06 Januar 2016

6. Januar, 2016


In einer Liga, in der Small-Ball immer populärer wird, gibt es dessen ungeachtet eine Menge interessanter junger Big Men, die Aufmerksamkeit verdienen. Wir stellen die besten großen Youngster vor und geben Einblick in eine neue Center-Generation in der NBA. 

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Zwischen den Namen Dwight Howard, Andrew Bynum, Arron Afflalo und Andre Iguodala war der Name Nikola Vučević nur eine kleine Randnotiz in einem der größten Trades aller Zeiten. Doch der Center sollte sich zu einem wichtigen Puzzlestück für die Orlando Magic entwickeln, die mit der Abgabe des unzufriedenen Dwight Howard den Rebuild einläuteten. Der Montenegriner spielt bereits seine vierte Saison bei den rundverbesserten Magic und darf sich berechtige Hoffnungen für eine All-Star Nominierung machen.

Basketballausbildung in den USA
Vučevićs Vater Borislav spielte jahrelang professionell Basketball in Europa und für die jugoslawische Nationalmannschaft, auch die Mutter schaffte den Sprung zur Nationalspielerin. Vučević musste in seinen frühen Jahren mehrfach umziehen, da sein Vater in verschiedenen europäischen Mannschaften spielte. Die meiste Zeit verbrachte 'Vooch' in Belgien, bevor er als Teenager in die Heimat der Eltern nach Montenegro ging und dort zum besten Jugendspieler 2007 gewählt wurde. 

Doch er schloss sich keinem europäischen Top-Club an, sondern wechselte an die Stoneridge Prep High-School in Kalifornien, die von einem Freund des Vaters trainiert wurde. Obwohl er kaum Englisch sprach, wurde er Teamkapitän und führte mit 18 Punkten und 12 Rebounds pro Spiel sein Team in beiden Kategorien an. 

Nach der High School blieb er in Los Angeles und entschied sich für die University of Southern California. Seine erste Saison am College war ein klassisches Lehrjahr für den erst 18-Jährigen, der sich immer noch in den USA akklimatisieren musste und wegen Problemen mit der Freigabe durch die NCAA nie in Tritt kam. In seiner zweiten Saison startete Vučević durch. Er verdreifachte seine Spielzeit und legte mit 10,7 Punkten und 9,4 Rebounds knapp ein Double Double aufs Parkett. Die insgesamt 283 Rebounds führten die Pac-10 an, mit seinen 39 Blocks schickte er die viertmeisten Würfe zurück.

In seinem dritten Jahr am College verbesserte er seine Zahlen nochmals und zeigte erste Ansätze eines treffsicheren Sprungwurfs bis hinter die College-Dreierlinie. 34,9% traf der mittlerweile 20-Jährige bei 83 Versuchen. Nach 17,1 Punkten und 10,3 Rebounds pro Spiel verzichtete Vučević auf seine Senior-Saison und meldete sich für den Draft 2011 an. 

Rookie Jahr mit den 76ers
Im Draft zogen ihn die Philadelphia 76ers an 16. Stelle. Aufgrund des Lockouts unterschrieb Vučević erstmal in seinem Heimatland bei Budućnost Podgorica, um die Zeit ohne NBA-Basketball zu überbrücken und weitere Erfahrungen im professionellen Bereich zu sammeln. Mit Ende des Lockouts beendete er seinen Vertrag in Europa und wechselte umgehend zu den 76ers.

Hinter Elton Brand und Spencer Hawes stand der Montenegriner 15,9 Minuten pro Spiel auf dem Feld, spielte eine Saison ohne viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Sommer 2012 setzten die Sixers dann voll auf die Karte Andrew Bynum und schickten neben Andre Iguodala auch Vučević für den Laker aus der Stadt. Iguodala ging nach Denver, Vučević zu den Orlando Magic, die mit Dwight Howard ihren Franchisespieler abgaben. 

Double-Double Maschine 
Bei den Magic war Vučević sofort der unumstrittene Starter auf der Center Position. Er durfte nun im Schnitt über 30 Minuten aufs Feld und zahlte dies mit Leistung zurück. Vučević wurde zur Double Double-Maschine, zweistellige Zahlen in Rebounds und Punkten zur Normalität.

In jeder Statistik verbesserte er sich. Sein bisheriges persönliches Karriere-Highlight setzte er am 10. April 2013 gegen die Miami Heat, als er in einer Niederlage nach Verlängerung 20 Punkte erzielte und sensationelle 29 Rebounds griff.


Vučević legte, trotz ausbleibenden Teamerfolgs, fleißig Double-Doubles auf und konnte die in ihn gesteckten Hoffnungen erfüllen. Das fiel auch den Entscheidungsträgern in Florida auf, die in ihm plötzlichen ihren langfristigen Starter auf der Centerposition sehen.

Einen Monat vor Beginn der Saison 2014/15 verlängerte die Franchise den Vertrag vorzeitig um weitere vier Jahre und 53 Millionen Dollar. Die Magic investieren bis 2019 eine Menge in ihren jungen Center. Was macht sie optimistisch, dass Vučević die Lösung auf in der Mitte ist? 

Veritabler Offensivspieler
Von den beiden Enden eines Basketballfeldes ist das offensive Ende die klare Sahneseite des 25- Jährigen. 42,8 % seiner Wurfversuche kommen in unmittelbarer Ringnähe, die er mit 66,4 % sicher abschließt. 

Von der rechten und linken Baseline fällt der Wurf sicher. In den letzten Jahren hat sich vor allem sein Sprungwurf weiter verbessert und so hat sich der Big Man ein veritables Midrange Game erarbeitet. Er traut sich mittlerweile auch immer wieder von außerhalb der Zone abzudrücken. Hinter die Dreierlinie traut er sich auch in dieser Saison noch nicht. Hier könnte dank seiner guten Wurfbewegung noch Potenzial bestehen. Der Schritt zum sicheren Dreierschütze könnte den Magic einen Riesenschub geben, vor allem da die aktuellen Mitspieler nicht die allerbesten Schützen sind. 

Auch durch indirekte Blöcke profitiert er und kann per Catch & Shoot aus der Midrange abschließen. Im Pick & Roll mit den Guards der Magic tut sich der Center noch schwer. Da weder Payton noch Oladipo einen sicheren Distanzwurf in ihrem Repertoire haben, macht es das Pick & Roll für den Center schwer, da die gegnerischen Center nicht viel aushelfen müssen und den Passweg zu Vučević zustellen können. 

Kommt das Pick & Roll mal ins Laufen, kann er dank seiner guten Hände den Ball ordentlich verarbeiten. Oft benutzt er auch ein oder zwei schnelle Dribblings um sich unter dem Korb einen guten Platz zu erarbeiten. Als Empfänger für Lob-Pässe ist Vučević aber nicht geeignet. Anders als die athletischen Big Men findet sein Spiel nahe der Erdoberfläche statt. 


Im Post hat er den ein oder anderen effektiven Move in seinem Arsenal. Vor allem der Hakenwurf, den er über beide Schultern werfen kann, setzt er gerne ein und trifft diesen mit 57,3 %. Es wird spannend zu beobachten sein, ob er seine Post Moves noch häufiger einsetzen wird, um an die Freiwurflinie zu kommen. Magere 1,4 Mal pro Spiel steht er an der Linie. Zu wenig für den Montenegriner, vor allem da er die Freiwürfe mit 72,7% für einen Big sehr gut trifft. 

Seine Passfähigkeiten haben sich über die Jahre immer besser entwickelt. Immer häufiger erkennt er den freien Mann aus dem Post heraus oder kann erahnen, wohin seine Mitspieler rotieren. Seine 2,7 Assists pro Spiel in der aktuellen Saison sind Karrierebestwert. 

Zweifel an der Defense
Vučević ist also ein überdurchschnittlich guter Offensivspieler, aber eine echte Belastung am defensiven Ende des Feldes. Trotz seines massigen Körpers von 130 Kilogramm kann er im Post oft nicht dagegenhalten. Er muss sich auf seine Länge von 2,13 Metern verlassen, um den Wurf einigermaßen zu verteidigen. 

Trotz seiner Länge ist er kein guter Ringbeschützer. Seine direkten Gegenspieler treffen 53,1% ihrer Würfe direkt am Ring - ein miserabler Wert für den Center. 

Seine größte Stärke in der Defensive ist das Abgreifen von Rebounds, auch wenn er in dieser Saison statistisch einen Schritt zurück gemacht hat. Auf 36 Minuten hochgerechnet sind seine 10 Rebounds pro Spiel sein schlechtester Wert der Karriere. 

Auch wenn die Zahlen einen rückläufigen Trend aufzeigen, reboundet Vučević nach wie vor auf hohem Niveau. Durch sein konsequentes Ausboxen kann er sich eine gute Position unter dem Korb erarbeiten und er hat das Talent zu erahnen, wo der Rebound hinfallen wird. 

Die fehlende Athletik behindert ihn in der Offensive nicht so stark wie in in der Defensive. Neben der fehlenden Fähigkeit den Ring zu beschützen, ist er relativ fußlahm und ist daher im Pick & Roll sehr verwundbar. 




Der Center war noch nie ein guter Verteidiger. Das fiel aber in den miesen Verteidigungsleistungen der Magic-Teams nicht groß auf. Doch seitdem in dieser Saison Scott Skiles – der sehr auf die Defensive achtet - das Traineramt in Orlando begleitet, fällt der Unterschied sehr imposant auf. 

Wohin geht die Reise?
Vučevićs Leistungen im Dezember waren beeindruckend und machen ihn zum Gesprächsthema um eine All Star-Nominierung. In 14 Spielen erzielte er 19,4 Punkte, 9,0 Rebounds und 3,5 Assists pro Spiel. Der letzte Spieler, der diese Zahlen in einer Uniform der Magic auflegte, war ein gewisser Shaquille O’Neal. 


Mit 19 Siegen und 15 Niederlagen sind die Orlando Magic in diesem im Vergleich zum Vorjahr eines der am meisten verbesserten Teams. Das lässt die Chancen für eine All Star-Nominierung ihres Centers steigen. Auf die Fans kann sich der Montenegriner aber sicherlich nicht verlassen, nur knapp über 60.000 Stimmen hat er bisher erhalten, andere sind beliebter. 

Doch auch wenn Vučević den Sprung in das All Star-Game schaffen sollte, ist es kein Zeichen dafür, dass die Magic mit Vučević auf der Centerposition die oberen Plätze im Osten angreifen können. 

Dennoch: Die Magic haben einen Baustein für die Zukunft bis mindestens 2019 unter Vertrag. Vučević bringt offensiv ein komplettes Paket, das nur wenige Big Men in der Liga aufweisen können. Er ist ein überdurchschnittlich guter Offensivspieler, dessen Defensive aber ein absoluter Risikofaktor ist. Die goldene Frage der Magic wird es sein, wie weit ein schlechter Verteidiger auf der Fünf die Franchise tragen kann.