01 Januar 2016

1. Januar, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Jarelle Reischel läuft in der Saison 2015/2016 bereits für sein drittes Collegeteam in vier Spieljahren auf und steht damit für einen zunehmenden Trend im College Basketball, bei dem immer mehr Talente sich für einen Transfer im Laufe ihrer Karriere entscheiden. Solche Spieler, die bis zu drei Teams in ihrer NCAA Laufbahn aufweisen können, gab es bis vor wenigen Jahren kaum, doch durch verschärftes Wetteifern beim Recruiting erschließt sich durch Transfers ein neuer lukrativer Markt, um neue Spieler zu akquirieren. 

Reischel begann bei der Rice University und sah bereits als Freshman viele Minuten und schaffte den Sprung in die Rotation. Allerdings sind die Owls seit Jahren chronisch erfolglos und da Reischel das Interesse mehrerer ambitionierter Mid-Major-Teams geweckt hatte, entschied er sich zum Wechsel. Besonders die beiden A10-Schulen VCU und Rhode Island wetteiferten um den Flügelspieler. Letztlich fiel Reischels Wahl auf Rhode Island, das gerade von Dan Hurley umgekrempelt wurde. Nach seiner Redshirt Saison lief Reischel im Nordosten der USA auch regelmäßig auf und verpasste in zwei Jahren nur zwei Spiele. Dennoch sank seine Bedeutung für das Team kontinuierlich, da die Freshmen und Sophomores sich schneller entwickelten als erhofft. 


Im Frühling entschloss sich Reischel daher zum erneuten Wechsel, um seine letzte Spielzeit nicht auf der Bank zu verbringen. Als Graduate Senior war er direkt spielberechtigt und gehörte damit zu einer begehrten Sorte Spieler, da er sofort verfügbar für die Rotation war und gleichzeitig erfahren und somit produktiv zu sein versprach.

Nun im Trikot der Colonels ist Reischel unbestrittener Anführer des Teams und gefällt durch sein fast schon lückenloses Allroundgame. Er beeinflusst das Spiel seiner Mannschaft auf mehreren Ebenen und ist einer der Hauptgründe für den gelungenen Einstieg von Coach Dan McHale.

Die Colonels spielen einen relativ schnellen und zielstrebigen Stil, der auf gutem Spacing, Pick & Roll und vielen einfachen Punkten aufbaut. Defensiv variieren sie gerne zwischen einer aggressiven Mannverteidigung und einer schwer zu knackenden Matchup-Zone.

Besonders offensiv wird Reischel das ganze Spiel über gezielt gesucht und mit Setplays in Szene gesetzt. Für die meisten Gegenspieler ist er aufgrund seines vielseitigen Skillsets nicht zu verteidigen. 



Am liebsten lauert Reischel in der linken Spielfeldhälfte auf den Ball. Besonders gefährlich wird es, wenn er mit Tempo in einen Handoff hereinläuft und den Ball mit seiner stärkeren rechten Hand auf den Boden setzt. Hat er erst mal seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, ist er kaum noch aus der Zone zu halten. Reischel ist extrem flink auf den Beinen und hat zusätzlich auch noch einen sehr explosiven ersten Schritt, der kaum zu verteidigen ist. Zwar muss er manchmal auf Schrittfehler Acht geben, aber da die Auslegung in der NCAA meist sehr lapidar gehandhabt wird, sind tatsächlich geahndete Regelübertretungen nur sehr selten an der Tagesordnung.

In der Zone überzeugt Reischel mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Abschlüssen. Mit sehr eleganten Eurosteps, Sidesteps und Jumpstops vermeidet er Offensivfouls und schließt gleichzeitig sehr konzentriert ab. Auch von Kontakt lässt er sich nicht aus der Bahn werfen, sondern nutzt die Gelegenheiten zu Dreipunktespielen. Nicht umsonst geht Reischel über acht Mal pro Spiel an die Linie und liegt bei den getroffenen Freiwürfen unter allen NCAA Spielern auf Rang vier.

Gleichzeitig blendet er seine Außenwelt nicht aus. Er behält den Kopf oben und hat stets den Kickout auf den freien Schützen oder den Durchstecker zum Big Man im Repertoire.

Im Eins-gegen Eins hat Reischel jedoch gelegentlich Schwierigkeiten seinen Gegenspieler zu schlagen, da sein Ballhandling dafür noch nicht ausgereift genug ist und er sehr hoch dribbelt. Oft lässt er sich daher entscheidend abdrängen und muss einen schwierigen Wurf nehmen oder mit Fakes arbeiten. Besonders wenn er seinem Gegenspieler körperlich oder athletisch nicht überlegen ist, hat Reischel Probleme an seinem Verteidiger vorbei zu ziehen. 

Neben Drives aus Handoffs oder im Eins-gegen-Eins läuft Reischel auch oft das Pick & Roll als Ballhandler. Er kann mit beiden Händen zum Korb ziehen, einen Verteidiger auch mal mit einem Handwechsel aussteigen lassen und beide Hände zum Pass nutzen. Gerade seine Anspiele auf den Roller sind eine große Qualität, da diese Pässe meist nur aufgrund seiner Größe möglich sind und er genau weiß, wie er diesen Vorteil zielgerichtet einsetzen muss.

Sinkt die Verteidigung ab, um den Drive und den Pass gleichzeitig verteidigen zu können, kann Reischel auch zum Jumper ansetzen. Reischel hat viel Selbstvertrauen in seinen Wurf und kann auch bei der technischen Ausführung überzeugen. Aus dem Dribbling fällt der Wurf zwar noch nicht ganz so konstant, dafür ist er aber im Catch-and-Shoot extrem sicher, was sich auch bislang in den Resultaten widerspiegelt. 

In seinen ersten drei Spieljahren traf Reischel gerade 26 Distanzwürfe in 99 Spielen (bei unter 30 Prozent Trefferquote). In seinen bisherigen 15 Spielen (das Spiel gegen West Virginia verpasste er wegen Rückenbeschwerden) traf Reischel bereits 23 Mal aus der Distanz und brauchte dafür nur 48 Versuche (47,9 Prozent). Auch wenn das nur eine Momentaufnahme nach einem Drittel der Saison ist, sollte dieser Wert näher an der Wahrheit dran sein, als sein vorheriger Karriereschnitt.



Am liebsten lässt Reischel es jedoch gar nicht erst zum Setplay kommen, sondern attackiert viel lieber in der Transition Offense. Egal ob als Ballhandler nach einem Rebound oder als Sprinter auf der Außenspur: Reischel ist im offenen Feld kaum zu halten und eine akute Gefahr für den Korb. Mit dem Ball in der Hand bestimmt Reischel das Tempo und variiert es geschickt. Sobald sich eine Lücke auftut, gibt er Gas, ohne jedoch kopflos in eine Menge hereinzustürmen. Auch seine Mitspieler sieht Reischel und ist uneigennützig genug, den Pass zu spielen.

Gegen kleinere Gegenspieler geht Reischel auch gerne mal ins Postup und nutzt seine Längenvorteile. Entweder er wirft einfach über seinen Gegenspieler hinweg oder er arbeitet sich bis zum Korb vor und netzt dort einen Jumphook mit der rechten Hand ein.

Die größte Schwäche, die Reischel offensiv im bisherigen Saisonverlauf offenbarte, ist seine Sorglosigkeit im Umgang mit dem Ball und die daher deutlich zu hohe Anzahl an  Ballverlusten. Sowohl im Halbfeld als auch im Fastbreak leistet sich Reischel noch zu viele Unachtsamkeiten. Bei hoher Geschwindigkeit ist Reischel oft noch zu schnell für den Ball und verliert ungezwungen die Kontrolle.

Im Halbfeld muss der Wing hingegen noch lernen, wie weit er in die Zone vordringen kann und ab wann es gefährlich wird. Zudem fehlt ihm oft noch ein Plan B. Dadurch forciert er schwierige Pässe, die seine Mitspieler nicht erreichen. Manchmal springt Reischel auch ab, um den eigenen Abschluss zu suchen und merkt viel zu spät, dass der Helpside Verteidiger schon in Position ist und nur darauf wartet, den Wurf zu erschweren. Da entscheidet sich Reischel oft spontan noch in der Luft um und wirft den Ball in die Richtung, wo er einen Mitspieler vermutet.

Ansonsten bietet Reischel bereits ein sehr komplettes Paket in der Offense und auch die Stärke der Gegner kann diesen Eindruck nur in geringem Ausmaß relativieren. Zwar waren seine Statistiken gegen die vermeintlich stärksten Gegner Kentucky, Western Kentucky und East Tennessee State insgesamt etwas schwächer als sein Saisonschnitt und das Team verlor alle drei Partien, doch Reischel hinterließ dennoch einen guten Eindruck und zeigte, dass er auch auf höherem Niveau mithalten kann.


Während die meisten Topscorer kleinerer Teams sehr auf ihre Offensive und berauschende Statistiken achten und sich dafür am defensiven Ende eine Pause gönnen, ist Reischel auch in der Defense sehr engagiert bei der Sache und kann sich getrost als einer der besseren Verteidiger des Teams bezeichnen. 

Reischel bringt gute Voraussetzungen zu einem überdurchschnittlich guten Wing Stopper mit. Reischel ist groß, athletisch, hat schnelle Beine und lange Arme. Theoretisch kann er somit vom Aufbauspieler bis zum Stretch Vierer alle Spielertypen am Perimeter verteidigen. 

Am Ball ist Reischel vor allem sehr gut darin, Würfe zu erschweren und Closeouts zu laufen. Seine Schnelligkeit und seine Spannweite lassen ihn in wenigen Sekunden entscheidende Meter gutmachen. So verwandelt er scheinbar offene Würfe in schwere Jumper mit geringer Erfolgswahrscheinlichkeit. Am Anfang eines Spiels ist Reischel oft auch noch frisch genug, um den Drive zu verhindern. Mit fortschreitender Spieldauer macht sich hier allerdings oft eintretende Müdigkeit bemerkbar, weshalb er dann doch das eine oder andere Mal geschlagen wird. 

Abseits des Balls ist Reischel ebenfalls ein guter Teamverteidiger. Er steht fast immer zur Hilfe bereit, wenn sie gefordert ist und ist sich auch nicht zu schade, Offensivfouls anzunehmen oder selber mal mit einem klaren Foul ein Zeichen zu setzen. Zusätzlich steht er immer Passweg bereit und lauert nur auf schlechte Passversuche, die er mit seinen langen Armen abfängt. Allerdings muss er gelegentlich aufpassen, sich nicht zu verspekulieren. Oft wird er mit Backdoorcuts geschlagen. Außerdem gibt er gerne Hilfe, wo es nicht seine Aufgabe ist, und verursacht dadurch offene Würfe für seine Gegenspieler. 

Reischel ist ein exzellenter Rebounder für seine Größe und Position. Er boxt seine Gegenspieler aus, hat ein gutes Timing beim Absprung und kann durch seine Sprungkraft auch Rebounds außerhalb seiner Reichweite fischen. Auch Loseballs hechtet Reischel hinterher und sichert seiner Mannschaft damit viele Angriffe. Neben Pascal Siakam, der bei New Mexico State absolute Narrenfreiheit genießt, ist Reischel daher auch der einzige Spieler der NCAA, der in dieser Saison bislang mindestens 250 Punkte und 100 Rebounds verbuchen konnte.

Seine Pick & Roll Defense zu bewerten fällt schwer, da die Colonels in der Regel switchen und die Spieler somit gar nicht die Anstalt machen, sich über einen Block zu kämpfen oder als Verteidiger des Blockstellers aggressiv zu hedgen. Auch viele offene Würfe, die aus solchen Situationen entstehen, sind weniger mangelnder Lust am Verteidigen geschuldet, sondern eher Resultat unzureichender Kommunikation und entstehender Missverständnisse.

Alles in allem ist Reischel ein interessanter Spieler, der großes Potential besitzt, da er auf unterschiedliche Arten eingesetzt werden kann. Besonders offensiv sollte er viele Rollen ausfüllen können. Auch defensiv wäre er durch seine Kombination aus physischen Anlagen und Willen ein Zugewinn für so manches Profiteam. Wohin die Reise tatsächlich gehen wird, ist eine Beobachtung wert.