erwischt. Das passiert auch dem „Stifle Tower“. Der Dunk von DeAndre Jordan über Gobert ist einer der bekanntesten der vergangenen Saison.


Doch der Dunk ist eher Ausnahme statt Regel. Denn Gobert ist ein Ausnahmeblocker. Nur 39,7% der Würfe schließen die gegnerischen Spieler am Korb erfolgreich ab, wenn sie von Gobert verteidigt werden. Keiner in der NBA, der über 25 Minuten pro Partie auf dem Feld steht, kann einen besseren Wert vorweisen.

Durch seine athletischen Fähigkeiten kann Gobert nahezu jeden Wurf effektiv verteidigen. Ein angreifender Spieler muss jederzeit damit rechnen, dass sein tentakelartiger Arm aus dem nichts auftaucht. 


Seine 2.9 Blocks pro Spiel sind hinter Hassan Whiteside der zweitbeste Wert in der Association, sagen aber nur die halbe Wahrheit. Einen Wurf blocken zu wollen, ist nicht immer die beste Verteidigungsart. 

Oft reicht es auch, mit hochgehobenen Armen den Wurf zu beeinträchtigen, ohne unbedingt eine Hand an den Ball zu bekommen. Hier wird Gobert immer besser, vor allem da er so Foulproblemen aus dem Weg gehen und trotzdem weiter effektiv verteidigen kann. 

Seine langen Arme erlauben es ihm ebenso Würfe noch rechtzeitig zu erreichen und so für seine Mitspieler zu verteidigen. Selbst in nachteiligen Situationen kann er durch seine athletischen Voraussetzungen noch in eine gute Verteidigungsposition kommen. 

Mehr als Shot Blocker 
Auch sein Bewusstsein, wie er sich in der Verteidigung zu verhalten hat, verbessert sich konstant. So erkennt er immer besser gegnerische Spielzüge und deckt nicht nur seinen eigenen Gegenspieler ab, sondern kann auch für seine Mitspieler mit verteidigen.


Wie in diesem Beispiel: Blake Griffin von den LA Clippers wird an der linken Seite des Feldes isoliert. Gobert beobachtet die ganze Zeit seinen eigenen Gegenspieler DeAndre Jordan, aber auch Griffins Post Up gegen Trevor Booker. Kurz bevor Griffin abschließen will, blinzelt Gobert in Richtung Jordan um sicherzugehen, dass kein Lob Pass auf den Center kommt und als Jordan außerhalb der Position dafür steht, schmettert er Griffins Wurfversuch weg.

„Gobzilla“ nur auf das Beschützen des Ringes zu beschränken, würde ihm also nicht gerecht werden. Er verteidigt bereits das Anspiel auf seinen Gegenspieler aggressiv und kann so den ein oder anderen Steal forcieren. Seine 0.9 Steals pro Spiel sind ein guter Wert für einen Center. 

Einfluss auf die Team Defense 
Goberts Verteidigung hat einen enormen Einfluss auf die Team Defense der Utah Jazz. In der vergangenen Saison schickten die Gegner der Jazz Enes Kanter in unzählige Pick & Rolls, die der Türke nicht annähernd verteidigen konnte. Der Unterschied zwischen Kanter und „The French Rejection” in der Defensive ist wie Tag und Nacht. Während Kanter eher schwerfällig auftritt, kann sich Gobert relativ leichtfüßig übers Parkett  bewegen.

Seine übergroße Armlänge hilft ihm im Pick & Roll sehr, da er den Raum zwischen sich und dem Ballhandler abdecken kann. Aber nicht nur seine körperlichen Vorteile nutzt er aus. Seine schnelle Auffassungsgabe, sein Timing und die Fußarbeit helfen ihm, wenn er gegen kleinere Guards verteidigen muss. Idealerweise zwingt er seinen Gegenspieler zu einem ineffektiven Wurf über die ausgestreckten Arme hinweg.

Seine Schnelligkeit und Reichweite machen ein Ziehen zum Korb fast unmöglich. Wenn die Guards nicht entschlossen und schnell zum Korb gehen, wird es schnell dunkel über ihnen und sie dürfen  sich den Ball aus der zehnten Reihe geben lassen, um ihn wieder ins Spiel einzuwerfen. 


Wenig Offense
An den defensiven Fähigkeiten gab es zum Zeitpunkt des Drafts keine Zweifel, es war klar, dass Gobert ein Spiel dort nachhaltig beeinflussen kann. Die Zweifel bestanden darin, wie lange der Franzose auf dem Spielfeld stehen kann, ohne die Offensive seines Teams komplett zum Erliegen zu bringen. Das Spacing der Jazz mit ihm war katastrophal, er hatte kein Spiel mit dem Rücken zum Korb, war anfällig für Turnovers und foulte viel. 

„Gobzilla“ wird voraussichtlich nie ein elitärer Post Up-Spieler werden wie DeMarcus Cousins. Stat dessen wird er von den Jazz als eine Imitation von Tyson Chandler bei den Dallas Mavericks eingesetzt, die den Center durch einige Tricks in ihr Offensivspiel einbauten. 

Wie Chandler stellt auch Gobert unzählige Picks und rollt dann schnell Richtung Korb ab. Wird das Pick & Roll perfektioniert, kann selbst ein Center ohne offensive Skills zur gefährlichen Waffe werden, da die Verteidiger die Zone dichtmachen müssen. Gleichzeitig werden aber Räume für die Shooter geschaffen. 

Auch seine Passfähigkeiten entwickeln sich, zwar in kleinen Schritten, aber das kann schon den Unterschied machen. Während er in seinem Rookie-Jahr insgesamt nur sieben Assists verteilte, verbesserte er sich in seiner zweiten Saison auf 1,3 Assists und in der aktuellen sogar auf 1,7 Assists pro Spiel. Wird beachtet, wie roh sein Spiel noch in den Anfangsjahren war, ist diese Steigerung durchaus beträchtlich. 

Da nun immer mehr Teams das Pick & Roll mit Gobert verhindern wollen und ihm mehr Verteidiger in den Weg stellen, muss der Franzose weiter an seinen Passfähigkeiten arbeiten, um den freien Mann zu finden. 


Außerhalb der Zone ist „Gobzilla“ allerdings gänzlich ungefährlich. 195 seiner 200 Wurfversuche in diesem Jahr fanden in direkter Ringnähe statt. Die Versuche schließt er dafür mit 61,1% überdurchschnittlich gut ab - meistens per Dunking. 

Lobenswert ist, dass er seine Schwächen an der Freiwurflinie aus dem Rookie-Jahr behoben hat. In seiner Premierensaison in der NBA traf er nur 48,6% von der Charity Stripe, mittlerweile trifft er aber 62,3% der Versuche und verbesserte sich damit von einem miserablen zu einem akzeptablen Schützen. 

The Gobert Report
Rudy Gobert hat in seiner kurzen Zeit in der NBA also schon eine enorme Entwicklung genommen. Vom athletischen Langzeitprojekt zu einem der Stützpfeiler in den Zukunftsplänen der NBA. Bei den Utah Jazz ist er fester Bestandteil eines jungen Teams, das nicht nur Freude bereitet sondern sich dieses Jahr auch berechtigte Hoffnungen auf die lang ersehnte Playoff-Teilnahme machen darf.

Sein Alter von 23 Jahren lässt außerdem noch sehr viel Entwicklungsspielraum. Angesichts des Fortschritts in den vergangenen beiden Jahren dürfen sich die Anhänger der Utah Jazz auf weitere Verbesserungen freuen. 

Getrübt wurde die positive Stimmung nur durch eine Knieverletzung, weswegen er 18 Spiele verpasste. Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung des Franzosen sehr erfreulich. Seine Einfluss auf die Defensive der Jazz macht die Team-Defense zu einer sehr guten, und auch in der Offensive ist sein Einfluss spürbar. Gobert hilft den Jazz an beiden Enden des Feldes. 


Manch einer wird einen größeren Sprung von der letzten Saison erhofft haben. Doch Gobert spielte den Sommer über mit der französischen Nationalmannschaft bei der EuroBasket 2015, bei der sie die Bronzemedaille gewannen. Dementsprechend wenig Zeit war, sich bedeutend innerhalb seiner Mannschaft in der NBA zu verbessern. 

Nach einer als Starter absolvierten Saison, inklusive der gesammelten Erfahrungen, und einer eventuellen Playoff-Teilnahme, wird es spannend zu beobachten sein, wie weit Gobert sich noch weiterentwickeln kann. Anders als im Minority Report, als das Projekt Precrime scheiterte, wird 'The Gobert Report' wohl nicht am Ziel vorbei schießen.