10 Februar 2016

10. Februar, 2016


von ANNO HAAK @kemperboyd

Das ist sie also, die neue Kultur in New York. Die Welthauptstadt ist auch nicht besser als das lilafarbene Kopfloshuhn in der nordkalifornischen Prärie. So weit muss man vielleicht nicht gehen, aber die Entlassung von Derek Fisher zum jetzigen Zeitpunkt zu verstehen, ist schon eine intellektuelle Herausforderung. Der ich mich stelle.

Die Erläuterungen von Phil Jackson zu den Hintergründen seiner bisher kontroversesten Personalentscheidung waren unerbaulich nichtssagend. So bleiben düstere Spekulationen über den Lebenswandel des geschassten Jungtrainers und Dankbarkeitsfloskeln.

Der ausbleibende Erfolg ist das naheliegendste Argument. Die minusrekordigen 17 Siege im Spieljahr 14/15 mögen noch als Kollateralschaden der zu implementierenden Rebuildkultur durchgehen. Die neun Niederlagen in zehn der letzten von Fisher verantworteten Spiele (der einzige Sieg gegen die derzeit erbärmlichen Suns) waren denn wohl zu viel des Schlechten.

Das ließe sich bei einem Team, das auch nur medioker hochfliegende Pläne mit der laufenden Saison hat, als Grund ohne weiteres verlautbaren. Für eine Franchise, die nach Selbstbeschreibung im Wiederaufbau ist, wäre das hingegen eine merkwürdig kurzsichtige Begründung. Ehre, wem Ehre gebührt: Sie wurde auch nicht gebraucht, jedenfalls nicht ausdrücklich.


Nun sind die Knicks kein gewöhnliches Aufbauteam. Abgesehen von der stets überbordenden Erwartungshaltung fehlt es an einem schicksalsverändernden Draftpick im kommenden Sommer. Ein All-Star, dessen Karrieredämmerung eingesetzt hat - auch wenn er 2014 wusste, was er tat - will bei Laune gehalten werden, was sich kaum mit der Aussicht auf Relevanz im Jahre 2020 bewerkstelligen lässt. Last, but not least, ereilte Fisher wohl auch der Fluch der guten Tat (lies: eines überraschend kompetitiven Saisonstarts).

Das große Bild besteht vor allem aus Geraune. Die etwas frivole Matt-Barnes-Seifenoper hat Fisher wohl nur hochgezogene Augenbrauen eingetragen. Kombiniert mit der Reise nach L.A. zur neuen Lebensabschnittsgefährtin mitten in der Preseason sollen sich aber erste Zweifel an Fishers "commitment" eingestellt haben.

Darüber hinaus - so raunt man sich zu - habe der Neutrainer keine enge "Beziehung" zur Mannschaft aufbauen können, sei in der Kabine eine Art Fremdkörper geblieben, der in seiner neuen Rolle als Gesamtverantwortlicher für eine Franchise nicht recht angekommen sei, respektive den Übergang vom Spieler zum Trainer nicht so bewerkstelligt habe, wie von Jackson erhofft. Die Frage, ob der fehlende Respekt der Kabine auch damit zusammenhing, dass Fisher vom ersten Tag an dementieren musste, eine Zen-Marionette zu sein, darf man allerdings aufwerfen.

Die Kommunikation zwischen dem Herrn Präsidenten und dem Trainer war wohl auch nicht störungsfrei. Dass der Fünffachchamp mit dem Elffachmeister regelmäßig nur per Email in Kontakt getreten sei, war eine der wenigen handfesten Tatsachen, die Jackson auf der Pressekonferenz zum Besten gab. Nun mag man unter das alles einen Strich ziehen und das "Projekt: Fisher" als gescheitert betrachten. Der Zeitpunkt der Entlassung ist dennoch ebenso merkwürdig wie die Nachfolgeentscheidung.


Was ein Trainerwechsel jetzt bewirken soll, ist ein Rätsel. Wenn die Knicks denn die Playoffs erreichen, führt das bestenfalls zu zwei Kaffeefahrten nach Toronto oder Cleveland. Daran wird ein neuer Trainer nichts ändern. Man möchte hinzufügen: und schon gar nicht Kurt Rambis. Der ist in seiner Karriere als Head Coach vor allem für zwei Dinge berühmt geworden: Der direkte Vorgänger von Phil Jackson als Trainer bei den Lakers gewesen zu sein und in Minnesota das Talent von Kevin Love, nunja, nicht in der ganzen Tiefe erkannt zu haben.

Die "11 Rings don't lie"-Armee hat trotzdem die argumentative Sonntagsuniform angezogen. Das geht dann so: Rambis, einer der bestbezahlten Assistenten der NBA-Geschichte (was wohl Befähigung indizieren soll), sei als "Big-Man-Coach" hauptmitverantwortlich für den kometenhaften Aufstieg von Kristaps Porzingis. Noch aus seiner Spielerzeit dämmere ihm hoher Respekt entgegen (wobei die meisten Spieler noch nicht geboren waren, als Rambis seine große Zeit bei den Lakers hatte).

Abgesehen von der Personalie Rambis habe Jackson jetzt das Zeichen setzen müssen, dass der HC-Job in NYC im Sommer zu haben ist. Schließlich biete man im Sommer gegen fast alles, was Rang oder Namen hat, um die besten Köpfe mit. Gemeint ist wohl, dass Stand jetzt die Nets, mutmaßlich die Lakers, entsprechende Erfolglosigkeit vorausgesetzt womöglich auch die Bulls, die Cavaliers, die Rockets, die Thunder, die Raptors und die Wizards auf der Suche nach neuen Trainern sein könnten.

In den meisten Fällen ziemlich zuckriger Spekulatius allerdings, das alles. Dass es moralische oder andere Bedenken bei Jackson oder Mills gegeben hätte, hinter dem Rücken eines noch im Amt befindlichen Fisher mit anderen Trainern zu verhandeln, ist im Übrigen kaum anzunehmen. So bleibt der Zeitpunkt, was er immer war: merkwürdig.


Ein großer deutscher Fußballer sagte in New York einst: "We look in front, not behind!" Na, denn. Die auftauchenden Kandidaten für die Nachfolge der Interimslösung Rambis geben ja auch Anlass dazu. Da ist zum Einen natürlich das Nest der Triangle-Küken. Luke Walton ist dem ebenso entschlüpft wie Brian Shaw. Beide waren Spieler und Co-Trainer unter Jackson, gehören also zur Reflexkultur in der modernen NBA wie der nach vorne schnellende Unterschenkel beim Klopfer auf das Kniegelenk.

Tom Thibodeau soll "Vertauten" (denen er wohl besser nicht vertrauen würde) gegenüber sinngemäß geäußert haben, der Knicks-Job sei der einzige, der ihn wirklich interessiere. Shaws kurzer Stint in Denver war - nun ja - unglücklich. Ob Walton einmal mehr als nur der Stellvertreter Steve Kerrs auf Erden wird, ist zumindest unklar.

Thibodeau scheint auf den ersten Blick passig, aber ob er wirklich der Kommunikator ist, der mit Jackson regelmäßig bis in die Nacht fachsimpelt, darf man angesichts der Klagen aus Chicago, der Trainer sei gegenüber dem Management unnahbar, ja unbelehrbar gewesen, bezweifeln.

Entscheidend ist aber wohl weniger die Personalie selbst. Adrian Wojnarowski forderte von Jackson, wenn er schon nicht selbst als Coach fungieren wolle, müsse er das wenigstens jemand anderen unbehelligt tun lassen.

Vielleicht war Mr. Vertical nur sauer, dass es auch eine Exklusivmeldung gibt, die nicht von ihm stammt. Unrecht hat er aber nicht. Jackson muss klarlegen, dass die viel gerühmte neue "Kultur" nicht nur ein (Personen-) Kult ist.

Dass er seit seinem Amtsantritt als Coaches ausschließlich alte Weggefährten ohne jede oder mit nur sehr wenig Erfahrung und eigenem Standing in Betracht zog und/oder zu ziehen scheint (Kerr (der wohl der einzige Mensch weltweit ist, der drei Kreuze macht, dass er nach Oakland und nicht nach NY zog), Fisher, Rambis, Walton, Shaw), legt den Verdacht nahe, dass er auch den nächsten Head Coach fernzusteuern gedenkt.

Der Zen-Master selbst betont mantraartig, ihm gehe es nicht um ein bestimmtes System, sondern um von einer Philosophie grundierten Erfolg. Zeit, es zu beweisen. Fisher selbst erklärte mit den bekannten Verbalbausteinen aus dem David-Blatt-Kurs für das würdige Erdulden unwürdiger Entlassungen, er sei dankbar und habe viel gelernt. Hoffentlich gilt das auch für Jackson, auf dass der Name Sacramento Kings nie wieder in einem Atemzug mit den Knicks genannt werden möge.