05 Januar 2016

5. Januar, 2015


Während bekannte Top-Talente wie Victor Oladipo, Giannis Antetokounmpo, Nerlens Noel und Jabari Parker die angesagten Breakout-Kandidaten sind, fliegen andere Youngster ein bisschen tiefer unter dem Fan-Radar. Noch. NBACHEF stellt euch in unserer 'Don't Sleep' Reihe eine Handvoll Spieler vor, die in dieser Saison einen großen Leistungssprung machen werden.

von HARALD MAINKA @Harrystocats

"Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall." - Frank Sinatras Ode an den Big Apple trifft auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen den amerikanisch-gesellschaftlichen Konsens. New York City - die Stadt, in der grundsätzlich nicht geschlafen wird, in der Tellerwäscher zum Millionär werden und wo ein lettischer Basketballjunge in einer weiten Überfallhose dem leidgeprägtem heimischen Basketballteam wieder Hoffnung auf eine Zukunft gibt. Die Stadt, in der (amerikanische) Träume regelmäßig Wirklichkeit werden.

Am 27. Juni, dem Tag des NBA-Drafts 2013, erfüllen sich für einen Jungen aus St. Louis/ Missouri gleich zwei Träume: mit dem siebten Pick machen ihn die Sacramento Kings zum Basketballprofi und erlösen ihn und seine Familie von bitterlicher Armut in einer der miesesten Gegenden des Staates. 

Mit der Unterschrift unter dem Rookie-Vertrag hat es McLemore "geschafft". Über seinen Hintergrund und seine Geschichte wurde bereits während seiner Collegezeit an der Kansas University landesweit berichtet. Auch wenn sein Werdegang von der unterernährten Highschool-Hoffnung zum Profi in der besten Basketballliga der Welt inspirierend ist, wollen wir uns an dieser Stelle lediglich mit seinen Leistungen auf dem Eichenholz beschäftigen.

Eines ist klar: rein von den physischen Voraussetzungen ist Ben McLemore der Prototyp eines modernen NBA-Zweiers. Geschmeidige 90 kg verteilen sich auf 1,96 Meter Körperlänge. Eine Spannweite von 2,00 Metern gesellt sich zur überdurchschnittlichen Athletik - zwei Pfunde, die offensiv wie defensiv jedem Team gut tun.

Wie bei vielen jungen Spielern fällt auch bei McLemore zunächst das Spiel am gegnerischen Korb auf, das vor allem zu seinen Jayhawks-Zeiten wohl dokumentiert ist: der schnelle Antritt. Die Drives. Der Wurf. Auch wenn sein Spiel noch ausbaufähig ist, vereint er dennoch Eigenschaften, um gegnerischen Defensiven weh zu tun.


In einer perfekten Welt ist Ben McLemore schon längst in der NBA angekommen. Sein schwieriges erstes Jahres mit kümmerlichen 36,7% getroffenen Würfen aus dem Feld war 2014/15 fast schon wieder vergessen, stabilisierte sich doch sein Wurf um knapp sieben Prozentpunkte, während er sich als drittbester Angreifer der Kings hinter den beiden Führungsspielern Demarcus Cousins und Rudy Gay etablierte. Der nüchterne Blick auf die Zahlen bewies sogar, dass die verlässlichste Offensivoption im Trikot der Nummer 23 steckte. 

Sowohl aus Nah-/ Mittel- und Langdistanz traf er regelmäßig über 40 Prozent seiner Wurfversuche, was kein anderer King in der vergangenen Spielzeit bewerkstelligte. Seine Quoten aus der suburbanen Peripherie der Downtown waren hervorragend. Vor allem aus der linken Ecke brachte er den Spalding mit 44,6 Prozent im Korb unter. Auch am eigenen Korb erledigte er seinen Job, seine Gegenspieler hielt er bei einer Wurfquote von 45,0 Prozent (bester Wert aller Kings-Guards). Stand er nicht auf dem Court, erzielte der Kontrahent gleich 5,7 Zähler mehr - kein anderer Kings-Spieler hatte hatte eine größere Differenz. 

Auch wenn die Saison mit der Entlassung von Mike Malone und dem desolatem Interimscoach Ty Corbin mal wieder eine der chaotischsten Spielzeiten der Kings-Historie wurde, so hinterließ zumindest McLemore ein kleines, medial kaum beachtetes Ausrufezeichen hinter seiner Spielerakte. Die Verpflichtung von George Karl als neuem Head Coach schien zumindest ihm sehr gut zu tun. Seine Idee vom Basketball, das hohe Tempo und Spacing, betonten McLemores Anlagen. 


Im April ließ er mit 16,2 Punkten, 3,9 Rebounds und 3,1 Assists aufhorchen. Der Rohdiamant schleifte sich selbst zum Three-and-D-Spieler, ohne dabei auf eine Vertrauensperson oder gar einen Förderer, der mit ihm regelmäßig an seinem Spiel arbeitet, zählen zu können. Statt nach der miserablen Rookie-Saison und nach der Verpflichtung von Nik Stauskas aufzustecken, entwickelte er sich weiter und lieferte dem Besitzer Vivek Ranadivé und Neu-General Manager Vlade Divac schließlich genug Argumente, Nik Stauskas gen Philadelphia zu traden.

Die Saison 2014/15 weckte in allen Kings-Fans die Hoffnung, dass die perfekte Welt vielleicht doch schon bald vor den Toren Sacramentos anklopfen würde. Cousins, Gay, McLemore - ein Trio mit großem Potential, weil die offensiven Stärken der drei Stützen gut miteinander harmonieren. 2014/15 fand diese Drei-Mann-Lineup sowohl von Malone, Corbin als auch Karl die häufigste Verwendung. Ihr Offensiv-Rating von 106,5 Punkten lag deutlich über Sacramentos Durchschnitt von 101,1.

Die Hoffnungen, dass McLemore in dieser neuen Spielzeit mit einer wichtigen Rolle in der Rotation den endgültigen Durchbruch schaffen würde, wurde also genährt. Die im Sommer getätigten Verpflichtungen sollten dies befeuern. Mit Rajon Rondo kam ein gewiefter Playmaker, der einfache Schüsse generieren sollte. Marco Bellinelli sollte McLemore dank seiner Erfahrung und seiner Wurfstärke spielerische Kniffe beibringen. Mit Kosta Koufous kam ein ehrlicher Arbeiter unter dem Korb, der keinen Loose Ball aufgibt und immer das Auge für den Outlet-Pass hat.

Nach gut einem Drittel der Saison stehen die Kings jedoch bei einer Bilanz von 12-20 und enttäuschen auf ganzer Linie. Peinliche Niederlagen wie gegen die Sixers und teaminterne Eskapaden gibt es im Kings-Kosmos wieder mal zuhauf. Und McLemore? Der spielt bisher die statistisch schlechte Spielzeit seiner Karriere, bringt bei 21,4 Minuten pro Partie lediglich 7,7 Punkte und 2,2 Rebounds auf den Spielberichtsbogen, wirkt seltsam gehemmt und lässt jegliche Form positiver Aggressivität vermissen. 


In der Defensive hat er im Eins gegen Eins durchaus seine Qualitäten und steht durch eine gute Körperspannung auch gegen aufpostenden Gegenspieler seinen Mann. Abseits des Balles zeigt er sich jedoch oft unkonzentriert, verpennt Rotationen und bleibt an Blöcken hängen. Der Hauptgrund jedoch, weshalb McLemore in dieser Saison noch nicht auf der Höhe ist, liegt im Spielsystem der Kings, da die Karl'sche Philosophie von Space und Pace nur zur Hälfte aufgeht.

Zwar belegt Sacramento mit 102,1 Angriffen pro Partie ligaweit Platz Eins, die Idee der breiten und offenen Spielanlage krankt allerdings aus gleich verschiedenen Gründen, zu deren Beginn einer jeden Argumentationslinie stets der Name "Rajon Rondo" fallen muss, dessen langsame, systematische Spielanlage vor allem McLemores spielerische Entwicklung negativ zu beeinflussen scheint.

In neun der zehn schnellsten Lineups ist Rondo vertreten, doch der Schein trügt, weil der Point Guard das Tempo gerne ins Halbfeld verschleppt und seinen Fokus vor allem auf die Big Men unterm Korb richtet, die er häufig mit einem direkten Assist bedienen will. Die Statik der Kings-Offensive mit Rondo verschleppt sich oft in vertikale Pässe in die Zone, ohne dass abseits des Balles Blöcke gestellt oder sonstige Laufwege ausgeführt werden.

Ein dynamischer Spielertyp wie McLemore ist hier also nahezu verschenkt. In Set-Plays wird er meist in der Ecke geparkt, wo er erfolglos auf einen Pass wartet, weil er kaum in die Offensive der Kings eingebunden wird. Gerade mal 12 Pässe bekommt er pro Partie zugespielt, in der festen Rotation der Kings erhält lediglich Koufos noch seltener den Spalding von seinen Mitspielern.

Doch um sein Spiel weiterzuentwickeln und sich als feste Größe im Kings-Team zu etablieren, braucht McLemore unbedingt den Ball in seinen Händen. Als designierte Wurfoption leidet er unter der fehlenden Bewegung in Sacramentos Offensive am meisten, weil ihm die statische Spielweise kaum freie Würfe generiert. Gerade mal einen Dreier kann er pro Partie aus der Ecke anbringen, mit einer Wurfquote von 45,1 Prozent.

Den kriegt er allerdings nur, wenn er sich selbst aufzwängt, Blöcke stellt, Unruhe in der gegnerischen Defensive stiftet. Weil sich die anderen Mitspieler zu häufig nach der Achse Rondo-Cousins orientieren, läuft der spielerische Ertrag seiner Mühe gen Null. Oft wirkt er überhastet und bleibt bei seinen wenigen Wurfversuchen unglücklich, weil er seine Drives nicht bis zum Korb durchziehen kann und den Abschluss aus der Mitteldistanz ohne Not und mit noch vielen Sekunden auf der Wurfuhr sucht.


Ohne jeglichen Rhytmus und mit so wenigen Ballaktionen ist es kein Wunder, dass McLemores Entscheidungsfindung in den Minusbereich ausschlägt. Zwar verzeichnet er Karrierehöchstwerte bei Feldwurfquote (46,6 Prozent) und Dreierquote (41,1 Prozent), nur sind diese bei geringeren Versuchen als in seinen beiden ersten Jahren weniger aussagekräftig. 

Gerade in den Minuten, in denen George Karl seine Starting Five aus Cousins, Gay, Rondo, Casspi und McLemore spielen lässt, ist es dem Shooting Guard kaum möglich, sein Spiel einzubringen. Diese Aufstellung sorgt einfach für zu wenig Spacing, hat mit Cousins, Gay und Rondo gleich drei Spieler, deren Wurf aus der Mitteldistanz kaum respektiert wird. Selbst ein erfahrener Spieler wie Belinelli ist aufgrund der sich wenigen bietenden Gelegenheiten fast schon verschenkt. Befindet sich McLemore in Aufstellungen mit mehreren Schützen wie Belinelli und Casspi, hat er eine deutliche bessere Balance in der Wurfauswahl, weil er dann die sich bietenden Freiräume mit Verve attackieren kann.


Auffällig ist, dass McLemore mit Backup-Point Guard Darren Collison deutlich besser harmoniert. Nicht nur läuft der Ball unter der Regie von Collison viel dynamischer durch die eigenen Reihen, auch der Fast Break wird als ernsthafte Angriffsoption in Betracht gezogen. Sacramentos Nummer Sieben sucht deutlich öfter für schnelle Punkte in Transition seinen Shooting Guard, der in dieser Rubrik ligaweit überdurchschnittlich abschließt. 1,32 Punkte pro Possession liefert er nach dem Tempogegenstoß - ein Top10-Wert unter allen NBA-Spielern mit mehr als 60 Possessions. Im schnellen Spiel hat McLemore ohnehin meist genau das richtige Gespür dafür, wo er sich zu positionieren hat. Als Trailer steht er meist immer richtig, ist anspielbar und gefährlich.

Und genau hier zeigt sich das Dilemma, unter dem McLemore in Sacramento zu leiden hat. Im inhomogenen Kader können die individuellen Stärken nicht harmonieren. Rajon Rondo trägt die Idee vom schnellen Spiel wenig bis gar nicht mit, und auch DeMarcus Cousins erweist sich trotz hervorragender Passqualitäten als schwarzes Loch in der Zone. Zwar spielen die Kings die höchste Pace und die viertmeisten Vorlagen der Liga, jedoch belegen sie bei den gespielten Pässen lediglich Platz 25. Durch viel mehr Inside/Outside-Aktionen könnten die Kings ihren Angriff nicht nur um neue Facetten bereichern, sondern McLemore weiterentwickeln. Ein offensiv so vielseitiger Spieler wie er findet sich in diesem Roster schließlich kein zweites Mal.


Was können wir in dieser Saison also noch von Ben McLemore erwarten? Auch wenn es den Anschein hat, als würde er in Sacramento nicht mehr den nächsten Schritt machen, vertraut ihm zumindest sein Head Coach weiterhin und vergrößert von Monat zu Monat seine Spielzeit. Noch werden die häufig begangenen Fehler wohlwollend übersehen.

Als neutraler Beobachter wird man dennoch nicht das Gefühl los, dass der 22-Jährige in der kalifornischen Hauptstadt fehl am Platze ist, sein Talent dort verschenkt wird. Dabei könnte Ben McLemore ein Star in der NBA sein. Wenn man es aus einem Armenviertel in St. Louis in die beste Basketballliga der Welt schafft, schafft man das erst recht.