21 Januar 2016

21. Januar, 2016


von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Eigentlich läuft es bei den Cleveland Cavaliers rund. Das Team aus Ohio führt ohne Druck der Konkurrenz die Eastern Conference an, und es scheint beinahe so, als wäre der Weg in die Finals bereits geebnet. Weder die Bulls aus Chicago, noch Miami Heat oder der letztjährige Top-Seed Atlanta Hawks scheinen eine Bedrohung für die Cavs zu sein.

Zudem hat Coach David Blatt zum ersten Mal seit Ende April 2015 den kompletten Kader beisammen und kann nach einer erfolgreichen Offseason am Feinschliff arbeiten. Kevin Love soll endlich ins System integriert und zu einem essentiellen Puzzleteil werden, Kyrie Irving plant nach seinem Kniescheibenbruch endgültig den Sprung in die Weltklasse.

Mit Mo Williams und Richard Jefferson heuerten im Sommer zudem zwei Veteranen an, die das Niveau der miesesten Bank angehoben haben. Lediglich 23.8 Zähler steuerte die zweite Garde pro Spiel im letzten Jahr bei, aktuell liegt der Wert bei 28.3. Ein gigantischer Sprung sieht natürlich anders aus.

Williams übernahm im Oktober und November die Rolle von Irving, und der Routinier machte seine Sache gut. 15.5 Zähler legte er durchschnittlich auf. Einige schwache Leistungen und persönliche Probleme später ist der Guard fast komplett aus der Rotation verschwunden. Ähnlich sieht es mit Fanliebling Anderson Varejao aus. Der Brasilianer steht lediglich 9.6 Minuten auf dem Parkett.


Neben Jefferson und den Dauerbrennern Matthew Dellavedova, Tristan Thompson und Iman Shumpert, den nicht wenige als Starter auf der Zwei sehen, kommt Scharfschütze James Jones auf durchschnittlich 9.6 Minuten, nimmt aber immerhin 2.5 Dreier pro Game. Während Center-Rookie Sasha Kaun überhaupt keinen Platz in der Rotation besitzt, schnuppert Combo-Guard Jared Cunnigham fast in jedem Match mal rein.

Eigentlich hat sich das Level im Roster der Cavaliers verbessert. Problematisch wird es aber, wenn ein Leistungsträger über einen längeren Zeitraum ausfällt oder Timofey Mozgov weiterhin in seiner Formkrise stecken bleibt.

Obwohl der 29-jährige Center nichts überragend gut kann, avancierte er seit seinem Trade von den Denver Nuggets zur Schlüsselfigur. Er besitzt ein passables Arsenal an Bewegung im Post, trifft den Jumper und hält die Defensive solide beisammen. Zusätzlich nutzt er seine Spannweite, um vor den Angreifern vertikal hochzusteigen, was den Abschluss in der Zone um ein Vielfaches erschwert.

Das funktioniert normalerweise gut. Normalerweise! Nach einer kleineren Knie-OP vor dem Trainingscamp wirkt er in dieser Saison überfordert. Mozgov erzielt 4.6 Punkte und 2.7 Rebounds im Schnitt weniger, was sich auch auf seine Minuten auswirkt: Blatt lässt seinen Pivoten nur noch 17.7 Minuten (vorher 25) auf dem Parkett – manchmal startet sogar Tristan Thompson auf der Fünf. 

Das ist sicherlich nicht in seinem Interesse, immerhin befindet er sich in einem Contract Year und bei den bisherigen Leistungen ist ein richtig fetter Deal eher unwahrscheinlich. Ein Vertrag am Maximum wäre ebenso für Love ein Witz, aber der Power Forward hat 110 Millionen Dollar über fünf Jahre bereits in der Tasche. Nach der Unterschrift und dem Statement „Unfinished Business“ haben vor allem die Bandwagon-Reiter der Cavs gehofft, dass die Nummer Null endlich sein vollständiges Potenzial abrufen würde.

Während er offensiv vor allem im Passing-Game große Fortschritte zeigt, aber Effizienz vermissen lässt, ist sein Verhalten in der Verteidigung ein großer Witz. Viele belächeln James Harden für dessen Defense, aber Love kann da problemlos „mithalten“. Er bedrängt zwar oft seinen direkten Gegenspieler oder übernimmt nach einem Switch, aber oft reicht ein kurzes Dribbling, um den 2,08 Meter großen Shooter abzuhängen.

Was brauchen die Cavs?
Cleveland benötigt einen Big Man, der die Defensive zusammenhält. Das haben vor allem die Auftritte gegen die San Antonio Spurs und Golden State Warriors gezeigt, die ein wahrscheinliches Matchup in möglichen NBA-Finals darstellen. In den bisherigen Duellen waren die Cavs chancenlos, was insbesondere an groben Aussetzern unter dem eigenen Korb lag.

Ideal wäre daher ein Center, der die Verteidigung koordiniert, indem er viel spricht und aushilft, wenn ein Love beispielsweise wieder seinen Einsatz verschläft. Offensiv sollte er im Best-Case nicht nur unter dem Korb agieren können. Wenn Irving oder James zum Korb ziehen, brauchen sie den Platz für ihre Penetration, den ein Thompson gerne mal wegnimmt.

Es fehlt auch ein richtiger Three-and-D Spezialist, denn Shumpert ist mitunter noch zu unsicher in seinen Abschlüssen (Dreierquote: 35 Prozent). Zudem wäre eine veritable Scoring-Option von der Bank keine schlechte Alternative, sollte Williams weiterhin im Rotations-Nirwana verschwinden.


Was können die Cavs bieten?
Neben den eigenen Draftpicks in den kommenden zwei Jahren werden insbesondere Anderson Varejao und Timofey Mozgov gehandelt. Keiner von beiden spielt in diesem Jahr eine prominente Rolle. Der Russe steht durchschnittlich nur 17,8 Minuten auf dem Parkett, der Brasilianer sogar nur 9,2.

Zwar ist der 33-jährige Varejao eine Legende in Cleveland, aber mittlerweile austauschbar geworden, da er seinen Zenit längst überschritten hat. Sein Vertrag über knapp 10 Millionen Dollar ist nur noch bis zum Ende der Saison garantiert. Auch Mozgov wird in diesem Jahr 30, hat seine besten Tage wohl hinter sich. Kaun, Cunningham und Williams sind denkbare Chips, die GM David Griffin für einen Wunschplayer in ein Paket schmeißen könnte.

Ein großes Plus: Cleveland verfügt über Trade Exceptions in Höhe von 14.2 Mio. $, könnte also theoretisch mehr Geld aufnehmen, als es raus schickt.

Wunschkandidaten
Spieler, die ihr Team an beiden Enden des Courts besser machen, tragen normalerweise das Trikot einer Spitzenfranchise. Dementsprechend gilt es für die Cavs, eine Stufe unter der Elite nach einer geeigneten Verstärkung zu suchen, denn kein Kontrahent stärkt freiwillig die Cavs.

Markieff Morris von den Phoenix Suns ist der wahrscheinlichste Kandidat für einen Trade. Sein Name geistert schon seit Oktober durch die Gazetten. Der Power Forward liefert zurzeit sämtliche Lows ab, weil er keine Lust mehr auf seinen Arbeitgeber hat. Nach dem Trade seines Bruders Marcus zu den Detroit Pistons drängt der 26-Jährige auf eine Veränderung. Für die Cavs wäre er zwar hinter Love und TT ebenfalls kein etatmäßiger Center, aber wenn Blatt fest mit Thompson auf der Fünf plant, würde Morris Cleveland mit seinen 10.6 Punkten und 4.9 Rebounds entlasten. Im Vergleich zu K-Love ist er vor allem in der Verteidigung ein Uprgrade, da er sehr beweglich ist. Fühlt er sich dann auch wieder wohl, ist ein Leistungssprung zu erwarten - vor allem bei seinem Dreier (aktuell 29.8 Prozent).

Tyson Chandler von den Suns ist fast schon der Flop der Offseason. Der Center wurde in der Free Agency geholt, um LaMarcus Aldridge in die Wüste von Arizona zu locken. Das misslang bekanntlich. Der Defensive Player of the Year 2012 könnte im tristen Ohio der dringend benötigte Defensivanker werden, obgleich er offensiv meist über Ringniveau agiert. Ebenfalls prekär: sein Vertrag. Vier Jahre und 52 Millionen Dollar sind für einen 33-jährigen Big Man, der noch keine Saison 82 Spiele bestritten hat, ein heftiges Brett.

Kosta Koufos – der angeblich beste Backup-Center der Association. Hinter DeMarcus Cousins und Firstrounder Willie Cauley-Stein erhält der in Amerika geborene Grieche wieder nur eine Rolle abseits des Scheinwerferlichts. Sein Können ist in etwa mit Mozgovs Fertigkeiten vergleichbar, aber nicht nur wegen seines Kontraktes (33 Millionen Dollar über vier Jahre) interessanter. Koufos legt zwar bessere Quoten als noch letztes Jahr in Memphis auf (7.4 Punkte, 6.0 Rebounds, 0.9 Blocks), aber die bessere Perspektive könnte ihn zu den Cavaliers locken – sofern die Kings denn wollen.

Al Jefferson ist eigentlich das Pendant zu Chandler. Defensiv reißt er keine Bäume aus, kann aber wegen seiner guten Beinarbeit mithalten; dafür ist er offensiv der beste Pivot im Post – nicht umsonst darf er sich „Low-Post-Professor“ nennen. Einige mögen sich über diesen Kandidaten wundern, aber auszuschließen ist es nicht, dass die Charlotte Hornets ihr „Gesicht“ abgeben. Big Al fehlt der Jordan-Franchise aktuell wegen einer Wadenverletzung und hat in dieser Spielzeit bereits Games wegen eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Richtlinien verpasst. Interessant wird die Überlegung durch den Fakt, dass er im Sommer Unrestriced Free Agent wird. Deutet er dem Frontoffice in Charlotte an, dass ihn ein Verbleib in North Carolina nicht reizt, könnte er zur Deadline also durchaus zu haben sein.

Weitere Spekulationen sind Nicolas Batum, der ebenfalls Free Agent wird und die Cavs als richtiger Three-and-D Spieler mit starkem Distanzwurf bereichern, also LBJ entlasten könnte. Oder Kevin Martin, der in Minnesota den Youngstern Einsatzzeit wegnimmt. Ob im Jersey der Kings oder Rockets, Martin weiß, wie man scort. Er könnte den Punch von der Bank bringen, die benötigte Mikrowelle werden. Aufgrund seines zunehmenden Alters wird er zwar bei gegnerischem Ballbesitz kein richtiger Faktor mehr sein, aber das würde seine Rolle in Cleveland ohnehin nicht vorsehen. 

Bonusgedanke zum Abschluss: Bei den Clippers denkt man angeblich darüber nach, langfristig mit DeAndre Jordan und Chris Paul zu arbeiten. Blake Griffin wäre verzichtbar, um Jordan mehr Platz zu schaffen, dafür mehr Shooting begehrt. Kevin Love ist ein Schütze und ebenfalls Power Forward, kommt zudem aus Kalifornien und wäre eins-zu-eins mit Griffin tradebar... Ach, lassen wir das.