23 Januar 2016

23. Januar, 2016


In knapp einem Monat dreht die NBA wieder kräftig am Rad – metaphorisch wie auch personell. Nur noch bis zum 18. Februar dürfen Spieler getradet werden. Auf dem Weg zur Deadline wirft die #NBACHEF Redaktion wie jedes Jahr einen genaueren Blick auf die wichtigsten Trade-Kandidaten.

von STEFAN DUPICK @hoopsgamede

Spätsommer 2015: die Bulls haben gerade Pau Gasol nach einer überragenden Europameisterschaft inklusive Titel und MVP-Trophäe zurück in Chicago empfangen. Die Front Court Rotation soll aus Joakim Noah, Pau Gasol, Taj Gibson und Nikola Mirotic bestehen.

Die Sophomores Mirotic und Doug McDermott sollen einen gewaltigen Entwicklungssprung gemacht haben und eine ordentliche Portion Shooting in die Rotation bringen. Derrick Rose und Jimmy Butler wollen der Liga beweisen, dass sie der beste Back Court der Liga sind, sowohl offensiv als auch defensiv. Ergänzt wird dieses Gerüst durch Rollenspieler wie Kirk Hinrich, Aaron Brooks oder Mike Dunleavy.

Alles anders als gedacht 
Zu sagen, dass die Liga gezittert hat, wäre zu viel des guten. Eine Ehrfurcht vor den Bullen wie zu Zeiten von Michael Jordan gab es nicht. Der eine oder andere General Manager dürfte dennoch kurz geschluckt haben, denn die Bulls hatten sich eine der flexibelsten und breitesten Rotationen der NBA gebastelt, mit einer interessanten Mischung aus Talent und Erfahrung.

Inzwischen ist die Hälfte der Saison gespielt, die Bulls stehen auf einem soliden dritten Platz in der Eastern Conference. Jimmy Butler zeigt, dass er mit den besten Spielern der Liga mithalten kann. Der Einzug in die Playoffs scheint bereits jetzt gebucht.

Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass in Chicago längst nicht alles Gold ist was glänzt. Der Osten ist näher zusammengerückt. Auch wenn ein dritter Platz sehr gut aussieht, so sind es lediglich vier Niederlagen, um komplett aus dem Playoff Bild zu rutschen.

Butler trägt das Team derzeit auf seinen Schultern, denn Rose zeigt zwar phasenweise seine Qualitäten, ist im Vergleich zu seiner MVP-Saison jedoch weiterhin ein Schatten seiner selbst. Auf Small Forward konnten weder Tony Snell noch Doug McDermott überzeugen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Veteran Mike Dunleavy verletzungsbedingt noch keine Minuten auf dem Court stand. Inzwischen startet Nikola Mirotic auf der Drei. Der Spanier ist ein Upgrade zu seinen Konkurrenten und ein solider Schütze, allerdings ist Mirotic in der Defensive eine Schwachstelle und dem Team gegen starke Gegner in der Verteidigung keine große Hilfe.

Nachdem Mirotic situationsgeschuldet aus dem Front Court abgezogen wurde, wird dieser nun aus Pau Gasol und Taj Gibson gebildet. Der Spanier bringt solide Leistungen und kann regelmäßig Double-Doubles auflegen, in der Defensive hat aber auch Gasol Probleme - wie eigentlich schon immer.


Auch Taj Gibson ist kein defensiver Anker, dennoch ist Gibson der beste Verteidiger in diesem Gespann. Rookie Bobby Portis konnte bisher überraschen und als Power Forward gefallen. Der 20-Jährige muss jedoch noch viel lernen und sich entwickeln. Diese Zeit bekommt Portis von Coach Hoiberg.

Eigentlich sollte an dieser Stelle der Name Joakim Noah auftauchen. Der ehemalige „Defensive Player of the Year“ sollte als Arbeitstier die Defensive organisieren und Pau Gasol die Offensive überlassen. Abgesehen davon, dass der Franzose einen katastrophalen Start in die Saison hatte und nicht ansatzweise an die gewohnten Leistungen anknüpfen konnte, verletzte er sich an der Schulter schwer und wird vermutlich für den Rest der Saison ausfallen.

Alles auf Angriff oder gnadenloser Umbruch?
Logischerweise tauchen die Bulls nun immer wieder in Trade-Gerüchten auf. Die Strategie von General Manager Gar Forman ist derzeit noch nicht ersichtlich. Forman und Besitzer Jerry Reinsdorf werden sich viele Trade-Szenarien anhören und dann entscheiden.

Bei genauerer Betrachtung kann es eigentlich nur zwei Szenarien geben: entweder das Team geht voll auf Angriff und versucht via Trade mindestens einen Rotations-Spieler zu verpflichten, der die Defensive der Bulls stärkt. Oder die Bulls gehen auf den totalen Umbruch und machen mit Ausnahme von Butler und Mirotic jeden Spieler verfügbar... selbst Kapitän Rose.

Szenario 1: Alles auf Angriff
Sollten sich die Verantwortlichen der Bulls für Szenario eins entscheiden, so werden Trades so inszeniert, dass in der aktuellen, spätestens in der nächsten Saison ein Run auf den Titel gemacht werden kann. Der etatmäßige Front Court um Noah und Gasol wird nicht jünger, zudem laufen beide Verträge Ende der Saison aus.

Rose wird vermutlich nie wieder zu alter Stärke zurück finden. Dennoch dürfte es in der Liga zahlreiche Interessenten für alle drei Spieler geben. Gleiches gilt auch für Gibson, dessen Vertrag noch für die kommende Saison gilt und mit knapp $9 Mio. pro Jahr fair strukturiert ist.

Um den schnellen Erfolg anzustreben ist es unwahrscheinlich, dass alle erwähnten Spieler verschifft werden, aber speziell Noah und Gasol oder Gibson sind realistische Trade-Kandidaten. Da der 2,11 Meter große Franzose in der aktuellen Saison vermutlich nicht mehr auf dem Parkett stehen wird, ist es ein realistisches Szenario, dass Noah zunehmend in Spekulationen auftauchen wird. Die Bulls sollten bestrebt sein, einen guten Defensiv-Center zu verpflichten, um ihn an die Seite von Gasol oder Gibson zu stellen.


Dwight Howard könnte ein potenzieller Kandidat sein. Im Umfeld der Rockets gibt es zunehmend auftauchende Gerüchte, dass 'Superman' auf dem Markt sein soll, laut mehreren Experten haben auch die Bulls ihren Hut in den Ring geworfen.

Howard an der Seite von Gasol, Mirotic, Butler und Rose könnte gefallen, speziell da Howard langsam wieder in Form zu kommen scheint und für die Defensive ein deutliches Upgrade darstellt.
Nach vielen Verletzungen in den letzten Monaten wäre der Nummer eins Pick aus dem Jahr 2004 jedoch auch ein Risiko-Trade. Abgesehen davon ist auch fraglich, ob die Bulls ein attraktives Paket für die Rockets schnüren könnten.

Möglicherweise müsste ein solcher Deal auch Corey Brewers Vertrag enthalten. Noahs auslaufender Vertrag, gepaart mit Gibson und Draft Picks, wird in Houston vermutlich keinen hinter dem Schreibtisch hervorlocken – Mirotic, Portis und/oder McDermott müssten unter Garantie Teil eines Pakets sein.

Auch ein Trade von Rose ist bei einem passenden Angebot realistisch. Es gibt zahlreiche General Manager in der Liga, die nach wie vor an die Qualitäten des Point Guards glauben. Auch wenn ein Phönix aus der Asche Szenario mit jeder kleinen Verletzung unwahrscheinlicher wird, so dürfte der potenzielle Gegenwert in einigen Trades sehr verlockend für die Bulls sein. Sinnvoller erscheint ein Rose-Trade jedoch in Szenario zwei...

Szenario 2: Der totale Umbruch
In Chicago sind die Fans heiß auf Erfolg. Die Durststrecke dauert schon viel zu lange. Die Bulls sollen und wollen wieder die Nummer eins in der Liga sein. Die Erfolge von Phil Jackson und Michael Jordan sollen wiederholt werden. Im Sommer wurde in Chicago laut geträumt, ein wiedererstarkter Rose und Gasol sollten die Bulls zu alter Stärke führen – leider lassen dies die genannten Umstände nicht zu.

Rose ist ein solider Point Guard, kann aber nicht mehr den Unterschied machen, auch Gasol ist über seinen Zenit längst hinaus. Gleiches gilt augenscheinlich für Noah, der einfach nicht gesund bleiben kann. Bei realistischer Betrachtung der aktuellen Situation wäre ein glatter und schneller Umbruch in Chicago keine schlechte Option.


Die Bulls könnten Butler, McDermott, Mirotic und Portis als Gerüst behalten und versuchen, die restlichen Spieler in Talente und Draft Picks umzutauschen. Es wäre ein außergewöhnlicher Schritt, schließlich deutet in Chicago derzeit alles auf eine garantierte Playoff-Teilnahme hin, so dass der eigene Draft Pick im Sommer nicht zu hoch ausfallen dürfte. Zudem wäre eine Verärgerung der Fans garantiert. Die Fans wollen den Titel, aber den wird es bei der aktuellen Konkurrenz vermutlich nicht geben.

Auf der anderen Seite ist der Markt für Rose, Noah, Gasol und Gibson groß. Auch die Verträge von Snell, Dunleavy oder Brooks können leicht getradet werden. Wenn die Bulls einen Umbruch clever anstellen, dann könnte bereits im kommenden Jahr eine erneute Playoff-Teilnahme winken, denn speziell für den Vertrag von Rose dürfte es einen interessanten Gegenwert geben. Butler als go-to Angreifer, Mirotic als Stretch Vierer neben einem soliden Defensiv-Center wären als Gerüst der neuen Bulls zudem ein sehr guter Anfang. 

Die Enttäuschung der Fans hält an
Weder Carmelo Anthony noch Chris Bosh haben sich im Sommer für die Bulls entschieden – die Enttäuschung der Fans stieg an. Die Rückkehr von Rose konnte die Erwartungen nicht erfüllen, die Enttäuschung stieg weiter. Zuletzt gipfelte die Enttäuschung in der Verletzung von Center Noah, einem der Publikumslieblinge. 

Leider ist ein Abebben der Enttäuschung nicht zu erwarten. Egal welches Szenario in Chicago gewählt wird, ein kurzfristiger Titel ist in weite Ferne gerückt. Sowohl die Spurs, als auch die Warriors oder die Cavs scheinen in einer Best-of-Seven-Serie zu stark für die Bulls zu sein.

Dennoch ist ein Blockbuster Deal mit Beteiligung der Bulls wahrscheinlich. Das Front Office wird bei vielen Teams anklopfen und Trade-Szenarien diskutieren. Für welches sie sich am Ende entscheiden, werden wir in einem Monat wissen. Dass in Chicago etwas passiert, ist jedoch so gut wie sicher.