24 Januar 2016

24. Januar, 2016


von PASCAL GIETLER @PascalCTB

Zwei Wochen ist es jetzt her, seit die Brooklyn Nets den Panikknopf drückten. Nachdem sie sich am Abend zuvor gegen die Detroit Pistons die vierte Pleite in Folge abgeholt hatten, entschieden sich die Offiziellen in Borough, einen radikalen Umbruch zu vollführen. Coach Lionel Hollins musste nach nur 18 Monaten im Amt wieder die Koffer packen, der langjährige General Manager und Architekt des Misserfolges Billy King trat von seinem Posten zurück.

Lionel Hollins kam mit der Reputation eines alteingesessenen Defensiv-Coaches nach Brooklyn. Hollins galt als Gegenstück zum ehemaligen Jungcoach Jason Kidd, doch im Gegensatz zu Kidd konnte Hollins sich als Trainer der Nets keinerlei Erfolge auf seine Fahne schreiben. Mit einem alternden - jedoch relativ fitten - Kern aus Deron Williams, Joe Johnson und Brook Lopez reichte es 2014/15 nur für den achten Platz in der miesen Eastern Conference. 

Im Gegensatz zu Kidd kam Hollins mit seinem Team auch nie über die erste Playoff-Runde hinaus. Seine Reputation als „Defensivcoach“ dürfte mittlerweile auch mehr als angeknackst sein. Die Brooklyn Nets gehörten unter Hollins statistisch stets zu den zehn schlechtesten Teams der Liga. 


In der vergangenen Saison wiesen die Nets ein grauenvolles Defensivrating von nur 105.0 auf, in der aktuellen Spielzeit stand die Truppe aus dem Borough bei Hollins' Entlassung mit 104.5 zugelassenen Punkten pro 100 Angriffen nur marginal besser da. 

Hauptkritikpunkt an Hollins waren jedoch seine antiquierte Spielweise und seine zweifelhaften Line-Up-Entscheidungen. Die Nets nahmen pro Spiel nur rund 17 Dreier, wollten am liebsten jeden Ball zu Brook Lopez und/oder Thad Young in den Post spielen. Diese Spielweise kann zwar manchmal effizient sein, die Offensive unter Hollins war jedoch viel zu leicht auszurechnen und ohne erstklassige Performances der Leistungsträger Young oder Lopez nie von Erfolg gekürt. 

Dies spiegelte sich besonders im Offensivrating wieder: in der NBA waren die Nets mit 97,7 das Team mit dem zweitschlechtesten Offensivrating in der laufenden Saison (Anmerkung: Da die Philly Cheesesteaks in der generellen Wahrnehmung eher ein D-League-Team sind, fallen die 76ers mit ihrem katastrophalen ORtg von 94,2 aus der Diskussion raus). Die Lakers auf Rang 29 sind kaum der Rede wert.

Hollins soll auch indirekt etwas mit den Spannungen zwischen GM Billy King und der russischen Franchise-Führung zu tun gehabt haben. Eigentlich galt King lange als Liebling von Besitzer Mikhail Prokhorov, doch Gerüchten zufolge war der Milliardär alles andere als begeistert von der Hollins-Verpflichtung. 

Zwar betonte Prokhorov in der Öffentlichkeit stets, dass er Vertrauen in die sportliche Leitung von King habe. Schließlich hieß es im Sommer noch, dass Prokhorov auch über den kommenden Sommer hinaus mit King weiterarbeiten möchte. Kings Vertrag wäre 2016 ausgelaufen und aufgrund einiger glücklicher Moves (Trade für Thad Young, die günstigen Verpflichtungen von Thomas Robinson und Shane Larkin) hörte man die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass sich King trotz katastrophalen Missmanagement über eine potenzielle Vertragsverlängerung hätte freuen können.

Eine Sache darf man schließlich nicht vergessen: In Brooklyn dachte man wirklich, dass man mit dem Kern aus Jarrett Jack, Thad Young, Brook Lopez und den sterblichen Überresten von Joe Johnson etwas in Richtung Playoffs hätte reißen können. Ein recht naiver Gedanke, jedoch ein vorhanden gewesener Gedanke. 

Die Enttäuschung über nur zehn Siege aus den ersten 37 Partien ließen die sportlichen Verantwortlichen nicht nur bei den Fans, sondern auch bei der russischen Nets-Fraktion in Ungnade fallen.


Wie geht es weiter in Brooklyn? Nun, das weiß niemand so genau. Angeblich sind innerhalb der Franchise viele Leute sehr überrascht vom radikalen Umbruch. Kurz vor der Trade-Saison weiß keiner in der Liga so recht, wer eigentlich den Telefonhörer im Front Office an der Atlantic Avenue abhebt, um zu verhandeln.

Auf der Trainerbank herrscht zumindest ein bisschen Klarheit. Bis zum Ende der Saison nimmt Tony Brown auf Hollins' Stuhl Platz. Brown wurde 2015 zusammen mit Hollins verpflichtet, er war zuvor an der Seite von Rick Carlisle für die Dallas Mavericks tätig. Brown ist nur eine Übergangslösung, Prokhorov wird im Sommer wohl die Portokasse öffnen, um einen großen Namen in den Borough zu locken. 

Eine kleine Spekulation? Tom Thibodeau wäre zu haben, besitzt Qualitäten, hat einen großen Namen und würde wohl gerne in New York leben - es wäre zumindest denkbar, dass die Nets mal in den kommenden Monaten Thibs' Nummer in die Wählscheibe drehen. Einer der Wunschkandidaten, John Calipari, hat bereits dementiert, interessiert zu sein - da Prokhorovs Taschen aber immer noch prall gefüllt sind und die Verzweiflung in Brooklyn immer noch hoch ist, könnten sich diese Gespräche in Zukunft intensivieren, vor allem wenn Prokhorov Caliparis finanzielle Vorstellungen erfüllt.


Auch im Front Office gab es bereits unter der Woche erste Spekulationen um einen Nachfolger von Billy King. Der potenzielle Erbe hört auf den klangvollen Namen Andrey Vatutin und ist seines Zeichens Präsident des russischen Basketball-Powerhouses ZSKA Moskau. Unter seiner Führung konnte ZSKA zwischen den Jahren 2007-2015 die russische Liga gewinnen. 

Vatutin ist ein alter Weggefährte von Prokhorov und könnte der erste europäische General Manger in der NBA werden. Ob es jedoch clever ist, einen unerfahrenen Europäer ans Steuer eines kaputten amerikanischen Autos ins Rennen zu schicken? Das darf zumindest stark bezweifelt werden. 

Letztendlich sind Spekulationen um einen neuen General Manager und eventuelle Roster-Veränderungen zum aktuellen Zeitpunkt reine Zeitverschwendung. Jedoch sollte den Spielern der Brooklyn Nets eine Sache klar geworden sein: Niemand darf sich zu sicher fühlen. Die Mannschaft funktioniert überhaupt nicht, und nicht alles lässt sich nur mit schlechtem Coaching entschuldigen. 

Ohne volle Kontrolle über den eigenen Draftpick bis zum Jahr 2019 wird wohl jedes Angebot für einen leistungsfähigen Spieler geprüft werden, selbst ein Trade von Brook Lopez, Thad Young oder Bojan Bogdanovic dürfte seit Mitte Januar wahrscheinlich geworden sein. Auch wenn wie gesagt nicht ganz klar ist, wer eigentlich die Personalentscheidungen trifft.

Nachtrag: sportlich hat sich seit Hollins' Entlassung absolut gar nichts geändert. Auch unter Brown sind die Nets Kanonenfutter, haben sechs ihrer sieben Partien seit dem Coaching-Wechsel verloren. In Brooklyn wird es eben nie langweilig, selbst wenn das Team stinkt...