21 Januar 2016

21. Januar, 2016


von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

John Wall was not amused. Als Ende Dezember erstmals die Zwischenstände für das diesjährige All-Star Game veröffentlicht werden, echauffiert sich der Point Guard der Washington Wizards über das Ergebnis. „Das ist ein Witz“, beschwert sich Wall. 

„Ich habe mit 16 (Punkten) und 8 (Assists) keine schlechten Zahlen aufgelegt und gut gespielt.“ Wall ist einer der wenigen Gründe, vielleicht sogar der einzige, sich die teilweise miesen Zauberer aus der Hauptstadt reinzuziehen, aber das sehen nicht alle Fans so.

Kyrie Irving, obwohl Ewigkeiten verletzt und erst zwei Games gespielt, rangiert im Voting vor Wall - und das deutlich. Dabei hat die Nummer zwei der Cleveland Cavaliers noch arge Startschwierigkeiten nach einer hartnäckigen Blessur.


In Game 1 der NBA-Finals gegen die Golden State Warriors bleibt Irving an Klay Thompson hängen und bricht sich die Kniescheibe. Dies bedeutet nicht nur eine Zwangspause für das offizielle Pepsi-Gesicht, sondern ist nach dem Ausfall von Kevin Love zu viel für die Cavs. Trotz überragender Leistungen von LeBron James verliert die Franchise aus Ohio die Meisterschaft an Stephen Curry und Co..

Wäre der verpasste Ring nicht bereits Strafe genug gewesen, zieht sich die Rekonvaleszenz von Uncle Drew wie ein alter, klebender Kaugummi, der sich bei jedem Tritt tiefer und tiefer in die feinen Rillen der Sohle deines Sneakers bohrt. Aus angepeilten dreieinhalb Monaten, und damit passender Rückkehr zum Start des Trainingscamp, werden knapp sieben. 

Die Cavaliers funktionieren zwar im ersten Saisonviertel ohne ihren zweiten Superstar, doch nicht nur Coach David Blatt vermisst seinen etatmäßigen Playmaker. „Für mich ist Kyrie neben Stephen der beste Point Guard der Liga“, erklärt James den Stellenwert seines Teamkollegen und schiebt nach: „Wir brauchen ihn!“ 

Comeback
Nach undefinierbarer Quälerei im Gym und mit der Physio-Abteilung der Cavaliers näherte sich Kyrie mehr und mehr dem Comeback: „Ich brauche einfach die komplette Zuversicht, um rauszugehen und meinem Knie hundertprozentig zu vertrauen.“ Gegen Philly war es dann soweit. Am 20. Dezember 2015 schnupperte er erstmals seit Anfang Juni wieder NBA-Luft. 

In seinen ersten drei Begegnungen, darunter die Neuauflage der Finals gegen die Dubs am Weihnachtstag, waren seine Zahlen nicht All-Star-würdig. 10.0 Punkte, 3.3 Assists oder 27.5 Prozent aus dem Feld sind keine Werte, die Sympathisanten und Experten vom vielleicht besten Ballhandler der Association gewohnt sind. „Ich war sehr angespannt gegen Philly und New York“, verriet Irving, „und dann gegen Golden State war es direkt das erste Game auf hohem Niveau, wo die Atmosphäre den Playoffs glich.“


Niemand nahm ihm seine Zahlen übel. Niemand. Der dynamische wie explosive Guard der Cavs erhält alle Zeit der Welt, um wieder auf sein elitäres Niveau zu kommen. Er selbst sagt dazu: „Ich habe das alles schon so lange gemacht und so viel Arbeit rein gesteckt, daher gehe ich einfach raus und spiele. Ich traf (gegen Golden State) acht Würfe nicht, aber es war in Ordnung für mich.“ 

No Jumper
Auch knapp einen Monat nach seinem Season-Debüt wirkt Irving in manchen Situationen noch verängstigt. Oft fehlt die letzte Galligkeit beziehungsweise die entscheidende Extravaganz im Zug zum Korb, die ihn sonst so stark gemacht hat. Daneben stocken auch noch sein Jumper und der Dreier.


Der Vergleich der Shotcharts (links 2015/16; rechts 2014/15) illustriert den genannten Umstand. Mit einer Dreierquote von 26.8 Prozent (letzte Saison 41.5 Prozent) trifft er so schwach wie noch nie in seiner Karriere von Downtown. Gerade im Zusammenspiel mit LeBron ist dieser Wert für den weiteren Saisonverlauf - sagen wir es so, wie es ist - nicht zu dulden.

LBJ öffnet durch seinen bärenstarken Drive Räume für die Schützen, und da ist Cleveland auf die Shooter-Fähigkeiten von Irving angewiesen, denn im letzten Jahr führte er den Ersten der Eastern Conference im Dreipunktewurf an.

Ähnlich verhält es sich mit dem Layup nach seiner eigentlich unwiderstehlichen Penetration. Versuchte er es 2014/15 ganze 167-mal und netzte dabei mit 67.7 Prozent meisterlich ein, sind es gegenwärtig bei 22 Versuchen „nur“ 54.5 Prozent. 

Kopfsache
Dementsprechend legt der Nummer eins Pick von 2011, der 2016 endgültig in die Riege der Besten aufsteigen möchte, auch diverse Career-Lows auf - ob 17.0 points per game oder 6.3 field goals per game. Anlass zur Sorge sollen diese Zahlen nicht machen, denn er hat zu dem Zeitpunkt des Artikels gerade mal zwölf Spiele bestritten.

Aber dennoch zeigen zwei, drei Stats, dass er mental noch nicht auf der Höhe ist. Nur 2.8 Rebounds pro Abend? Geschenkt! Denn für einige Hustle-Bretter braucht es eben jene hundertprozentige Sicherheit im Kopf und die ist nach einer so kurzen Zeit gewiss nicht vorhanden. 

Kritischer sind dagegen die 3.8 Assists, die er pro Abend auflegt. Das sind knapp zwei weniger als in seinem Karriereschnitt (5.6). Zwar hat er hinter James (32.4) die zweithöchste Usage-Rate (31.1), doch probiert er es heuer mehr über Isolation. Bestätigt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass lediglich 25 Prozent seiner Treffer vorbereitet werden. Vor seiner Verletzung lag der Wert bei 32.5 Prozent.

„Embrace your past, live for now"
Kyrie Irving gehört zu den ehrgeizigsten Spielern auf diesem Planeten. Er will unbedingt zurück auf sein Topniveau, was nach einer langwierigen Verletzung mit herben Rückschlägen nur allzu verständlich ist.

Mittlerweile „erhält er wieder die Minuten eines Starters“ und wird „in Back-to-Backs nicht mehr geschont", wie ihm David Blatt bescheinigt. Der Trainer hat seinem Einser rund vier Wochen Zeit gegeben, um sich wieder an das Level und Tempo der NBA zu gewöhnen - und nicht alles ist bis dato von einem grauen Schleier umhüllt.


Im direkten Duell mit seinem Buddy Wall verzeichnen die Statiker 32 Zähler, und wenig später versenkt der ehemalige Duke Blue Devil den entscheidenden Gamewinner in der Overtime gegen Dallas. Aber die Fans und Experten sind mehr gewöhnt.

Sie wollen von Kyrie Irving am besten allabendlich eine Highlight-Show serviert bekommen. Sie ergötzen sich an seinem einzigartigen Talent - und das zurecht. Die Cleveland Cavaliers brauchen ihn, um dem Bundesstaat Ohio nach über 50 Jahren die erste Meisterschaft in den Major-Sportarten zu bescheren. 

Trotz der monatelangen Pause fahren etliche Anhänger auf dem Bandwaggon von Uncle Drew, wodurch der Starterplatz im All-Star Game ihm fast schon sicher ist. Sie vertrauen dem Gesicht von Pepsi, und ein Slogan des Erfrischungsgetränkeherstellers zeigt den Weg für Irving in der Zeit bis zu den Playoffs auf: „ Embrace your past, but live for now.“ Wenn Kyrie sein Ding durchzieht, kann ihn niemand aufhalten. Vor allem nicht John Wall.