22 Januar 2016

22. Januar, 2016


Kobe, Timmy, Dirk: Ikonen der NBA gehen auf die 40 zu und stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere. In einer Serie begleitet NBACHEF die Oldies auf dem Weg in den Sonnenuntergang und erzählt ihre unterschiedlichen Geschichten. Heute: Paul Pierce.

von MATTIS NOTHACKER

In Boston ist Paul Pierce eine Legende. Natürlich, die Stars der 80er Jahre, Larry Bird und Kevin McHale etwa, sowie der unvergleichliche Bill Russell, besitzen einen ähnlichen Stellenwert. Footballer Tom Brady von den New England Patriots ebenso.

Trotzdem ist Pierce einer der populärsten Sportler überhaupt im Bundesstaat Massachussets. Im Januar 2013 erklärt er: „Ich will meine Karriere als Celtic beenden“. Das würde auch den Fans gefallen. Doch es kommt alles anders: nur wenige Monate später wird Pierce gemeinsam mit Kevin Garnett zu den Brooklyn Nets getradet.

Bei anderen Franchises bekommen die überragenden Spieler in der Kategorie von Pierce, die zukünftigen Hall-of-Famer, einen besonderen Status zugesprochen. Die Kobe Bryants, Tim Duncans und Dirk Nowitzkis werden als untradebar erklärt. Wenn diese Spieler ihre Karriere beenden, werden sie in der NBA ausschließlich für ein Team gespielt haben.


Bei den Boston Celtics gibt es dagegen kein Platz für Romantik. Manager Danny Ainge verheimlicht nie, dass es einen Einschnitt, einen Neuaufbau geben wird, wenn Bostons Big-Three ihren Zenit überschritten hat. Und das setzt er genau so um: als die sich die Celtics von ihrem Contender-Status verabschieden, wird nicht nur Kevin Garnett, sondern auch das so beliebte Gesicht des Klubs, Paul Pierce, abgegeben.

Für Pierce ist nicht nur der Umzug in die rivalisierende andere Metropole an der Ostküste eine große Umstellung, sondern auch seine neue Rolle im Team. So gut wie seine komplette Zeit in Boston ist er die erste Option gewesen, bei den Brooklyn Nets ist dies plötzlich nicht mehr der Fall. In einem Team, das zu der Zeit als Meisterschaftskandidat gehandelt wird, mit Deron Williams, Joe Johnson und Brook Lopez im Kader, bekommt er plötzlich weniger Würfe, muss seine Spielweise umstellen.


Seine 18,6 Punkte pro Spiel schrumpfen auf 13,5. Doch all das stört ihn wohl eher weniger. Der wahre Grund dafür, dass er nur ein Jahr später Brooklyn verlässt und bei den Washington Wizards anheuert, ist offenbar die Arbeitsmoral im Team. „Es war einfach die Einstellung der Spieler“, erzählt Pierce. „Es war ja nicht so, dass wir von vielen jungen Spielern umgeben waren. Es waren erfahrene Leute, die nicht spielen und nicht trainieren wollten. Ich schaute mich um und meinte einfach: ‚Was ist hier los?’ Kevin und ich mussten alle motivieren“.

Nach dem Aus gegen die Miami Heat in der zweiten Runde wechselt Pierce also nach Washington, wo seine Statistiken stabil bleiben. Dort ist er hinter John Wall und Bradley Beal, den beiden jungen Stars auf den Guard-Positionen, der erfahrere Ratgeber und wichtigster Mann für die letzten Minuten.

In der zweiten Playoff-Runde gegen die Atlanta Hawks findet er sich gleich drei Mal in der Rolle des Clutch-Werfers wieder. Im dritten Spiel gelingt ihm ein Game-Winner übers Brett, im vierten scheitert er in den letzten Sekunden mit einem Dreier, der den Spielstand ausgeglichen hätte und in einem hochdramatischen sechsten gelingt ihm ein unglaublicher Dreier zum Ausgleich, der jedoch ein Bruchteil einer Sekunde zu spät abgeworfen wird und damit auch das Playoff-Aus bedeutet.


Es ist der Moment, als die Schiedsrichter bekannt geben, dass der Ball die Hände von Paul Pierce ein kleines bisschen zu spät verlassen hat, der Moment, in dem Pierce von der totalen Ekstase in den Abgrund versetzt wird, in dem er sich ernsthaft Gedanken über ein Ende seiner Karriere macht.

„Ganz ehrlich, was da durch mein Kopf gegangen ist, war: ‚ich habe nicht mehr viele dieser Kraftakte übrig’“, erklärt Pierce. „Diese Strecken, die dich durch die Saison und die Playoffs bringen, sind wirklich emotional. Das beansprucht nicht nur deinen Körper, sondern auch deinen Geist, deine Seele“.

Letztendlich entscheidet er sich doch noch, eine Saison dranzuhängen, allerdings nicht bei den Wizards, sondern den L.A. Clippers. Für Pierce ist es irgendwie eine logische Entscheidung für den Schlusspunkt seiner Karriere: es ist nicht nur die Rückkehr in die Heimat, sondern auch zu seinem alten Celtics-Trainer Doc Rivers. „Es war der richtige Zeitpunkt, glaube ich“, sagt Rivers selbst. „Er hatte die Möglichkeit, nach Hause zu kommen, er ist hier aufgewachsen“.

Trotz Heimat, trotz vertrautem Trainer, beginnt die Saison bei den Clippers für Paul Pierce katastrophal. Im November legt er in fast 20 Minuten nur 4,3 Punkte auf, bei einer Wurfquote von unter 30 Prozent. Im Dezember wird es nicht viel besser.

„Er ist gestartet und von der Bank gekommen. Er hat Power Forward und Small Forward gespielt. Nichts hat funktioniert“, schreibt die L.A. Times. Und auch an Pierce geht es nicht spurlos vorbei: „Je älter man wird und desto weniger man die Sachen machen kann, die man davor getan hat, desto mehr fängt man an zu denken: ‚vielleicht ist es soweit’“.

Seit der Verletzung von Blake Griffin hat sich die Situation um Pierce jedoch gewendet. Gleich im ersten Spiel ohne Griffin erzielt der 38-Jährige 20 Punkte. In den Monaten zuvor waren ihm nie mehr als 12 gelungen. Mit seiner Rolle als zweiter Dreierspezialist neben J.J. Redick, der Platz für die Drives von Chris Paul machen soll, fühlt er sich augenscheinlich wohl.


Und sein Team ist erfolgreich. Zehn der elf Spiele seit Griffins Verletzung haben die Clippers gewonnen. Eine Entwicklung, die sogar die Debatte eröffnet hat, ob die Variante mit Pierce als Power Forward nicht besser ist als mit Griffin, weil er zuverlässiger von der Distanz trifft.

Ob man wirklich so weit gehen muss, sei dahingestellt. Klar jedoch ist: Pierce scheint sich an der neuen und doch vertrauten Umgebung endlich akklimatisiert haben. Und das ist essentiell, um in den Playoffs mithelfen zu können, den großen Traum des zweiten Meisterrings zu verwirklichen.

„Er hat hier hoffentlich die Möglichkeit, seine Karriere zuhause als Meister zu beenden“, sagt Coach Rivers. Sollte Pierce das tatsächlich gelingen, ist er womöglich bald nicht mehr nur in Boston, sondern auch in Los Angeles eine Legende.