07 Januar 2016

7. Januar, 2016


von SHOTO

Es gibt keine Mitte mehr. Kein "in between". Nur noch Minimum und Maximum und beide auf ihre jeweilige Art erstrebenswert. Maximum, Spitze der Liga, Conference Finals bereits im Blick. Minimum, Tal der Tränen, aus Trauer und Freude. Trauer ob der gezeigten Leistung, Freude ob der Aussicht, den nächsten LeBron/Durant/Davis/etc. in der nächsten Draft ziehen können. Daraus erwachen zwei Überzeugungen zum Leben:

1) Sei schlecht, solange du nicht richtig gut bist. Schlecht sein ist gut, weil Wahrscheinlichkeiten maximiert werden, um das nächste Asset zu generieren. Und es ist egal, wie schlecht du bist. Truste dem process, am Ende winken Erfolge. Man braucht halt nur diesen einen Superstar. Und Geduld. Aber es lohnt sich!

2) Sobald du der Meinung bist, dass du dein Team beisammen hast, musst du kontinuierlich wachsen. Also gewinnen. Plötzlich ist gewinnen wieder catchy. Sobald du dem Tal der Tränen entkommen konntest gilt: Erstrundenaus in den Playoffs ist nicht mehr tolerierbar, die zweite Runde ein Muss. Wachse, mindestens linear. Sonst ist dein Process gescheitert

Die Mitte ist tot und Jimmy Eat World weint. Und ich sitze hier und verstehe das alles nicht. Natürlich geht es (wieder einmal) um die Bucks, wahrscheinlich DIE Negativüberraschung der Saison (also neben den Bulls, Wizards, Rockets und Pelicans). Weil sie nicht mehr gewinnen, aber letzte Saison gewonnen haben. Unverantwortbar, der Process gescheitert, bitte alsbald nach Seattle mit denen und dann richtig tanken!

Ich sitze hier und verstehe das nicht. Weil ich nicht einzuschätzen vermag, wie viel von der Kritik berechtigt ist. Die Bucks haben Probleme und auch ich habe mich in letzter Zeit mehr als einmal dabei ertappt, an Michael Carter-Williams zu zweifeln. Das Bewusstsein, dass das verfrühter Quatsch ist, weicht der Realität, die andere zeichnen wollen. Und doch entert mit einer fast schon unangenehmen Beharrlichkeit Morpheus meine Illusion und stopft mir die rote Pille in den Rachen. Ich erwache. Und stelle mir die Frage, warum nur noch obige Überzeugungen berechtigt sein sollen. Ja, die Bucks waren in der vergangenen Saison eine tolle Geschichte, aber auch Produkt ihrer Umgebung. Lediglich vier Siege trennten sie - an Platz sechs - von Platz zehn. Mit Indiana und Miami zwei Teams außerhalb der Playoffs, die normal vor den Bucks gelandet wären, sich am Ende aber in der Lottery wiederfanden.

Und ob diesem sechsten Platz reift nun die Überzeugung, die Bucks müssten um Heimrecht mitspielen? Weil es der nächste Schritt wäre? Das ist doch doof. Selbst wenn sie nicht verschiedenste Teile ausloten müssten (Parker zurück, Monroe neu dabei, MCW mit seiner ersten kompletten Bucks-Saison), die ihrerseits einen Starting Spot beanspruchen würden, wäre der gegenwärtige Stand okay. Weil sie jung sind. Und noch Fehler machen dürfen.

Wann haben wir den Punkt erreicht, ab dem die Mitte nicht mehr gut genug war? War es überhaupt ein Punkt? Oder eher ein schleichender Prozess, ein Process? Ich weiß es nicht. Und ich könnte es vielleicht sogar ignorieren. Wenn da nicht manche Teams und deren Umgebung in meiner Timeline aufploppen würden, die ihr bisher ebenso "unerfolgreiches" Teambuilding damit rechtfertigen, dass der Bucks-Weg ja offenkundig gescheitert sei. Denen man ihre Picks und Erfolge herbeiwünscht, damit sie endlich ruhiger werden.



Sich bei Filmen und Serien zu bedienen, um Dinge im Basketball erklären oder beschreiben zu wollen, ist im besten Fall wahrscheinlich nur langweilig. Out, hat ja Bill Simmons schon gemacht - "the Simmons did it, the Simmons did it". Wie in Karate Tiger 2, als ... [gähn]. Aber warum eigentlich? Gab es vor dem Film doch ein Drehbuch und vor dem Drehbuch einen Gedanken, der dann eben verschriftlich wurde. Liegt es also nur am Medium? Aus der Literatur zu zitieren ist ja immer noch erlaubt. Aber ist es letztendlich nicht egal, welches Medium man bemüht, um seinen Gedanken mitzuteilen? Anyhow...

Bisweilen frage ich mich, ob Kobe während der Offseason The Dark Knight geschaut hat. Immer und immer und immer wieder. All die Szenen und Gespräche in sich aufsaugend. Verarbeiten. "You either die a hero, or live long enough to see yourself become the villain", tönt es aus den Boxen und die Mamba verarbeitet. Ein Gedanke reift in ihm, einer der ihm eigen ist. Der fernab jedweder Normen ist, wie Kobe schon während seiner Karriere. Der, der sich mit einem Hall of Famer verkrachte, weil sie so verschieden waren. Kobe saugt diese Worte von Harvey Dent auf, modelliert sie für seine Zwecke um. Und er versteht.

Versteht, dass seine Historie niemals eine Rolle wie die eines gutmütigen Mentors zulässt. Versteht, dass die Medien nie verstehen würden. Versteht, dass wenn er sich zurücknehmen würde, die Hollywood'schen Scheinwerfer auf die unerfahrenen Rookies strahlen würden. Ein Licht, unter dem man Zerbrechen, das Karrieren beenden kann, ehe sie begonnen haben. Also reißt er die Scheinwerfer an, oder eher auf sich. Beansprucht die Zeilen. Weiß, dass es nachhaltig seine Karriere beschädigen kann. Dass es für Unverständnis, für Kopfschütteln sorgen wird. Er weiß all das und wirft. Trotzdem. Immer wieder, bis auch der Letzte sich die nächste Lakers-Ära herbeisehnt. Aus einem Helden wird ein Bösewicht, auf den sich alle verständigen können.

Wer weiß, vielleicht ist das alles zu viel amateurhafte Psychoanalyse. Aber wer vermag schon, die Mamba abschließend zu beurteilen? Und vielleicht ist es ja so, wie James Gordon sagte: "So we'll hunt him. Because he can take it. Because he's not our hero. He's a silent guardian. A watchful protector. A Dark Knight."



Stellt euch vor, ihr habt einen besten Freund, der sich in einer Beziehung befindet. Tag für Tag wundert ihr euch, dass sie Bestand hat. Weil euer Freund so viel gibt und seine Liebe so viel nimmt, ohne zurückzugeben. Er reibt sich auf, gibt der Liebe eine Chance, weil er an sie glaubt. Weil er schon früher geliebt hat. Euer Freund ist Romantiker und wahrscheinlich zu viel, als für ihn gut ist.

Ihr nehmt ihn ab und an zur Seite, legt euren Arm auf seine Schulter und redet auf ihn ein. Dass er doch einfach loslassen soll, dass es da draußen noch andere gibt, die ihm mehr geben. Aber er grinst euch nur an, sagt, dass die Liebe eben Geduld erfordert. Er geht zurück zu seiner Liebe und ihr könnt ihm nur hinterherblicken. Irgendwann, das letzte Mal, dass ihr auf ein eingeredet habt, ist schon lange her, trefft ihr ihn auf einer Party wieder. Und seht, wie plötzlich seine Liebe gibt. Zurückgibt. Und dann müsst ihr grinsen.

Mir geht es so mit Knicks-Fans. Eine Franchise, die mir eigentlich egal ist. Die aber von so vielen in meinem Umfeld gemocht wird. Ob hier, ob auf Twitter oder "da draußen". Eine Franchise, die so viel von ihren Anhängern genommen hat. Anhänger, die man schütteln wollte. Denen man entgegenschreien wollte, dass es die Knicks doch nicht wert seien. Die dich aber immer angegrinst haben, während die Ringe unter den Augen immer größer und dunkler wurden. Bis man eben aufgegeben, abgewunken hat. Und doch immer mit einem tränigen Augen auf sie schaute.

Und dann kommt Kristaps. Einer, den wenige schon verschmäht hatten, bevor er auch nur einmal für sie aufgelaufen war. Aber einer, der ihre Herzen erobert. Einer, der ihnen plötzlich etwas zurückgibt, ohne ihnen im nächsten Augenblick wieder etwas zu nehmen.

Hoffnung auf Lebron, doch vergebens.
Amar'e kommt und geht.
Melo übernimmt und ist doch nicht genug.

Aber Kristaps bleibt. Ist einer von ihnen geworden, binnen weniger Wochen. Zaubert Lächeln in ihre Gesichter, produziert Highlights. Es ist noch keine Geschichte, die die Knicks an die Spitze führt. Aber es ist trotzdem die bisher schönste Geschichte der Saison. Weil sie Leuten Freude schenkte, die vielleicht so lange keine Freude mehr verspürten, wenn es um die Knicks ging.



Im Schatten des Unfassbaren verblasst das Bemerkenswerte nur allzu gern. Und unfassbar waren und sind sie, die Warriors. Ein Team, das das Gespenst der 90er Bulls aus den Schubladen kramt. Ein Team, das so sehr gewinnen will, dass es ein bisher designiertes Lottery-Team zum Rivalen Nummer Eins erklärte. Weil sie es wagten, die Streak zu beenden. Ein Team um einen Spieler, der so außergewöhnlich, so wenig reproduzierbar erscheint. Der Wurf, Agilität und Handling in einem Maße vereint, wie es sie zuvor wohl noch nie gab. Gepaart mit Spielern, die es den Warriors ermöglicht, offensiv konsequent auf das 5-out zu gehen, ihnen gleichzeitig aber defensive Variabilität bietet. Ein Team so gut, so modern, dass es die neue Blaupause ist. Ein Team, das so sehr alle anderen überstrahlt, dass andere ignoriert oder zumindest weniger beachtet werden. Was jenen, oder einigen von ihnen, nur recht ist.

Dass die Spurs abermals in den oberen Gefilden der Western Conference zu finden sind, es sollte niemand überraschen. Und doch sind sie bemerkenswert. Weil sie sich so sehr von den Warriors unterscheiden und doch so gut sind.

Defensiv mag es Gemeinsamkeiten geben. Und ziemlich sicher ist es gerade die Defensive der Spurs, die Grund für den zweitbesten SRS-Wert der Liga ist. Eine moderne Defense, die konsequent das Pick and Roll "iced", die Gegner also in die so verhassten Mitteldistanzwürfe zwingt. Die mit Duncan, Aldridge und Diaw drei so gute Post-Verteidiger haben, dass Leonard auf den Flügeln den Gegnern kompromisslos hinterherjagen kann. Ein Umstand, der eben dann so gut funktioniert, wenn du dir deiner Unterstützung sicher sein kannst. Die Spurs lassen dem Gegner die wenigsten 3PA und die, die sie zulassen, verteidigen sie so gut, dass sie den zweitbesten gegnerischen 3P%-Wert aufweisen.

Und doch ist es eher die Offense, die mich beeindruckt. Nicht, weil sie früher konkurrenzfähig ist, als erwartbar war, sondern weil sie sich dem Trend verweigert. Spurs spielen keinen Moreyball, nehmen die 25. wenigsten Dreier, liegen bei FT-Versuchen auf Platz 28 und spielen allgemein die 25. langsamste Pace. Und doch können sie das drittbeste Offensive Rating, nebst überragenden Werten bei True Shooting % und eFG%, vorzeigen. Etwas, das nicht mehr funktionieren sollte. Weil es nicht mehr modern ist, weil es den Analysen widerspricht. Was aber genau deswegen funktioniert.

Ich hatte vor der Saison mit anderen Leuten schon darüber gesprochen, dass ob dieser übermäßigen Fokussierung auf Dreier, Freiwürfe und Abschlüsse im Post intelligente Teams den offenen Zweier dankenswert annehmen werden. Weil es plötzlich ein offener Wurf ist, weil die Defensiv-Schemata (siehe ICE) eben auf Moreyball umgestellt wurden. Es ist eine logische Entwicklung, die auch dadurch begünstigt wird, dass das Personal der Spurs darauf abgerichtet werden kann. Weil sie den Ball in den ersten vier bis fünf Sekunden in die gegnerische Hälfte treiben können, um dann über die Elbows ihre Offense zu initiieren. Die danach so viel Pässe hervorbringt, dass gegnerische Defensiven konstant in Bewegung sein müssen (eine Offense, die ich eigentlich auch von den Bucks erwartet hatte (Kidd will ja, dass MCW beständig das Tempo in den ersten Sekunden hochhält, um möglichst viel Zeit auf der Shotclock zu haben)).

Die Verteidigung des Moreyball. Der Angriff, dessen Idee es ist, den ersten offenen Wurf zu nehmen, egal ob Dreier oder langer Zweier. Es sind, ich sagte es schon, logische Dinge, die die Spurs (abermals) innovativ erscheinen lassen. Statt die Warriors zu kopieren, spielen sie für ihre eignen Stärken. Und sind dabei das theoretische Gegenmittel zu den Warriors. Ein Umstand, der aber wohl erst während der Playoffs beantwortet werden kann. Ist Gregg Popovich doch niemand, der schon während der Regular Season bereitwillig seine Hand offenlegt.

Man kann nur hoffen, dass es beide Teams unbeschadet in die Finals schaffen.