06 Januar 2016

6. Januar, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Martin Breunig spielt in seinem zweiten Jahr für die Montana Grizzlies. Ursprünglich entschied sich der Leverkusener für Maryland, doch nach dem Ende der Gary Williams Ära zog Breunig seine Zusage zurück und wählte stattdessen Washington als neue Anlaufstelle. Dort konnte er sich jedoch nie richtig durchsetzen und spielte in seiner Sophomore Saison sogar noch weniger als zuvor als Freshman. Daher entschloss er sich nach der zweiten enttäuschenden Saison zum Standortwechsel und landete so in Montana. 

Nach einer Redshirt Saison 2013/2014, die die NCAA Wechselregularien vorschrieben, avancierte er in der vergangenen Saison prompt zum wichtigsten Spieler des Teams. Er wurde in das First Team der Big Sky Conference gewählt und erhielt auch die Auszeichnung zum „Newcomer of the Year“.

In dieser Saison wollen die Grizzlies nun auch als Team angreifen. Neben Breunig sind mehrere Starter zurückgekehrt. Leider muss das Team den Ausfall von Point Guard Mario Dunn verkraften, der nach einer Operation am Handgelenk auf unbestimmte Zeit ausfällt. Somit werden sich die Grizzlies einen harten Kampf um den Conference Titel und die damit einhergehende Teilnahme am NCAA Tournament mit Weber State und Eastern Washington liefern. 

Breunig hat bei dieser Unternehmung eine ganz zentrale Rolle inne. Gerade offensiv läuft jeder Halbfeldangriff über den Big Man. Wie bei den meisten kleineren Colleges fehlt es auch den Grizzlies an echten Big Men. Breunig ist nach seinem Backup Bryden Boehning (immerhin 6’10’’) der zweitgrößte Spieler des Kaders und startet daher meist als nomineller Fünfer. 

Die meisten Touches bekommt Breunig deshalb am Zonenrand als Lowpostplayer, wo er auch durchaus gut aufgehoben ist auf College Ebene. Coach Travis DeCuire ist stets darum bemüht, seinen Topscorer mit diversen indirekten Blöcken in unmittelbarer Korbnähe zu platzieren und ihm somit leichte Punkte zu verschaffen. Allerdings stimmt bei vielen Sets das Spacing nicht und viele der Guards sind zudem häufig bei den Entrypässen überfordert. So muss Breunig oft schon sehr hart dafür arbeiten, um überhaupt den Ball zu erhalten.


Kontrolliert er schließlich das Spielgerät, zeigt Breunig seine offensive Qualität. Im Eins-gegen-Eins birgt Breunig hohes Missmatch Potential. Als Fünfer aufgestellt, ist er eigentlich der Inbegriff eines Power Forwards. Breunig ist beweglich, hat einen schnellen ersten Schritt, ein ordentliches Ballhandling für seine Größe und einen Grundstock an Postmoves und Bewegungen im Faceup.

Eine der größten Stärken Breunigs ist seine Spielintelligenz, die er mit einer Engelsgeduld paart. Breunig versprüht selten blinden Aktionismus. Viel eher guckt er sich seinen Gegenspieler genau aus und entscheidet sich meist für die richtige Aktion. Gegen langsamere Gegenspieler zieht er schnörkellos zum Korb. Gegen körperlich ähnliche Kontrahenten nutzt Breunig jedoch seine Power und seinen soften Touch bei Jumphooks, um mit dem Rücken zum Korb zu arbeiten.

Im Faceup nutzt Breunig auch gerne Wurftäuschungen und Jabsteps. Hier muss er gelegentlich auf seine Fußarbeit achten. Viele Bewegungen liegen nah an der Grenze zum Schrittfehler oder überschreiten diese bereits – selbst nach amerikanischer Auslegung. Doch auch ohne Schrittfehler schafft Breunig es meist, seinen Gegner mit dem ersten Schritt zu schlagen und einen entscheidenden Vorteil zu erzielen. Hin und wieder netzt Breunig mal einen Jumper ein und zwingt seinen Verteidiger damit, den Sicherheitsabstand zu verringern.

In seiner Conference und selbst für renommierte Colleges ist Breunig aufgrund dieser Vielseitigkeit im Eins-gegen-Eins nicht zu halten. Daher kommt es meist gar nicht zu solchen Situationen. Die meisten Teams sind dazu übergegangen, Breunig bei jeder Ballberührung im Lowpost zu doppeln. Sogar die Topteams Gonzaga und Kansas wollten bei ihren Partien gegen Montana kein Risiko eingehen und doppelten Breunig konsequent. Die jeweiligen Coaches Mark Few und Bill Self, die zur Coaching Elite gehören und sich mit gut ausgebildeten Bigs bestens auskennen, zollten Breunigs Qualitäten auch gehörigen Respekt und bezeichneten ihn als einen der besten Innenspieler, auf die sie im Laufe der Saison treffen würden.

Breunig seinerseits hat mittlerweile eine gewisse Routine im Umgang mit gleich zwei Gegenspielern entwickelt und strahlt eine Ruhe in solchen Drucksituationen aus, um die ihn so mancher Profi beneiden würde. Zumal er es dann auch meist mit deutlichen größeren Kontrahenten aufnehmen muss. Gonzaga doppelte beispielsweise mit Domantas Sabonis (6’11’’) und Kyle Wiltjer (6’10’’). 

Breunig schützt den Ball gut und nutzt seinen Körper geschickt, um den Ball vor den vier feindlichen Händen fern zu halten. Gleichzeitig guckt er sich sehr genau an, woher der zweite Verteidiger kommt und welcher seiner Mitspieler deswegen frei sein muss. Erstaunlich oft geht der erste Blick zur Weakside, wo in der Regel der offene Mitspieler steht. Junge Spieler haben meistens Schwierigkeit, sich dieses Wissen unter Zeitdruck ins Gedächtnis zu rufen - nicht so Breunig.

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Nicht nur seine Passauswahl gegen das Doppeln ist schon sehr ausgereift, auch die Art der Pässe zeugt von einem gewissen Erfahrungsschatz. Ob als Unterhand-, Boden- oder Skippass – die Anspiele finden meist ihr Ziel. Allerdings hat sich Breunig hierbei angewöhnt, zum Passen in die Luft abzuheben, was normalerweise keine gute Idee ist und entsprechend oft zu lautstarken Ansagen seitens der Trainer führt.

Bisher ist ihm seine Sprunghaftigkeit zwar noch nicht allzu oft zum Verhängnis geworden, dennoch sollte sich Breunig diese Marotte schnell wieder abgewöhnen. Zumal er in der Conference wieder auf etwa gleich große Gegner treffen sollte und somit auch ohne Sprung die Weakside mit seinem Pass erreichen kann.

Die 2,1 Assists auf 40 Minuten hochgerechnet lesen sich bei einem Big Man einer relativ langsam spielenden Mannschaft schon gut, allerdings könnte die Zahl deutlich größer ausfallen, wenn Breunigs Mitspieler konsequenter finishen würden. Die vielen Hockey-Assists (also Pässe zu Vorlagen) oder Pässe, die gutes Ballmovement und somit einen guten Wurf einleiten, sind dabei noch nicht mal eingerechnet und machen ebenfalls einen gehörigen Anteil Montanas Offense aus.

Obwohl die meisten offensiven Aktionen Breunigs im Lowpost starten, ist er nicht gänzlich von Touches in Korbnähe abhängig. Hin und wieder läuft Breunig bei großen Formationen auf der Position Drei auf und zieht damit auch mal vom Perimeter zum Korb. Solange er seine rechte Hand nutzen kann und er seinen Gegenspieler auf dem falschen Fuß erwischt, ist das auch vollkommen akzeptabel. Schwierig wird es jedoch, wenn der Verteidiger ein angemessenes Niveau aufweist und Breunig zu Dribblings mit seiner schwächeren linken Hand oder sogar zu Handwechseln zwingt. Da ist Breunig dann dem Ballverlust gefährlich nah.

Pro Spiel gibt es auch immer wieder zwei oder drei Angriffe, in denen Breunig das Pick & Roll als Ballhandler läuft. Meist begnügt er sich damit, dass die gegnerische Mannschaft, überrascht von dieser Variante, switcht und Breunig die Chance erhält, einen kleineren Gegenspieler mit dem Rücken voran unter den Korb zu schieben und dort seine Größenvorteile zu nutzen.

Selbst beim Ballvortrag hilft Breunig situativ, wenn der Gegner presst und die Aufbauspieler Schwierigkeiten mit der Intensität dieser Verteidigungsformen haben.

Nur äußerst selten erhält Breunig den Ball, nachdem er einen Block gestellt hat und sich anschließend abrollt. Das hängt mit den limitierten Fähigkeiten der Guards zusammen. Ähnliches gilt für Durchstecker. Viel zu selten schlagen die Außenspieler ihre Verteidiger und versorgen Breunig per Durchstecker mit einfachen Zählern.

Eine sprudelnde Quelle sind für Breunig hingegen die Fehlwürfe seiner Mitspieler. Der Forward positioniert sich meist geschickt und geht beim Offensivrebound engagiert zu Werke. Seine Tip-Ins und zweiten Chancen bedeuten viele vermeintlich leichte Punkte.

Wirkliche Probleme hat Breunig offensiv erst dann, wenn er gegen deutlich größere Gegner abschließen muss und dabei seine Schnelligkeit nicht ausspielen kann. Oft versucht er dann, seine Gegner zu umkurven oder mit schwierigen Würfen zu überrumpeln, was jedoch selten erfolgreich ist. Selbst gegen manche Gegenspieler seiner Größe gelingen Breunig keine klaren Aktionen, wobei er hier oft Unterstützung seitens der Schiedsrichter erhält.


Allerdings wäre es vermessen zu sagen, dass Breunig zu Unrecht knapp sieben Mal pro Spiel an die Linie geht. Schließlich verdient er sich mit seiner Aggressivität viele Foulpfiffe und ist für die meisten Gegenspieler mit legalen Mitteln kaum zu halten.

An den wenigen Schnellangriffen der Grizzlies ist Breunig ebenfalls häufig beteiligt. Als Rimrunner kann Breunig ordentlich auf das Gaspedal treten und seine langsameren Gegenspieler überlaufen.

Insgesamt bietet Breunig offensiv ein sehr ansprechendes Paket, das zwar noch um einige Facetten erweitert werden kann und im Falle einer Profikarriere auch erweitert werden sollte, doch für einen College Senior schon relativ umfassend ist. Einzige wirkliche Achillesferse ist der fehlende Distanzwurf. In der laufenden Saison verwandelte Breunig bislang einen Dreier bei sechs Versuchen. Sein Wurf sieht technisch nicht sonderlich ausgereift aus, ist aber auch nicht komplett verloren. Im Moment braucht er als Centerspieler schlicht keinen verlässlichen Jumper von außen. Seine linke Hand und das Abgewöhnen der Jump Pässe sind ebenfalls Agenda Punkte in Bezug auf seine Offense.

In der Defense hat Breunig hingegen durch den Einsatz auf einer für ihn ungünstigen Position negative Auswirkungen. Aufgrund seiner körperlichen Maße ist er als Verteidiger auf der Centerposition oft überfordert. Dass er zusätzlich auch noch die Offense des Teams schultert und sich daher in der Defense nicht unnötig aufreiben kann, verbessert die Sache nicht gerade. 

Gegen offensiv talentierte Center wirkt Breunig teilweise indisponiert. Einzig seine langen Arme und sein Wille sorgen dafür, dass er Gegenspieler zu schwierigen Würfen zwingt. Ihm fehlen aber die Kraft im Rumpf und die Größe, um potente Center dauerhaft zu stoppen.

Zudem handelt sich Breunig leider viel zu oft vermeidbare Fouls ein, da er versucht, fehlende Zentimeter mit einem Übermaß an Energie zu kaschieren. In mehreren Spielen in dieser Saison musste Breunig daher sehr viel Zeit auf der Bank absitzen.

Je weiter Breunig jedoch vom Korb weg verteidigt, desto besser werden seine Resultate und desto komfortabler wirken seine Bewegungen. Als Verteidiger von Power Forwards ist Breunig viel eher in seinem Element. Dabei kann er seine Länge und seine Schnelligkeit ausspielen. Gerade bei Closeouts wird dies deutlich. Mit wenigen, kräftigen Schritten kann er große Distanzen zurücklegen und scheinbar offene Würfe doch noch entscheidend stören. Seine langen Arme sind dabei eine enorme Hilfe, da Breunig deswegen nicht so weit hinausstürmen muss. Dadurch ist er in der Lage, auch den Drive dank guter Fußarbeit und eines gewissen Abstands zu verhindern.

Auch bei der Pick & Roll Verteidigung ist Breunig sehr variabel und kann damit sehr wertvoll für sein Team sein. Die Grizzlies variieren auch immer zwischen verschiedenen Arten der Pick & Roll Bekämpfung. Bevorzugt praktizieren sie Hedge & Recover, im Notfall kann Breunig aber sogar switchen und Guards vor sich halten.

Eine weitere Stärke Breunigs ist der Defensivrebound. Er boxt seine Gegenspieler meist gewissenhaft aus und sichert sich anschließend den Fehlwurf. Dass er in dieser Saison bereits drei Double Doubles verbuchen konnte und in einigen anderen Partien nur hauchdünn daran vorbeischrammte, ist kein Zufall.

Für BBL Teams und Fans könnte Breunig daher durchaus eine Überlegung im kommenden Sommer wert sein. Als Power Forward bietet Breunig eine gute Kombination aus offensivem Talent und defensivem Ehrgeiz. Allerdings ist die Frage, wie schnell er sich in einer neuen Rolle zurecht finden würde. Denn eine solche Starrolle, wie er sie in Montana genießt, wird Breunig nicht bekommen. Kann er auch als Rollenspieler in einer Offensive funktionieren? 

Zumindest das Mismatch Potential sollte erhalten bleiben. Kritisch wäre jedoch eine Steigerung des Dreipunktewurfes und seines Ballhandlings. Beides zu verbessern, würde seine Chancen auf eine gute Profikarriere signifikant erhöhen.