04 Januar 2016

4. Januar, 2016


von TIAGO PEREIRA @24Sekunden

$ 64.000.000... Alles an diesem Betrag wirkt absurd. Allein schon die Anzahl der Nullen. Diese Zahl, 64 Millionen Dollar, sie liegt in Sphären, die wir nicht einmal im Geringsten erahnen können. Was würden wir tun, läge diese utopische Summe vor uns? Nur eine Unterschrift von dem sorglosen Traumleben entfernt, nach dem selbst Lottogewinner lechzen würden.

Wir hätten wohl unseren frisch geleasten Autofuhrpark nach Palm Springs gefahren, ehe die Tinte auf dem Papier getrocknet wäre. Viel nachdenken benötigt diese Entscheidung einfach nicht. Dies mag daran liegen, dass der Horizont unserer Weitsicht nicht über sechsstellige Zahlen hinauskommt. Auf der anderen Seite: wer könnte schon Nein zu 64.000.000 US-Dollar sagen?

Der nächste Kobe
Black Cat, Black Mamba, Black Falcon. Der Ideenursprung von Harrsion Barnes' Spitznamen lässt sich leicht zurückverfolgen, schließlich wollte der Junge aus Iowa, wie jeder seiner Klassenkameraden, einfach nur so sein wie Michael. Während für die meisten Highschool Schüler die einzige Parallele zu ihren Idolen Kobe Bryant und Michael Jordan die Marke ihrer Sneaker blieben, hatte Barnes hingegen eine echte Chance, in die Fußstapfen der Originale zu treten. 

Denn der schwarze Falke flog bereits in jungen Jahren hoch über die Köpfe seiner Mitschüler hinweg, indem er sich äußerst talentiert erwies im Umgang mit dem orangen Ball. Da das Geld im Haushalt Barnes nicht für den herkömmlichen Gang ans College ausreichte, setzt Mutter Shirley Barnes früh alles auf eine Karte. In jedem Sommer wurde an dem Spiel des Sohnemanns gefeilt, kein AAU Turnier ausgelassen, um dem Jungen die Aufmerksamkeit seiner zukünftigen Alma Mater zu verschaffen. 


Als Barnes in sein letztes Highschool-Jahr ging, konnte der Senior sich vor Stipendien kaum retten. Duke, Kansas, North Carolina, praktisch jedes angesehene Basketball-Programm Amerikas wollte dem talentiertesten Highschool Basketballer seines Jahrgangs einen Campus Rundgang anbieten. Das Glücksspiel der Familie Barnes hatte sich ausgezahlt, doch auch mit allen Chips vor sich ausgebreitet, ließ sich Harrison Barnes bei seiner Collegewahl nicht in die Karten gucken.

"He might have the best poker face I've ever encountered. No one knows what he's thinking. He won't tell" - Paul Biancardi via ESPN

Alles auf eine Karte
Langsam trottet Harrison Barnes auf Adam Silver zu. Mit einem verhaltenen Lächeln winkt er dem Publikum zu, als dieses ihn auf seinem Weg zum Commissioner anfeuert. Drei Jahre, nachdem Adam Silver Barnes' Namen an siebter Stelle des Drafts aufrief, macht sich der ehemalige Tar Heel erneut auf den erträumten Weg. Dieses Mal wartet jedoch keine Kappe in den Händen des Commissioners.

Während Barnes den glänzenden Meisterschaftsring entgegennimmt und förmlich Adam Silvers Hand schüttelt, mischen sich vereinzelte Buhrufe unter den Applaus in der Oracle Arena. Die Nachricht, dass die Vertragsverhandlungen zwischen Barnes und den Warriors gescheitert waren, hatte scheinbar die ersten Fans erreicht. Auch Jeff Schwartz, Barnes' frisch eingestellter Agent, konnte seinem Klienten vor dem 27. Oktober nicht den gewünschten neuen Vertrag beschaffen. Damit war klar, dass Barnes sein Glück als restricted Free Agent auf dem freien Markt im Sommer 2016 testen würde. 

16 Millionen Dollar Jahresgehalt, insgesamt 60 Millionen, so lautete das Höchstgebot von Bob Myers und den Warriors. Ähnliche Verträge unterzeichneten kurz zuvor DeMarre Carroll, Khris Middleton und Tobias Harris. Doch auch wenn das stolze Angebot der Warriors-Offiziellen Barnes aktuelles Gehalt verfünffacht hätte, sah dieser sich nicht bereit, es Angebot anzunehmen. 

Er wollte, wie seine Teamkollegen Klay Thompson und Draymond Green, mit einem Maximum-Gehalt entlohnt werden. Unter dem neuen Salary Cap hieße dies schwarz auf weiß 23 Mio. $ pro Jahr. Eine aberwitzige Forderung für einen Spieler, der nicht einmal zu den drei wichtigsten Säulen seines Teams gehört.

Auf den ersten Blick scheint der amtierende General Manager des Jahres, Bob Myers, die weisere Entscheidung getroffen zu haben, Barnes nicht zum bestbezahlten Spieler der Warriors 2015/16 zu machen. Besonders bei der Betrachtung der Gehaltliste der Warriors, ist von der Addition einer weiteren achtstelligen Abbuchungssumme abzuraten - es sei denn in der Empfängerzeile stünde der Name Kevin Durant. 


Zuvor erschien die Vorstellung, dass die Warriors, welche aktuell auf dem Weg sind, die unantastbare 72-Siege Marke der Chicago Bulls einzuäschern, sich mit einem Generationsspieler wie Durant verstärken könnten, schlichtweg absurd. Nachdem jedoch Durants Heimatverein, die "Washington Wittmans", dank Bradley Beals fragilen Knochen nicht nur im Rennen um die Playoffs Boden verloren haben, verdichten sich die Gerüchte, dass das Wettstreiten um 'Durantula' sich zu einem Zweikampf zwischen Oklahoma und Oakland entwickeln wird. 

Preis der Perfektion
Mit Durant in Aussicht wandern Myers' Moneten scheinbar mit jedem roten Kreuz am Kalender ein Stückchen weiter weg von Harrison Barnes. Der fulminante Saisonstart der Dubs und die Geburtsstunde der „Todesaufstellung“ ließen Barnes aber in einem ungeahnten Licht erstrahlen. Der Forward etablierte sich, an der Seite von Stephen Curry, Klay Thompson, Andre Iguodala und Draymond Green, zu einem unverzichtbaren Teil der mit Abstand stärksten Fünf der Liga. 

Bis zu Barnes' Verletzung Mitte November standen jene fünf Spieler in 14 Partien zusammen auf dem Hardwood und überrannten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. In 64 Minuten erzielte das Quintett 220 Punkte (ORtg: 154.7), bei einer effektiven Feldwurfquote von fast 80% (!!!)... Wer braucht da noch einen Kevin Durant?

Auch wenn die Frage zuvor mehr der Rhetorik diente, als einem ernsthaften Argument gegen Durant, lässt sie dennoch zum Nachdenken anregen. Die Warriors spielen mit Barnes ihren besten Basketball, und das nicht nur in der Offensive. Die Größe von Barnes erlaubt es den Kriegern erst, die Small Ball Aufstellung effektiv und langfristig einzusetzen, da Harrison von schnellen Flügeln bis zu klassischen Power Forwards alles verteidigen kann. 


Fehlt Barnes auf dem Parkett, findet sich in den Reihen der Warriors kein adäquater Ersatz, um in der Center-losen Aufstellung neben Draymond Green die Zone ausreichend zu beschützen. Das ist einer der Hauptgründe, weswegen Luke Walton während Barnes' andauernder Verletzungspause mehr auf die Größe von Center Festus Ezeli in der Crunchtime setzte.

Obwohl der temporäre Verlust von Harrison Barnes die Warriors ihrer stärksten Waffe beraubte, wirkte sich die Abwesenheit des Forwards weniger harsch auf die Starformation aus. Das überraschte. Ersatz Brandon Rush läuft seit Ende November als Starting Small Forward auf und macht seinen Job mehr als nur ordentlich. Als Starter wirft Rush 46% von der Dreierlinie und kommt in 20 Minuten Spielzeit auf 6.2 Punkte. 

Das sind Zahlen, die niemandem den Unterkiefer vor Erstaunen ausrenken, aber Luke Walton vertraut auf die Produktivität seines Veteranen. In nur elf Spielen weist die neue Startformation der Warriors bereits die meisten Minuten aller Line Ups auf und spielt dabei mit einer erstaunlich hohen Effektivität (ORtg 114.2, DRtg 92.6).

Die Tatsache, dass den Kriegern ein Veteran wie Brandon Rush ausreicht, dem nicht mehr als das Mindestgehalt überwiesen wird, um den Verlust von Harrison Barnes zu kompensieren, versetzt den jungen Forward in keine gute Verhandlungsposition. 

Auch wenn die Verteidigung und das Talent des 23-Jährigen die Attribute von Rush natürlich bei weitem übersteigen, stellt sich die berechtigte Frage, ob die Warriors sich diesen Luxus leisten wollen. Über 20 Mio. $ mehr auszugeben für einen Spieler, dessen reiner Mehrwert auf dem Parkett genauso gut von einem Spieler der Gehaltsuntergrenze erbracht wird, wirkt etwas mehr als lächerlich.   

Fortschritt statt Stagnation
Die Punkte, die für einen Verbleib von Barnes in Oakland sprechen, finden sich jedoch nicht alle in den Boxscore-Werten. Seit nunmehr vier Jahren spielt der Forward neben Curry, Thompson und Green, den drei Stützpfeilern der Krieger. Sie sind die einzigen Spieler im Kader von Luke Walton, denen der Interimstrainer mindestens 30 Minuten Einsatzzeit genehmigt. 

Keiner der besten vier Rotationsspieler der Warriors trug in der NBA ein anderes Trikot als das der Franchise an der Bucht. Diese fast Alamo‘eske Kontinuität trägt ihren Preis. Schließlich ist es gerade dieses Verständnis zwischen den Eigengewächsen der Warriors, das ihren Bund so stark macht. 


Dazu spricht für Barnes sein Wachstum als noch junger Spieler. Der Forward konnte in jeder Spielzeit seine Punkteausbeute steigern, steht aktuell bei 13.4 Zählern pro Partie. Auch die Wurfquoten konnte Barnes seit seiner Rookiesaison drastisch verbessern (von 44/36/73 auf heute 50/39/83). In einem System, indem sich neben Harrison Barnes drei aufstrebende All-Stars entwickeln, ist eine solche Verbesserung nicht gerade selbstverständlich. 

Dabei ist der junge Flügelspieler bei weitem noch nicht an seinem spielerischen Maximum angelangt. Genau dies schätzen die Warriors: das kontinuierliche Wachstum ihrer Spieler. Denn neben Barnes versprechen auch Green, Thompson und sogar Curry noch weitere Entwicklungssprünge zu zeigen. Dieser innere Fortschritt des Kaders wirkt wie ein Jungfernbrunnen und verhindert den Rückschritt zurück ins Mittelmaß.

Die Warriors haben mit ihrem ersten Angebot gezeigt, dass der Wille, den meisterlichen Nukleus zu halten, definitiv vorhanden ist. Am liebsten würde Bob Myers wohl gleiche beiden Free Agents, Harrison Barnes und Festus Ezeli, einen neuen Vertrag unterbreiten, aber die hohen Luxussteuerstrafen und die gierige Konkurrenz werden dies nicht zulassen. Beiden Spielern wird im kommenden Sommer ein achtstelliges Jahresgehalt angeboten werden. Myers wird vermutlich entscheiden müssen, welchen der beiden Spieler er behält. 

Vielleicht steigt der General Manager der Warriors sogar mit allem was er hat in den Poker um Kevin Durant ein und lässt im diesem Zuge sowohl Barnes als auch Ezeli aus der Bucht ziehen. Egal, wer zuerst die Karten auf den Tisch legt: Harrison Barnes bleibt nichts anderes übrig, als das zu tun, was er schon immer getan hat - auf sich selbst zu setzen.