28 Januar 2016

28. Januar, 2016


von ANNO HAAK @kemperboyd

Die NBA ist schnelllebig. Will man dieser seelenlosen Floskel ein lebendiges Gesicht geben, sähe das Antlitz von Herrn „Nichts ist älter als die Meriten von gestern“ ungefähr so aus wie das von Jeffrey Demarco Teague.

Es liegt keine zwölf Monate zurück, da hatten die Hawks ein Gruppenticktet nach New York gebucht. Bis auf den inzwischen abgewanderten DeMarre Carroll hatte Coach Budenholzer seiner komplette Starting Five zum All Star Game geladen und niemand hätte das für einen Fall von Nepotismus gehalten, der im Jahresbericht von Transparency international hätte auftauchen müssen. Die Hawks waren wahlweise „Baby-Spurs“, das schönste Team im Osten oder der League-Pass-Liebling des Jahres, die All Star Nominierungen, jede einzelne, auch die von Teague, verdient.

Der beste Spieler war Horford. Die Seele war Millsap, die Comeback-Story war Korver, die schwarz-rot-geile Fahne für #NBAger hielt Dennis, aber der Spiritus rector war Teague. Ein floor general 2.0. Schneller erster Schritt, Kickouts zum Verlieben, bescheidenes, fast schüchternes Auftreten, Basketball-IQ aus dem Steve-Nash-Lehrbuch für Fortgeschrittene. Der beste NBA-PG, dessen Gesicht in keinem Werbespot auftaucht. Das sind die Meriten von gestern. Heute, d. h. im Januar 2016, telefoniert man emsig, um einen Abnehmer zu finden. Hört man. Die Quellen „familiar with the situation“ sprudeln. Warum eigentlich?

Kurzfrist
Teague ist in einer Formkrise. Das Visum für Kanada kann er sich sparen. Vom ASG redet in diesem Jahr niemand im Zusammenhang mit Atlantas Point Guard. Ein On / Off von  -11 berechtigt eher zur Teilnahme an der Kobe Bryant Summer Clinic. Obwohl er den Dreier stabilisiert hat, sind die Quoten (unter-)durchschnittlich, die Defense sieht den NBA-Median nur von ferne.

Das reicht für ein paar Social-Media-Punchlines, aber nicht unbedingt für ernsthafte Trade-Gedanken. Man muss den Blick schon weiten. Dass Teague überhaupt nach Umzugsunternehmen googlen (lassen) muss, ist eher der Eigenschaft als "Opfer des Systems" geschuldet, wie man wohl in linksemanzipatorischen Kreisen sagen würde.

Long Term
In der NBA bist Du im Rebuild oder Du bist Golden State. In der Mitte will niemand sein. Ein Zweitrundenaus bleibt ein AUS. Die Realität ist zwar, dass nur vier Teams in die Conference Finals kommen und die anderen 26 Teams nicht alle die Freiheitsglocke läuten können; und doch gilt Atalanta im NBA-System als Sackgassenbewohner. An Joakim Noahs Lieblingsurlaubsziel führt kein Weg vorbei. Mit günstigen Matchups reicht es auf absehbare Zeit allenfalls für die letzten Vier. Das ist ziemlich weit oben in der Mitte. Aber es ist die Mitte.


Dazu kommt, dass das kurze Märchen von der Addition durch die Subtraktion von Joe Johnson ohnehin vor der Auflösung stehen könnte. Al Horford wird im Sommer des 90-Mio.-Salary-Cap Free Agent. Teague's eigener Deal läuft 2017 aus wie auch die von Korver und (optional) Millsap. Die All Star-Reisegruppe von 2015 hat wohlmöglich schon die Individualtaxifahrt in alle Winde gebucht.

...und dann ist da ja noch Mr. Schruder. Der hegt, wie auch Konsumenten deutscher Boulevardsportmedien zur Kenntnis nehmen durften, Starterambitionen, und wenn Gott (lies: Budenholzer) will und Jesus (lies: wie vor) ja sagt, am besten gestern. Wenn man alles glaubt, was man hört, trauen ihm die Hawks diesen nächsten Entwicklungsschritt durchaus zu. Schröder hat Teague gegenüber drei Vorteile: er ist jünger, billiger und via Restricted Free Agency wahrscheinlich bis ca. 2020 an Atlanta zu binden. Wohl deshalb waren die Gerüchte, der Braunschweiger stehe auf dem Block, nur kurzlebig und der Wind drehte sich schnell in Richtung Teague.

Marktlage
Bleibt die Frage, warum ein Deal bisher nicht passiert ist, wenn die Hawks ihn denn suchen. "2015 All Star PG, Jahressalär 8 Mio. $, Alter: 27, pflegeleicht, keine Skandale bekannt sucht neues Zu Hause" scheint nicht die Beschreibung eines Spielers, der wie Blei im Regal liegt. Ein Markt müsste also da sein. Aber Stichwort: Systemopfer.

Die relativ kurze Restlaufzeit des Vertrags ist für Neuaufbauteams abschreckend. Einen Spieler für 18 Monate zu mieten, macht wenig Sinn, vor allem, wenn man dafür im Gegenzug Picks abgeben muss. Im Übrigen ist Teague wohl nicht der Spieler, der bei Fans oder Franchises "Franchise Player"-Phantasien anregt.

Teams aus dem (erweiterten) Contenderkreis haben für Teague keine Verwendung. Sie sind im Backcourt, v. a. auf der Position, die man früher "1" nannte, entweder gut (Cavs, Clippers, Thunder) oder historisch gut (Golden State) aufgestellt oder haben wenig anzubieten (Rockets) oder beides (Spurs). Houston käme einem noch am ehesten in den Sinn, weil die auf Brewer sitzen bleiben wie Kendrick Perkins auf seinem Gegenspieler und ein wenig überschüssiges Talent anzubieten hätten. Aber erstens breche ich nicht in Dans Revier ein und zweitens: Was wollen die Hawks mit (ewigen) Talenten wie Motejunas, wenn die Big-Man-Rotation aus Horford, Millsap und Splitter besteht? Zu Ty Lawson ist alles gesagt.


Bleibt die NBA-Mitte, dem Knicks, man, dem Knicks. Das beflügelt die Phantasie, weil es nach Abkürzung im Neuaufbau schmeckt und Teagues hoher Basketball-IQ wie gemalt für Phils Dreieckschablonen scheint. Das Problem ist der Gegenwert. Junge Spieler wie Grant zu verschiffen, passt nicht zum vielgelobten Rebuildprojekt, mediokre NBA-Starter wie Afflalo helfen den Hawks aktuell wenig und perspektivisch gar nicht.

Jenseits von New York wird die Luft auch schon wieder dünn. Denn auch im NBA-Mittelgeschoss ist die Qualitätsdichte auf PG relativ hoch (Lillard, Walker, Wall, um ein paar zu nennen). Der Gedanke an Milwaukee drängt sich auf, aber ein Paket, das die Hawks den Abzug ziehen lässt, ist nicht zu erkennen. Middleton, Monroe und Giannis sind (wohl) off limits. Dass sie Parker schon abgeschrieben haben, scheint nicht vorstellbar, der Rest macht keinem NBA-GM den Mund wässrig, schon gar nicht der RoY 2014 (Schnelllebigkeit und so).

Kurz streifte mich die Idee, Colangelo...der (geschützte) Lakers-Pick im Sommer...Nein. Einen potentiellen Top-10-Pick abzugeben, ist das Management-Äquivalent von Selbstmord. Streicheln Sie kurz die imaginäre Magic-Statue in Salt Lake City und Sie wissen, was gemeint ist. Außerdem ist Ish Smith gerade der Mitarbeiter des Monats und gelernter Point Guard.

Kurz: Legt Euch wieder hin. Hier gibt es wahrscheinlich nichts zu sehen. Die Wachablösung durch Dennis Schröder wird wohl auf sich warten lassen. Nimmt Horford im Sommer seinen Hut, wird das Thema schnell zurückkehren. Ich verlinke diesen Beitrag dann nochmal. Ach so, und wenn JT doch in Philly landet, haben Sie es hier zuerst gelesen.